21.08.1972

ÖSTERREICH

Gruß mit Hitler

Ein österreichischer Uno-Polizist auf Zypern deckte Nazi-Umtriebe seiner Kameraden auf. Er wurde dafür getadelt und versetzt.

Hans Landauer, Uno-Verbindungsoffizier zwischen österreichischen und griechischen Polizisten auf Zypern, mußte zur Strafe heim nach Wien. Sein Verbrechen: Er hatte sich über Nazi-Lieder und "Heil Hitler"-Grüße österreichischer Uno-Soldaten erregt.

Die Rückversetzung erfolgte über persönliche Weisung des Innenministers Otto Rösch. "Leider", erklärte der Sozialist Rösch dem Sozialisten Landauer, "haben Sie Unruhe gestiftet."

Das tut der Gemaßregelte schon seit 35 Jahren -- immer mit ähnlichem Erfolg. "Ich bin halt ein inkurabler Idealist", summiert er selbst seine Kohlhaas-Erfahrungen:

* 1937 zog Landauer, damals 16, als jüngster österreichischer Freiwilliger der Internationalen Brigaden in den spanischen Bürgerkrieg. Er wurde verwundet, im Lazarett kam noch Typhus dazu.

* 1938 verhaftete die Gestapo den "bekannten Kommunisten. Er verbrachte sechs Jahre, zwei Monate und 20 Tage in Konzentrationslagern, davon fast vier Jahre in Dachau;

* 1945 trat er in den österreichischen Polizeidienst, gab nach dem Bruch Stalin -- Tito sein KP-Mitgliedsbuch zurück und arbeitete -- zu eifrig -- als Kriminalbeamter im russisch besetzten Niederösterreich. Sein Vorgesetzter, ein später entlarvter Sowjetagent, stellte ihn kalt;

* 1963 fand er sich in der Abteilung IIc des Wiener Innenministeriums, zuständig für die Ausforschung von Kriegsverbrechern. Wieder recherchierte der Beamte Landauer zu eifrig und wurde abermals kaltgestellt; > 1966, bei Antritt der konservativen Alleinregierung der ÖVP war der Sozialist für "das derzeitige Regime nicht tragbar" (so der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit. Kurt Seidler). Er wurde zur Hotelkontrolle, Rayon Nuttenviertel Praterstern, abgeschoben.

Damit reichten Landauer die Erfahrungen seiner politischen Lehr- und Wanderjahre. Er wollte künftig nicht mehr Vorgesetzte verprellen, sondern Geld verdienen. Das österreichische Uno-Polizeikorps in Zypern schien ihm dafür geeignet.

Das "freiwillige Exil" (Landauer) begann vielversprechend. Der Österreicher avancierte zum Vizepräsidenten des Internationalen Polizeiklubs auf Zypern.

Seine dienstliche Qualifikation lautete "ausgezeichnet", sein Ruf festigte sich noch, als er bei einer Überschwemmungskatastrophe in Nikosia zwei türkische Zyprioten vor dem Ertrinken rettete. Österreichs Bundespräsident Jonas dankte ihm mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, dem bald darauf noch das Silberne Verdienstzeichen folgte.

Im März 1972 wurde der verdiente Landauer Verbindungsoffizier zur Cypol, dem griechischen Teil der zypriotischen Polizei. Er war ständig unterwegs, sah viel, hörte viel -- und genau das geriet ihm wiederum zum Verhängnis.

Landauer hörte, daß manche der österreichischen Ordnungshüter im Uno-Dienst noch 1972 von der großen Vergangenheit in Hitlers Wehrmacht träumen. Sie begeistern sich für die "finnischen Waffenbrüder" im Nachbarcamp und fahren hartnäckig "gegen Engelland", träumen laut vom "Weitermarschieren".

Von empörten Australiern erfuhr der Österreicher, daß ein Landsmann. der Polizist Sigi Rauter, sich mit einem strammen "Heil Hitler" bei einer Party eingeführt hatte und daraufhin mit einem Dänen fast ins Handgemenge geraten war.

Daraufhin vergaß der einstige KZler seine guten Vorsätze zu politischer Abstinenz. Er brachte eine Untersuchung durch den Kommandanten des österreichischen Polizeikorps in Gang.

Ergebnis: Landauer wurde mit Erlaß des Bundesministeriums für Inneres über Nacht aus Zypern abberufen. Ende Juni mußte er vorzeitig nach Wien zurückkehren. Alt-Kamerad Rauter hingegen darf seine Dienstzeit regulär beenden. "Nicht der Täter", so Landauer, "sondern der Zeuge ist bestraft worden."

Ein Protest Landauers bei Innenminister Otto Rösch (NSDAP-Mitgliedsnummer 8.595.796) erbrachte nichts. Österreichs oberster Sicherheitshüter hielt sich offenbar an den zweiten Teil eines Referats, das er unlängst vortrug -- "Möglichkeiten und Grenzen der Bekämpfung des Neo-Nazismus". Der Minister beschuldigte Landauer, die "schöne Harmonie" des österreichischen Zypernkontingents gestört zu haben.

Der Heimkehrer, der Englisch, Französisch und Spanisch spricht. soll, so entschieden seine Vorgesetzten, wieder Hotels abklappern.


DER SPIEGEL 35/1972
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