31.07.1972

BIOGRAPHIENMit lichtdeutschem Heil

Eine besonders schillernde Jugendstil-Blüte wird derzeit wiederentdeckt und neu gedeutet: der Maler und Lebensreformer Fidus -- Beispielfigur „bürgerlicher Fluchtbewegungen“.
Allmorgendlich betreten den Garten eines Villengrundstücks im Ost-Berliner Vorort Woltersdorf zwei nackte Greisinnen. Mittels ritueller Gymnastik pumpen sie Licht. Luft und Gesundheit. Der Hygiene-Akt ist Teil eines Dienstes, der auch sonst ihr Tagwerk bestimmt: Pflege der Erinnerung an den Maler Autor und Lebensreformer Hugo Höppener, genannt Fidus, Die beiden Damen sind Witwe und Stieftochter des 1948 Verblichenen.
Ihrem Tun winkt öffentlicher Erfolg. Denn der Boom kulturhistorischer Aufarbeitung hat nun auch diese Jugendstil-Blüte erfaßt: Bereits im vergangenen Jahr präsentierte Jule Hammer. West-Berliner Kulturbetriebsnudel Fidus per Ausstellung ("Ich war Kaiser Wilhelms Hippie") und Fernsehfilm; ein Fidus-Poster ist im Handel: West-Berlins Akademie der Künste erweitert ihr Fidus-Archiv und erwägt eine Retrospektive. Und vor allem: Nächste Woche erscheint bei Rogner & Bernhard eine Monographie, die erstmals gründlich und kritisch (sowie mit Werkverzeichnis) über Fidus Auskunft gibt*.
Fidus malte Landschaften und Gruppenbilder; sein bevorzugtes Motiv aber waren nackte Menschenleiber in allegorischer Umgebung ("Lichtgebet", "Empfängnis"). Gemeinsam mit dem Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler der in zwei neuen Monographien jetzt ebenfalls wiederentdeckt wird**
repräsentiert er die norddeutsche Variante des Jugendstils; bedeutender war die süddeutsch-österreichische Gruppe mit dem längst zum Museumsklassiker arrivierten Gustav Klimt.
Was den nördlich der Main-Linie geborenen Jugendstilisten an ästhetischer Feinheit abging, ersetzten sie durch Ideologie und Sendungsdrang. Der begabtere Vogeler propagierte zuerst Moorlandschaft, Marienkult und einfaches Leben; 1918 wurde er Kommunist. 1942 starb er in Kasachstan. Höppener-Fidus kam bis zu seinem Tode vom einfachen Leben nicht los; er adelte es mit germanischem Lichtglauben und mit dem Hakenkreuz, er zeichnete Hit-
* Janos Frecot / Johann Friedrich Geist / Diethart Kerbs: "Fidus -- Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen". Verlag Rogner & Bernhard. München; 496 Seiten; 58 Mark.
** Heinrich Wiegand Petzet: "Von Worpswede nach Moskau. Heinrich Vogeler. Verlag DuMont Schauberg, Köln: 252 Seiten; 19,80 Mark. -- David Erlay: "Worpswede -- Bremen -- Moskau. Der Weg des Heinrich Vogeter -- Schünemann Universitätsverlag, Bremen; 240 Seiten; 14 Mark
lers Haupt und wurde 1943 mit Professorentitel und Ehrensold belohnt.
So ist denn auch Fidus weniger durch seine mäßigen Malkünste interessant als vielmehr durch die Heilslehren, die sich in seiner Person brachen und reproduzierten wie in keiner anderen.
Der 1868 in Lübeck geborene Hugo Höppener war das Kind eines Konditors. der den Reichsadler in Marzipan formtet die Mutter ließ den Knaben mittels Zitherspiel völkisch einstimmen. Eine Fidus-Nichte. rückblickend: "Also das Künstlerische lag in der Familie."
1887 ging Hoppener an die Mönch ncr Kunstakademie. Seinen Haupt-Lehrer fand er jedoch im ländlichen Höllriegelskreuth: Karl Wilhelm Diefenbach, Kunstmaler. vor allem aber Nudist und "Kohlrabi-Apostel". Diefenbach verlieh seinem Schüler den lateinischen Künstlernamen Fidus ("der Treue") und führte ihn ein in die Welt von Licht, Luft und fleischloser Kost. der Fidus lebenslang treu blieb.
