21.08.1972

„Ein Geschenk der Deutschen an sich selbst“

Münchens Olympia beginnt: statt Völkerfest Streit um die Teilnahme Rhodesiens, statt Amateur-Wettstreit nationale Konfrontation im Stadion. Ein bescheiden geplantes Projekt ist zum Milliarden-Monstrum aufgebläht worden, das perfektionierte Heiterkeit verspricht und den Spielführer Willi Daume mittlerweile ebenso desillusioniert wie die Bürger der Olympia-Stadt. Der Olympia-Chef beklagt „eine Fehlentwicklung der Spiele“.
Proteste, Boykottandrohungen, Absagen -- eine schlechte Nachricht nach der anderen ging letzte Woche bei den Olympia-Organisatoren in München ein. Wegen der Teilnahme Rhodesiens legten sich schwarzafrikanische Staaten quer, und von einem strahlenden Olympia war nicht mehr die Rede.
Gewiß, der Countdown läuft, das Spektakulum wird anheben am Sonnabend dieser Woche. Aber es stimmt schon nicht mehr, was Willi Daume, der Präsident des Organisationskomitees (OK) für die Spiele in München, Anfang August konstatierte: "Alles, was man für oder gegen die Spiele sagt. nützt den Spielen gleichermaßen."
Und davon abgesehen -- wem nützen denn die Spiele?
Wenn es nach den olympischen Hohenpriestern ginge: der ganzen Welt. Dann fände auch in München, wie alle vier Jahre wieder, ein Fest der Völkerverständigung statt, "Weltspiele des menschlichen Frühlings", wie Otto Szymiczek, 62, sich ausdrückt, Kurator der Olympischen Akademie in Olympia.
Letzte Woche, als der Rhodesienkonflikt aufbrach, zeigte sich einmal mehr, daß die Olympia-Funktionäre exakt soviel und sowenig Völkerverständigung stiften können, wie es die Regierungen zulassen. "Der Sport hat nach der Pfeife der Politik zu tanzen", schrieb die "FAZ"; nur hat sich das bis zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC) noch nicht herumgesprochen.
Die Olympia-Senioren um IOC-Präsident Avery Brundage, 84, der Olympisches einmal als "zeitgenössische Religion" definiert hat, können von ihren olympischen Illusionen offenbar ebensowenig lassen wie ein alternder Athlet vom Dauerlauf. Das Fackel-Ritual ist ihnen noch immer grad so wichtig wie der Amateurismus-Kult -- laut Szymiczek ist das "Hingabe an eine Sache, die keine materiellen Gewinne bringt".
Den Amateur, von dem das IOC schwärmt, gab es nicht einmal im alten Griechenland -- so setzte Solon auf einen Olympia-Sieg 500 Drachmen aus (Kaufpreis für 500 Schafe). Spätestens seit sich 1952 in Helsinki die Sowjet-Union am olympischen Geschehen beteiligte, wettstreiten nicht mehr einzelne und Amateursportler, wie es das IOC-Statut vorschreibt, sondern imgrunde Nationen und nationale Profis -- Staatsprofis (wie in der UdSSR), Universitätsprofis (wie in den USA), Sporthilfeprofis (wie in der Bundesrepublik). Und allesamt schwören sie bei der Eröffnungsfeier einen "olympischen Meineid" -- so der Titel einer TV-Sendung über "Glanz und Elend einer Idee".
Das IOC schwärmt noch immer vom "Sport aus reiner Liebhaberei" (so der Sport-Analytiker Bodo Harenberg) und ignoriert, daß sich der enorm hohe Leistungsstandard nur noch erreichen läßt, wenn die Weltbesten gleich "Schwerstarbeitern" schuften -- wie der Gewichtheber Rudolf Mang. der jeden Tag 30 Tonnen stemmt, Steaks und Eier massenweise verschlingt und sich von Josef Neckermanns "Deutscher Sporthilfe" päppeln läßt.
