28.08.1972

Dabeisein heißt: Alles oder nichts

Peter Brügge über den Olympia-Fernsehkoordinator Robert E. Lembke

Von Brügge, Peter

Zu den besonderen Kennzeichen der Münchner Olympiade gehört, dem Dackel Waldi ebenbürtig, das prominente Dentisten-Lächeln des Rateonkels aus der Fernsehsteinzeit. Er nämlich, mit seinem Troß von mehr als 5000 Reportern und Technikern. liefert einer runden Milliarde von Verbrauchern die Sache frei Haus: Robert Emil Lembke. Spiele en gros.

Bei ihm gibt es jetzt für die Daheimgebliebenen zwei Wochen lang täglich Olympia satt. Die körperlich anwesenden Zuschauer bezeichnet er mit berechtigter Herablassung als "eine Stelle hinterm Komma".

Unter den Großmeistern des olympischen Managements ist er vielleicht der Größte, gewiß aber der Grossist, kaufmännisch übrigens vorgebildet. Mag ein Willi Daume über Ästhetik grübeln -- für Lembke in seiner bisher mächtigsten Rolle als Fernsehkoordinator der ganzen Welt besteht Olympia in der reibungslosen Deckung jedweder Nachfrage. Darin allein, daß es lieferbar ist. jederzeit, jede Menge, jeder Moment, sieht er den löblichen Sinn eines Ereignisses, dessen sonstige Sinnlosigkeit ihn wenig berührt.

Lembkes olympischer Eid heißt: "Wir produzieren ein Bild." Wenn er mit Daume über die Schlußzeremonie haderte, so allein im Hinblick auf die Qualität des Lichtes. "Was der sonst macht, ist mir wurscht. Er gebietet "fiat lux!" und tut, als sei das nicht eine Machtfrage. In seinem Namen gleißt es aber bis hinein ins Kleinhirn der Athleten, und speziell beim abendlichen Finale wird die künstliche Helle so überm Stadion zusammenschlagen, daß die Frage sich aufdrängt, wieso man dann die Geschichte nicht gleich am Tage erledigt.

Er produziert nur ein Bild? Wenn die Sonne durchs sündhaft teure Acryldach wie durch ein Brennglas aufs Publikum niederheizt. dankt man das ebenfalls diesem mächtigen Bildbeschaffer, der jeden Schatten und damit das billigere Holzdach zurückgewiesen hat. Er freilich sieht es pfiffig anders: "Meine Forderung bezog sich nur auf die 15 000 Quadratmeter überm Stadion. Hätten die Erbauer über die restlichen 70 000 Quadratmeter einen architektonischen Fleckerl-Teppich gespannt -- es wäre ihm abermals Wurscht gewesen.

Von Lembke stammt die auf seinen internationalen Markt zugeschnittene Order, die Kameras unerschütterlich auf die ersten drei zu richten, woraus weitere Pervertierung der Idee von Coubertin sich ergibt. Denn, so Lembke: "Wenn einer Vierter ist" -- und wenn's ein Deutscher wäre -, "dann hat er halt Pech g'habt."

Bei diesem Olympia bedeutet dabeisein: alles oder nichts, So, auf dem Umweg über Sach- und Licht- und Dienstleistungszwänge, formt das Lembke-Fernsehen die Spiele, indem es sie zum Verbraucher befördert. Aber derart von der smarten Praxis forttragenden Überlegungen entzieht sich der Koordinator spielend dadurch, daß er sich fragt: Was bin ich? und sich darauf spontan die Antwort gibt: "Kein Weltverbesserer!"

Das gilt für den gesamten Lembke, dessen verblüffende Stärke darin besteht, vor allem sein eigener Koordinator zu sein, seine in 18 Jahren heiteren beruferatens aufgespeicherte Popularität in einer Art Ein-Mann-Syndikat zu vermarkten. Wer die Welt verbessern wolle, sagt Lembke, der müsse "schon bei sich selber anfangen". Man geht nicht fehl in der Annahme, daß er dazu gelegentlich Neigung verspürt. Wenn er für seinen alten, studiomüden Fernseh-Foxl Jackie aus Pietät keinen Nachfolger erwirbt, so beweist das schon einiges.

Doch an einen wahrhaft humanitären Einsatz seiner zugkräftigen Volkstümlichkeit denkt Robert Lembke erst im Zusammenhang mit seiner Lebensabend-Gestaltung. Und die, grob geschätzt, soll nach der Fußballweltmeisterschaft einsetzen, für die er das, wie er behaglich klagt, "traurige Geschäft" des TV-Koordinators wohl noch mal auf sich nehmen wird. Danach aber möchte er sich öffentlich für den Bau eines Altersheims, kombiniert mit einem Waisenhaus, verwenden. Eine soziale Lieblingsidee von ihm, über die er bisher allerdings kaum nachdenken konnte, weil ihn seine Nebenarbeit für die Rätsel-, Quiz-, Witz-, Schach- und Fernsehecken deutscher Periodika, weil ihn das Speichern von wieder verwendbaren Kalauern sowie die Niederschrift eigener und auch nicht so eigener Aphorismen in Atem hält.

