16.10.1972

Rot und Schwarz

Alle Parteien spannen für ihren Wahlkampf Olympia-Sportler ein. Aber immer mehr Sportler engagieren sich auch für die Parteien.
Scheel, Walter, wer ist das?", erkundigte sich Monika Pflug, als sie nach ihrem Eisschnellauf-Olympiasieg in Sapporo das Glückwunsch-Telegramm des Außenministers erhielt.
Noch in ihrem Abschieds-Programm kann die Münchner Lach- und Schießgesellschaft die Nur-Kicker verulken. "Ich bin für die CDU", läßt sie einen sagen. "Die haben das bessere Programm und mit Willy Brandt auch den besseren Kanzler."
Bis in die Gegenwart tummelten sich die meisten Sportler und Politiker in der Bundesrepublik auf getrennten Feldern. Das Trauma der Gleichschaltung durch Hitler führte zur Fiktion eines unpolitischen Sports. Sie nützte beiden Seiten: Die Politiker sparten Subventionen, die Fürsten der Sportprovinzen genossen ungeschmälert ihre autoritäre Macht. Noch 1970 scheiterte FDP-Minister Willi Weyer bei der Wahl zum Präsidenten des Deutschen Sport-Bundes (DSB) vor allem wegen seines politischen Engagements.
Andere Länder hatten den Sport und die Sportler frühzeitig gesellschaftlich integriert. Dr. Urho Kaleva Kekkonen ersprang sich 1924 -- mit 1,85 Meter -- den finnischen Hochsprung-Titel. 1936 zog er in den finnischen Reichstag ein, übernahm dann mehrere Ministerämter, mehrmals die Regierung und wurde schließlich Staatspräsident.
Mit 17 Jahren siegte der Amerikaner Robert Bruce Mathias 1948 im olympischen Zehnkampf. "Nie wieder", schwor er ausgepumpt. 1952 wiederholte er als bislang einziger seinen Zehnkampfsieg. Inzwischen wählten ihn die Republikaner in den US-Kongreß. Der Brite Christopher Chataway, zweimal Olympia-Teilnehmer und Weltrekordler im 5000-Meter-Lauf, führt in der Regierung Heath das Amt des Ministers für Industrie-Entwicklung.
Im anderen Deutschland warben die Politiker von Anfang an mit internationalen Meisterschaften und Medaillen für den Sozialismus. Den erfolgreichsten Athleten der Aufbaujahre, Radweltmeister Gustav Adolf ("Täve") Schur, holte Walter Ulbricht schon 1958 in die Volkskammer. In der letzigen Volkskammer bilden mit Schur der DDR-Sportchef Manfred Ewald, die 1500-Meter-Olympiazweite Gunhild Hoffmeister und Zehnkampf-Europameister Joachim Kirst die Sportler-Fraktion.
Hüben traten vorerst nur in der Strauß-Provinz Bayern bekannte Sportler für die Linken ein. Rudolf Ismayr, siebenmal deutscher Meister, Europameister, Weltrekordler und Olympiasieger im Gewichtbeben, hatte 1936 den Olympischen Eid gesprochen. Später gehörte er zu den Mitbegründern der DFU; inzwischen schloß er sich der DKP an.
Seine Vorgesetzten hielten ihn "zur Beförderung nicht geeignet" und zögerten seine Ernennung zum Oberregierungsrat in Augsburg jahrelang hinaus. Weil er sich "ohne die gebotene Zurückhaltung" für einen Kriegsdienstverweigerer eingesetzt hatte, diktierte ihm die Dienststrafkammer Augsburg 300 Mark Geldstrafe zu.
Heinz Laufer war im olympischen 3000-Meter-Hindernislauf 1956 vom späteren Ersten, dem Briten Christopher Brasher, gerempelt worden und erreichte das Ziel als Vierter. Die Jury disqualifizierte Brasher; Laufer erschien auf der Anzeigetafel als Dritter. Doch er bestätigte der Jury, daß er sich nicht behindert gefühlt habe. So erhielt Brasher die goldene und Laufer keine Medaille. Der achtmalige deutsche Meister und Rekordler arbeitet als hauptamtlicher DKP-Funktionär in Stuttgart.
