31.07.1972

JUGOSLAWIENLeere Flaschen

Einen Monat lang kämpften antikommunistische Partisanen in den bosnischen Bergen gegen 30000 Soldaten.
Sie sammelten sich zwischen dem 17, und 21. Juni bei Schwanberg (Bezirk Deutschlandsberg) in Österreich. Dann gingen sie im strömenden Regen zwischen St. Oswald und Soboth über die Grenze nach Jugoslawien. Sie wollten Tito stürzen.
An Lagerstellen in der Nähe von St. Lorenzen ließen sie -- so ermittelte die österreichische Gendarmerie -- Zigarettenkippen und einen Schalldämpfer zurück. Bei Maribor kaperten die Kämpfer gegen den Kommunismus einen Lastwagen. der leeres Flaschengut des Mineralwassers "Rademska voda" geladen hatte, und fuhren -- mit dem Chauffeur -- an die Adria-Küste und dann nach Bugojno in Bosnien.
Dort jagten sie -- die meisten Twens -den Fahrer in den Wald, fesselten ihn und verboten ihm, vor Ablauf einer Stunde auch nur einen Mucks von sich zu geben. Er erzählte alles der Polizei -- aber erst nach seiner Rückkehr nach Maribor.
Inzwischen kurvten die Invasoren über die Dörfer und richteten Aufrufe an das Volk, sich zu erheben. Das Volk erhob sich nicht.
Darauf griffen die Desperados eine Polizeistation bei Bugojno an, ein Lager der Territorial-Streitkräfte und einen Militärposten. Dann zogen sie sich (in grünen Uniformblusen, Militärstiefeln und schwarzen Südwestern mit Sturmriemen) in die bosnischen Berge zurück -- wo Partisan Tito einst gegen die Deutschen gekämpft hatte. Tagelang warteten alarmierte Territorial-Verteidiger vergeblich auf ihre Wiederkehr.
Dafür kam es in der Nähe von Duvno, bei Prosor (vier Tote unter Titos Verteidigern) und auch vor Mostar zu Schießereien; zwei Brücken wurden gesprengt. "Einige unserer Leute sind ums Leben gekommen, hauptsächlich bei zwei Zusammenstößen", gestand der Spitzenfunktionär Jure Bilk, Nachfolger des im vorigen Dezember von Tito gestürzten Kroaten Tripalo im Exekutivbüro der Partei. Es waren 12, die für Tito starben, darunter der Feldpost-Hauptmann Popovic, 38, und sein Bote Blecic, 19.
Zum erstenmal seit den fünfziger Jahren mußte Tito nun gegen Partisanen im eigenen Land antreten lassen: Der Armeekreis Split schickte eiligst an Reservisten -- darunter Gastarbeiter auf Urlaub aus Westdeutschland -- Gestellungsbefehle zu "örtlichen Manövern". Insgesamt 30 000 Soldaten, Polizisten und Landsturmleute wurden in Marsch gesetzt; ein Dutzend Hubschrauber suchte die Wälder ab.
Die Straße von Livno nach Sinj und Split wurde gesperrt, die Ortschaften Bugojno, Livno, Prosor, Donji Vakuf und Kupre~ wurden zerniert. Kontrollpunkte eingerichtet, die Brücken im Gebiet Imotski-Split-Livno bewacht. Passierscheine für Einwohner in diesem Raum eingeführt und an allen jugoslawischen Grenzen die Kontrollen verschärft. Im Hinterland von Split herrschte praktisch Belagerungszustand.
Dennoch hielten sich die Eindringlinge fast vier Wochen. Sie hatten für ihren Feldzug nach Art des Schweinebucht-Unternehmens 1961 in Kuba modernste Schnellfeuergewehre mitgebracht, dazu Pistolen und Dolche. Angeblich verfügten sie sogar über Kurzwellen-Kontakt ins Ausland.
Nach dem Muster der Tito-Partisanen, die im Sommer 1941 den Kampf in Kroatien mit der Sprengung eines Zagreber Fernsprechamts eröffnet hatten, gelang es den Anti-Titoisten womöglich. Fernsprechleitungen zu zerstören: Vorn 11. bis zum 13. Juli fiel fast der gesamte Telephon-Verkehr zwischen Belgrad und der bosnischen Hauptstadt Sarajewo sowie der dalmatinischen Küste von Zadar bis Dubrovnik aus. Ante Zmijarevic, Vize-Generaldirektor der jugoslawischen Post, erklärte das mit Beschädigungen beim Straßenbau.
