31.07.1972

„Eine Krankheit namens Fischer-Furcht“

Einen „bizarren Stierkampf“ nannte der Schriftsteller Arthur Koestler das Duell der beiden Schach-Giganten Spasski und Fischer in Reykjavik. Nicht nur mit den schwarzen und weißen Elfenbein-Figuren, sondern mit allen Finessen und Tricks psychologischer Kriegführung kämpfen die beiden Kontrahenten um den Sieg. Zum erstenmal seit 71 Jahren trat ein Amerikaner an, die Vorherrschaft der Russen im Schachspiel zu durchbrechen.
"Würden Sie sich", fragte der amerikanische Literat Ralph Ginzburg den jugendlichen Champion, "für den besten Schachspieler aller Zeiten halten?"
"Nun, ich sehe so etwas nicht gern gedruckt, es hört sich dann so egozentrisch an. Aber um Ihre Frage zu beantworten: ja."
Das Interview erschien vor gut zehn Jahren in "Harper's Magazine", Robert James ("Bobby") Fischer war damals gerade achtzehn.
Da war es noch nicht lange her, daß er in Jeans, Turnschuhen und kariertem Hemd gespielt hatte -- Schrecken der Lokalmatadore in den New Yorker Schachklubs. Wenn Bobby, um sein dürftiges Taschengeld aufzubessern, in den Kneipen der 42. Straße auftauchte und um ein paar Dollars Einsatz spielen wollte, drängelte sich niemand: Der "Boy Robot", der jugendliche Schachroboter, war schon stadtbekannt.
Inzwischen trägt Bobby Fischer, 29, Maßanzuge und maßgeschneiderte Schuhe, die er sich in aller Welt zusammenkauft. Er ist aufgestiegen zum amerikanischen Volkshelden, zum Symbol nationalen Selbstwertgefühls wie sonst nur Baseballspieler oder Western-Idole.
Und er ist angetreten, seine Behauptung wahrzumachen -- mit dem Ansturm auf die russische Vorherrschaft im Schachspiel, die nun schon seit zweieinhalb Jahrzehnten andauert.
Mit dem Fuß nervös auf den Boden tippend, die verschränkten Arme auf den Mahagoni-und-Marmor-Tisch gestützt, den Kopf zwischen den Händen marternd oder durch die vorm Gesicht gespreizten Finger seinen Gegner anstarrend -- so sitzt er nun, zwei- oder dreimal in der Woche, dem Titelverteidiger gegenüber: dem Russen Boris Spasski, 35, der drei Berater, zwei davon Großmeister, zur Seite hat und der sich sieben Monate lang auf dieses Treffen vorbereitete.
Spasski hat jeden Zug im Kopf, den sein Gegenspieler, der Alleingänger aus Brooklyn, im Turnierschach je gespielt hat. Und Dutzende von russischen Großmeistern haben mit ihm zusammen Varianten ausgeheckt. die alle von Fischer irgend erdenklichen Spielzüge aus dem Konzept bringen sollten.
Doch schon bevor es begann, war das Schachmatch in Reykjavik mehr als das Duell zweier Gehirne -- es geriet zum Ost-West-Wettstreit wie die Raumfahrt und der Mais-Anbau.
Die Russen zogen Spasski nicht zurück, als der Amerikaner seine Ankunft in der isländischen Hauptstadt Tag um Tag hinauszögerte und das Match zu platzen drohte. Fischer, der nach wütenden Protesten gegen die Aufstellung störender Kameras den Rückflug schon gebucht hatte, blieb dann doch -- nach-dem der Nixon-Berater Henry Kissinger ihn telephonisch beschworen hatte. "zum Besten der Nation" am Spieltisch auszuharren.
"Ist irgend etwas mit der russischen Kultur nicht mehr in Ordnung?" fragte besorgt ein sowjetischer Großmeister nach der zweiten Spasski-Niederlage.
"Spasski Smashki!", Spasski zerschmettert, höhnte am selben Tag der sowjetfeindliche Londoner "Daily Mirror" in einer Schlagzeile.
"Zu nobel", meinte schon Arthur Koestler in der "Sunday Times", sei vielleicht das Schachspiel, "um es den Schachspielern zu überlassen" -- wenn denn das königliche Duell so sehr in die Niederungen von Politik, Penunze und Prestige abgleite.
Nobel oder nicht: Im New Yorker Kaufhaus Macy"s stieg der Absatz von Schachbrettern und -figuren auf das Fünffache. "Steil nach oben geschossen" ist auch der Export von Schachuhren bei dem Versandhändler, Fachbuch-Verleger und Schach-Aficionado Kurt Rattmann, Inhaber der Hamburger "Schachzentrale Caissa".
Schach im Fernsehen hält auf einmal der amerikanische TV-Produzent Cyrus Weiss in San Francisco für eine mögliche Attraktion. Und was mit den Denkpausen zwischen den Zügen? "Wir müssen nur ein paar hübschen Mädchen Hüte aufsetzen, daß sie wie Schachfiguren aussehen, dann können wir jede Pause überbrücken."
