28.08.1972

„Knall, Schuß, bumms, raus, weg“

Seit Sonnabend guckt ganz Deutschland und die halbe Welt -- Olympia hat das größte TV-Publikum aller Zeiten, fast eine Milliarde Menschen. Noch nie wurde ein Sportereignis optisch so lückenlos ausgebeutet: Kein Lauf, kein Sprung, kein Wurf, der nicht live übertragen oder gefilmt wird. Seit den ersten TV-Versuchen -- auch bei Olympia, 1936 in Berlin -- hat sich olympische Television zu einem Kolossal-Unternehmen entwickelt: mit elektronischem Aufwand wie in einem Raketenabschußzentrum und Millionen-Rangelei uni die Übertragungsrechte.
Dabeisein ist alles -- das ist olympische Floskel geblieben. Aber daß alle dabei sind, ist nun Wirklichkeit. Die Spiele einen die Völker: am Bildschirm.
Seit die olympische Flüssiggasflamme lodert, seit 8900 Athleten an Holm und Pferd, in Brust und Butterfly, mit Freigewehr und Kleinkaliber auf neue Rekorde zielen, sind 119 Nationen in fünf Kontinenten -- über 1200 Kilometer Kabel und vier Satelliten -- zu einem globalen Publikum verbunden.
Fernseh-Olympia eint ARD und ZDF, Westeuropas Eurovision und Osteuropas Intervision, Kommunisten und Kapitalisten, Hamiten und Semiten, Mongolen und Monegassen, Alte, Neue, Dritte Welt. Rund um den Erdball, rund um die Uhr läuft 16 Tage lang die längste Show der Fernsehgeschichte für das größte TV-Publikum, das es je gab: fast eine Milliarde Menschen.
Ob der bundesdeutsche Versandhausmillionär Josef Neckermann sattelt oder der sowjetische Sportstudent Walerij Borsow spurtet, ob irgendein Boxer aus Ghana irgendeinen Favoriten aus Polen ausknockt oder irgendein Marathonläufer aus Senegal bereits bei Kilometer 24 aufgibt -- jeder kommt ins Buntbild, alle sollen es sehen können:
Keine Pflicht, keine Kür, die nicht im Fokus wäre; kein Sprung, kein Schuß. kein Wurf, kein Vor-, Hoffnungs-, Zwischen- oder Endlauf, der nicht live übertragen oder wenigstens auf Film konserviert würde -- die erste totale optische Ausbeutung eines internationalen Athleten-Treffens.
Olympia total: Das ist Houston auf dem Oberwiesenfeld. wo über Koaxial-Kabel und Multitrack-Maschinen, in Off-tube- und Dispatcher-Räumen "das größte elektronische Spektakel aller Zeiten ("Die Welt") inszeniert wird -- mit 150 Farbkameras und 84 Ampex Maschinen (Aufzeichnungsgeräten).
Olympia total: Das ist die schiere Schau fürs Fernsehen, mit Stars und Statisten. Auftritten und Abgängen. Das sind rund 1200 Stunden Sport aller Disziplinen, vom Olympia-Stadion in München bis zur Hohenstaufenhalle in Göppingen, von der Kieler Förde bis zum Augsburger Eiskanal.
Mehr als ein Fünftel dieses TV-Marathons können selbst die beiden bundesdeutschen Anstalten nicht verkraften. Sie teilen brüderlich: An den geraden Tagen hat das ZDF, an ungeraden die ARD den Kanal voll -- von 8.50 Uhr in der Früh bis 0.30 Uhr in der Nacht. Wer Olympia-Dienst hat, unterbricht das Sport-Programm nur, wenn Nachrichten, "Tagesschau" und "Heute", fällig sind.
Sechs Jahre lang ist dieses monströse TV-Programm geplant und vorbereitet worden, so lange wie die Spiele selbst. Mehr als 100 Millionen Mark haben die deutschen Sender für Menschen und Material investiert
Kamera-Crews aus Unterhaltungssendungen ("Drei mal neun", "Goldener Schuß") sind abkommandiert zum Sport in München. Bildregisseure aus Finnland, England, Holland und der Schweiz helfen hinterm Schaltpult aus. Und selbstverständlich sind so gut wie alle westdeutschen Sportreporter und Sportshowmaster auf dem Oberwiesenfeld versammelt: die Krämers und Valériens, Schneiders und Lavalls und wem sonst was noch zu Hammerwerfen oder Tontaubenschießen einfällt.
"Alles was laufen und sprechen kann", droht Ernst Huberty von der ARD-"Sportschau". "wird vor dem Mikrophon stehen." Sogar ein Wiederhören mit Heinz Maegerlein. der den Deutschen schon so viele Axel-Paulsen und Rittberger nahegebracht hat und den die ARD eigentlich zum stummen Olympia-Programmchef an das Regiepult verbannt hat, wird kaum zu vermeiden sein.
Sie alle, schwärmt das "ZDF-Journal", werden "an maßgeschneiderten, modernen Anzügen, einheitlich für die Truppe", zu erkennen sein -- und sicher auch an ihrer Vortragskunst. Denn zu Olympia können die deutschen Sportreporter, denen das Germanistische Seminar der Universität Kiel eben erst mageren Wortschatz und reichliche Fabulierlust attestiert hat, den Mund wieder richtig vollnehmen.
Schlimmer noch: Auch sonst sportferne TV-Redner haben sich angesagt. So werden der ehemalige ZDF-Chefredakteur Wolf Dietrich und der amtierende ZDF-Chefredakteur Rudolf Woller, der "Heute"-Moderator Karlheinz Rudolph, der Münchner Polit-Kommentator Rudolf Mühlfenzl und natürlich Thilo Koch, der Vielseitigsten einer, für den nötigen Ernst bei diesen heiteren Spielen sorgen.
Und wenn sich irgendwie, irgendwann, irgendwo in dieser olympischen Vollversorgung dennoch eine Lücke auftut -- die Bildmischer haben stets Füllsel parat. Dann wird der Münchner Kabarettist Dieter Hildebrandt blödelnd auf dem Oberwiesenfeld flanieren, dann werden einheimische Karikaturisten vor der Kamera ihr komischstes Olympia-Erlebnis zeichnen.
Zuschauer, die selbst dann noch Fragen haben, können sie beim Olympia-Sonderdienst des ZDF -- wie einst zu Apollos Zeiten ("Dürfen die Astronauten husten?") -- telephonisch Rat suchen, etwa: "Was ist ein Oxer?"
