31.12.1979

RUDOLF AUGSTEIN„Wir wollen den richtigen Rudi!“

Er hatte so vieles überstanden, er, der Sportler, der Disziplinierte, der Nichtraucher, daß sein verspäteter Tod in der Badewanne dann doch wie eine Gemeinheit empfunden wurde.
Zweifelhaft, ob das Ende irgendeines umstrittenen und politisch tätigen Menschen so vielen nicht unmittelbar Betroffenen so nahegegangen wäre. Ein Geistesheros war er sichtlich nicht. Aber von ihm ging zweierlei aus: eine bezwingende Rednergabe (von allen Lehrern der Zunft als "anti-rhetorisch" gebrandmarkt) und eine Unschuld des Denkens, die unsereinem das Jesus-Kind in seiner bethlehemitischen Reinheit deutlich werden ließ: unkorrupt bis ins Mark.
Dutschke hat sich auf die Realität dieser Welt so wenig eingelassen wie unser beider Freundin Ulrike Meinhof. Nur hat er den anderen Weg gewählt. Wenn die Revolution, die auch er ja gewollt hat, nicht möglich und vielleicht sogar nicht wünschbar war, so verkündete er, noch nicht durch Kopfschuß gehandikapt, den "Marsch durch die Institutionen
Auch dies eine falsche Parole? Ich weiß nicht. Der Staat in Gestalt des autoritätsfeindlichen Bundeskanzlers Willy Brandt hat zumindest reagiert, indem er tatsächlich "Berufsverbote" verhängte, den Marsch also kanalisieren oder stoppen wollte.
Den Sozialliberalen blieb es vorbehalten, Lokomotivführer und Postbedienstete wegen politischer Gründe aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen; im Kriegsfall könnten sie ja die Eisenbahnzüge umleiten oder die Einberufungsbefehle nicht austragen. O Gott, da lobe ich mir den Dutschke (der keine Vorstellung vom modernen Krieg hatte): Was haben diese Leute für eine Vorstellung vom Krieg heute! Und vom Frieden heute!
Dutschke, wie gesagt, war kein Theoretiker. Er war ein Redner, wie es außer Strauß und Wehner in Deutschland nach 1945 keinen mehr gegeben bat. Aber im Gegensatz zu diesen beiden war er kein Pragmatiker. Die Konsequenzen seiner Einsichten wollte er ums Verrecken nicht ziehen.
Die Welt als eine gewordene anzuerkennen, dazu konnte er sich so wenig entschließen wie Ulrike Meinhof. Der Schuß, der ihn traf, traf ihn zur Zeit. Konkurs, wie die anderen, mußte er nicht anmelden. Aber die Welt, wie sie ist, wäre besser, wenn mehr Dutschkes möglich wären. Hegel hat sich mit diesem Widerspruch bis zur Lächerlichkeit herumgeschlagen.
Trägt man einen Freund zu Grabe, so kann es an persönlichen Erinnerungen nicht fehlen. Dutschke war in der SPIEGEL-Redaktion und bei mir zu Hause. Als Nixon zu Mao fuhr, hoffte der enttäuschte Räte-Republikaner inständig, Mao werde sterben, bevor dieses entwürdigende Ereignis stattgefunden hätte. Fassen wollte er"s nicht.
Lenin war in seinen auf Reinheit bedachten Augen nicht der Vollstrecker, sondern der Killer "der" -- welcher? -- russischen Revolution.
Das Instrumentarium der gewordenen Welt zwecks Umsturz zu benutzen ("Marsch durch die Institutionen") war seine Sache nicht. Widersprüche wurden per Willenserklärung aus der Welt geschafft. Er liebte die Bewegung.
Ich war der erste Dutschke-Geschädigte, als ich 1967 im Audimax der Hamburger Universität einen redlich-unschädlichen Vortrag hielt. Man wurde damals beklatscht, man wurde nicht gestört. Nur einer rief: "Wir wollen den richtigen Rudi!" Das Auditorium schien den Mann noch nicht zu kennen.
Als ich elf Wochen später mit eben diesem "richtigen" in eben diesem Audimax am Podium saß, schrie der, ein neuer Savonarola: "Wir werden einem Augstein nicht gestatten, sich mit fünf lumpigen Tausendern von unserer Bewegung loszukaufen." Anschließend nahm er mich beiseite und sagte: "Mahler kann ohne Geld nicht mehr verteidigen. Gibst du mir zehntausend Mark?"
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 53/1979
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