Schach-Amateure, die Spasskis Benoni-Eröffnung aus der dritten und Fischers Tartakower-Variation des Damengambits aus der sechsten Partie nachspielten, sammelten sich nicht nur auf dem Roten Platz in Moskau, sondern auch an den New Yorker U-Bahn-Stationen und in französischen Bistros.
"Wenn heute die ganze Welt vom Zweikampf der Giganten in Island redet, meinte das deutsche Fachblatt "Schach", dann stelle sich die Frage, "wie wir Fischer für die unbezahlbare Schachpropaganda danken können".
Der Frankfurter "Schachclub Schwarz-Weiß" traf sich nun ohnehin "nicht wie üblich nur freitags, sondern fast jeden Tag" ("Schwarz-Weiß"-Vorsitzender Rolf Wittinghaus). Im österreichischen Fernsehen kommentierte der Wiener Großmeister Dr. Drückstein allabendlich die Reykjaviker Partien. Ohne Fernsehhilfe versuchten das die Klubmitglieder im Stuttgarter "Schachkaffee" Schweikhart wie im Bamberger "Wienerwald".
Großmeister Wolfgang Unzicker, Regierungsdirektor beim Verwaltungsgericht in München, wurde "fast jeden Tag angesprochen, mitten auf der Straße und im Büro". Und der Bamberger Großmeister Helmut Pfleger, derzeit Arzt in München, hatte sich telephonischen Dauerkontakt zu dem Karl-May-Verleger und Weltmeisterschafts-Schiedsrichter Lothar Schmid in Reykjavik schalten lassen und ließ sich von ihm die Partien "brühwarm durchgeben".
Doch Interesse für das Brettspiel entdeckten nun plötzlich auch Leute, die vielleicht vordem eine Rochade für eine französische Käsesorte und die sizilianische Verteidigung für eine Abart des Mafia-Unwesens gehalten haben mochten.
Als Krieg-Ersatz war vor eineinhalb Jahrtausenden das Spiel der 32 Figuren auf den 64 Feldern ersonnen worden, vielleicht -- uralter Gelehrtenstreit
in Irland, Ägypten oder Südamerika, wahrscheinlich aber doch im Nordwesten Indiens, damals noch bestückt mit Kriegswagen, Elefanten, Kavallerie und Infanterie, aus denen sich später Türme, Läufer, Springer und Bauern entwickelten.
Aber nicht länger, konstatierte das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek", sei Schach nun in der öffentlichen Meinung esoterischen Zeitvertreib, "vorbehalten mathematischen Trickkünstlern, durchgeistigten Juden, Erzbischöfen, russischen Kommissaren. melancholischen Serben und Mitgliedern des deutschen Generalstabs".
"Dauernd angequasselt" werde er an seinem Arbeitsplatz bei der Bayerischen Vereinsbank in Nürnberg, beklagte sich Rudolf Treppner, Jugendleiter beim Schachklub 1868 Bamberg: "Irgendwie haben die Leute das Gefühl: Rußland gegen Amerika -- da muß doch was drin sein.
Noch im Schlaf
Demütigung für Spasski.
Aber "drin" war da anscheinend noch mehr, nicht nur das Hin- und Herschieben seltsamer Figuren nach ehernen Gesetzen auf dem Felderviereck: "Chess for Fun & Chess for Blood", auf diese Formel hatte es vor rund 30 Jahren der amerikanische Schachmeister und Lehrbuchautor Edward Lasker (namensgleich mit dem langjährigen Schach-Weltmeister Emanuel Lasker) in einem Buchtitel gebracht: Schach. das fröhliche und das blutige Spiel.
"Einerseits", so umschrieb es auch der Schriftsteller und Schachspieler Koestler, "Übung in reiner Imagination, glücklich verknüpft mit der Logik. vorgeführt als Ballett symbolischer Figuren -- andererseits ein tödlicher Gladiatorenkampf."
"Ich genieße es", sagte Bobby Fischer schon als Vierzehnjähriger über seine Gegner, "wenn sie sich winden." Und später, als 28jähriger: "Ich genieße den Augenblick, wenn ich das Ego eines Mannes breche."
Fischer, so deutete es der amerikanische Musik- und Schachkritiker Harold C. Schonberg, "baut im selben Maße sein eigenes Ich auf, wie er das des Gegners zerstört. Er befriedigt seine emotionalen Bedürfnisse. indem er der Vernichtung der gegnerischen Psyche zusieht.
Nie zuvor ist so öffentlich und anschaulich der psychische Terror, der Nervenkrieg zwischen zwei Menschen vorgeführt worden wie jetzt beim Treffen des schlaksigen Amerikaners und des eher biederen Schachmeisters aus der Sowjet-Union. Und es scheint, als sei Fischer der Überlegene in diesem Ringen um psychologische Stellungsvorteile.
Vieles wird dem Schach-Genius nachgesehen, seinem Konto Genialität gutgeschrieben: Diese "turbulente Mischung aus Arroganz, Unreife, Paranoia und Überempfindlichkeit" ("Newsweek"), wie könnte sie anders ausfallen bei einem solchen Nervenbündel. dessen Gleichgewicht mit jeder winzigen -- tatsächlichen oder eingebildeten -- Bedrohung seiner sorgsam abgeschirmten monomanischen Welt hoffnungslos durcheinandergeraten kann.