Diese totale Mobilmachung bundesdeutscher Reporter. Redakteure und Regisseure erforderte viele Opfer. Nicht nur, daß der Sender Stuttgart den Umbau seines Funkhauses mangels Masse zurückstellen mußte; nicht nur, daß die Anstalten. dank Olympia, schon im Frühjahr einen Produktionsstopp für alle Großprojekte verhängten und so ihr
Sommerprogramm mit alten Konserven und billigen Importen bestritten -- nein, die Deutschen erlebten jetzt zum erstenmal einen Sonntag. den vergangenen, ohne Werner Höfers Fernseh-"Frühschoppen. und sie müssen nun
jeden zweiten Abend auf die Mainzelmännchen, am Samstag die Fernsehandacht und am Sonntag auf die "Leute von der Shiloh-Ranch" verzichten.
"Mehr knabbern, mehr trinken, mehr rauchen als je zuvor."
Dafür bietet sich ihnen ein Anblick, wie er nicht einmal dem zahlenden Zuschauer im Münchner Olympia. Stadion vergönnt ist. Das nervöse Fingerspiel vorm Anlauf, das Relief der Muskeln im Sprung, das schmerzverzerrte Gesicht beim Fehltritt -- der zahlende Augenzeuge unterm Acryldach nimmt es kaum oder gar nicht wahr. Der Zuschauer zu Hause aber, vielleicht in Canberra, 25 Flugstunden entfernt, sieht im selben Augenblick alles fast so detailliert und gestochen scharf, als stünde er neben dem Athleten. Und oft noch mehr: Unterwasserkameras etwa zeigen ihm schier hautnah die Unterwasserwende der Wettschwimmer -- der leibhaftig anwesende Zuschauer im Schwimmstadion dagegen wird in diesem Augenblick nur Geplätscher sehen.
Wie sich die Stärksten von den Starken und die Schnellsten von den Schnellen unterscheiden, bleibt dem Publikum auf der Tribüne bei manchen Wettbewerben sogar verschlossen -- bis der Stadionsprecher das Ergebnis verkündet. Denn längst ist der Leistungssport so an die Grenzen getrieben worden, daß nur noch Nuancen über Gold, Silber, Bronze und Blech entscheiden, minimale Vorsprünge, die allein durch Zielphoto ausgemacht werden können.
Zu Hause, auf dem Fernsehschirm, ist immer wieder Photo-Finish: Durch Zeitlupe in die Länge gezogen, in Standbilder zerlegt und mehrfach wiederholt. gewinnt das Wirrwarr am Ziel untrüglich Klarheit; "der Held wird sichtbar" (Wolters).
Denn als Helden, Stars des Sports gelten sie allenthalben, die da Nase, Busen oder Bug vorne haben -- und das Fernsehen trägt zu ihrer Benedeiung bei: Dem Sieger, den ersten dreien folgt die Kamera, der letzte kommt optisch zumeist abhanden. Als ob der Rest nicht mal die Linse wert sei, hilft die TV-Optik, das betagte olympische Ideal, dabeisein sei doch schließlich alles, ins Gegenteil zu verkehren -- Zug einer Zeit, in der die Leistung Maß aller Dinge ist: Für den Zuschauer vergrößert sich unterschwellig der Abstand zwischen den Ersten und den anderen. der mitunter nur die zweite Stelle hinterm Komma ausmacht.
Und wenn sich dem Zuschauer die Bedeutung der Hundertstelsekunde oder des einen Zentimeters nicht erschließen sollte, dann bleut es ihm der sogenannte Kommentator ein: "Fabelzeit". "Riesensatz", "Wunderwurf", "Traumweite".
Was dem Fernseher nach einem ereignisreichen Tag abends als dramatischer Zusammenschnitt serviert wird, bietet alles in einem: Kitsch und Kitzel. Sex und Sensationen, ein bißchen "Wünsch dir was"-Sentimentalität und jede Menge "Tatort"-Spannung. Dann ist, allabendlich, Ausnahmezustand, und wenn es nach der Frankfurter Miles GmbH ginge, würden "rund 25 Millionen Deutsche nichts nötiger haben als: ein Glas Wasser -- zwei Alka-Seltzer". Denn, so wirbt die Firma für ihr sprudelndes Analgetikum, sie "werden Abend für Abend vor dem Bildschirm sitzen" und "mehr knabbern, mehr trinken, mehr rauchen und viel später zu Bett gehen als je zuvor.
So könnte es kommen. Allenthalben melden Fernseh-Läden Umsatzrekorde wie sonst nur zuletzt vor der Fußballweltmeisterschaft, Im Innungsbereich Kiel lagen die Verkaufszahlen der letzten Wochen um 50 Prozent über vorjährigen Vergleichsziffern: "Es war wie vor Weihnachten" (Innungsobermeister Karl-Heinz Nissen). In West-Berlin verlieh die "General Leasing" doppelt soviele Geräte wie gewöhnlich: "Olympia ist Gold wert" (Prokurist Hans-Joachim Lück). In München. so ein Sprecher der Elektro-Branche, gingen die TV-Sets "weg wie warme Semmeln".
West- Berliner Taxis wurden mit Kleingeräten ausgestattet, die Lufthansa stellte in ihren Abrufräumen und VIP-Lounges Farbfernseher auf, und in der Vollzugsanstalt Neumünster dürfen die jugendlichen Insassen ganztags. die älteren nach der Arbeit das Olympia-Programm live angucken -- in der Gefängniskirche, als Bestandteil der "Gegenwartskunde".
Zehntausende von Bundesbürgern verzichteten freiwillig auf ihren Urlaub "und kauften statt dessen lieber einen Farbfernseher" (so das "City-Reisebüro" in Wiesbaden). Ihnen -- und Millionen anderen -- offeriert der Handel leichte Kost zum Dauergucken: Die "Wertkauf-Kette" bei Wiesbaden bietet "Olympia-Sets zu Rekordpreisen" an -- mit Fertiggerichten ("in Rekordzeit zuzubereiten"), mit Weinbrandflaschen "38 Vol. für 8,98 Mark" und Knabber-Chips "in Riesenbeuteln".
Zwar geben sich, was die Arbeitsmoral angeht, die Personalchefs großer Unternehmen angesichts der Spiele eher gelassen. Die Manager zwischen Flensburg und Friedrichshafen sehen in den Spielen -- so Siemens-Sprecher Horst Siebert -- "längst nicht jenen Emotionswert wie beispielsweise in den Fußballweltmeisterschaften".
Aber das gilt gewiß nicht, wenn ein West-Deutscher in den 100-Meter-Endlauf käme wie Armin Hary 1960, als Millionen Bürger nach dem Fehlstart um den Sprinter bibberten. Das gilt auch nicht, wenn die bundesdeutschen Fußball-Amateure während des olympischen Turniers aufspielen würden wie die Profi-Nationalmannschaft: Olympia-Fernsehen 1936: drei Kameras, tausend Zuschauer.
