21.08.1972

„Dienen wir überhaupt einer guten Sache?“

Willi Daumes frühes olympisches Schlüsselerlebnis hat mit Sport gar nichts zu tun. Es ist eher sentimental. Er hatte es 1932, bei der Schlußfeier der Spiele von Los Angeles.
Daume, heute 59, war damals neunzehn, von Hause fort ohne Wissen der Eltern, eine Handelshochschule hatte die Studienreise nach Amerika organisiert. Es war eine böse Zeit, in Amerika dominierte noch die Depression, drüben in Deutschland drohte schon die Diktatur. Die Jugend der Welt schied von Los Angeles ins Ungewisse. Kein Regenbogen erschien zum Abschied.
Aber auf einmal sang das ganze Stadion diesen Hawaii-Schlager, der gerade Mode wurde: "Aloha Od", das Lied vom Lebewohl wider Willen.
Dies war einer jener Augenblicke im Leben des Willi Daume, zu dem er inständig "Verweile doch!" sagte. Und da keimte auch bereits die Vision, Daumes Vision: Olympia als Fluchtpunkt, die Spiele als Zuflucht vor dem Alltag. Olympische Spiele als ein abenteuerlicher Versuch, den Widerspruch zwischen Spiel und Plage, zwischen Körper und Geist wenigstens zeitweilig aufzulösen in ein Fest der Völker.
Der Versuch ist gescheitert. und Daume weiß es. Das mag ja heiter werden in München, wenn wir Glück haben -- aber hingehen und zuschauen und den Fernseher anknipsen werden die Leute, weil diese Spiele wieder mal "das große, allumfassende Turnier der Nationalmannschaften der Völker der Erde sind. Alles andere kommt offensichtlich beim gegenwärtigen Stand der Dinge erst in zweiter Linie. also Humanität, Kultur, Erziehung mit allem, was dazugehört, Freundschaft und was es an sonstigen schönen Worten gibt". Sagt Willi Daume.
Die Selbstverwirklichung des Homo ludens findet in München eigentlich nur noch im Arbeitszimmer des Präsidenten des Organisationskomitees statt. dort allerdings total. Willi Daumes höchst persönliches Chaos aus Spielkram, Kunst und Aktenplage hat fast etwas Trotziges. ein Dennoch-Flair -- man soll sehen: Der will das so. er findet sich auch, verdammt nochmal, darin zurecht, obwohl schon kaum noch eine Schranktür zugeht und obwohl der riesige Schreibtisch und die beiden superfunktionellen Stehpulte aus der Miller-Kollektion aussehen wie nach einem Wirbelsturm.
Aber eine Spielzeugampel hat da Platz, die von Rot über Gelb auf Grün und wieder zurück schaltet, eine Packung Tennisbälle liegt zwischen der Korrespondenz, die Schläger sind auch irgendwo, einer auf der körpergerechten Managerliege, die im übrigen von einer Druckschriftenlawine verschüttet worden ist, der andere klemmt irgendwo in einem der beiden Stehpulte. Ein ganzer Trimm-dich-Zirkus steht herum, der Heimtrainer vor dem Fernsehgerät. zwei Pedaltretmaschinen in Schreibtischnähe. Und Kunst natürlich, Kunst ist überall. kinetischer Krimskrams auf dem Konferenztisch, in Schienbeinhöhe eine Bronzeplastik, auch Keramik ist da, sogar Kristall. Und über zwei Telephone hinweg glotzt ein Porzellantier in den sinnlich geöffneten Mädchenmund auf einem knallfarbenen Pop-Poster.
Dies ist Daumes Olympia im Modell. Hier kann man noch sehen, was ihm ursprünglich einmal vorgeschwebt hat. wie er Sport und wie er Spiel versteht: nämlich als die Harmonisierung von Gegensätzen durch deren Koexistenz -- man kann auch sagen: durch festliches Beisammensein. In Daume und um Daurne herum ist immer ein bißchen Weihnachten. Es kommt vor, daß er mitten im Gespräch aufflattert und mit diesem hurtig humpelnden Gang. den er von einer alten Sportverletzung zurückbehalten hat, irgendeine mysteriöse Kiste suchen geht, um ihr ein Ge schenk für den Gast zu entnehmen. meist schon das zweite oder dritte.
Aber das alles bleibt Modell. Nachgebaut wird es mitnichten. Was der Präsident des Organisationskomitees Willi Daume seit sechs Jahren realisiert. das ist praeter propter die alte Rekord-Razzia. an deren guten Sinn er längst nicht mehr glauben mag.