Doch deutlich wurde in Reykjavik auch, wie rigoros und finessenreich, wie hemmungslos und ohne Rücksicht Bobby im Nervenduell auf Sieg spielte. auch wenn er nicht am Brett saß.
Er versteckt sich, erster Zug, irgendwo in New York und läßt tagelang auf sich warten, ehe er überhaupt am Kampfplatz erscheint. Derweilen treibt er die Börse hoch, von 125 000 auf 250 000 Dollar: Ich, der große Bobby, mach"s nicht billiger.
Er erscheint, zweiter Zug, mit großem Pomp in Reykjavik, sein lederner Charles Eames-Stuhl wird eigens eingeflogen, dazu ein Mercedes mit Chauffeur -- doch der Eröffnungszeremonie bleibt er dann fern, läßt sich vertreten. Spasski versucht zu kontern: Wir sind "beleidigt". Fischer soll sich entschuldigen.
Da schreibt Bobby wirklich den überschwenglichen Entschuldigungsbrief ("Nehmen Sie meine aufrichtige Bitte um Vergebung an für mein respektloses Verhalten"), schleicht sich damit nachts in Spasskis Hotelzimmer und deponiert das Kuvert neben dem Bett des Schlafenden. Ein Äußerstes vielleicht an Demütigung. meinen Beobachter -- als der Schläfer aufwacht und den Brief sieht: Mein Erzfeind war hier, fand mich im Zustand völliger Wehrlosigkeit und hat keinen Gebrauch davon gemacht.
Dann wieder, vierter Zug, rast Bobby hinaus während eines Spiels, beschwert sich über die Kameras, will das Turnier abbrechen, verschenkt eine Partie, indem er gar nicht erst antritt, droht mit Abreise, läßt nochmal mit sich reden. Spasski, der auf den geschenkten Turnierpunkt sowieso nicht stolz sein kann. flüchtet gleichsam in die Rochade: "Ich habe diesen Zirkus satt": er geht "erstmal fischen".
Bobby zwingt den Gegner zur dritten Partie in ein Hinterzimmer. weg von der Bühne: da beklagt sich der Russe, der sich sonst so nervenstark gibt, nun selbst über Straßenlärm. möchte das Spiel zurückverlegt haben in den Saal. Bobby gewinnt die Partie.
Fischer läßt durch den argentinischen Großmeister Miguel Najdorf "öffentlich erklären, daß er siegen und sodann für 30 Jahre den Titel des Schachweltmeisters innehaben werde". Dann wieder schalmeit er: "Wie schade, daß ich Boris unter diesen Umständen treffen muß, wir sind gute Freunde. ich würde lieber mit ihm über die Partien plaudern, aber ich darf es nicht." Bobby gewinnt die fünfte Partie,
Und wenn er weiß, daß sein Gegner noch abwägt, ob er sich -- vielleicht -- so einen schmucken. gelben Range Rover kaufen und mit nach Rußland nehmen solle, dann bremst Bobby anderntags vor der Laugardalshoell, dem Austragungsort des Kampfes: Er hat ihn schon gekauft, den gelben Range Rover.
Kein Spiel, zu dem er nicht um vier. sieben oder 15 Minuten zu spät antritt -signalisierend, daß er. Bobby Fischer. ganz gewiß nicht unter Zeitnot leiden werde, die noch jeden Schach-Großmeister irgendwann gepeinigt hat. (In jeweils zweieinhalb Stunden muß jeder Spieler seine ersten 40 Züge absolviert haben, sonst geht die Partie verloren.)
Erfunden hat Bobby Fischer solche Zermürbungstaktik nicht. Vorbilder sind reichlich überliefert im Anekdotenschatz der Schach-Geschichte.
Nicht den richtigen,
sondern den unangenehmsten Zug.
So streichelte einst der russische Emigrant Alexander Aljechin während einer Revanche gegen den Holländer Dr. Max Euwe unablässig eine Siamkatze (weil er herausgefunden hatte. daß sein Gegner Fuwe. Katzen nicht ausstehen konnte).
Und der lettische Großmeister Aron Nimzowitsch hatte sich für den Zweikampf mit dem Zigarrenraucher Emanuel Lasker ausbedungen. sein Gegner müsse ihn während des Spiels mit Qualm verschonen. Als nach fünf Zügen Lasker eine Zigarre hervorzog, sie abbiß und in den Mund steckte, sprang Nimzowitsch auf, um sich beim Schiedsrichter zu beschweren. "Er raucht ja gar nicht", suchte der Schiedsmann zu begütigen, aber Nimzowitsch wütete: "Er raucht nicht, aber er droht zu rauchen." Der Großmeister war schon angeschlagen, die Drohung schien ihm schlimmer als die Exekution.