Die Identifikation der breiten Masse mit dem Spitzensportler oder der Spitzenmannschaft ist um so ausgeprägter, je größer die Medaillenchancen sind, und dann, aber wohl nur dann, ist auch noch Mitleid möglich -- wie 1936, als die deutsche 4x100-Meter-Staffel der Frauen dem scheinbar sicheren Sieg zulief und beim letzten Wechsel den Stab verlor.
Der Multiplikator der Gefühle, das Fernsehen, war auch damals schon dabei -- den meisten Bundesdeutschen nicht mehr, wohl aber Leni Riefenstahl erinnerlich, die im Berliner Olympia-Stadion 44 Kameras für ihren legendären Olympia-Film postiert hatte (siehe Interview Seite 33), In der Tat: Fernseh-Olympia, diese geballte Ladung von optischen Effekten, technischen Tricks und Propagandarummel, all das, was nun in München auf die Spitze getrieben wird, bahnte sich vor 36 Jahren in Berlin schon an.
"Achtung! Achtung! Hier ist der Fernsehsender Paul Nipkow, Berlin, mit der Olympia-Sondersendung", meldeten sich am 1. August 1936 die um den pommerschen Ingenieur Nipkow versammelten TV-Pioniere aus dem Stadion. Zum erstenmal sollten Ereignisse unter freiem Himmel mittels elektronischer Impulse auf kleine, graue, flimmernde Scheiben in ferne Räume Direktübertragen werden.
Es war ein historischer Test und ein bescheidener Anfang -- mit drei Kameras: eine an den Schwimmbecken nahe dem Sprungturm, eine in Richtung Marathontor, die dritte nicht weit von der Ziellinie.
Diese von Telefunken gebaute Ikonoskop-Kamera nahe der Aschenbahn war das Prunkstück des Experiments: schneeweiß, "groß wie ein Kindersarg" (so damals einer der Konstrukteure) und nur von fünf starken Männern zu bedienen. Allein ihr Objektiv, eine Kanone von 40 Zentimetern Durchmesser, wog einen Zentner.
Noch vor der Montage hatten sich die Olympia-Veranstalter anhand einer blechernen Attrappe vergewissert, daß das Monstrum ihrem Führer Adolf Hitler nicht die Sicht aus der Ehrenloge auf die Zielgerade verstellte. und der Architekt des Stadions, der um die Wirkung seines Renommierbaus fürchtete, hatte durchgesetzt, daß der Koloß weitgehend in der Versenkung. nämlich in dem dreiviertel Meter tiefen Graben rund um das Spielfeld, verschwand.
In die Froschperspektive verbannt, sannen die Reporter auf Abhilfe, unmittelbar vor der Eröffnung der Spiele drehten sie vorbereitete Zwischenringe ins Stativ und gewannen -- um 20 Zentimeter erhöht -- eine viel bessere Übersicht.
So wurden außer ein paar NS-Prominenten, die sich den neumodischen Guckkasten in ihren Büros hatten aufstellen lassen, auch rund tausend Berliner in den 27 eigens eingerichteten öffentlichen Fernsehstuben Zeuge. wie der schwarze Läufer Jesse Owens vier Olympia-Siege erspurtete und ersprang und wie Schirmherr Adolf Hitler den deutschen Staffelmädchen Trost spendete -- live, das Schlüsselwort des neuen Mediums, in seiner Stunde Null.
Erst 24 Jahre später, nach dem Stopp durch den Weltkrieg und der Entwicklung des Fernsehens zum serienreifen. weltweiten Konsumgut, konnten sich die Deutschen wieder in Olympische Spiele einschalten: Aus Rom wurden 1960 die meisten der insgesamt 60 olympischen Programmstunden direkt aus gestrahlt.
Seitdem schwoll die Bilderflut unaufhörlich an -- und mit ihr der Aufwand, sich ihrer zu bedienen: Bei der Übertragung 1964 aus Tokio kamen ARD und ZDF noch mit 18 Redakteuren und rund 750 000 Mark aus. 1968 in Mexiko waren immerhin schon 46 Redakteure nötig und 5.3 Millionen Mark fällig. Für München 72 aber setzen die Sender mehr als 120 Redakteure ein und 125 Millionen Mark um.
Nationale Ehrensache: Nachdem Münchens damaliger OB Hans-Jochen Vogel und der damalige westdeutsche Sportchef Willi Daunie in Rom den Zuschlag erhalten hatten, witterten auch die Fernsehmacher eine große Chance. Bereits im Juli 1966 bildeten ARD und ZDF eine gemeinsame Planungskommission, im Juni 1968 gründeten sie offiziell das "Deutsche Olympia-Hörfunk- und Fernsehzentrum" (DOZ).
Keiner schien dem DOZ-Aufsichtsrat (Vorsitzender: ZDF-Intendant Karl Holzamer) besser geeignet, die Geschäfte des olympischen Unternehmens zu führen, als der langjährige olympiaerprobte ARD-Sport-Koordinator Robert Emil Lembke, 58. "Sie sollen kriegen, was Vico an einem Abend verdient."
Der Mann mit dem Sparschwein und dem Foxl, der seine unerschöpfliche Arbeits-Intensität (Lembke: "Herumsitzen und Schäfchen zählen, das schaffe ich nicht") so vielseitig einzusetzen weiß, daß er noch aus alten Rätseln, Hausfrauen-Tips und Kalauern Verdienst und Verdienste schlägt (siehe Seite 28) -- er sollte die Olympia-Millionen verwalten wie seine Fünf-Mark-Stücke beim Beruferaten "Was bin ich?"
Es begannen umfängliche Vorbereitungen. Daß Lembke und seine Leute dabei nicht eben kleinlich waren, stellte Jahre später, just vor den Spielen, der Bayerische Rechnungshof fest. Die Beamten beanstanden beispielsweise. daß sich angereiste DOZ-Mitarbeiter im Münchner Luxus-Appartement-Haus "Arabella" mit erlesenem Mobiliar (statt Arabella-Garnituren) samt Tafel-Service und Kristall-Kompottschalen einrichten durften (DOZ-Kosten: 77 000 Mark).
Schnaps-Konsum und Taxi-Quittungen mißfielen den Kontrolleuren ebenso wie die "außergewöhnlich hohen Zulagen" leitender DOZ-Angestellter, etwa des "Bereichsleiters Programm und Produktion", Horst A. C. Krieger, der neben seinem Gehalt von 6391 Mark weitere 4665 Mark Zulage und Trennungsentschädigung kassiert: "Die Gesamtvergütungen", so rügten die Prüfer, "erreichten in mehreren Fällen eine Höhe, die nicht mehr vertretbar erscheint."