In der Mitglieder-Partei SPD glich der Marsch von der Basis bis auf die Kandidaten-Listen für die Länderparlamente und den Bundestag einem Marathonrennen. Als erster Sportstar rückte 1962 Konrad Porzner, der mit dem TSV Ansbach die Deutsche Handball-Meisterschaft erspielt hatte, ins Bonner Parlament nach. Der Studienrat und SPD-Finanzexperte stieg zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden auf.
Erst 1969 glückte einem zweiten Spitzensportler der Sprung ins Bundesparlament: Zehnkämpfer Friedel Schirmer, dem Fahnenträger der deutschen Olympiamannschaft von 1952 und erfolgreichsten Zehnkampftrainer der Welt. Er ist Sportsprecher der SPD.
Mittlerweile hatten die Sport-Erfolge der DDR die bundesdeutschen Politiker aufgeschreckt. Für das Olympia in München und die Aufrüstung der Athleten öffneten sie die Bonner Bundeslade. Aber die Parteien ersetzten auch die bisher verschlungenen Trampeipfade ins Sportlager durch offizielle Wege.
Die Große Koalition und die Studentenrevolution veranlaßten zudem viele Athleten zu einem parteipolitischen Engagement. So ließ sich die Weltrekordlerin Heide Rosendahl 1969 im Nationaltrikot auf Plakaten ablichten. Sie erwartete vor allem bessere Sportförderung: "Deshalb wähle ich SPD".
Auch Olympiasieger Erhard Keller wünschte damals durch die SPD "den deutschen Sport endgültig aus dem Schneider". Nach seinem zweiten Olympiasieg 1972 unterschrieb er einen Profi-Vertrag. Eisschnellauf-Förderer und (SPD-)Bürgermeister Ludwig Schwabl will den Berufsläufern Starts im Leistungszentrum Inzell verwehren. Keller will nicht mehr SPD wählen.
In Hessen missionierte FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick die Weltklasse-Geher Bernhard Nermerich und Rüdiger Magnor für seine Partei. Die CDU unterstützten Trainer Hans Weisweiler und Nationalspieler Hans-Hubert Vogts von Borussia Mönchengladbach, außerdem ritten ihr die Olympiasieger Hans Günter Winkler und Dr. Reiner Klimke zu. Bundesliga-Trainer ("Riegel-Rudi") Gutendorf kandidierte sogar -- erfolglos -- für die CDU. Nationalspieler Franz Beckenbauer, Lieblingskind der Fußball-Fans, tat kund: "Ich unterstütze die CSU."
Ober die Friedrich-Ebert-Stiftung bezahlte die SPD Sportlern wie dem früheren Schwimm-Weltrekordler Gerhard Hetz und dem aus der DDR geflüchteten Radmeister Jürgen Kissner ein Sportstudium in Köln. Kissner ließ sich dennoch 1970 -- für 200 Mark -- zu einem CDU-Sportforum anheuern.
Alle Parteien gründeten inzwischen Sportbeiräte, die sie mit reichlich Meisterglanz garnierten: Die CDU meldete Handball-Nationalspieler Horst Singer, den 100-Meter-Vize-Europameister Gerhard Wucherer, Zehnkampf-Weltrekordler Kurt Bendlin und die Fünfkampf-Olympiasiegerin Ingrid Mickler-Becker. Der "Arbeitskreis Leistungssport" will den "von der neuen Linken ausgehenden modischen Trend der Verteufelung der Leistung überhaupt" bekämpfen.
Die FDP keilte den erfolgreichen Mainzer Trainer Prof. Dr. Berno Wischmann, den Hürden-Weltrekordler Martin Lauer, Staffel-Europameister Dr. Martin Jellinghaus und Wildwasser-Weltmeisterin Bärbel Körner als Sporträte. Kugelstoß-Europameisterin Marianne Werner, Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf und der Fußball-Nationaltorwart Fritz Herkenrath berieten die SPD.
CDU-Honoratioren, bislang kaum von opponierenden Ortsverbänden behelligt, konnten rasche Karrieren kredenzen. Nationalverteidiger Jürgen Kurbjuhn schaffte glatt den Sprung aus dem HSV-Strafraum an den Ratstisch der Stadt Buxtehude. Den Bremer Nationalverteidiger Horst-Dieter Höttges überredeten CDU-Herren zu einer Kandidatur in Niedersachsen.