Emanuel Lasker. Weltmeister von 1894 bis 1921, kann auch sonst noch am ehesten als direkter Vorläufer des Schach-Terroristen Bobby Fischer gelten. Der Mathematiker und Philosoph aus Berlinchen in der Provinz Brandenburg, nach Kritiker Schonbergs Meinung der "größte Psychologe am Brett in der Geschichte des Schachspiels". hatte als einer der ersten entdeckt: Es komme nicht so sehr darauf an. den je-
* Freiluft-Schach im Frankfurter Grüneburgspark
weils wissenschaftlich richtigen Zug auszuführen. "sondern immer nur den für den konkreten Gegner unangenehmsten" (so Lasker-Biograph Dr. Johann Hannak).
"Plötzlich", so beschrieb es unlängst noch einmal der Psychoanalytiker Dr. Ben Karpman in der "Psychoanalytic Review". "fängt Lasker an, überragend zu spielen und dem Gegner seine wahre Stärke zu beweisen ... Nervenkostüm und Kampfmoral des Gegners brechen zusammen, es kommt zur Katastrophe am "Schachbrett."
Tatsächlich haben sich mittlerweile die Experten von der Vorstellung getrennt. der sie jahrhundertelang angehangen hatten: daß es am Ende in jeder Situation des Brettspiels den einzig wahren. zwingender Logik folgenden Zug gebe. Immer wieder haben Großmeister bewiesen, daß eine Spielvariante. die in den Lehrbüchern schon als "nicht empfehlenswert" abqualifiziert worden war. dann doch wieder, durch Variation der Variante, zu erfolgversprechender Strategie abgewandelt werden konnte.
Zwar ist über die 1 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 möglichen Variationen. die in einem durchschnittlichen Turnierspiel mit 45 Zügen denkbar sind, mittlerweile so viel theoretisches Wissen angehäuft, daß ein Anfänger. der es nicht beherrscht, dem Versierten hoffnungslos unterliegen muß. Schon im Eröffnungsspiel führt der größte Teil der denkbaren Variationen nachweislich zum Mißerfolg -- und zwischen Meisterspielern wird jeder Fehler dieser Art unnachsichtig geahndet.
Aber bei aller fast computerhaft gespeicherten Theorie. bei dem fast unvorstellbaren Präsenzgedächtnis hunderttausendfach variierter Spielzüge, wie es in den Köpfen von Fischer und Spasski nun herumspukt -- es bleibt doch noch Raum für jene Art von Kreativität, "die auch den Unterschied ausmacht etwa zwischen Mozart und Karl Ditters von Dittersdorf", wie Schonberg formulierte.
Wer sich mit Schach infiziert, wird ausgelöscht.
"Ganz plötzlich", so beschrieb der New Yorker Schach-Enthusiast. was er für den Ausweis des Genialen hält. "kommt der unerwartete Vorstoß. das Aufblitzen einer Vision -- ein Augenblick reiner intellektueller und ästhetischer Schönheit."
Schonberg findet ihn wieder in den bestürzenden d-Moll-Passagen in Mozarts Don Giovanni. ja sogar noch in Einsteins Formel E = mc2 aber eben auch in Schachzügen wie etwa dem brillanten Damenopfer des damals 13jährigen Bobby Fischer. das sein Spiel gegen Donald Byrne zur "Partie des Jahrhunderts" werden ließ (siehe Kasten Seite 90).
Ganz wohl ist Sehonberg ("jedenfalls in letzter Konsequenz") bei dem Vergleich zwischen Fischer und Einstein nicht. Und wirklich war nie der Verdacht ganz auszuräumen, daß es sich bei Schach-Großmeistern vielleicht doch nur um eine Art Halbirrer handeln könnte, um Schmalspur-Intelligenzen zumindest, nicht allzuweit entfernt von den sogenannten Kalenderidioten. wie sie fast jede psychiatrische Klinik vorweisen kann: Bedauernswerte, die den Inhalt ganzer Telephon- oder Kursbücher oder auch der Bibel vorwärts und rückwärts hersagen können, aber sonst kaum einen vernünftigen Satz zustande bringen.
Zu gesicherten Erkenntnissen kamen bislang weder Neurologen noch Psychologen, wenn sie die Hirntätigkeit oder die psychische Struktur großer Schachspieler zu analysieren suchten.
Eine enorme, ja abnorme Gedächtnisleistung ist nötig. soviel steht fest: die Fähigkeit, einmal Gespeichertes sofort, jederzeit und lückenlos abzurufen.
Nicht notwendigerweise handelt es sich um besondere mathematische Intelligenz. erst recht nicht um ein Übermaß an genereller Denkfähigkeit.
Wohl aber gehört dazu eine eigentümliche Phantasie, eine spezielle Kombinationsgabe. die einhergeht mit überragendem Vorstellungsvermögen für räumliche und strategische Zusammenhänge zwischen den 32 handelnden Figuren auf dem Schachbrett.
Glücklich muß, wem solches Talent zufällt, damit nicht sein. "Nehmen Sie einen vielversprechenden Politiker. einen aufstrebenden Künstler. den Sie zu vernichten wünschen", so formulierte es einmal der britische Historiker und Schriftsteller H. G. Wells. "Dolch oder Bombe sind da viel zu altmodisch und unzuverlässig. Lehren Sie ihn Schach, infizieren Sie ihn damit -- es wird ihn auslöschen."