Daß solcher Spitzensport Vorbild sein könne für den Breitensport auch das ist, absurderweise, eines der Rechtfertigungsargumente der Olympia-Funktionäre. Der Nutzen solcher Strapazen erschließt sich wohl noch am ehesten dem Herrenreiter Neckermann, der noch im letzten Jahr im Verein mit der "Bild"-Zeitung bangte: Nur bei "härtestem Einsatz" werde man sich 1972 "nicht zu schämen brauchen".
Ähnlich reagierte Charles de Gaulle 1960 auf die schwache Leistung seiner Landsleute ("nationale Schande"), ähnlich Robert Kennedy 1964. Längst hat sich der Hochleistungssport vom Breitensport absentiert und dient, so Neckermann, als "nationales Aushängeschild -- mit der Folge, "daß sich die Gesellschaft in ihren Spitzensportlern repräsentiert sieht". Mang hebt für Deutschland, doch wieder.
Zu spät warnen die beiden Kirchen in einer gemeinsamen Erklärung: "Der Hochleistungssport als Mittel nationaler Repräsentation ist unter ein gefährliches Diktat geraten." Zu spät kritisiert Spielführer Daume: "Die Fixierung auf Goldmedaillen ist eine Fehlentwicklung der Spiele." Der Countdown läuft, und das leichtfertige Versprechen der deutschen Olympia-Planer, daß einmal wirklich alles ganz anders sein werde, verflüchtigt sich unterm luftigen Acryl-Glasdach auf dem Oberwiesenfeld.
Seine akrobatische Ästhetik liefert den Münchner Olympia- Managern das optische Alibi für die versprochene Heiterkeit der Spiele, die den Berliner Monumentalismus von 1936 vergessen machen und dem Image der Bundesrepublik in aller Welt aufhelfen sollen -- als ob sich das bewerkstelligen ließe ohne glaubwürdige, kontinuierliche Politik. Der Image-Argumentation wohnt die Schaumkraft von Reklamesprüchen inne: München, der große Buntmacher.
Das ganze kostet an die zwei Milliarden Mark -- oder, wenn es nach den deutschen Olympia-Machern ginge. noch weniger als gar nichts. Olympia-Pressechef Hans Klein: "Die Spiele 1972 sind ein Riesengeschäft. Vor allem für den Steuerzahler. Sie kosten ihn keinen Pfennig", denn der größte Teil der Kosten sei durch Olympia-Lotterie. Eintrittskarten, Lizenzgebühren und Münzgewinn herbeigeschwemmt worden -- "ein Geschenk der Gemeinschaft an sich selbst.
Mehr noch: "Mit den so geschonten Steuermitteln können mehr Krankenhäuser, Kindergärten oder Universitäten gebaut werden."
Solche Münchhausen-Ökonomie, die so abstrus anmutet wie die Olympia-Philosophie des IOC, ließe es nachgerade als ein Gebot der Vernunft erscheinen, immerfort Olympia zu veranstalten, um immerfort Steuern zu sparen. Und nur auf diese Weise läßt sich offenbar noch rechtfertigen, daß die Olympiakosten sich vervierfacht (auf rund zwei Milliarden Mark), die Kosten des Daches sich sogar mehr als verzehnfacht haben -- von 16 auf 188 Millionen Mark; jeder Industriemanager von Rang wäre nach einer solchen Fehlkalkulation gefeuert worden.
Doch bei Olympia geht das. Da kommt dem Olympia-Pressechef sogar in den Sinn, die mit beispiellosem Lotterie-Rummel beigetriebenen Olympia-Millionen als Resultat einer "Bürgerinitiative" zu bezeichnen.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Bürgerinitiativen richten sich aktiv gegen soziale Mißstände, verfehlte Städteplanung. Umweltverschmutzung. Die zahlende Olympia-Kundschaft aber gefällt sich in Passivität, hat die Olympia-Münze in der Vitrine deponiert, auf einen Losgewinn gehofft und will sich nun dafür noch eine gute Sport-Show bieten lassen.
Eine breite Bürgerinitiative gegen verlogene Olympia-Ideale, für bescheidene Spiele, hat es nie gegeben. Die Republik hat genau die Spiele, die sie verdient -- und womöglich werden sie wirklich heiter.

DER SPIEGEL 35/1972
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