28.08.1972

POPMUSIKLicht im Tunnel

John McLaughlin, ein Musiker aus England, hat sich zum Hinduismus bekehrt und ist weltbester Jazz- und Rock-Gitarrist geworden.
"Gott", sagt der Gitarrist John McLaughlin, "ist der höchste Musiker; ich bin nur das Instrument, auf dem er spielt. Und wenn Gott mit McLaughlin musiziert, erklingt der feinste Rock, der gegenwärtig diesseits des Paradieses zu hören ist.
Seit sich der aus dem britischen Yorkshire stammende Popmusikant "in Einklang mit dem Universum" fühlt, seit er dem Genuß von Drogen, Alkohol, Fleisch und Tabak abgeschworen und den indischen Namen Mahavishnu angenommen hat, spielt der "unterernährte Buddha" (Kritiker Andrew Tyler) inspirierter, gelöster und virtuoser als jeder andere Jazz- und Rock-Gitarrist der Vielt.
Das US-Magazin "Creem" sieht in McLaughlin (sprich: Mäck-Lochlin). 30, "ein Gottesgeschenk" für die erstarrte Popmusik-Szene. Der Black-Power-Trompeter Miles Davis, der den weißen McLaughlin in seine Star-Band holte und ihm sogar ein eigenes Stück widmete, behauptet. sein Kollege habe den Jazz "ein gutes Stück weitergebracht" -- so weit jedenfalls, daß selbst Deutschlands oberster Jazz-Purist Joachim E. Berendt sein Vorurteil gegen die Fusion von Jazz und Rock aufgeben mußte.
Als nämlich McLaughlins fünfköpfiges "Mahavishnu Orchestra" jetzt beim Münchner Olympiade-Festival "jazz Now" sein Deutschland-Debüt gab, fand Kritiker und Veranstalter Berendt die Misch-Klänge "überzeugend, weil hier die Verschmelzung nicht mehr aus kommerziellen oder anderen Gründen herangekrampft wird, sondern weil alles aus einer gewissen Ruhe und Reife kommt".
Ruhig und reif, so tritt der kurzhaarige Gitarrenheilige vor sein Publikum. Er trägt ein besticktes weißes Kurta-Hemd, die Hände vor der Stirn, und eröffnet so die Show mit einem kurzen Gebet. Eine wohl himmlische Seligkeit verklärt sein Grinsen, wenn er zur Spezialgitarre (zwei Hälse mit insgesamt 18 Saiten) greift.
Diesem Instrument jedoch entlockt McLaughlin rhythmisch vertrackte Läufe und Kadenzen, die bisher als unspielbar galten. Und er rockt vom Pizzicato bis zum Elektronik-Gewitter derart intensiv und dynamisch, daß keine Schallplatte diesen Notenhagel wiedergeben kann, ohne den Tonarm buchstäblich aus der Rille zu katapultieren.
Dazu trägt freilich auch eine hervorragende Mannschaft bei: der Geiger Jerry Goodman von der Chicagoer Rock-Band "The Flock", der in Prag gebürtige Pianist Jan Hammer an Synthesizer und Elektroklavier. Trommler Bill Cobham aus dem Miles-Davis-Ensemble und der irische Baßgitarrist Rick Laird. Diese Musiker, schwärmte die "Süddeutsche Zeitung", haben miteinander einen "totalen Rapport".
McLaughlin, Sohn einer Violinistin, der bereits als Kind Klavier, Geige und Gitarre perfekt beherrschte und zehn Jahre lang renommierten englischen Jazz- und Rock-Combos angehörte, hat eine solche "vollendete Harmonie" schon immer erstrebt -- mit seinen Kollegen und auch mit dem "Weltgeist": "Ich sah mir diesen Planeten an und dachte, so beschissen kann die Schöpfung nicht sein. Dahinter gibt es bestimmt eine andere Realität."
Zeitweise, etwa 1964 bei einer Jam Session mit dem Brian-Auger-Quintett ("Kosmische Musik durchdrang mich: nicht ich musizierte, es wurde auf mir gespielt") oder 1966 unter Rauschmittteln beim Anhören der John-Coltrane-Jazzplatte "A Love Supreme", hatte er schon früher das Gefühl, "einen Zipfel der Wirklichkeit" zu erhaschen. Doch die "Erleuchtung" überkam ihn erst 1970, als er -- um der Band "Lifetime" des Miles-Davis-Schlagzeugers Tony Williams beizutreten -- nach New York ausgewandert war.
Dort, im "mörderischen Manhattan, das Menschen zum Spaß vernichtet und Wahnsinnige, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige zum Frühstück verspeist", erkannte er im Hinduismus den rechten Glauben -- belehrt vom indischen Guru Sri Chinmoy, der seitdem sein "geistiger Führer" ist. Zahlreiche Gedichte dieses Weisen hat er schon vertont; und wenn er einmal nicht jazzt oder rockt, zelebriert er -- vor einem Porträt des Meisters und einem Rosenstrauß -- mit weicher Tenorstimme fromme Gesänge. Der Erlös solcher Recitals geht an den "Sri Chinmoy Worldwide Mission"-Fonds.
Mit seiner Frau Eve (indischer Name: Mahalakshmi -- "Göttin des Glücks") lebt McLaughlin im New Yorker Stadtteil Queens, nahe beim Guru, in einer Wohnung ohne Stühle und Fernsehgerät. Er steht mit den Hühnern auf, meditiert mindestens zwei Stunden täglich, hört Schallplatten von Bartók, Strawinski, John Coltrane und Ravi Shankar und glaubt, "daß der Herr alles Weitere zum besten fügt".
Doch mögen die religiösen Sprüche und Exerzitien des Musikanten als noch so absonderlich erscheinen -- unbestreitbar ist, daß er erst nach seiner "Genesung vom weltlichen Siechtum" zum souveränen Gitarren-Meister geworden ist. Und auch seine Bandmitglieder, durchweg "ungläubige Gesellen" (McLaughlin), profitieren mittlerweile von dem "geistigen Trip".
"Seit wir mit dem Mahavishnu spielen", sagt der Trommler Bill Cobham, "wird unsere Musik immer besser. Wir erkennen das Licht am Ende eines dunklen Tunnels und möchten so schnell wie möglich hinkommen, um zu sehen, was dahinter ist."

DER SPIEGEL 36/1972
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