Immer wieder haben Schachgrößen Indizien für einen Verdacht geliefert. den Altmeister Ludwig Rellstab aus Hamburg einst so formulierte: "Einen kleinen Tick haben alle Schachspieler aber ich gehöre zu den Wenigen. von denen man das nicht sagen kann"
Ohne Paß erschien der aus Rußland emigrierte Hirn-Heros Alexander Aljechin einmal an der polnischen Grenze und verkündete: "Ich bin Aljechin. der Weltmeister im Schach -- ich brauche keinen Paß." Aljechin. der später während eines Wettspiels grübelnd in den Schachsaal urinierte, wurde 1946, völlig verarmt, tot aufgefunden, ein Taschenschach umklammernd. Ungeklärt blieb, ob er an einem Hühnerknochen erstickt oder einem Schlaganfall erlegen sei. oder ob er sich -- worauf manches hin deutete --- das Leben genommen hatte.
Einsame Schlachten gegen das andere Ich.
Österreichs Schachweltmeister Wilhelm Steinitz -- ein Mathematiker, der vielen als Vater des modernen Angriffsschachs gilt -- behauptete gar, er stünde in direkter Verbindung mit Gott. Am Schachbrett wollte Steinitz schließlich den Allmächtigen bezwingen, mit einem Bauern Vorgabe und Weiß für den Gegner. In seinen letzten Lebensjahren (er starb im Jahre 1910 als Armenhäusler bildete sich der verwirrte Denker auch noch ein, er könne mit Hilfe körpereigener elektrischer Ströme die Schachfiguren bewegen, ohne einen Finger zu rühren.
"Welcher normale Mensch", merkte Schachkritiker Arthur Koestler an, "könnte ein überzeugenderes Symbol für die Allmacht des Geistes ersinnen."
Voll Gram über den Schachtod ihrer Figuren wehklagten die Brettstrategen häufig wie trojanische Helden oder reagierten sich mit Wutanfällen ab: Aljechin warf mitunter seinen König an die Wand, Englands Meister Joseph Blackburne schubste einen Bezwinger aus dem Fenster. und der lettische Großmeister Nimzowitscch, Erfinder der "Nimzo Indischen Verteidigung", sprang am Ende einer Partie auf den Tisch und jammerte: "Warum muß ich gegen die sen Idioten verlieren"?"
Unerklärlich bleibt, warum manche der Berühmten jählings zu unkonventionellem Verhalten neigten. indem sie sich in Hotelhallen oder in den Wandelgängen der Wettkampfstätten plötzlich ihrer Kleider entledigten. Mexikos Schach-Wundermann Carlos Torre, der täglich bis zu 15 Ananas-Eisbecher mit Sahne verschlang, entkleidete sich einmal sogar im Oberdeck eines New Yorker Stadtbusses auf der Fifth Avenue.
Der Amerikaner Paul Morphy hingegen, inoffizieller Weltmeister von 1858 bis 1859 und fraglos einer der brillantesten Spieler der Schachgeschichte. zeigte sich auf merkwürdige Weise unablässig um seine Kleider besorgt: Nach einer anstrengenden Europatournee wurde er dauernd von dem Gefühl bedrängt, man wolle ihm seine Anzüge und Mäntel stehlen -- Verfolgungswahn hatte ihn befallen.
"Es ist durchaus möglich". sagte Donald Byrne. Mediziner und Bobbys Schachgegner in der "Jahrhundert-Partie" von 1956, "daß Fischer ein ähnliches Schicksal erleiden wird."
Doch niemand weiß, wann sich die Bahn des genial Begabten neigen könnte, der mit 13 die amerikanische Jugendmeisterschaft, mit 14 die US-Schachmeisterschaft, mit 15 den offiziellen Titel "Großmeister" erlangte, früher als je zuvor ein jugendlicher Schachspieler; den "Mozart des Schach" nannten ihn seine Landsleute* --
Gelernt hatte er das Brettspiel als Sechsjähriger von seiner älteren Schwester, die ihn versorgte. während die Mutter, eine aus der Schweiz zugewanderte Jüdin, zur Arbeit ging. Der Vater. Physiker aus Berlin, hatte schon vier Jahre zuvor die Familie verlassen.
Bald übertrumpfte Bobby seine Schwester, er spielte fortan an beiden Enden des Bretts gleichzeitig, aber sein anderes Ich hatte niemals eine Chance. "Ich versuchte fair zu sein und für beide Seiten die besten Züge zu spielen. aber gewöhnlich gewann ich."
Noch heute weiß der Schachmeister. der aus zwei großen Plastikkoffern und Dutzenden von Einkaufstüten lebt, vollgestopft vor allem mit Schach-Zeitschriften in acht Sprachen, nichts Schöneres, als im abgedunkelten Hotelzimmer zu sitzen ("Schöne Aussicht lenkt ah") und die Figuren übers Brett zu schieben -- einsame Schlachten, deren Winkelzüge und Attacken er gewöhnlich mit lauten Comic-strip-Ausrufen begleitet: "Crunch!", "Chop!" -- "Smash!". "Crash!"
Meisterschafts-Turniere unter Tränen verloren.
