31.07.1972

ANARCHISTENIm Loch

Im Randfeld der fast komplett inhaftierten Baader/Meinhof-Gruppe machte die Kripo zahlreiche Anarchistenzirkel aus, in denen Pläne nach BM-Muster gediehen sind -- Bomben und Bankraub eingeschlossen.
Für Horst Herold, 49, Präsident des Bundeskriminalamts und Sozialdemokrat, sind es "Planeten um Baader-Meinhof. die wie Eisenspäne im Kraftfeld eines Magneten verharren". jugendliche Romantiker "mit Schinderhannes-Träumen" wie die Hamburger Bombenleger, mitunter ältere "unter Reetdächern, die über den verbalen Anarchismus philosophieren und anschließend Tennis spielen". dann wieder Motivtäter "in einem schwer einzuordnenden Aufstand der Langeweile". Allesamt sind sie "Helfershelfer der Reaktion".
Wenn Genosse Herold nach der Zerschlagung der Baader-Meinhof-Gruppe über dem neuen linken Feindbild der westdeutschen Kripo brütet, entdeckt er eine "Reihe von Biedermännern in revolutionärer Ungeduld". ein bißchen "Wandervogel", etwas "Kleinbourgeoisie" -- konkret: ein halbes Dutzend neuer anarchistischer Gruppen, die es in ständig wechselnder Besetzung "nach langer Friedenszeit und in einem Reformstau der Gesellschaft" den Baaders und Ensslins nachtun möchten.
Rund hundert Anarchisten haben Herolds Ermittler in den Großstädten Berlin, Hamburg, Frankfurt und München ausgemacht: Leute "um Fritz Teufel in München", eine Bewegung "2. Juni (Todestag von Benno Ohnesorg) in Berlin, Hamburger Lehrlinge und "Angehörige der Organisation "Rote' und "Schwarze' Hilfe". Doch nur anarchistische Aktivitäten in Hamburg und Berlin sind "derzeit strafrechtlich faßbar" (Herold) -- anderswo, so scheint es, fehlt es der Kripo noch an Übersicht.
So konzentrieren sich die Ermittlungen auf jene kriminelle Vereinigung "2. Juni", die seit Anfang des Jahres im Windschatten von BM in West-Berlin operierte und Anfang Mai auch Expeditionen in der Bundesrepublik plante.
Angeregt von den Schriften der Rote Armee Fraktion, doch -- nach Aussagen verhafteter Mitglieder -- "in bewußter Distanzierung zur RAF". hat die Gruppe nach den Erkenntnissen der Ermittler seit Februar Autos geknackt. Banken überfallen und Bomben gelegt (ein Toter).
Zum Führungskader der Bewegung. die "aus fünf bis sechs Gruppen mit je fünf bis sieben Mitgliedern bestand" (so der Koblenzer Oberstaatsanwalt Heribert Braun), zählen die Fahnder den flüchtigen Mechaniker Heinz Brockmann (dessen Fahndungsbild auch auf BM-Steckbriefen zu sehen ist) und den Sprengstoffexperten Michael Baumann, der 1970 mit den inzwischen erschossenen Genossen Thomas Weisbecker und Georg von Rauch einen "Quick"-Reporter überfallen und später Bomben gebastelt hatte.
Die Struktur der "2. Juni"-Bewegung wird "in deutlichen Umrissen nach und nach sichtbar" (Braun), seit ein Anfang Mai in Bad Neuenahr eher zufällig verhaftetes Anarchisten-Quartett bei Vernehmungen der Koblenzer Staatsanwaltschaft detaillierte Aussagen macht.
So gaben die Studenten Harald Sommerfeld, 19, Ulrich Schmücker, 20, und Wolfgang Knupe, 23 -- die mit der Kindergärtnerin Inge Viett im Fond und einer Bombe im Kofferraum schlafend aus einem parkenden Fiat 124 geholt worden waren -, in der Haft zu, auf dem Weg nach Bonn gewesen zu sein, um "aus Protest gegen die Hinrichtung türkischer Studenten" einen Anschlag auf die Türken-Botschaft zu unternehmen.