Ohne derlei Aufbesserungen und Aufwendungen freilich, so meint Lembke, hätte das DOZ keine TV-Topkräfte "von Haus, Kindern und einmal wöchentlich Kegeln" für Jahre aufs Oberwiesenfeld weglocken können: "Sie sollen wenigstens für vier Jahre das kriegen, was Vico Torriani an einem Abend verdient."
Einmal freilich waren die "Spesen. Ritter" ("Die Zeit") wohl doch zu weit gegangen, beziehungsweise geflogen. Zwei Erster-Klasse-Trips führten Lembke und seinen Leitungsstab 1968 nicht nur zu den Olympischen Spielen und den Fußball-Weltmeisterschaften nach Mexiko, sondern auch zu "erheblichen Abweichungen zwischen dem Inhalt der Dienstreiseanordnung und dem tatsächlichen Reiseablauf" (Rechnungshofbericht): Die Herren hatten auch in Acapulco und Bangkok, San Francisco, Tokio und Hongkong Station gemacht -- auf DOZ-Spesen.
Kampfstätten nach den Wünschen des Fernsehens gebaut.
Immerhin brachten sie die Erkenntnis mit, daß -- so Lembke -- in Mexiko "improvisiert, geübt, gelernt" und "vieles dem Zufall überlassen" worden sei. Insbesondere mißfielen dem Quizmeister die "entnervenden Entfernungen" und das "unterdurchschnittlich funktionierende Informationswesen".
Um solche Pannen in München von vornherein auszuschließen und auch den "Weitsprung eines Mister Wotumba aus Malawi" (Lembke) hinreichend berücksichtigen zu können, machten sich die Münchner Fernseh-Planer die "Einflußnahme auf die für die Errichtung der olympischen Kampfstätten verantwortlichen Stellen" (DOZ-Satzung) zur ersten Aufgabe:
* Willi Daumes Organisationskomitee (OK) entzerrte den Stundenplan, soweit es das 16-Tage-Ereignis überhaupt zuließ -- damit das Fernsehen möglichst alle Finalkämpfe direkt übertragen kann; etwa auch den abschließenden Geländelauf im Modernen Fünfkampf, der auf Wunsch der Intervision ins Olympia-Stadion verlegt wurde, weil die Ostblock-Athleten dabei die besten Chancen haben.
* Die Olympia-Baugesellschaft deckte das Zeltdach auf dem Oberwiesenfeld auf Wunsch der TV-Experten mit dem optimal lichtdurchlässigen Acryl-Glas -- damit zwischen dem unbedachten und dem dachüberschatteten Teil des Stadions keine Helligkeitsdifferenzen auftreten, die bei Farbaufnahmen hätten stören können.
* In die Bootshallen an der Kieler Förde wurden provisorische Wände gezogen -- damit Fernsehreporter ungestört Interviews mit ein- oder ausschippernden Regatta-Seglern drehen können.
* Vier Wochen vor Spielbeginn genehmigte das OK auf dem Oberwiesenfeld nach monatelangem Gerangel mit dem DOZ noch 33 weitere Kameraplätze -- damit waren, so ein DOZ-Regisseur, "auf einmal alle Schwierigkeiten beseitigt".
Wie die ursprünglich "bescheidenen Spiele" immer anspruchsvoller wurden, wie das teure Dach allen über den Kopf wuchs und wie die Zahl der Teilnehmer auf Rekordhöhe kletterte, so schwoll auch das Deutsche Olympia-Zentrum zu einer Fernseh-Fabrik an mit 2328 Mann Besatzung und der Unterstützung eines kompletten Fernmeldebataillons von der Bundeswehr. Technisches Labyrinth mit 1,1 Millionen Lötstellen.
Auf dem Olympia-Gelände entstand ein technisches Labyrinth aus Kabeln und Leitungen mit 1,1 Millionen Lötstellen. eine elektronische Welt-Zentrale für sechzehn Tage, aus der gleichzeitig dreizehn verschiedene Bild-Programme und sechzig Kommentare in 45 Sprachen ausgestrahlt werden können: mit einem zentralen Schaltraum (in den sämtliche Bilder und der Ton aus allen Außenstellen wie Studios auflaufen und die Verbindungen in alle Welt geschaltet werden), mit Regie- und Bildaufzeichnungsräumen, Film- Mischstudios (in denen Filme mit dem entsprechenden Ton versorgt werden) und der Zentrale für ein olympiainternes Drahtfernsehnetz mit 16 TV-Programmen (für die 4000 Journalisten). Selbst im Olympiastadion wurden an den Reporterplätzen viele Dutzend Monitore installiert, damit die Journalisten sich ständig in sämtliche TV-Aufnahmen einschalten können (siehe Titelbild).
Die Investitionskosten des DOZ. ursprünglich auf 50 Millionen Mark veranschlagt, stiegen auf 120 Millionen. Während die deutschen Sender, finanziell ohnehin in einem Engpaß, etwa am Kinderprogramm knappsen, Autoren die Honorare kürzen und jetzt sogar schon mit Programmabstrichen drohen. brauchte Lembke nur die Hand aufzuhalten. Notfalls rüsteten die Anstalten DOZ im Vorgriff auf künftige Haushalte aus.
Denn Olympia ist für sie ein "Sonderfall, der so schnell nicht wiederkommt" (Lembke). Und Olympia 72 sollte nicht nur das größte Sport-Spiel, sondern auch das größte Fernseh-Spiel werden -- ein Spiel ohne Grenzen. "Das Publikum". so sieht es beispielsweise der NDR-Sportchef Horst Seifart, "verlangt stillschweigend eine "totale Perfektion.
So ist das DOZ-Auge denn immer dabei, wo auch gerannt und geradelt, geritten und gerungen wird. Mehr noch: Das Objektiv ist dichter dran als je. Nicht nur "wie mit dem Auge des Zuschauers auf der Tribüne" -- so Regie-Koordinator Uly Wolters soll der TV-Zuschauer das Gerangel uni Sekunden und Zentimeter erleben: er blickt auch unter die Wasserlinie und hinter die Kulissen. Wolters: "Immer nur Knall. Schuß, bumms, raus, weg -- das wäre ja schrecklich."
Wenn die Ruderer rackern, fahren Kameras am Ufer auf gleicher Höhe mit (Spitzengeschwindigkeit: gute 20 Stundenkilometer) -- bis 300 Meter vor dem Ziel im Auto, von da an auf einem eigens konstruierten Vehikel, das entlang der Zuschauertribüne auf Schienen rollt und, "wenn das Bremsen nicht klappt, von der Tribüne kippt" (Wolters).