"Er studiert unablässig Schachpartien, Tag und Nacht", erzählte der holländische Großmeister und Weltschachbund-Präsident Max Euwe über Fischer, "ich habe ihn eigentlich noch niemals irgend etwas anderes tun sehen als Schach spielen." Mit Mädchen hat er sowieso nicht viel im Sinn. Fischer: "Schach ist besser."
"Ich habe mehr Einfluß auf ihn als irgend jemand sonst", sagt Larry Evans. Schachgroßmeister, Priester und langjähriger Begleiter Fischers auf Turnierreisen. "und mein Einfluß ist Null:" Niemals war Bobby Fischer etwas anderes als der Prototyp des Besessenen. "einsamster Schach-Champion der Welt". "starrköpfig" unzugänglich, unkooperativ" verschlossen und unabhängig wie kein anderer", so Larry Evans.
Und wenn er nicht Schach spielt, dann ißt er. "mit der Geschwindigkeit eines Raubfisches", wie ein "Life"-Reporter anmerkte. Portionen wie ein Spät-Pubertärer -- nur am Sabbat nicht.
Zwischen Sonnenuntergang am Freitag und Sonnenuntergang am Sonn-
* Den Titel "Internationaler Großmeister" verleiht der Welt-Schachverband (FIDE) für genau festgelegte, überragende Leistungen, die auf offiziellen. internationalen Turnieren vollbracht wurden. Gegenwärtig sind 88 lebende Großmeister registriert. darunter 32 Russen
abend enthält sich Fischer, der einer obskuren Fundamentalisten-Sekte angehört, auch des Schachspielens. Dann träumt er seinen Kindertraum vom großen Playboy- und Aristokraten-Leben nach dem Vorbild etwa von Errol Flynn oder Bernard Baruch (siehe Kasten Seite 91).
Die Biographie seines Gegners, dem er nun in Reykjavik gegenübersitzt, weist erstaunliche Parallelen auf. Auch Boris Wassiljewitsch Spasski sah zum erstenmal als Fünfjähriger ein Schachbrett. Auch er stammt aus geschiedenem Elternhaus, hat eine jüdische Mutter, wurde jüngster Jugendmeister, dann jüngster Großmeister seines Landes. Und als er 13 war, prophezeite ihm der Mathematik-Professor und langjährige Schachweltmeister Michail Botwinnik: "Dieser Junge wird einmal Weltmeister."
Doch anders als sein sechs Jahre jüngerer Kontrahent Fischer, der sich mit 16 von der Schule drückte und seinen Weg als Einzelgänger machte, wurde Spasski sogleich aufgenommen in die Fürsorge staatlicher Förderer.
Kaum ein sowjetischer Pennäler, dem nicht die Namen aller russischen Großmeister so vertraut wären, wie den Schülern andernorts die Namen von Fußball- oder Fernsehstars. Kein sowjetischer Sportklub. keine Sporthochschule und kaum eine Einheit der jungen Pioniere, die nicht Schachspielen auf dem Tagesplan hätten. Zwei Schachbretter für die Fahrgäste führt jeder Waggon der Transsibirischen Eisenbahn mit. Und selbst im Weltraum spielen Russen noch Schach, so Kosmonaut Witalij Sewastjanow, der aus dem Sojus-9-Raumschiff seine Züge zur Erde funkte.
Und sobald ein sowjetischer Nachwuchsspieler überragendes Talent beweist, wird er vom Staat gehätschelt. Spasski, der ein Studium in Mathematik und Journalismus hinter sich gebracht hat, bezieht ein Monatseinkommen von mehr als 2000 Mark -- das Vierfache eines Durchschnittseinkommens. Mit seiner zweiten Frau Larissa und Sohn Wassja, 5, bewohnt er ein Apartment in einem Moskauer Prominenten-Silo. Er firmiert als Herausgeber einer sowjetischen Schachzeitschrift, muß aber nichts dafür tun ("ich bin ein fauler russischer Bär"). Kürzlich tauschte er seinen Sowjet-"Wolga" gegen einen schwedischen "Volvo".
Anders freilich auch als bei seinem Gegenspieler Fischer verlief Spasskis Weg nach oben nicht ganz gradlinig. Zweimal, 1958 gegen den Großmeister Michail Tal und 1961 gegen Leonid Stein, verlor er -- unter Tränen -- Meisterschaftskämpfe. Grund: zu schwache Nerven.
Fischers Siegeszug
elektrisierte die Schach-Welt.
Ein neuer Trainer, Igor Bondarewski, schwor ihn daraufhin ganz auf das Prinzip "Erziehung der Gefühle" ein. Und selbst das Partei-Jugendblatt "Komsomolskaja prawda" suchte den nicht ganz Selbstsicheren (Lieblingslektüre: Dostojewski) noch zu stützen. Das Blatt wählte Spasski aufgrund einer Leserumfrage zum "mutigsten und willensstärksten Sportler" des Jahres.
Doch bis heute hat Spasski diese leichte Nervenschwäche nicht ganz überwunden. Er beneide seinen Kontrahenten Fischer, sagte er einmal, um dessen rückhaltslose Hingabe ans Schachspielen. Spasski: "Auch ich glaube an die Wahrheit des Schachbretts" aber tief im Innern fehlt mir das Selbstvertrauen."
