31.12.1979

GESELLSCHAFT

Klärung des Geistes

Rechtzeitig zur bundesdeutschen Kokain-Welle kommt ein notorischer Bestseller der 20er Jahre wieder auf den Markt: der Roman "Kokain" des Italieners Pitigrilli.

Das Überhandnehmen des Kokainschnupfens", sagt einer, "ist ein Symbol für die Vergiftung, der wir alle erliegen." Das Kokain sei der "süße freiwillige Tod, den wir alle mit verschiedenen Stimmen und verschiedenen Worten herbeirufen".

So koksen sie, der Journalist und der Loddel, die Fracktänzerin und das Stundenmädchen, das mysteriöse Lockweib aus den Schluchten des Kaukasus, der Maler, der Chirurg, der Großkaufmann, der Astronom; allein oder auf "Kokaingesellschaften", in Montmartre-Kneipen oder in den mondänen Villen des Pariser "aristokratischen Kokain-Viertels".

"Tolle Phantasien" wirbeln im Kokain-Kopf, ein "Karnevalsfest in einem Irrenhaus", eine "Kaskade von Unsinn"; "Wohlbehagen" breitet sich aus, eine "beinahe unersättliche erotische Exaltation" stellt sich ein; später dann freilich wird durchs Kokain die "Flamme der Sinnlichkeit niedergeschlagen". "Schreckliche Depressionen" folgen, "unüberwindliche Melancholien", psychische Abhängigkeit.

Im Jahre 1921 erschien ein Roman mit dem Titel "Kokain", geschrieben von einem 28jährigen Italiener, der sich "Pitigrilli" nannte. Unter diesem nom de plume und mit einem Schub weiterer Werke brachte er es in den 20er Jahren zu einer Fama des Berüchtigten, Frivolen, Nihilistischen, Subversiven und zu Übersetzungen in 20 Sprachen.

Pitigrilli, ein Name aus Zirkus und scharfer Würze, ist wieder da -- rechtzeitig zu der in der Bundesrepublik anbrausenden Kokain-Welle: Vor allem Künstlern der Film- und Musikbranche ist das weiße Pülverchen ein liebes Stimulans geworden; der Münchner Matthes & Seitz Verlag, Spezialist für verschollene Trüffeln, hat Pitigrillis "Kokain" neu zum Beschnüffeln aufgelegt**" nach der deutschen Ausgabe der 20er Jahre, die damals auf die "Schund und Schmutz"-Liste geraten war.

Pitigrilli (bürgerlich: Dino Segré) war Journalist, zunächst in seiner Heimatstadt Turin, dann bei der "Epoca" in Mailand. Er reiste viel als Auslandskorrespondent und, so gab er an, verstand "nichts von Politik": "Zuweilen lese ich den Leitartikel meiner Zeitung, um zu wissen, wie mein Direktor darüber denkt und welches dementsprechend meine aufrichtige und spontane politische Überzeugung sein muß."

Er liebte die Bocksprünge der Paradoxie, das mondäne, zynische Apercu. Er posierte gern als Welt- und Menschen-Verächter, als intellektueller Dandy und eisiger erotischer Nimrod. "Berühmtheit erlangt man durch Bluff", schrieb er, oder: "Die nennen sich Zeitschriften der Avantgarde, weil sie bei der zweiten Nummer eingehen." Sein Credo: "In jeder Frau steckt eine Hure, wie in jedem Mann ein Soldat."

Bei seinem Erst-Erscheinen kam Pitigrillis "Kokain"-Roman auf einen Markt, auf dem der "Schnee" (alias für Koks) nur so stöberte. Von Hollywood bis zum Deutschland der Weimarer Re-

* Mit Prüfstempel der Zensur.

** Pitigrilli: "Kokain". Aus dem Italienischen von M. Gagliardi. Mit einer Vorrede des Autors und einem Nachwort von Loys Egg und Peter Weibel. 328 Seiten; 28 Mark.

publik hatten vor allem Künstler, Intellektuelle und die betuchte Schickeria die Nase voll der Modedroge; "Kokolores", für des Koksers Symptome, wurde zum geflügelten Wort.

Otto Dix, Maler des menschlichen Pandämonismus, hielt 1926 eine "Koksgräfin" im Bilde fest -- kein schöner Anblick. Ein Literat aus dem Dix-Umkreis, Walter Rheiner, schrieb eine Novelle über das "fatale Wort", das ihn "langsam zerhackte: Ko-ka-in!" Sein letztes Gedicht hob an "Komm, holder Schnee", er starb als Morphio-Kokainist; die Novelle erscheint jetzt auch wieder*.

Was zur Mode-Droge wurde, war zunächst als Wunder-Medizin gefeiert worden. Und zwei Kokain-Pioniere brachten es Ende des 19. Jahrhunderts zu Weltruhm -- Sherlock Holmes und Sigmund Freud. Der Meister-Detektiv, Geschöpf des Kokainisten Sir Arthur Conan Doyle, injizierte sich den Saft als "überragendes Stimulans" und zur "Klärung des Geistes", sehr zum Mißmut des treuen Dr. Watson.

