21.08.1972

UNWETTERTödliche Falle

Der Hagelsturm von Stuttgart beschäftigte die Meteorologen: Das Unwetter läßt sich erklären, vorhersehen ließ es sich nicht.
Eigentlich hatte die Zone tiefen Luftdrucks, die sich Anfang letzter Woche von Frankreich her auf Stuttgart zu bewegte, den Namen nicht verdient: "Zu mickrig", meinten die Meteorologen des Stuttgarter Wetterdienstes über das Tief. Ihre Prognose für den Dienstag hatte dementsprechend gelautet: Gemäßigt schwüler, durchschnittlicher Sommertag, "für die Jahreszeit fast zu kühl".
Doch dann, am frühen Nachmittag dieses Tages, tobte für 30 Minuten über der baden-württembergischen Metropole das schwerste Unwetter seit 25 Jahren.
Zuerst waren der große Regen und Hagel in der Gegend um Tübingen losgebrochen. Gepeitscht von Windböen mit bis zu 110 Stundenkilometer (Windstärke 11), waren dort binnen drei Viertelstunden 80 Liter Niederschläge pro Quadratmeter niedergegangen, fast soviel wie sonst während des ganzen Monats August. Tübinger Straßen standen bis zu 40 Zentimeter unter Wasser, walnußgroße Hagelkörner zertrümmerten Fensterscheiben, zum Beispiel im Neckarwerk, in dessen Maschinenraum es zeitweilig winterlich aussah. In Bühl riß der Dachsparren einer Fabrik ab, wirbelte rund 100 Meter durch die Luft, durchschlug das Dach eines dreistöckigen Hauses und bohrte sich in eine Küche. Ein Holzlager bei Kilchberg sah nach dem Wetter aus "wie ein überdimensionales Mikado-Spiel" (so das "Schwäbische Tagblatt").
Während es um Tübingen noch goß, braute sich die Gewitterfront über dem 30 Kilometer entfernten Stuttgart erneut zusammen. Und genau um 15.40 Uhr brach dann das Unheil los: Hagelschlag von oben und bald auch meterhohe Fontänen aus den Gullys der überlaufenden Kanalisation.
Drei Angestellte der Imperial GmbH in der überschwemmten Böblinger Straße ertranken. Claus Lange, 29, Jürgen Wolf, 28, und Heinrich Schnabel, 21, waren im Lagerraum im zweiten Untergeschoß des Gebäudes beschäftigt, als durch einen Luftschacht das Wasser eindrang und die Fluchtwege -- Tür und Aufzug -- blockierte. Binnen kurzem war der zweieinhalb Meter hohe Raum bis an die Decke gefüllt.
Vorläufige Bilanz des Wetterschlages, der sich in unterschiedlicher Stärke in einer Schneise von Tübingen bis München entladen hatte: allein in Stuttgart sechs Tote, 31 Verletzte und 19 Obdachlose. Erste Schätzung des Sachschadens: mehr als 100 Millionen Mark.
"Da muß irgend etwas passiert sein", erklärte Ende letzter Woche der Stuttgarter Meteorologe Helmut Zimmermann, "was wir nicht verstanden haben." Vorhersagbar, so scheint es, war die Wetterunbill nicht.
Bis zum Einsetzen des Unwetters war die Dienstag-Wetterlage "eigentlich typisch" gewesen, meinte der Leiter des Stuttgarter Wetteramtes Dr. Joachim Bartsch, "so, wie es nach dem Durchgang einer sommerlichen Kaltfront (die Stuttgart Montagnacht passiert hatte) zu sein pflegt": Temperaturrückgang um fast zehn Grad, leicht regnerisch.
Selbst was in Tübingen geschah, hält Meteorologe Zimmermann rückblickend noch für "ein relativ kleines, harmloses Gewitter". Doch als die Gewitterfront dann über dem Stuttgarter Talkessel anlangte, da wurde "die vielgerühmte Topographie der Neckarstadt". so Bürgermeister Dr. Rolf Thieringer, "zum Windkanal, zur Wetterfalle".
"Diese Mordsaufwinde", warmfeuchte Luftmassen, die von den noch sommerlich aufgeheizten Stuttgarter Wohnvierteln aufstiegen, waren nach Meinung des Wetteramtschefs Bartsch schuld daran, daß sich die Wolkenbänke nochmals mit Hagel aufluden.
"Ganz spontan" seien die heißen und feuchten Luftmassen in Höhen bis tu zehn Kilometer aufgestiegen. Dabei kam es zu einer nicht eben häufigen meteorologischen Erscheinung: Die Wassertröpfchen, Schneeflocken und Eiskristalle in der unterkühlten Wolkenbank wurden durch jene starken Aufwinde so lange in der Schwebe gehalten, bis sie -- durch Anlagerung weiterer Eiskristalle -- zu murmel- oder gar faustgroßen Hagelkörnern gewachsen waren.
Dann aber, "sobald der Aufwind nachläßt", so erläuterte Meteorologe Bartsch, "fällt das alles runter". Angesichts solch komplexen Zusammentreffens mehrerer Ursachen wird auch verständlich, daß die Wetterforscher, wie Professor Peter Thran, stellvertretender Direktor des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach, erläuterte, bisher "weder Perioden noch Regelmäßigkeiten im Auftauchen von Unwettern" dieser Art haben herausfinden können.
Zwar war es gerade in jenem süddeutschen Korridor zwischen Mannheim, Stuttgart, Ulm und Garmisch nicht das einzige Sommer-Gewitter gewesen, das die Meteorologen registriert hatten. Vier Milliarden Liter Wasser innerhalb einer Stunde beispielsweise waren schon einmal, am 18. Mai 1966. im Stuttgarter Raum niedergegangen. Pforzheim andererseits war im Juli 1968 von einem Tornado heimgesucht worden, wie ihn westdeutsche Meteorologen zuvor nie beobachtet hatten. Bilanz des Pforzheimer Wirbelsturms: drei Tote, 255 Verletzte und 120 Millionen Mark Sachschaden.
Zur speziellen Gefahrenzone für Sommergewitter möchten die Meteorologen die betroffenen Landstriche an Main und Neckar dennoch nicht erklären. Die Formel, mit der sie die Unvorhersehbarkeit von Donner und Hagel umschrieben, lautet: "In gebirgigen Gebieten sind die Chancen für Gewitterbildung allgemein größer" (Bartsch).
Die einzige Vorsorge, mit der Stuttgarts Stadtväter die verstörten Bürger zu besänftigen gedachten, ist denn auch verkehrstechnischer Art: In Stuttgarts Autotunneln sollen künftig, wenn es zu naß wird, die Lichter angehen -- die Ampeln schalten auf Rot.

DER SPIEGEL 35/1972
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