Für das Meister-Match in Reykjavik hätte er es nötiger gehabt als je. Denn der Herausforderer -- von der täglichen Nagelprobe seines arroganten Auftretens ganz abgesehen -- hatte eine Sieges-Serie hinter sich, die auch dem stärksten Spieler Furcht und Schrecken einflößen mußte.
Begonnen hatte sie mit einem Eklat. Das war 1962 in Curacao, als Fischer sich gegen fünf sowjetische Spieler qualifizieren wollte, aber nicht recht zum Zuge kam.
Er verließ vorzeitig das Turnier. stürmte zurück in die Vereinigten Staaten und erschütterte die eherne Würde der Welt-Schach-Organisation mit der Behauptung, die Russen würden sich untereinander Punkte zuschieben, um ihn, den Außenseiter, fernzuhalten. Fischers wütender Protest führte nach langem Hin und Her tatsächlich dazu, daß die Ausscheidungsregeln des Weltschachverbandes in mehreren Punkten geändert wurden.
Nie wieder, so hatte Bobby nach dem Krach in Curacao verkündet, wolle er gegen einen Russen um die Weltmeisterschaft kämpfen. Das Gelöbnis hielt acht Jahre, bis 1970. Aber Bescheidenheit war nie seine Sache. Fischer: "Ich war es leid, nur der inoffzielle Weltmeister zu sein, wo ich es offiziell schon seit zehn Jahren sein müßte."
Dann stieg er in die Arena. Er "bombte (den Spasski-Vorgänger) Tigran Petrosian vom Tisch" ("Sports Illustrated") -- im Frühjahr 1970 in Belgrad. Dann, im Dezember desselben Jahres. "lief er Amok" ("New York Times") auf der Interzonenausscheidung in Palma de Mallorca -- mit einem Endspurt von sieben Gewinnspielen gegen die besten Schachmeister der Welt.
Sechs Monate später "pulverisierte er" (so Schach-Kritiker Schonberg) den russischen Großmeister Mark Taimanow, 6:0, zehn Wochen danach seinen stärksten westlichen Gegner, den Dänen Bent Larsen, gleichfalls 6:0.
19 aufeinanderfolgende Siege in Großmeister-Spielen, das hatte es bis dahin in der Schach-Geschichte noch nicht gegeben . "Sowjetskij sport": "Ein Wunder ist geschehen!" Bobby übertrumpfte es noch, als er im Herbst letzten Jahres ein zweites Mal gegen Petrosjan siegte -- 612:212*. Damit erwarb er das Recht, Spasski, den Weltmeister, herauszufordern.
Fischers Sieges-Zug gegen Petrosjan elektrisierte die Schach-Welt. "Denn niemand", so umschrieb Experte Sehonberg ein bis dahin gültiges ungeschriebenes Gesetz, "gewinnt zwei aufeinanderfolgende Spiele gegen Tigran Petrosjan." Der Armenier gilt als ein gerissener Meister des Remis, der mit seinem vorsichtigen, konservativen Defensivspiel auch den winzigsten Vorteil nicht ungenutzt läßt, um dem Gegner noch ein Unentschieden abzuringen.
Willenstraining
für den Weltmeister.
Als Fischer später im amerikanischen Fernsehen über den Spielverlauf interviewt wurde, kaum wieder ans Licht, was seine kleinen grauen Zellen flirren macht, wenn er am Schachbrett siegt: "Nach dem sechsten Spiel spürte ich, wie Petrosians Ego zerbröckelte."
"Es ist", bestätigte der russische Großmeister Juni Awerbach, Augenzeuge des Schach-Duells mit Petrosjan, "als ob von Bobby eine magnetische Strahlung ausgeht -- auch Taimanow und Larsen ist das widerfahren, als sie gegen ihn spielten. Auch sie waren psychisch kaputt nach den ersten paar Spielen."
"Eine seltsame Krankheit namens Fischer-Furcht" diagnostizierte auch Donald Byrne, Fischens Gegenspieler von einst -- und von den Russen hatte sie wohl schon Besitz ergriffen, als sie nun ihren besten Mann, den Leningrader Spasski, gegen Fischer ins Feld führten.
Vorbereitet hatten sie ihren Schützling wie einen Kosmonauten zum
* Jedes gewonnene Spiel bringt dem Gewinner einen, jedes unentschiedene (Remis-)Spiel beiden Spielern je einen halben Punkt.
Mondflug. Monatelang lebte Spasski auf einer Datscha bei Moskau, zum täglichen Programm zählten -- neben dem Schach-Training -- Waldlauf und Schwimmen, aber auch stundenlange Sitzungen mit einem schachspielenden Psychologen.
Auf ähnliche Weise fit gemacht hatte sich freilich auch Bobby Fischer, der 1,88-Meter-Mann mit dem Schultermaß von Cassius Clay: Schwimmen, Tennis, Gewichtheben, Reiten, Seilspringen und Boxtraining am dreihundertpfündigen Sandsack. "Man muß in Form sein" erklärte Bobby, "oder alles ist vorbei." Mitunter hatte er schon während eines Turniers bis zu 15 Pfund Gewicht verloren.