Wenn Liselott Linsenhoff Dressur reitet, hockt ein Kameramann im eigens trockengelegten Springbrunnen von Schloß Nymphenburg. Wenn die Krauler und Brustschwimmer am Beckenrand ihre Kobolzwende vollführen oder die Kunstspringer in das Tiefbecken tauchen, schalten sich Unterwasserkameras ein -- wie einst beim Wasserballett des Esther-Williams-Films "Badende Venus".
Und wenn die schwersten Männer dieser Spiele, Gewichtheber wie der Deutsche Rudolf Mang (Bestleistung: 630 Kilo) oder der Sowjetmensch Wassilij Alexejew (645 Kilo) sich hinter der Bühne Talkum in die Pranken reiben -- auch dann starren die Kameras, und das genügte den Fernsehleuten noch nicht. Sie beschafften zusätzlich zwei tragbare, drahtlose Farbkameras, die jedem Olympioniken folgen können, wo immer er weint oder lacht. Von der britischen BBC liehen die DOZ-Leute eine mobile Kamera aus, die -- auf ein Citroën-Auto montiert -- Straßenradfahrer und Marathonläufer begleiten soll; ein Hubschrauber wird, wie ein Satellit, das Bild weiterleiten.
Von der französischen ORTF mietete ARD-Sportchef Rudi Michel für 72 000 Franc ein siebenpfündiges Sendegerät, das exklusiv den deutschen Fernsehern Impressionen aus dem Olympiastadion vermitteln soll. Die Drei-Mann-Crew gleicht einem Team von Apollo-Astronauten: Der erste filmt, der zweite schleppt einen 60 Pfund schweren Rucksack mit dem Sendegerät, der dritte richtet die Antenne.
"Wer nur an- und absagt, kriegt von mir eine Medaille."
Perfektion von der Bildaufnahme bis zur Bildwiedergabe: Ein "Videograph" wird die Mattscheibe ständig mit Informationen speisen -- Einblendungen mit Namen und Nationalität der Athleten, Zwischenzeiten und Weltrekordmarken. Wenn beispielsweise ein 1500-Meter-Läufer unterwegs ist, soll der Zuschauer schon nach zwei Runden vom Schirm ablesen können, ob ein neuer Weltrekord drin ist oder nicht. Mehr noch: Erstmals werden bei den Ruderern die Schlagzahlen eingeblendet und bei den Fechtern die Treffer angezeigt und aufgezählt. Das Buchstaben- und Zahlenspiel soll die Reporter entlasten -- oder gar überflüssig machen, wenn es nach Redakteuren wie Rudi Michel (ARD) und Willi Krämer (ZDF), vor allem aber Regisseuren wie Uly Wolters (ZDF) und Horst Seifart (ARD) ginge.
Als "katastrophal überbewertet" bezeichnet DOZ-Wolters die Kollegen am Mikrophon, auch ZDF-Krämer will quasselnde Reporter bremsen ("Wer eine Veranstaltung nur an- und absagt. kriegt von mir eine Medaille"), und ARD-Michel prophezeit: "In München kann es bei den Reportern keine Gewinner, sondern nur Verlierer geben" -- denn "die hört man doch bis zum Überdruß".
International erprobte und bewährte TV-Drahtzieher wie der Engländer Bob Duncan (Boxen), der Schweizer Walter Plüsch (Rudern), der Finne Reimo Putz (Leichtathletik) und der Italiener de Pasquali (Fechten) verstärken das Aufgebot der Regisseure. die nun auch das Treppchen der Anerkennung erklimmen möchten.
Umgekehrt beobachten die Kommmentatoren und Moderatoren den technischen Aufwand voller Unbehagen. "Optische Kinkerlitzchen können die ganze Geschichte kaputtmachen", meint Moderator Eberhard Stanjek, der sich als "Feuerwehrmann der ARD" versteht. Der Ehrgeiz der Bild-Regisseure, "tollste Verrenkungen anzustellen" und ein "Überangebot an Text-Informationen zu liefern" erinnert ihn an die Manie der Mikrophon-Männer. "alles loszuwerden, was die sich vorher aufgeschrieben haben". Das sei am Ende für den Zuschauer "eine verwirrende Angelegenheit".
"Wenn ein Pudel ins Stadion rennt, kommt er ins Bild."
Ebenso wehrt sich Werner Schneider vom ZDF dagegen, "daß die Technik zu stark auf den Bildschirm kommt -- man kann auch übertreiben". Bei Großereignissen, wenn auch viele Sport-Laien zuschauen, müsse "der Kommentator auch mal erklären, was Abseits und was Ecke ist und was der schwarze Mann auf dem Spielfeld macht". Schneider: "Ein Feierabendpublikum braucht mehr Informationen als das Volk in den Klubhäusern."
Die Streitfrage, ob der gesprochene Kommentar oder graphisches Beiwerk das bessere Mittel zur Information des Zuschauers sei, wird bei diesen Olympischen Spielen allen sicht- und hörbar ausgetragen. Hinter den Kulissen, unterschwellig geht es wohl auch um berufliche Selbsteinschätzung und Prestige -- Reporter sind gelegentlich mit dem Kopf im Bild, Regisseure allenfalls mit dem Namen im Nachspann.
Einig sind sich Köpfe und Namen allerdings darin, daß "das Geschehen möglichst so wiedergegeben wird, wie es sich tatsächlich abspielt" -- so Wolters. selbst gestandener Athlet, 1943 großdeutscher Jugendmeister über hundert Meter. Auch für Seifart ist die Route klar:
* "Beim Schuß auf die Tribüne kriegt die Queen nicht mehr Zeit als Heinemann" und beide zusammen bekommen "sowieso nicht soviel wie Heidi Schüller".
* "Wenn ein Pudel ins Stadion rennt und -zigtausend lachen, kommt er selbstverständlich ins Bild."> "Eine Siegerehrung fällt für uns aus. wenn zur gleichen Zeit eine Entscheidung ansteht."
Totales Olympia-Fernsehen auch in der DDR.
Natürlich sähen die Sportfunktionäre am liebsten nur schöne Bilder vom edlen Wettstreit im TV-Programm. Der Präsident des Internationalen Ruderverbandes, Thomas Keller, verlangte denn auch allen Ernstes von der Münchner TV-Regie, daß die Kamera den Kampf der Achter nur bis zur Ziellinie zeigt. nicht aber danach den Kollaps der Crews.