Wir wissen, sagt er. "keine feste. gültige oder auch nur geglaubte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des modernen Höchstleistungssports" -- Und also "bleibt uns schließlich auch nichts anderes übrig, als einzugestehen. daß wir auf die Frage nach dem großen Sinn dieser Mammutveranstaltung doch keine Katechismusantwort wissen". Vielmehr müssen "wir uns fragen, dienen wir mit den Münchner Spielen überhaupt einer guten Sache"?
Warum also, wenn er sich noch nicht einmal im klaren ist, ob "die mitreißenden und unvergeßlichen Leistungen der besten Athleten der Welt unter den heutigen Bedingungen . noch ihren humanitären, menschenbildnerischen Mittelpunkt haben", warum hat Daume dann die Olympischen Spiele überhaupt in München haben wollen?
Einen Patrioten mag Willi Daume sich nicht nennen lassen, und Nationalismus ist für ihn schlicht "das Letzte". Aber die durchaus vaterländische Idee, daß sich nun schleunigst eine Stadt in der Bundesrepublik als Austragungsort Olympischer Spiele bewerben müsse, kam ihm (und fürs erste nur ihm) just in jenem Oktober 1965, als das Internationale Olympische Komitee auf seiner Sitzung in Madrid der DDR zubilligte, inskünftig mit einer eigenen Olympiamannschaft antreten zu dürfen.
Gewiß, Daume war damals der Unterlegene und als solcher wohl auch nicht frei von Revanche-Gelüsten; immerhin hatte er bald 15 Jahre lang als hoher Sportfunktionar der Bundesrepublik für eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft gefochten. Aber als Politikum von einiger Relevanz, etwa gar als "Sieg des Sports über die Politik", hat er dieses Freude-schöner-Götterfunken-Aufgebot nie angesehen: "Das ist alles Unsinn. Das war nur eine kleine menschliche Begebenheit am Rande der großen Politik." Und zu der hat Willi Daume nicht eben ein intensives, allenfalls ein naives Verhältnis.
Auf den ersten Blick stimmt da nichts zusammen, auch nicht auf den zweiten. Zum Beispiel Management fesselt diesen "Mister Olympia" überhaupt nicht, und Organisation im verwaltungstechnischen Sinn ist auch nicht gerade der Zuckerguß auf seiner Schokoladenseite. Aber er managt, seit er 24 ist, die vom Vater ererbte Eisengießerei in Dortmund (300 Beschäftigte), hat die Finger in einer deutsch-holländischen Erzhandelgesellschaft sowie in einer Bank. Und auch wenn er den Arbeitsaufwand erklärtermaßen grausam unterschätzt hat -- er ist aus freien Stücken und ohne materiellen Gewinn der oberste Organisator der Olympischen Spiele geworden.
Was ihm wirklich Spaß macht, ist "das Spiel mit großen Entwürfen"; aber er ist so detailfanatisch, daß er auch die Endfassung von Fuchsbergers Stadion-Sprüchen noch selber schreibt. Er hat eigentlich Arzt werden wollen (was dann nicht ging, weil er ja die Gießerei übernehmen mußte); aber seine wahre Leidenschaft gehört dem Abenteuer in Grenzbereichen: Wenn er noch jünger wäre, würde er sich gern aktiv an einem Mondlande-Unternehmen beteiligen, und seinen Ferrari hat er auch bloß deshalb verkauft, weil der im Münchner Stadtverkehr sonst sauer geworden wäre.
Es gibt nur einen Willi Daume. Das ist unter diesen Umständen kein Kompliment. das ist ein Problem -- sein Problem. Denn Widerspruch ist Willi Daumes Wasserzeichen; nicht Widerspruch, den er erhebt, sondern Widerspruch. den er erlebt: der Widerspruch in sich selber.
Aber er hat sich nie damit abgefunden, nicht endgültig. Er hat sieben Jahre keinen Urlaub gemacht, es sei denn von seiner Frau und seinen beiden Kindern; er schläft schon seit Monaten nur noch im Büro, aber er ist immer noch nicht davon überzeugt, daß es un-
* Oben: Mit IOC-Mitglied Berthold Reitz (l.), Mitte: Bei einem Freundschaftsspiel zwischen Mannschaften des Organisationskomitees und der "Lach- und Schießgesellschaft" in München, Unten: Mit der Goldmedaillengewinnerin im Fechten bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom, Heidi Schmid.
möglich sei, Spiel und Arbeit miteinander zu harmonisieren. Er kennt "jeden Stein" im alten Olympia, hat sich dort sogar archäologisch engagiert und "den Pausanias ganz gelesen" -- nicht zur Vorbereitung auf die Münchner Spiele, sondern weil ihn die Erkenntnis fasziniert, daß die alten Griechen offenbar imstande waren, gewisse Brücken zu schlagen zwischen Körper und Geist.