Am 2. Juli hatte das Belgrader Innenministerium gemeldet: "Die Terroristengruppe wurde auseinandergebrochen und ihr größter Teil vernichtet" Dann schwiegen Zentrale und Meinungsmedien ganz Jugoslawiens über drei Wochen lang -- bis vorigen Montag, als das Ministerium noch einmal die Vernichtung der Angreifer bekanntgab.
Zugleich nannte Belgrad nun -- zwei Wochen nach dem SPIEGEL (29/1972) -- ihre Zahl: 19 Mann. Zwei seien noch immer nicht gefaßt (davon fiel einer am nächsten Tag in Kroatien), 17 "liquidiert" -- darunter Adolf ("Lemic") und Ambrosije ("Domagaj") Andric, bekannte kroatische Emigranten, die 1969 aus Australien nach Nizza gezogen waren.
Aus Australien -- über Italien -- war schon 1947 ein Sabotage-Trupp nach Jugoslawien gekommen, der damals rasch verhaftet wurde. Ihm folgten bis zum Bruch Stalins mit Tito im Juni 1948 17 Gruppen mit insgesamt 96 Mitgliedern aus anderen Richtungen, so aus Österreich und Westdeutschland. Einheimische Tito-Feinde fochten noch bis 1954 in Jugoslawien.
In Australien wurde 1961 die "Kroatische Revolutionäre Bruderschaft" gegründet; die beiden Andrics gehörten dazu, Sie trafen sich in Sydney, Queenstreet 21. Erst Anfang Juli dieses Jahres hob die australische Polizei in Melbourne ein Waffenlager der Bruderschaft aus und fand 25 Kilo Sprengstoff.
In der Bundesrepublik trägt die Bruderschaft mit dem jugoslawischen Sicherheitsdienst einen Untergrundkrieg aus; sie ist seit 1968 verboten. Anfang Juli kursierte ein Flugblatt "Fackel der kroatischen Revolution", das sich auf kroatisch und deutsch zu den Kämpfern in Bosnien bekannte: "Die Hand der Gerechtigkeit mäht die Diener des antikroatischen Regimes."
Seit Tito im vorigen Dezember sogar gegen kroatische Genossen wegen "Nationalismus" vorging, hoffen die Terror-Brüder auf einen Bürgerkrieg. Einen Überfall auf ein Belgrader Militärkommando und mehrere Rüstungsbetriebe sowie Attentate auf Offiziere und Armee-Patrouillen lastete die Zeitung "Volksarmee" schon am 12. Mai "eingedrungenen Terroristen" an.
Emigranten-Gruppen buchen solche Sabotage-Akte gern als eigene Taten. So beanspruchte der West-Berliner Antiquitätenhändler Velimir Tomulic, 28, das bosnische Abenteuer für eine "Kroatische Sozialistische Guerilla-Armee" seines "Bundes der Kommunisten im Ausland", der allerdings nicht einmal 19 Mitglieder hat. Laut Tomulic haben 63 seiner Leute in den bosnischen Bergen Munitionslager und Versorgungsdepots gesprengt sowie bei Kljuc einen unterirdischen Hangar mit sieben Hubschraubern zerstört, um "die Voraussetzungen für einen allgemeinen Volksaufstand zu schaffen".
Doch Titos Funktionär Bilic konnte vor dem Parteiaktiv in Karlovac versichern: "Glaubt mir, die Einheiten unserer Territorial-Streitkräfte hätten die Terroristenbande nicht sofort zerschlagen können, wenn wir nicht das ganze Volk hinter uns gehabt hätten."
Mit weiteren Stoßtrupps -- eingeschleust als Touristen oder illegal über die Adria -- wird gerechnet: Laut Bilic sollen zum Kampf gegen Terroristen und Banden schleunigst "Spezial-Einheiten" aufgestellt werden.

DER SPIEGEL 32/1972
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