Regie-Koordinator Wolters legte Kellers Order sogleich zu den Akten: "Wenn die Ruderer zusammenbrechen oder Hildegard Falck auf die Schnauze fällt -- dann gehört das genauso ins Fernsehen wie die knappen Höschen der Sprinterinnen und der große weiße Hut beim Reitturnier auf der Tribüne."
Was immer die Kameras einfangen, Possen oder dramatische Szenen. Photo-Finish-Momente oder Schwenks über die Zuschauer-Tribünen -- alle Live-Bilder. von "Stadionregisseuren" ausgewählt, werden zum DOZ eingespeist. Dort erscheinen sie im Regieraum gleichzeitig auf einer Wand voller Monitore -- elektronisches Konzentrat der Fernseh-Spiele und noch immer Spiel-Material für die letzte Wahl.
Die hat Horst Seifart" 50. Er ist der "Weitregisseur". Was er laut eigenem Bekunden "nach rein sportlichen Gesichtspunkten und ohne nationale Rücksichtnahme aussucht, das ist das Bild von München, das um die Welt geht -- das "Weltprogramm"" der Live-Faden quer durch das Knäuel der olympischen Disziplinen.
Dieses Grundprogramm ist für alle da, für die Deutschen und die ganze Olympia-Welt. So kann nicht ausbleiben. daß viele TV-Nationen irgendwann einmal zu kurz kommen. Die Australier wünschen mehr Schwimmen als Ringen. Die Malaysier wollen immer nur Hockey. Und die Deutschen interessiert der Vorrundenkampf ihres Bantam-Boxers ungleich mehr als das Volleyball-Match zwischen Kuba und Nordkorea.
Dafür kann das DOZ sämtliche Extrawünsche erfüllen: Jeden Tag sind
neben dem "Weltprogramm" -- bis zu 2000 Sonderschaltungen möglich. Täglich werden sämtliche Live-Obertragungen. die das Weltprogramm übergehen muß, von Ampex-Maschinen magnetisch aufgezeichnet und zum Abruf bereitgestellt. Oder es werden Filmkonserven angeboten, etwa von den Segelregatten in Kiel.
Die Spitze im olympischen TV-Konsum -- live wie konserviert, Welt- oder Spezialprogramm -- hält die Bundesrepublik mit rund 230 Stunden. Dichtauf folgt die DDR mit etwa 225 Stunden -- Olympia total auch im anderen Deutschland, wo mehr Medaillen erwartet werden als je zuvor; selbst das "Sandmännchen", das populäre Kinderprogramm, soll gelegentlich verschoben werden, und die üblichen Sondersendungen für Schichtarbeiter sind ganz und gar für München reserviert.
Englands BBC hat sich auf 170 Stunden eingerichtet, durchweg im ersten Kanal und zu 90 Prozent live. Alle Kinderprogramme, ausgenommen "Watch with mother", werden in den zweiten Kanal geschoben -- alles wegen des "Sporting spectacle of a lifetime" (so Paul Fox von BBC I). Selbst die Franzosen senden, obwohl sie sich nur geringe Olympia- Hoffnungen machen können. 120 Stunden; DOZ liefert ihnen das Farbbild bereits sendegerecht moduliert für ihr Secam-System.
Wohin auch immer das Buntbild aus München gelangt, ob in Secam-Länder (so neben Frankreich der gesamte Ostblock), in NTSC-Staaten (wie die USA) oder in PAL-Regionen (Zentraleuropa und Japan) -- DOZ liefert fix und fertig für die technischen Besonderheiten des jeweiligen Farb-Fernseh-Systems. Was in dieser Schaltzentrale während einer Rush-hour los ist, haben Techniker vom DOZ-Ausstatter Siemens durchgespielt:
Im Stadion raufen Leichtathletik-Wettbewerbe ab. Die Übertragung geht über das Weltfernsehprogramm. 13 Sender haben ihre Sprecher direkt im Stadion postiert. Die Reporter von 27 anderen Stationen schauen sich die Wettkämpfe dagegen in den Off-Tube-Kabinen an -- ihre Sprechleitungen beginnen also hier. Die Sowjet-Union interessiert sich mehr für das Gewichtheben, das zur gleichen Zeit abläuft; aus diesem Grund hat man für den sowjetischen Rundfunk die Bilder aus der Messe-Halle 7 direkt nach Moskau durchgeschaltet. Gleichzeitig will man aber auch die Szenen vom Reiten aus Riem und das Boxen in der Eisaporthalle auf Band aufzeichnen. Diese zwei Sendungen müssen daher von der Zentrale in den Bildaufzeichnungsraum geschaltet werden.
Um 14 Uhr wird das Weltfernsehprogramm in die Basketball-Halle zu den Judo-Kämpfen umgeschaltet. Von den 40 Sendern, die aus dem Olympia-Stadion übertragen haben, wollen nur 15 diese Sendung übernehmen. Von ihnen haben aber nur sieben eigene Sprecher in der Basketball-Halle die acht übrigen Stationen wollen ab Punkt 14 Uhr ihre Sprechleitungen aus dem Off-Tube-Komplex geschaltet haben.
Die USA und Kanada, die bis 14 Uhr ebenfalls die Stadionübertragung übernommen haben, möchten ab diesem Zeitpunkt aus ihren eigenen Studios Interviews mit erfolgreichen Olympioniken übertragen -- also eine sogenannte "unilaterale Sendung. Die Gruppe der Ostblockländer beabsichtigt wiederum, ab 14 Uhr die Aufzeichnung des Boxens zu zeigen, und will daher eine Bildleitung aus dem Aufzeichnungsraum und vier Sprechleitungen aus dem Off-Tube-Komplex geschaltet wissen.
Termin für alle Programme: Punkt 14 Uhr, All das muß bezahlt werden. Und Olympia -- das ist nicht nur die größte Show, sondern auch das größte Geschäft der Fernsehgeschichte: Rabiater und raffinierter ist bislang noch kein internationales Sportereignis vermarktet worden.
"Vor der Erfindung des Fernsehens mit dem Denken aufgehört."
Ursprünglich wollte sich das Münchener Organisationskomitee (OK) aus dem weltweiten Bilderhandel fein heraushalten. So wie die japanische TV-Station NHK 1964 in Tokio den damaligen Olympia-Veranstaltern die Obertragungsrechte en bbc abgekauft und dann an die einzelnen Sendegesellschaften weiterverhökert hatte, so sollten diesmal die westdeutschen Rundfunkanstalten die Rechte vom OK erwerben und Zwischenhandel betreiben.
Aber ARD wie ZDF sahen gewaltige DOZ-Investitionen auf sich zukommen und winkten ab -- sie waren "nicht liquide genug", wie sich OK-Finanzchef Walter Schätz erinnert.
