21.08.1972

VERKEHR

Blitz-Krieg

Temposünder rechnen sich nun auch gegen das Super-Radar eine Chance ·aus -- sie blitzen zurück.

Vergnügt rieb sich der Hamburger Kaufmann Friedhelm Rabe* die Hände: "Na, sieht das Ding etwa anders aus als ein normaler Rückstrahler?" Das "Ding". in der Tat einem Rückfahrscheinwerfer gleichend. war am Heck eines weinroten Mercedes montiert. Es soll Rabe vor Bußgeldzahlung bewahren, "wenn ich mal zu stark auf den Pinsel trete" -- denn Rabe wähnt sich gegen Radar-Photo-Kontrollen gefeit: "Der Schuß geht hundertprozentig in den Ofen."

Rasende Autofahrer, in deutschen Städten nicht eben selten anzutreffen, haben von jeher nach Methoden gesucht, den Radarstrahl der Verkehrskontrolleure zu überlisten. Aberwitzig anmutende Praktiken haben sich dabei entwickelt, gelegentlich sogar den Absatz von Zahnpasta und Abfallgummi erhöht, doch ihren schlechten Zweck eigentlich nie erfüllt,

Auf die Kraft des "Schwänzchens" beispielsweise haben so viele Automobilisten vertraut, daß Gummistreifen. die nach Art eines Schweifes vom Autoheck nachgeschleift werden mußten, noch vor wenigen Jahren plötzlich reißend verkauft wurden. Die Schwänzchen. mit Metallspänen durchsetzt, sollten Autofahrer gegen das womöglich irritierende Kitzeln elektrostatischer Entladungen schützen. Insgeheim aber erhofften sich die meisten Käufer von ihnen, sie würden -- wie ein Tankstellenpächter formulierte -- "den Radarstrahl verflimmern" --

Einen ähnlichen Effekt erhofften sich jene, die im Kofferraum metallene Vogelschreck-Folien pendeln ließen. Besonders im westlichen Bundesgebiet gingen speedbesessene Kraftfahrer schließlich dazu über, ihr hinteres Kennzeichenschild mit Zahnpasta zu bestreichen -- Farbstoff und Schlämmkreide, so meinten sie, würden sich auf dem Radarphoto grob verkörnend auswirken und das Kennzeichen unleserlich machen.

Doch auch gerichtliche Einsprüche, etwa mit dem Argument, der Radarstrahl sei durch parkende oder überholte Fahrzeuge abgelenkt worden, verfangen häufig nicht mehr, seit immer mehr Polizeiwagen mit einem neuartigen "Super-Radar" ausgerüstet werden. Das "Multanova 3 EG" genannte Gerät pickt selbst jene schlimmen Zeitgenossen noch zweifelsfrei heraus, die mit überhöhter Geschwindigkeit im Zickzack durch einen auf mehrere Fahrspuren verteilten Wagenpulk brechen. "Jetzt", sagte der Hamburger Hauptkommissar Werner Steffen bei

* Name wurde von der Redaktion geändert.

der Einführung der "Multanova"-Meßwagen, "erwischen wir alle."

Eben nicht. Das meinen jedenfalls Autofahrer wie Kaufmann Rabe. die nun eine Gegenwaffe ins Gefecht führen: eine "Anti-Blitz-Lampe", wie sie beispielsweise die holländische Firma "Elektronik C. Sterk" unter "Verschiedenes" in den Annoncenspalten deutscher Motor-Fachzeitschriften zum Preis von 79,50 Mark für "leichte Selbstmontage" anbietet. Die als Rückfahrscheinwerfer getarnte Apparatur "verhindert automatisch, auf elektr. Wege photographiert zu werden" (so die Herstellerfirma). Ihr Arbeitsprinzip ist einfach: Unter dem Lichtreiz eines Elektronenblitzes löst eine Photozelle im selben Moment den Gegenblitz aus ein Blitz hebt den anderen auf. Blitz-Blitzer Rabe, der sein Gerät mit einer Polaroid-Kamera getestet hat. über die Auswirkung: "Da werden die sich aber wundern, wenn die nichts auf dem Film haben" Der so abgeschirmte Temposünder muß nur darauf achten, daß für den Anti-Blitz stets genügend starke Batterie-Energie vorhanden ist.

Da der Einbau eines Antiblitz-Geräts verboten ist, "werden wir uns Gegenmaßnahmen einfallen lassen, wenn derartige Fahrzeuge häufiger auftauchen" (so der Hamburger Oberkommissar Heinz Finke). Notfalls wollen die Radarwächter trotz Personalmangels sogar zu einer früheren Praktik zuruck kehren und beim Meßwagen ein "Verfolgungsfahrzeug" aufstellen. Finke: "Wenn einer zurückblitzt, sausen wir hinterher."

Einen unwägbaren Trumpf behalten die Tempokontrolleure ohnehin in der Hand: "Bei einigermaßen Helligkeit" kommt die mit dem neuen Super-Radar gekoppelte Kamera auch ohne Blitzlicht aus -- dann haben auch die Blitzlicht-Partisanen umsonst geladen.


DER SPIEGEL 35/1972
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