14.08.1972

„Ich bin nicht mehr Schmidt-Schnauze“

Helmut Schmidt ist ausersehen, Willy Brandt im Palais Schaumburg und Rainer Barzel auf der Oppositionsbank zu halten. Der SPD-Vize soll die Wähler den Abgang Karl Schillers vergessen lassen und sich in wenigen Monaten zum potenten Lenker von Wirtschaft und Staatsfinanzen aufbauen. An Selbstvertrauen fehlt es ihm nicht.
Abends am Kamin, wenn Helmut Schmidt und seine Frau Loki die Partien des Schach-Championats von Reykjavik nachspielen, dann sind die Rollen stets klar verteilt: Willy Brandts Doppelminister für Wirtschaft und Finanzen übernimmt den Part des US-Schachwunders Bobby Fischer.
Die Rolle, so glaubt der schneidige Hanseat, steht ihm wohl. Denn längst plagen ihn keinerlei Zweifel mehr, für die deutsche Politik das zu sein, was Fischer der Schachwelt ist: der Größte.
Selbstbewußt und siegessicher, ehrgeizig und erfolgsgewohnt rüstet sich der Sozialdemokrat in seinem Ferienhaus am schleswig-holsteinischen Brahmsee, Kanzler, Partei und Koalition den Wahlsieg zu retten. Bei Segelpartien und langen Spaziergängen, durch Aktenstudium und Gespräche mit Freunden und Experten macht sich Bobby Schmidt fit.
Denn nach der Affäre Schiller ist Schmidt ausersehen, als Wunderwaffe des sozialliberalen Bündnisses dem Herausforderer Rainer Barzel den Weg ins Palais Schaumburg zu verbauen.
In der Tat erscheint der Einzelkämpfer, bis vor einem Monat noch Oberbefehlshaber von fast 500 000 Bundeswehrsoldaten, wie kein anderer geeignet, die Wahlschlacht für Brandt zu entscheiden. Der neue Wirtschaftslenker ist
* der Schönste: 20,9 Prozent der Wähler attestieren ihm die höchste Attraktivität, Rainer Barzel landet mit 10,7 Prozent Anhang weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz;
* der Populärste: In einem Meinungstest. bei dem die Befragten prominente Politiker auf einer Bewertungsskala von +5 bis -5 benoten können, bringt es Schmidt auf die Prädikatsnote 2,2. Nur Kanzler Brandt kann mit Schmidt gleichziehen. Barzel kommt auf magere 0,5;
* der ideale Partner: Sein demoskopisches Persönlichkeitsprofil ergänzt sich optimal mit dem des Kanzlers; dem SPD-Vize werden Entscheidungsfreudigkeit und rechter Sinn für Ordnung, Dynamik und Durchsetzungskraft zugeschrieben. der Chef weiß durch Bedachtsamkeit und Toleranz, Besonnenheit und Kompromißbereitschaft zu überzeugen.
Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler, der sich selbst Hoffnung auf das Finanzressort gemacht hatte, erkennt an: "Schmidt ist für diese Aufgabe der beste Mann."
Gelassen hatte der neue Mann Anfang Juli jenen Posten angetreten, der in drei Jahren sozialliberaler Regierung bereits zwei Minister -- Alex Möller und Karl Schiller -- verschlissen hatte.
Statt geschäftig in seinen Bonner Ministerien zu agieren und auf den bundesdeutschen Bildschirmen über Preise und Konjunktur, Steuern und Finanzen zu diskutieren, wickelte er erst einmal seine alten Geschäfte in Ruhe ab und flog nach dem Amtswechsel zu Verteidigungsgesprächen nach Nordamerika. Statt stabile Preise zu versprechen und Wahlgeschenke anzukündigen, ließ er die Deutschen wissen, auf nahe Zukunft gäbe es "keine reale Chance, von dem derzeitigen Preissockel wieder herunterzukommen". Und von seinem hohen Popularitätspodest aus glaubte er sogar androhen zu können, wovon auch nur zu sprechen sich bislang noch keine Regierung vor Wahlen getraut hatte: Steuererhöhungen (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 27).
Seinen Aufstieg zum Wahlgladiator und derzeit unangefochtenen Kronprinzen verdankt Schmidt zäher Kleinarbeit und politischer Läuterung. Der Mann, der noch 1970 Seit' an Seit' mit Verkehrsminister Georg Leber den rechten flügel der SPD anführte, rückte Schritt für Schritt in die Mitte der Partei -- und erwarb damit den Führungsanspruch nach Brandt.