So kam es denn zu einer kuriosen Aufgabenteilung, die laut Schätz "nicht ideal gelungen ist": Das DOZ übernahm die gesamte technische TV-Installation für die Spiele und brauchte deshalb selbst für die TV-Sendungen innerhalb der Bundesrepublik keine Lizenzgebühren an das OK zu zahlen. Das OK gab seinerseits die Übertragungsrechte in alle Welt.
Ausgerechnet das IOC, das im Mammon noch immer den großen Spielverderber sieht, gebärdete sich "unheimlich geldgierig" (Schätz). Es bekommt ein Viertel der Einnahmen, drei Viertel verbleiben beim OK.
Ausgerechnet jene Olympia-Funktionäre, die "mit dem Denken offenbar aufgehört" haben, "ehe Rundfunk und Fernsehen erfunden wurden" (Lembke), zogen nun in München einen lukrativen Handel mit Fernsehrechten auf: Nach ihrer ersten gigantischen Kalkulation wollten sie an die 80 Millionen Mark aus den heiteren Spielen herausschlagen.
Das Geschäft lief gut an. Der amerikanischen TV-Station "American Broadcasting Company" (ABC) waren die Spiele immerhin zehn Cents pro US-Fernsehgerät plus Nutzungsgebühr für die DOZ-Einrichtungen wert -- macht 49,5 Millionen Mark.
Als Entgelt für die "Mammutlizenz" (Schätz) darf sich die ABC auf dem Oberwiesenfeld allerdings auch ungewöhnlich frei bewegen: Als einzige ausländische Gesellschaft kann sie beispielsweise -- zum Verdruß deutscher Kameraleute -- drei eigene Kamerateams in das Olympiastadion schicken und ist auch in allen anderen Arenen durch je eine eigene Crew vertreten.
Unterm Strich, so schätzt Schätz werde die ABC sogar "noch 24 Millionen Dollar verdienen Aus Studio 31 51 der Münchner Fernsehzentrale können die Amerikaner nämlich direkt in das Olympia-Programm tüchtig Spots ihrer Sponsors wie Coca-Cola und Texaco einblenden und auf diese Weise Kunstturnübertragungen und Konsumparolen gewinnträchtig mischen,
"Wir konnten beim Ostblock nicht so auf den Tisch hauen."
Die fette Beute in Amerika beeindruckte das OK. derart, daß der Sinn für Proportionen abhanden kam. Ohne Rücksicht auf die unterschiedliche Finanzkraft von kommerziellen Stationen in reichen Industrieländern einerseits. von staatlichen oder durch Gebühren finanzierten Sendern andererseits woll ten sie nun überall nach dem amerikanischen Verrechnungsschlüssel abkassieren. "Wir haben ziemlich ausgereizt". gesteht Walter Schatz -- bis zur "Erpressung", wie sich das Prager Fachorgan "Ceskoslovensky Sport" empörte.
So muß die japanische NHK 3,7 Millionen, Kanada 940 000 und selbst Südkorea noch 65 000 Mark zahlen. Nordkoreas Netzwerk dagegen bleibt von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. "Wie die gehört haben, daß das Fernsehen etwas kostet", so erinnert sich Schätz an den Besuch einer Beobachtergruppe aus Pjöngjang, "da sind sie wieder gegangen"
Andere, politisch gewichtigere Länder hingegen wollte Schätz "mit Rücksicht auf unser Image" nicht leer ausgehen lassen. Bei der Intervision des devisenschwachen Ostblocks beispielsweise, an die auch noch die Mongolei, nicht aber Albanien (ein Sender, 2500 Empfangsgeräte) angeschlossen ist, konnte er "nicht so auf den Tisch hauen" und mußte sich -- "kein deutscher Freundschaftspreis" -- mit einer Million Mark begnügen.
Diesen Verlust im Osthandel glaubte das OK dann im weltpolitisch unbelasteten Geschäft mit der Eurovision wie der wettmachen zu können. Von der Eurovision, deren TV-Verbund neben Westeuropa auch noch Algerien, Tunesien, Israel und Jordanien beliefert, erwarteten die Lizenz-Händler anfangs 18 Millionen Inkasso.
Ein Millionen-Streit drehte sich um die "Glücksspirale".
Aber die Eurovision schaltete auf stur und verwies darauf, daß sie ja indirekt über ihre beiden deutschen Mitglieder ARD und ZDF, über das DOZ also, schon Millionen aufwende. Das OK, scheinbar überzeugt, gab nach: zehn Millionen. Die Eurovision sperrte sieh weiter.
Erst Mitte Oktober 1971 wurden die Kontrahenten handelseinig -- über 5,7 Millionen, bloß 100 000 Mark mehr. als die Eurovision von Anfang an hatte ausgeben wollen.
Allerdings enthüllt nicht nur das jahrelange Feilschen um die Lizenzen. wie gut sich die Olympia-Offiziellen auf den Handel Athleten gegen Kasse verstanden haben. Denn Geld hat auch die Beziehungen zwischen OK und DOZ. die sich bei den Obertragungsrechten ziemlich rasch geeinigt hatten, "zwei Jahre lang erheblich belastet" und zu einer "beträchtlichen Verstimmung" (Schätz) geführt.
Der Streit drehte sich um die "Glücksspirale". In dem Mitte April 1970 geschlossenen Lotterievertrag zwischen OK und DOZ hatten sich die deutschen Sender verpflichtet. Auftakt und Finalsendung der "Glücksspirale" zu spendieren und auch im sonstigen Programm für die gute Tat kräftig die Trommel zu rühren. Als Entgelt wollte das OK dem DOZ unter anderem gewisse "Anpassungsbaumaßnahmen" in der DOZ-Zentrale abnehmen und ein Fünftel vom damals kalkulierten Netto-Lotterie-Erlös abgeben -- rund 14 Millionen Mark.
Als die "Glücksspirale", dreimal angeworfen, dann aber immer schneller rotierte und ihre Parole "Mit fünf Mark sind Sie dabei!" dem Organisations-Komitee statt der geschätzten 70 Millionen 187 Millionen Mark einbrachte, machte das OK eine neue Rechnung auf: Das vom DOZ beanspruchte Fünftel, jetzt immerhin 37 Millionen, sei bloß ein kalkulatorischer "Plafond" gewesen; maßgebend seien andere Vereinbarungen, vor allem der "Katalog von Unterstützungsmaßnahmen" des OK (Schätz), die dem DOZ viele Ausgaben erspart hätten.