Was Olympia und den Leistungssport betrifft, so erleichtert ihm seine begnadete Fähigkeit zu aufschiebendem Denken das Dasein auch hier. "Daß in 20 Jahren auf einigen Treppchen vielleicht nur noch Krüppel stehen", ahnt der alte Sportexperte schon voraus. Er sieht durchaus, wie "Großmächte ihre kasernierten Spezialistenheere gegen -- einander führen und ein Außenseiter hier soviel Chancen auf eine Medaille hat wie ein Volksschullehrer auf den Nobelpreis". Aber dann hat er wieder Glück und isoliert solche Skrupel von der Aufgabe, bei der sie nur stören. "Letzten Endes bin ich dann doch fasziniert," Wie kommt das nur nach soviel miterlebten, mitservierten Olympiaden? "Es ist der Kampf -- der macht es."

Die Umwelt hat sich angewöhnt, Robert Lembke für einen heiteren Menschen zu halten, weil er ihr die Zähne lächelnd zeigt. Doch seine scheinbar urmünchnerische Bierruhe vor Kameras und Konferenzen läßt sich abseits der Scheinwerfer als die anheimelnd verpackte Selbstzucht eines in Wahrheit höchst verletzlichen Fleißarbeiters dechiffrieren.

Robert Lembke geht kaum aus, aber früh ins Bett, steht früh auf, sitzt gleich zwanglos-emsig am Nebenverdienen, raucht Kette, trinkt nicht und ist wahrlich kein Epikureer. Alles, was er macht, sagt er allen, macht ihm Spaß. Und er macht vor allem, was Gewinn verspricht. Das Koordinieren von Sportsendungen und Programmen beider Anstalten, mit dem er den administrativen Höhepunkt seiner Karriere erreichte, markiert ja nur die Spitze des Eisbergs. Sein krisenfestes Quizgesicht. das ihm die deutschen Seelen und Wohnstuben erschloß, zwingt ihn geradezu, damit immer neue, wenn auch nicht geistige Erzeugnisse zu etikettieren. So kommt's, daß er unter anderem Herausgeber des "Großen Handbuchs der Olympischen Sommerspiele"* und doch an dessen sechshundert Fehlern nicht schuldig ist; andere haben es verfaßt, und er bekam davon nicht einmal Druckfahnen zu lesen.

So treibt es ihn zur Auswertung von alten Rätselbüchern, so ließ er im "Papierkorb der Weltpresse" wühlen, so schöpft er jeden frühen Morgen neuen Mut, selbst erdachte oder immerhin selbst aufgeschriebene Witze, Alltagsweisheiten und Gedankenblitze zu immer neuen Bändchen zu bündeln.

Als Unpolitischer meditiert Robert Lembke vornehmlich über tiefere Menschheitsmysterien, etwa die Entdeckung des Pfeffers, der Kaffeebohne und der Ölsardine. Ferner gibt er Kasinospäße wie diesen in Druck: "Breitschwanz -- für Frauen, die das Besondere lieben."

Seine Popularität enthebt ihn jeden Zweifels an der Brauchbarkeit solcher Produkte; der Name Lembke und die Masse machen's. Das müsse man, empfiehlt er, ein wenig sehen wie Tennis: "Da ist auch nicht jeder Schlag gleich gut, aber er gehört dazu, damit das Spiel weitergeht." Nur so kommt der Menschheit praktisch alles von Lembke zugute.

Der Münchner Werbeagentur Gabler leistet der Olympia-Koordinator unschätzbare geschäftliche Dienste, indem er regelmäßig die kurzen Pausen zwischen deren Werbespots im Bayerischen Rundfunk durch abgelesene Dialoge mit Hausfrauen überbrückt. Etwa so: "Frau Strehse, wie kriegt man jetzt Sektflecken von einem Tischtuch weg?"

* Robert Lembke: "Das große Handbuch der Olympischen Sommerspiele" Kindler-Verlag München: 452 Seiten: 19,80 Mark.

Es gibt ein vielleicht traumatisches Erlebnis aus den frühen Tagen des Einzelkindes Robert Emil, welches solchen Erwerbssinn erweckt haben könnte. Die Mutter, eine geschiedene Frau in bescheidenen Verhältnissen, sprach damals zu seinem Entsetzen davon, daß man dringend wieder Kohlen brauche. "Und da", erinnert sich der 58jährige Großvater Robert Emil, "kam es mir wie Panik in den Sinn: Ja, wie sollst denn du einmal die Kohlen und das ganze Zeugl herbringen?"

Daß die Leute ihn, den Eigentümer von nur zwei Einfamilienhäusern, für reich schätzen, nennt er einen "echten Witz". Etwas wie Neid müsse da im Spiel sein. Wie ja auch, so findet er, die fette Würdigung seines kleinen olympischen Spesen-Skandals in der deutschen Presse Schlüsse in dieser Richtung zulasse. "Kleinkarierte, widerlegbare und sogar echt falsche Vorwürfe" sind nach Robert Lembkes Meinung von den selber einschlägig erfahrenen Kollegen nur deshalb so aufgemacht worden, "weil da Reizworte wie Olympia, Lembke, Spesen zusammentrafen und das auch noch in der Saure-Gurken-Zeit".

Verehrer des Was-bin-ich-Lembke zogen prompt in Briefen über den Olympia-Lembke her. Der sonst so gemütliche Publikumsliebling brach dann als erster der prominenten Olympiamacher vorübergehend zusammen. Doch nach wenigen Tagen zeigte er sich wieder wohlauf und zeigte lächelnd die Zähne und zitierte im Hinblick auf die liebe Mitwelt einen Aphorismus, der nicht von ihm stammt: "Auch im Unglück meines besten Freundes ist etwas. was mir nicht völlig mißfällt."


DER SPIEGEL 36/1972
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