Die erste Anarcho-Aktion der Gruppe, die speziell Inge Viett, Harald Sommerfeld und dem Genossen Willi Raether angelastet wird, war am 2. Februar ein Bombenanschlag auf den britischen Yachtklub in West-Berlin gewesen -- "als Antwort auf die Nacht von Londonderry". Dabei war der Bootsbauer Erwin Beelitz, 66, ums Leben gekommen. Nach Anschlägen auf das Landeskriminalamt in Schöneberg, auf den US-Offizierklub im Dahlemer Harnack-Haus sowie mißglückten Überfällen auf die Poststelle in Gatow und eine Bank in Hermsdorf raubten "2. Juni"-Anarchisten 29400 Mark aus der Berliner Disconto Bank in Britz. Zu den Tätern zählt die Staatsanwaltschaft Inge Viett, die Viett-Freundin Verena Becker und Harald Sommerfeld -- der auf dem Banktresen seine Sonnenbrille vergaß.
Sommerfelds Kader diskutierten "Entführungen von Leuten aus Presse. Wirtschaft und Politik" (Vernehmungsprotokoll) für den Fall, daß Gruppenmitglieder in Haft kommen würden, und sie waren sich einig, "daß man Geiseln töten muß" wenn das Ultimatum abgelaufen ist".
"Wir wollten", so einer der in Neuenahr verhafteten Anarchisten, "die legale Arbeit mit der illegalen politischen Arbeit verbinden und einen möglichst großen Kreis von Leuten in Berliner Arbeiter-Vierteln ansprechen." Mit Kinderfesten in Kreuzberg und Diskussionen am "Revolutionsstammtisch" sollten "vor allem Lehrlinge" für den Kampf gewonnen werden -- "im Gegensatz zu Baader-Meinhof, deren Sachen ja nur die Intellektuellen verstehen".
Gegen die Berliner Gruppe, die auf insgesamt 30 Mitglieder geschätzt wird, liegen "harte Beweise vor, die schon fast zur Anklage reichen" (Braun). Inzwischen durchstöberte die Polizei in Berlin 13 Wohnungen und nahm die Telephonistin Verena Becker in Kreuzberg, im Wedding den Diplom-Psychologen Siegfried Mahn fest -- nachdem U-Häftling Sommerfeld in Koblenz 25 Berliner Adressen genannt hatte. Die Gruppen-Prominenz freilich -- Baumann. Brockmann, Raether und Peter Knoll -- blieb bislang verschwunden.
Während Brockmann von der Polizei in das Randfeld der Baader-Meinhof-Gruppe plaziert wird, "Bommi" Baumann als Wohngenosse der Anarchisten Ralf ("Bär") Reinders und Bernhard Biraun gilt, tun sich die Fahnder bei der Einordnung junger Bombenleger in den Hamburger Kaufhäusern Horten, Kaufhof, Karstadt. Neckermann und Hertie schwer.
Nur der Billstedter Kinderpflege-Lehrling Wolfgang ("Anni") Jandt, 19. Anführer einer sechsköpfigen Brandstifter-Gruppe, blieb in U-Haft; nach Bernd Stegemann, 17, und Manfred Schneider, 18. wird noch gefahndet. Die "unreifen Aktionisten, die in Rohin-Hood-Manier ihr unausgegorenes Weltbild in die Tat umsetzen wollten" (Innensenator Heinz Ruhnau). nennen sich zwar stolz "Anarchisten". doch der Hamburger Polizeisprecher Eberhard Hohler hat "das Gefühl. die können das Wort kaum schreiben".
Auch BKA-Präsident Herold war erstaunt. "wie sehr primitiv das in Hamburg gemacht war". Daß "andere Abenteurer", etwa mit noch versteckten BM-Waffen oder Sprengstoff-Beständen, größeres Unheil anrichten könnten, hält der Chef-Fahnder für unwahrscheinlich: "Da ist nichts mehr."
Herold weiß zwar: Baader-Meinhof-Pläne, zum Beispiel Entführungen, "sind in der Fortführung", noch gesuchte BM-Mitglieder "sitzen wahrscheinlich im Loch und warten ab". Doch: "Wenn neue Gruppen was Richtiges machen wollten, müßten sie eine ganz neue Logistik organisieren."

DER SPIEGEL 32/1972
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