Erst Anfang Juli, wenige Wochen vor Spielausbruch, wurde das Tauziehen beendet, und alle neben sich die Hände: Das DOZ bekommt nun doch 33 Spiralen-Millionen, und das OK hat -- trotz aller Abstriche -- allein aus dem schwunghaften Lizenzhandel 62,5 Millionen Mark in die Kasse gescheffelt.
Da war nun auf einmal auch Kassenwart Schätz nicht mehr kleinlich. Überall da, "wo wir beim besten Willen keine 1000 Dollar rausquetschen" konnten, leistet er jetzt gern "so ein bißchen Kultur-Entwicklungshilfe". "Aus einem Ereignis ein Erlebnis machen."
Dieses Hilfsprogramm für die armen Länder nimmt ihm die "Trans-Tel"-Gesellschaft ab, eine Filiale des Kölner Kurzwellensenders "Deutsche Welle". "Trans-Tel" klebt an jedem Olympia-Tag aus den Highlights des Weltprogramms ein 20-Minuten-Potpourri" Bilder von Bayerns Land und Leuten inklusive, zusammen und expediert diese Kurzfilme per Luftfracht bis in den hintersten Busch.
So ist es denn wirklich erreicht: Mit dem Gratis-Service der "Trans-Tel" und dem Multi-Millionen-Etat des DOZ. dank deutscher Gründlichkeit und internationalen Assistenz. über Postkabel und Nasa-Satelliten ist die ganze Welt mit München verbunden.
Und so künden die bunten Bilder allenthalben nicht nur von den Spielen. sondern eben auch vom deutschen Willen. sie durch und durch zu televisionieren. "Der Rasen bleibt nicht der einzige Wettkampfplatz", läßt die Firma Siemens wissen, die auf dem Oberwiesenfeld Lautsprecher wie Flutlicht. Computer wie TV-Zentrale installiert hat. "Ein ganzes Volk", spricht Siemens. "fühlt sich angespornt zum Vergleich" Denn: "Sport ist nicht mehr von der Wirtschaft zu trennen, Kommunikation nicht ohne Masseneinsatz der Technik zu bewältigen."
Mag sein, daß sich wenigstens in dieser Hinsicht die Olympischen Spiele, wie Robert Lembke meint, als ein "einziges riesiges Public-Relations-Unternehmen für die Bundesrepublik" erweisen. Die französische Sportzeitung "L'Equipe" vergab bereits vor Beginn der Spiele "die erste Gold-Medaille" ans deutsche Fernsehen ("Eine Anstrengung wie nie zuvor").
Aber daß TV-Olympia außer für deutsche Kabel und deutsche Kameras, für Organisation und Perfektion auch noch für das Deutschland jenseits der Markenzeichen werben könnte, scheint ein frommer Wunsch zu bleiben. Denn "der Welt zu zeigen, wie dieses Land heute aussieht, wie seine Menschen leben, arbeiten und Feste feiern", wie es Lembke versprochen hat -- all das kommt im Münchner Spiel-Plan so gut wie gar nicht vor.
Das "Grün" (so ein DOZ-Kode für Land und Leute) scheint lediglich ein paarmal im Ansichtskarten-Look von Seppltum und Hofbräuhaus auf. "Wenn wir einen hübschen Föhn haben", will Lembke auch "mal zeigen, daß München eine Gebirgsstadt ist" -- was nicht -- einmal stimmt. Das bißchen Grünzeug könnte allenfalls das offenbar unausrottbare Bild von Deutschland in der Welt noch einmal klischieren: Germany ist halt Bavaria. wie es einst nur Preußen gewesen sein soll.
Und noch in anderer Hinsicht ist das Bild von der Welt, die da für zwei Wochen gleichgeschaltet und zum olympischen Dorf geschrumpft scheint, ein Trugbild. Denn was heißt schon "Weltprogramm" bei Olympischen Spielen? Was Regisseur Seifart von seinem grauleinenen Drehstuhl aus den Monitoren filtert. ist lediglich ein Extrakt. "nach Gesichtspunkten der Neutralität zusammengestellt". wie Seifart selber sagt. und damit "zwangsläufig steril".
Genau wie die deutschen Sender sich aus diesem "langweiligen" (ARD-Michel) und "ermüdenden" (ZDF-Krämer) Potpourri ausblenden, sobald sie ihrem Publikum einen -- vom Weltprogramm unberücksichtigten -- deutschen Sprinter oder Schützen präsentieren können, so gehen auch andere TV-Stationen immer auf Eigensendung, wenn sie sich von Seifart übergangen fühlen. Da ist die elektronische Völkerverständigung, das ganze neue Medium eben doch am Ende: Die amerikanische ABC überträgt eben doch lieber fünf Stunden Basketball als eine Stunde Soccer.
Weltprogramm das ist ein ebenso fairer wie trister Kompromiß zwischen dem olympischen 16-Tage-Programm und den technischen Möglichkeiten, die den DOZ-Strategen zur Verfügung standen. Noch hat eben nicht jedes Fernsehland eigene Satelliten-Kontakte und aufwendige Bodenempfangsanlagen, um von solchen Ereignissen wie Olympia vor allem die nationalen Zugnummern fürs eigene Publikum abrufen zu können.
Aber wenn die Technik, vielleicht schon 1976 in Montreal, wieder ein Stück weiter ist als jetzt, wenn genügend Satelliten am Himmel kreisen und wenn jeder Staat seine eigene Empfangsstation in Betrieb hat, dann kann praktisch jedes Land seine eigenen Fernseh-Spiele inszenieren, mit seinen Helden und seinen Triumphen.
Auch das ist abzusehen: daß der Zuschauer im Stadion dabei nicht mehr gebraucht wird, jedenfalls nicht als Augenzeuge. Schon in München ist das Publikum für die Fernseh-Macher nur noch Komparserie -- eine Kulisse aus "Fleisch und Blut", gut genug, um akustisch und optisch die Atmosphäre aufzubessern und "aus einem Ereignis ein Erlebnis zu machen" (Lembke). Regisseur Seifart sagt es so: "Damit die Athleten das nötige Geschrei als Stimulans im Rücken haben".
Wenn es nach Fernseh-Perfektionisten wie Seifart ginge, müßten die Spiele künftig "noch mediengerechter" werden. Daß sie dereinst "im Studio stattfinden", ist für ihn eine absehbare Entwicklung -- ohne störendes Publikum auf Tribünen und Stehplatz also, ohne Wetter-Risiken, statt dessen unter Spotlights und womöglich zum anfeuernden Geschrei vom Tonband.
Dann, freilich, könnte Wim Thoelke gleich den Startschuß selber geben. Dann wären die Olympischen Spiele vollends in der großen Trickkiste der totalen Television verschwunden.

DER SPIEGEL 36/1972
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