Freud hatte, als sein eigenes Versuchskaninchen, seit 1884 mit Kokain experimentiert -- nach amerikanischen und europäischen Forschungsberichten über die Wunderkräfte des Coca-Blattes: Es kuriere, hieß es, Heuschnupfen wie Alkoholismus, mache Menschen froh und Soldaten tapfer, seine anästhetisierende Wirkung wurde entdeckt, die Getränke-Industrie zog es auf Flaschen; erst ab 1903 mischte Coca-Cola seinem Gebräu kein Kokain mehr bei.

Freud, der Nerven- und Seelen-Arzt, ortete in der Droge ein Psychopharmakon -- stimmungsaufhellend, bewußtseinserweiternd, potenzsteigernd; seiner Braut kündigte er sich einmal als "großer wilder Mann" an, der "Kokain im Leib hat". Später rückte er entschieden vom Koks-Enthusiasmus ab.

Jüngster Forschung nach hat die Droge für Freud freilich auch ein Tor aufgemacht: zur "Traumdeutung", zum eigenen Unbewußten, zur Selbstanalyse. In ähnliche Krypten steigen Pitigrillis Koks-Schniefer, zur seligen Selbstvernichtung allerdings, Todestrieb im müden Leib.

"Kokain" ist ein böses, witziges, auch triviales Buch, schnittig und schneidend geschrieben, voll klirrendem Hohn auf den Menschen, gespickt mit schwefligen Bonmots vor allem über Frauen und Journalisten.

Pitigrilli hält sich ans Schema des Erziehungsromans: Ein junger Italiener namens Tito flieht, Liebeskummers wegen, in die große Stadt Paris, lernt den Bauch der Stadt kennen und den dekadenten Glamour der Society und erzieht sich vor allem zum Kokainisten.

Als Journalist in Paris hat er sensationellen Erfolg -- mit einer im Koks-Rausch geschriebenen Geschichte über

* Waltet Rheiner: "Kokain und andere Prosa". Agora-Verlag; 92 Seiten; 18 Mark.

eine Hinrichtung, die gar nicht stattfand; der Delinquent wurde begnadigt. Als seine Artikel immer tollkühner werden, bekommt er Gehaltserhöhung und die strikte Auflage, kein Wort mehr zu schreiben.

Diese fabelhafte Zeitung versorgt ihre Herren königlich, mit Fechtsaal und amerikanischer Bar, man frühstückt Austern und hat keine Illusionen über seinen Beruf: "Welch ein tenorhaftes Milieu! Wie viele politische Bramarbasse ... Oberflächliche Leute, die einen summarischen Katalog nie gelesener Bücher im Kopf haben, und die reden, reden, reden."

Tito wird in die Mysterien einer "Weißen Messe" eingeführt, einer orientalisch-üppigen Koks-Orgie, von einer Exotin, die ihre Liebhaber im Sarg empfängt ("Er ist bequem"). In schmuddligen Bistros erfährt er das Elend der kleinen Schniefer, ihre gierige Sucht, ihre vom Koks zerfressenen Nasenscheidewände; Pitigrilli ist mit der Materie innig vertraut.

Ein Lulu-Geschöpf aus der Bohème lehrt Tito noch eine tödliche Sucht -- Eifersucht. Er heißt das Flatter-Wesen "Kokaina": "Weib-Gift, das man haßt und das man liebt, weil es zu gleicher Zeit Ruin und Verzückung, Leiden und Rausch, süßer Tod und fürchterliches Leben ist."

"Es gibt keine Liebe ohne Eifersucht, nur Frauen und Kuppler behaupten das Gegenteil." Dem Leben setzt Tito nach Art des russischen Roulettes ein Ende. Er schluckt Typhus-Bazillen und wartet, ob ein Arzt ihn rettet. Mit etwas Asche aus seiner Urne trocknet Kokaina ein Billet doux an ihren nächsten Liebhaber.

Illusionen hat sich Pitigrilli nicht gemacht. "Die Leute, die Kerzen auf dem Altar des Ideals anzünden", schrieb er, "haben immer eine Kerzenfabrik hinter sich, die sie unterstützt." Oder: "Triffst du auf einen Moralisten, behandle ihn mit Achtung, aber in gehöriger Entfernung, denn die Moral ist wie die Trichine, sie lebt im Schweinefleisch."

Aus dem Saulus wurde freilich noch ein Paulus. Pitigrilli, der 1939 wegen seiner jüdischen Herkunft nach Argentinien emigriert war, kehrte 1945 nach Italien zurück, konvertierte zum Katholizismus und verdammte seine frühen Werke als "atheistisch" und "unmoralisch". Er starb 1975.

"In der Kunst", schrieb er einmal, "fängt man als Brandstifter an, und als Feuerwehrmann hört man auf." ·


DER SPIEGEL 53/1979
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