Spasski und Fischer waren "in Höchstform", wie "Time" schrieb, als die Kampfhandlungen in Reykjavik begannen, "wandelnde Computer" alle beide und durchaus einander ähnlich, was den Stil ihres meisterlichen Schachspiels anlangt.
Keiner von ihnen spielt zaghaftes Verteidigungsschach ä la Petrosjan. aber keiner verliert sich auch im waghalsigen Wirrwarr des sogenannten romantischen Stils, wie ihn etwa Michail Tal oder Bent Larsen bevorzugen. Spasski und Fischer sind eingeschworen auf einen eleganten "klassischen" Schachstil -- "Schach in Reinkultur" würde das geben, prophezeiten die Experten.
Als Fischer endlich auf der Eis- und Feuerinsel landete, mochte keiner seiner Begleiter daran zweifeln, daß Bobby diesmal ganz er selbst war. Er nörgelte vom ersten Tag an: die Felder des Schachbretts seien zu groß (um neun Millimeter), die Stuhlreihen der Zuschauer müßten um etliche Meter zurückverlegt, die "Filmgangster" in ihre Schranken verwiesen werden.
Bobby hatte nun den "German sports car". aber dann sollte es ein noch größeres Auto sein, und der Swimming-pool ganz für ihn allein und noch mehr ausgesuchte Restaurants nach seinen Wünschen. Kommentar eines Reykjaviker Taxifahrers (zu "Financial Times"-Korrespondent Clement Freud): "Pretty damn silly funny crazy."
Während Spasski sich betont gelassen gab, zögerte Fischer nicht, den "häßlichen Amerikaner" zu spielen. Auch der westdeutsche Schachbund-Präsident Ludwig Schneider entrüstete sich: "Die Machenschaften von Herrn Fischer haben in Schach-Kreisen manches Kopfschütteln hervorgerufen."
In sechs Spielen vier vernichtende Niederlagen
Aber da ertönte in New York schon die "Ballade von Bobby Fischer", eine rasch gepreßte Schallplatte, auf der Bobbys Endsieg besungen (und Spasski nach Sibirien verbannt) wird.
Immer wieder trumpfte Fischer auf -- und Spasski wehrte sich auf seine Weise: stets korrekt, immer pünktlich. und schließlich hatte auch er so einen Dreh- und Wippstuhl, ein Duplikat des ledernen Charles-Eames-Sessels, auf dem sich Bobby schon vom ersten Tag an räkelte.
Doch letzte Woche schien jene rätselhafte Fischer-Furcht auch Spasski, den Weltmeister, beschlichen zu haben. Nach einem Zwei-Punkte-Vorsprung (durch die gewonnene erste und die geschenkte zweite Partie), geriet er in Bedrängnis. In den folgenden sechs Spielen erlitt er vier "vernichtende Niederlagen" (so die Kommentatoren in Reykjavik). nur zweimal reichte es noch zum Unentschieden.
Und wahrhaftig glich das achte Spiel, am vorigen Donnerstag, das Fischers Vorsprung auf zwei Punkte erhöhte (Spielstand Ende letzter Woche: 5:3), schon fast dem Petrosian-Debakel von Buenos Aires.
Nach Fischers "englischer Eröffnung" -- wie üblich war er mit herausfordernden acht Minuten Verspätung erst ans Brett geeilt -- glich die Partie zu Anfang einem Katz-und-Maus-Spiel: Fischer zog, Spasski zog das gleiche immer spiegelbildlich.
Doch mit dem siebenten Zug durchbrach Fischer -- Crunch! -- die Spiegel-Fechterei und zwang den Gegner zu einem Bauern- und Springerabtausch.
Einen "beispiellosen Coup de Eorce" (so die in Reykjavik versammelten Großmeister) landete Fischer dann mit seinem elften Zug: Dame nach f4, fast alle starken Offiziere frei zum Angriff auf den König. Chop!
Spasski drehte sich in seinem Charles-Eames-Stuhl vom Publikum weg, beugte sich übers Brett, knetete die Hände zwischen den Knien. "Er sieht sehr unglücklich aus", meldete ein Photograph. Erst nach 53 Minuten fand er den nächsten Zug, den einzig noch möglichen Ausweg.
16. Zug: Fischer tauscht einen Läufer und einen Bauern gegen Spasskis Turm. Smash!
21. Zug: Fischer bietet Schach, Spasski, mit seinem König auf der Flucht. verliert einen Bauern. Crash!
"Spasski ist in Schwierigkeiten", kommentieren die Großmeister. "Spasski ist schon zusammengeklappt", meint Fischers Sekundant Fred Cramer.
Beim 37. Zug, nach einem Endspiel. das die Experten "eher einem Kind als einem Champion" zuschreiben möchten, gab Spasski auf.
Zum erstenmal hatte Bobby es an diesem Abend zugelassen, daß die Filmleute ihre Kameras in Betrieb nahmen.
Sein Ego, so schien es, hatte sich auf Spasskis Kosten stabilisiert.

DER SPIEGEL 32/1972
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