Von Diefenbach freilich trennte er sich wieder nut Gezänk und um zum nächsten Propheten überzulaufen: dem Antisemiten. Deutschtümler und Okkultisten Wilhelm Hübbe-Schleiden. Fidus veröffentlichte in den Zeitschriften "Gesellschaft". "Jugend" und "Simplicissimus". auch mal im sozialdemokratischen "Vorwärts". Er wurde rasch populär, denn er trat einen Zeit-Nerv. Seine pastellgetönte Ranken- und Leiber Welt. die. millionenfach reproduziert. Deutschlands Gute-Stuben-Wände schmückte. erscheint als eine einzige Allegorie auf das Thema Lebensreform.
Sie war die große Kleinbürger-Mode vor und nach dem Ersten Weltkrieg Heruntergekommenes Gedankengut der französischen Aufklärung. vornehmlich Rousseaus ("Zurück zur Natur"). hatte sich, deutschromantisch eingefärbt, mit mittelstandischer Existenzangst und Großstadtscheu verbunden das Gemisch gerann zu einer spezifischen Vereinsmeierei.
Über das Naturheilverfahren der Wasserapostel Prießnitz und Kneipp entwickelte sich eine Bewegung für Vegetarismus. Reformkleidung und Sonnenkult. Die Bodenreform-Idee des Nationalökononuen Adolf Damaschke mutierte zu einer halb-religiösen Siedlungsbewegung. Antiklerikalismus verkam zu Lichtanbetung und Arierkult. Wandervogel. Reformpädagogik wie Frauenemanzipation spielten in diese Strömungen hinein und bezogen Im pulse daraus
Die Praxis jener radikalen Lebensreformer nimmt sich, von heute her gesehen, wie ein Menetekel für Hippies und andere zeitgenössische "Gegenkultur" Jünger aus: In stadtfernen Gemeinschaftssiedlungen aß man Kunstdünger freien Salat. genoß altindische Mystik und freie Liebe, war aber auch dem Kapitalismus gram --- später liefen dann viele auf Reformsandalen der neuen Lichtgestalt Hitler hinterdrein.
Unter ihnen Fidus. Er aktivierte sei neu eigenen. 1912 gegründeten "St Georgs-Bund" samt Verlag und reiste auch als Lichtbilder-Vortragsredner zu seinen Anhangern. Die Hoffnungen. die er auf den "Mein Kampf"-Autor setzte. erfüllten sich indes nicht: Im ästhetischen Richtungsstreit unter den Nazis siegte der Propagandist Joseph Goebbels (Fidus in einem Brief an Goebbels "Hochwerter Mitstreiter") über die alt völkischen Blut-. Boden- und Licht Apostel des Alfred Rosenberg; vergebens suchte Fidus seinem Führer Vorschläge für Tempelarchitekturen anzudienen.
überhaupt nahmen nicht-malerische Aktivitäten mehr und mehr bei ihm überhand. Wenn er malte, imitierte er eigene frühere Werke -- zumeist schlechter: vom "Lichtgebet existieren insgesamt elf Fassungen. Im Werkverzeichnis der Rogner & Bernhard-Biographie entfällt ein stattlicher Anteil auf Geschriebenes.
Auch die eigene Person zu dokumentieren, war Fidus fleißig bemüht. Seine Tagebücher zeigen ihn als einen mäßig intelligenten Schwarmgeist, der sich mit Geldschwierigkeiten, Sendungswahn, Sexualnot und einem herrischen Frauenregiment im eigenen Haus abquälte.
Politik und Zeitgeschichte kommen in den Fidus-Journalen nur am Rande vor. Über seine Enttäuschungen mit den Nazis tröstete ihn das Kriegsende; von den 1945 einmarschierenden Russen war er angenehm enttäuscht", und alsbald malte er sogar "Stalin und Lenin groß"
für "Brot und Kartoffeln und die Nährkarte 3".
Schon 1946 aber unterzeichnete er seinen Antrag auf Entnazifizierung "mit lichtdeutschem Heil US. Europa" und entschied sich bei den ersten Kreistagswahlen nach dem Kriege für eine Partei. "die am meisten für Kunst und Kultur und Religion eintritt": Fidus wählte CDU.

DER SPIEGEL 32/1972
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