Gemeinsam und in herzlichem Einvernehmen mit Rainer Barzel hatte der Sozialdemokrat die entscheidenden Vermittlerdienste zwischen den Partnern der Großen Koalition geleistet. Überschwenglich lobte der damalige SPD-Fraktionschef "die Stärke" des "kooperationsfähigen" Barzel, mit dem er "keineswegs zähneknirschend zusammengearbeitet" habe. Selbst als in der Wahlnacht im September 1969 klar war, daß FDP und SPD den Macht. wechsel in Bonn erzwingen konnten. plädierte Schmidt noch für eine Fortsetzung des schwarz-roten Kartells ("Wir brauchen mindestens 20 Stimmen über den Durst").
Eifrig profilierte sich der Hauptmann der Reserve in jener Zeit als überzeugter Law-and-order- Mann. "Schmidt", so urteilte 1968 der rheinland-pfälzische DGB-Landesvorsitzende Julius Lehlbach, "ist ein rechtsgerichteter Kaisertreuer."
Im sozialliberalen Kabinett stritt der Rechte sogar mit Leber gegen eine von Bundespräsident Heinemann befürwortete rasche Amnestie für Vergehen von Apo-Demonstranten. Markig tönte er im Kabinett: "Während wir hier reden, hauen die in Kiel dem Rektor in die Fresse und scheißen im Gerichtssaal auf den Tisch."
Zielstrebig baute sich Schmidt damals gegenüber Industrie und Bürgertum zum Bollwerk gegen die Linksabweichler in den eigenen Reihen auf. So versprach er dem Stahl-Millionär Wolff von Amerongen. er werde schon dafür sorgen. daß der Einfluß der Jungsozialisten in der SPD gering bleibe.
Wegen seiner fortwährenden Ausfälle gegen die Apo und die Jungsozialisten ("elitäre Arroganz") zieh ihn schließlich sogar Co-Vize Herbert Wehner öffentlich "lästerlicher Reden, die ihm nicht verziehen werden sollen".
Nur zögernd nahmen denn auch die Genossen zur Kenntnis, daß der rechtslastige Spitzengenosse den Krach mit den Partei-Junioren allmählich herunterspielte und Kontakt zur Mitte suchte. Ein ehrgeiziges Projekt der Parteiführung bot ihm die Möglichkeit, den Anschluß zum langsam, aber sicher nach links driftenden Parteivolk zu halten: Nach dem Saarbrücker SPD-Parteitag übernahm Schmidt die Leitung einer Kommission. die in einem Langzeitprogramm der Partei Perspektiven bis 1985 weisen sollte.
Schmidt nutzte die Chance. Gemeinsam mit seinem Stellvertreter. dem schleswig-holsteinischen SPD-Vorsitzenden Joachim Steffen, präsentierte er ein Programm. nach dem in den nächsten 13 Jahren die Deutschen fast die Hälfte des Bruttosozialprodukts für Staatsausgaben und Sozialversicherung abführen sollen (derzeit 38,8 Prozent). Nach der gemeinsamen Arbeit riet Steffen. Ziehvater der Jusos. dem jungen Parteivolk, fortan den Konflikt mit Schmidt zu meiden. Juso-Funktionär Erdmann Linde sagte voraus: "Der könnte sogar für die Linken als Parteichef akzeptabel werden."
In der Regierung erleichterte Karl Schiller dem anpassungsfähigen Parteiführer die Absetzbewegung vom rechten Flügel. Anders als der um das Wohlwollen der Industrie buhlende Schiller forderte Schmidt, das sozialliberale Regiment müsse noch in dieser Legislaturperiode die schiefe Vermögensverteilung korrigieren und das ungerechte Steuersystem reformieren.
Als Schiller im vergangenen Herbst mit Detail-Berechnungen über die angeblich mageren Gewinnspannen der Industrie die Vermögensplane der Regierung zu blockieren versuchte. geißelte Schmidt im Bundeskabinett die "übertriebene Ängstlichkeit". mit der sich der Parteifreund um Unternehmerprofil sorgte. Und als der kapriziöse Finanzminister sich mit seinem Steuerreform -Staatssekretär Haller überwarf, brüllte Schmidt den Quertreiber in der Ministerrunde des Palais Schaumburg an: "Sie sabotieren die Steuerreform."
