25.09.1972

THEATERGusto der Gäste

Bochums neuer Intendant, Peter Zadek, hat seine Ära eröffnet -- mit einer Revue über die Tage vor Hitler.
Wie weit", examiniert der Fragebogen, "würden Sie laufen, um das Stück zu sehen: zehn, zwei oder 0,2 Kilometer?"
So flott forscht Bochums neue Theater-Intendanz nach dem Gusto ihrer Gäste; und wie weit Bochums Bürger mitgehen werden, das ist tatsächlich die Frage.
Denn nach zwei Jahrzehnten Theater unterm Nobel-Prinzipal Hans Schalla, 68, nach Pathos und unbefleckten Klassikern, lenkt jetzt ein bekannter Bürgerschreck das verrußte Backstein-Haus: der deutsch-englische Regie-Exzentriker und Stil-Rastelli Peter Zadek, 46.
Er hat den Generations- und Geschmacks-Wechsel kräftig signalisiert -- mit Massenkündigung des alten Personals, mit feschem Werbe-Täträtä natürlich, aber auch mit Neuerungen, die einem Stadttheater alter, müder Art auf die Beine helfen könnten.
Massen-Basis deutscher Kommunal-Bühnen sind die Abonnenten-Stämme. Sie besetzen, zu verbilligten Preisen, meist mehr als die Hälfte des Parketts, sie buchen fest und blind ihre acht oder zehn Aufführungen, und sie garantieren so, daß auch Fehlschläge lang im Spielplan bleiben.
Zadek hat diese Fest-Miete abgeschafft und eine Wahl-Miete eingeführt. Ein Scheckheft mit zehn Gutscheinen gibt nun dem Mieter Gelegenheit, für jede beliebige Vorstellung Billig-Billetts zu erwerben und Pleiten zu meiden.
Vorteil für das Theater: Es kann flexibler disponieren. Risiko für das Theater: Es gerät, wie Kommerz-Unternehmen, stärker in den Zwang des Publikums-Geschmacks.
In den letzten Jahren der Schalla-Ära war der Abonnenten-Stamm von rund 10 000 auf 5000 gesunken: Zadek hat mittlerweile wieder über 7000 Mieter. Sie wurden freilich auch mit außertheatralischen Attraktionen gelockt.
Denn der Zadek-Mieter kann verbilligt parken, verbilligt in Bochumer Kinos gehn, er bekommt Taxis und Babysitter vermittelt, und auch beim Kicken ist er privilegiert: Punktspiele des VfL Bochum sieht er zum halben Stehplatz-Preis.
Die Aktion Gemeinsinn wird zudem lokalpatriotisch überhöht: Das Bochum-Kürzel "Bo" steht allerorten als Theater-Signum, und Zadeks Dramaturgen-Truppe (Durchschnitts-Alter: Anfang 30) hört es nicht ungern, wenn man sie Jubos heißt.
Letzten Freitag gab es erstmals Gelegenheit, die Lauf-Freude der Bochumer zu messen: Mit der Revue "Kleiner Mann, was nun?", von Tankred Dorst nach Hans Falladas altem (1932) Erfolgsroman, eröffnete Zadek in eigener Regie seine Bochum-Ära.
Heimliche Maß-Nahmen waren schon die Abende vorher. Zadek hatte, auch eine Novität, Bochumer Arbeiter kostenlos zu Proben geladen; Krupp-Stahlwerker und Opel-Bauer, Gattin gern in Brokat, Sollten Neues sehen und Test-Publikum sein.
Merkwürdige Spaltung: Die Opel-Männer lobten die Show-Einlagen, die Kruppianer ließen sich eher von der "Kleine Mann"-Geschichte rühren. Sie handelt vom unaufhaltsamen Abstieg des Arbeitslosen Pinneberg und seinem tapferen Proletariermädel Lämmchen.
Falladas Vor-Hitler-Roman, ambivalent geschrieben, endet offen; in einer Nazi-Verfilmung neigt Pinneberg zu den Nazis, in einem DDR-Film zu den Kommunisten. Zadek und Dorst, in langjähriger Kooperation ("Rotmord") verbunden, sehen in Pinneberg Lehrreiches für die Gegenwart.
Aber auch "Nostalgie" spiele eine "unheimliche Rolle" (Zadek). Ähnlich dem just anlaufenden Film-Musical "Cabaret" bringt Zadek zum Vor-Nazi-Alltag den Glamour-Kontrast, das Berlin der Revuen, den Tanz auf dem Vulkan -- selbstverständlich opulent:
Georg Wakhevitch, ein Karajan-Bühnenbildner, verbaute den Wert eines Fertighäuschens; der Film-Choreograph ("Moulin Rouge") Tutte Lemkow fand seine Girl-Truppe, wo sonst, in Schweden; und die Musik schrieb der einstige Marlene-Dietrich-Begleiter Erwin Bootz.
Da werden dann Beine geschmissen und Couplets geschmettert, eine Nackte demonstriert Glaube und Schönheit im Riefenstahl-Stil, und durch dieses hektische Charivari gehen die kleinen Pinnebergs, mit Hannelore Hoger und Heinrich Giskes vorzüglich besetzt, ihren Weg ins Dustre.
Zadek denunziert sie nicht, und die Vor-Nazi-Zeit wirkt bei ihm noch idyllischer als im Roman. Zadek, einst vor Hitler emigriert, will nicht den Zeigefinger heben; und Dorst, einst Hitler-Soldat, hält nichts von der "Hochmutshaltung der Spätergeborenen".
Wem Zadeks Theater nicht ausreicht, kann ins Kino gehen -- bei Zadek. Im kleinen Haus ("Bo-Kino") des Schauspielhauses zeigt er auch Filme. Anzüglicher Auftakt: Lubitschs "Sein oder Nichtsein".

DER SPIEGEL 40/1972
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