Der 19malige deutsche Dreisprung-Meister Michael Sauer aus Fulda, scheiterte zwar an der Qualifikation für die Olympiamannschaft 1972; dafür machte er als Referent des ZDF-Intendanten Professor Holzamer Karriere.
Den treffsichersten Torschützen der Nation, Gerd Müller von Bayern München, setzte die CSU jüngst als Wahlhelfer ein. Als ihm die französische Zeitung "France Football" den "Goldenen Schuh" zuerkannte, begleitete ihn Bayerns Finanzminister Ludwig Huber nach Paris. Beide flogen im Privat-Jet des Brathähnchen-Millionärs Jahn, den auch Strauß häufig benutzen darf.
Bayern Münchens Nationaltorwart Joseph Maier will -- allerdings gegen Honorar -- für Bayerns Schwarze eintreten. Inzwischen rüstete auch der frühere NPD-Anhänger und Box-Europameister Günther Meier auf die CSU um. Bayern Münchens Linksverteidiger Paul Breitner, Stammspieler der Nationalmannschaft, möchte den Rechtsdrall seiner Mannschafts-Kameraden ausgleichen. Er bot sich der SPD für den Wahlkampf an.
Indes handelte sich die Opposition auch Körbe ein. Beckenbauer verglich zwar Jusos mit Kommunisten. Aber auf ein CSU-Plakat mag er nicht mehr. Eine Firma, mit der er einen Werbever-
* In Paris.
trag geschlossen hat, billigt keine Wahlreklame. Im Norden sprachen CDU -Werber bei medaillierten Olympia-Reitern vor -- vergebens, weil ihnen die Sportdaten so geläufig nicht waren. Die Reiter engagierten sich gerade beim Turnier in London.
Schließlich hofierte die CDU dem Fußball-Feldherrn der Europameister-Mannschaft, Günter Netzer. Kanzler-Kandidat Barzel sprach ihn nach dem Endspiel der Europameisterschaft in Brüssel an und empfing ihn in seiner Wohnung. Doch bis auf ein Plakat ließ sich Netzer nicht locken.
"Auch für viel Geld werde ich meinen Namen nicht für die CDU hergeben", antwortete Günter Haritz aus dem Goldmedaillen-Bahnvierer, als ihn die Opposition verpflichten wollte. "Wir wollen nichts machen", äußerte sein Mit-Olympiasieger Udo Hempel nach einer Mannschaftsberatung.
Für die SPD setzen sich der Olympiavierte und 800-Meter-Rekordler Franz-Josef Kemper, der frühere Achtmeter-Springer Professor Dr. Manfred Steinbach und
Leichtathletik-Sportwart Heinz Fallak ein.
"Auch als Sportler bin ich dafür mitverantwortlich, wie unsere Gesellschaft aussieht", begründete Walter Demel, der erfolgreichste bundesdeutsche Ski-Langläufer, seine Entscheidung für die SPD. Allerdings protestierte SPD-Sportsprecher Schirmer auch "enttäuscht und verbittert", daß statt des von ihm angeforderten Zwölf-Zeilen-Textes nur zwei lapidare Sätze im Entwurf der SPD-Wahlplattform Sportfragen antippten.
Freilich weckte hektische Polit-Propaganda mit Sportlern schon Zweifel. "Wenn einer überhaupt engagiert ist", antwortete die olympische Eidessprecherin und Brandt-Sympathisantin Heidi Schüller, "spielt es keine Rolle, ob er Schauspieler oder Sportler ist."
"Ich halte nichts davon, auf diese Weise Wahlpropaganda zu treiben", lehnte Martin Lauer Stimmenfang mit Meistersportlern ab. FDP-Fraktionschef Mischnick will künftig auf Reklame mit Athleten verzichten: "So verheizt man sie, und dazu sind sie zu schade." Er setzt dagegen auf Sportler, die zu steter Mitarbeit auf Ortsebene bereit sind.
Die Bundesligaspiele jedenfalls bleiben vom Wahlkampf frei. Kürzlich fragte Bayern Münchens Star Breitner den Manager seines CSU-lastigen Klubs: "Sollen wir im Wahlkampf vielleicht in Schwarz spielen?" Schwan: "Nein."

DER SPIEGEL 43/1972
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