Weitere Pluspunkte bei Linken und Gewerkschaften sammelte der Parteiaktivist. als er sich rückhaltlos hinter die DGB-Forderung nach paritätischer Mitbestimmung stellte. Auf dem Berliner DGB-Kongreß Ende Juni propagierte er die Mitbestimmung sogar als "unverzichtbare Voraussetzung für die Erhaltung und Entfaltung unserer demokratischen Grundordnung". Mitbestimmungsgegner Schiller danach: "Ich traute meinen Ohren nicht."
So zielsicher der stellvertretende SPD-Vorsitzende die starke Mitte der Partei ansteuerte, so sehr pflegte der Minister die Selbstdarstellung als Staatsmann. So mußte ein Redakteur des SPD-Propagandablattes "Die Debatte" im Januar ein Interview mit Schmidt nach Vorlage bei dem Minister radikal entschärfen. Die schmissige Schlagzeile "Wir arbeiten, die anderen meckern" wurde vom Partei-Vize eigenhändig in ein fades "Leistungen. trotz aller Unkenrufe" umgeschrieben. Einwände schmetterte der Gereifte ab: "Ich bin nicht mehr Schmidt-Schnauze."
Vergeblich hoffte Kanzler Brandt auch in harten Parlaments-Fights auf Entsatz durch den schlagfertigen Bundestags-Profi -- der fand es zukunftsträchtiger, sein persönliches Ansehen durch Zurückhaltung zu mehren. Offizielle Begründung: Als Bundeswehr-Chef könne er sich nicht am parteipolitischen Kleinkrieg beteiligen.
Und als Parteifreunde ihn unlängst aufforderten. den Kontakt zum Kanzler zu suchen und dem Regierungschef als Entscheidungshelfer zu dienen, beschied er die Genossen: "Wenn mich keiner ruft, ich bin doch keine Hure."
Schon fürchteten die sozialdemokratischen Wahlwerber, ihre Attraktion mit den demoskopischen Traumnoten wer de auch im Wahlkampf parteipolitisch abstinent bleiben und als Willy Brandt", Wahllokomotive ausfallen.
Doch da trat Schiller ab. und Schmidts Einzug in das wahlentscheidende Doppelministerium zerstreute letzte Zweifel an Solidarität und Engagement des Vize. Ein SPD-Werber: "Jetzt muß Schmidt aus der Reserve."
Den Wahlplanern in der Bonner SPD-Baracke erscheint ihr Duo Brandt-"Schmidt als "Wunsch-Kombination": Der populäre, rhetorisch gewandte Schmidt kann nun -- vermutlich besser als der unberechenbare und in der Wählergunst abgeschlaffte Schiller -- das Terrain der Wirtschafts- und Finanzpolitik abdecken; der Nobelpreisträger kann sich die ihm fremden Wirtschaftsdetails ersparen und sich im Wahlkampf ganz der "Aura des Obervaters" (Baracken-Jargon) hingeben.
Schmidts Ansehen bei CDU-Wählern. so kalkulieren die sozialdemokratischen Propagandisten überdies, werde zudem alle Versuche vereiteln, ihn als Verräter der von der Union längst seliggesprochenen Marktwirtschaft zu verketzern. Auch der neue Superstar ist sich seines Wahlkampf-Wertes gewiß: "Die Herren Barzel. Narjes und Strauß werden sich wundern."
Als Wunderwaffe möchte sich Schmidt schon im September erweisen. Nach dem Terminplan des Doppelministers wird das Kabinett seinen Bundeshaushalt 1973 in den Grundzügen verabschieden. Danach will sich Schmidt auf internationalem Parkett bewähren. Der EWG-Gipfel in Paris. das EWG-Finanzministertreffen in Rom, der EWG-Ministerrat in Brüssel sowie die die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Washington sollen dem gelernten Volkswirt zu weltweitem Auftritt verhelfen.
Das Konferenz-Karussell bietet einen weiteren Vorteil: Als Weltreisender in deutscher Mark kann der Minister am besten demonstrieren, daß nicht er. sondern die internationale Inflation Schuld an Westdeutschlands Geldentwertung von derzeit 5,6 Prozent ist.
Der Erfolg wird ihm kaum versagt bleiben. Denn Helmut Schmidt handelt nach dem Grundsatz: "Mir kommt es eigentlich mehr darauf an. was zu bewegen. und das, was man bewegt, besser zu bewegen als der Vorgänger oder der Nachfolger oder der Nebenmann oder der andere Nebenmann auf der linken Seite. Das ist mein Ehrgeiz."

DER SPIEGEL 34/1972
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