Denn genau das ist es, was den Willi Daume -- als einen "denkenden Menschen, der von frühester Jugend an in ein intensives Verhältnis zum Sport geraten ist" -- in Wahrheit an eben diesem Sport interessiert: das Humanum, das "Leben vom Leibe her".
Er hat ernsthaft geglaubt, München müsse das erweisen, Olympia 72 werde einen neuen Sinn für die Spiele in solchem Brückenschlag suchen, vielleicht sogar finden. Das war die Vision.
Das war die Illusion. Die Erkenntnis, daß sie keinesfalls realisierbar sei, schon weil Leistungssportler eben nicht "die Jugend der Welt" sind, jedenfalls ganz anders leben, weil Woodstock und die Arena einander ausschließen und auch weil Rodeo nun mal ein anderes Publikum hat als der "Rosenkavalier" -- "die Erkenntnis hatte ich damals nicht".
Als Aktiver ist Willi Daume, mit dem ganzen Turnverein, öfter mal ins Theater gegangen, manchmal sogar zur Kirche. Und es gibt auch heute noch Athleten, die seinem Idealbild zumindest nahekommen, nicht viele: Heidi Schmid zum Beispiel, die Fechterin, Goldmedaillen-Gewinnerin von Rom, damals Musikstudentin und "auch heute noch ein bißchen ausübende Künstlerin, überhaupt eine hinreißende Persönlichkeit". Sie hätte "ich so gern hier als Eidsprecherin gehabt". Aber Heidi Schmid ist in München nicht mehr dabei.
"Das ist ja alles schiefgegangen", gesteht Daume, wenn er etwa an die ursprüngliche Absicht denkt, im "Offiziellen Geschenkwerk" des Organisationskomitees "nur einige literarische Aussagen über den Sport" zusammenzustellen, oder auch an Regisseur Rennerts Idee, dem Komponisten Werner Henze eine "olympische Oper" in Auftrag zu geben. Das einzige, was Willi Daume über die zermürbenden Kräche der also angesprochenen Künstler hinwegtröstet, ist die Tatsache, "daß auch Leute von diesem geistigen Rang geglaubt haben, es gebe solche Verbindungslinien".
Aber die olympische Oper ist nie geschrieben worden, und das "Offizielle Geschenkwerk" ist jetzt eine konventionelle, literarisch-politische Anthologie. "Die alte Gleichung von Sport und Geist", schreibt Daume im Vorwort. "erfüllte sich nicht."
Für Willi Daume ist dies das Eingeständnis einer Niederlage. Ein Mann, der auf die imaginäre einsame Insel sowohl einen Ball ("Ich kann mich mit einem Ball sehr gut beschäftigen") als auch die Briefe Thomas Manns, ein Benn-Gedicht ("Aprèslude") und eine D-Dur-Suite von Johann Sebastian Bach mitnehmen würde, schreibt einen solchen Satz nicht ohne weiteres hin. Er verabschiedet sich damit von seiner Vision.
Das Erstaunliche ist: Er tut es ohne Groll, beinah erleichtert. Den Auftrag, die olympische Bewegung aus der Krise, in der er sie weiß, herauszuführen, gibt er vage weiter: "Ich glaube, die Idee des Friedens wird mehr und mehr die beherrschende bei Olympischen Spielen werden, weil sie unangreifbar ist." Was ihn selber angeht, so kämpft er nicht mehr um Konzeptionen -- auch "weil es Wichtigeres gibt als Olympische Spiele". Zum Beispiel, "daß wir gute Gastgeber sind".
Der künstliche Regenbogen bei der Schlußfeier ist ihm jetzt wichtig; auch die Tatsache, daß man die Nationalhymne bei der Eröffnungsfeier zweimal spielen könnte, aber bloß einmal spielen will; oder die Bogenschießanlage im Englischen Garten. die nichts weiter ist als eine romantische Lichtung mit provisorischen Tribünen: "Das ist genau so geworden, wie ich es wollte, darauf bin ich wirklich stolz."
Auch erzählt er jetzt gern eine Begebenheit, die "mein Freund Ortega" 1954 in einer Rede vor dem Bundestag des Deutschen Sportbunds "Über des Lebens festlich-sportlichen Sinn" vorgetragen hat. Es ist im Grunde eine alte spanische Zirkusnummer: Der Clown tritt auf und spielt auf seiner Flöte, aber der Zirkusdirektor mag das nicht und nimmt dem Clown die Flöte weg. Da zieht der Clown eine neue Flöte aus seinem Gewand, und der Zirkusdirektor nimmt sie ihm wieder weg. Das wiederholt sich solange, bis der Zirkusdirektor aufgibt. Denn der Clown findet immer wieder eine neue Flöte und eine neue Melodie.
Der Clown hat Willi Daumes ganze Sympathie.

DER SPIEGEL 35/1972
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