03.07.1972

POLIZEIKukident mal drei

Ist der Schotte Iain Macleod, der in Stuttgart bei einer BM-Fahndung erschossen wurde, Opfer eines Namensmißbrauchs?
Alles schien bis ins kleinste Detail durchdacht. "Ohne Hektik, ohne Aufregung, ohne Hysterie" war, nach den Worten des Stuttgarter Polizeipräsidenten Paul Rau, der jüngste Polizeieinsatz in Sachen Baader/Meinhof vorbereitet.
Selbst das Wetter hatten die Fahnder einkalkuliert. Um 6.30 Uhr in der Früh schien, wie zuvor erkundet, die Sonne über der Schwabenhauptstadt. Und "wenn die unglückseligen Schüsse nicht gefallen wären", meint Strafverfolger Siegfried Buback von der Bundesanwaltschaft, "dann wäre das Ganze eine Routinesache gewesen".
Doch die Schüsse fielen, die Routinesache geriet zur Polizeiaffäre: Iain James Torquil Macleod, 34, ein in Stuttgart lebender Schotte, wurde in der Sonntagsfrühe des 25. Juni von einem deutschen Polizisten erschossen -- wehrlos, widerrechtlich, ohne Not. Und in London rügte am Freitag letzter Woche die "Times" in einem Leitartikel "Kopflosigkeit und Gleichgültigkeit" deutscher Polizisten, deren Taktiken "eher Sturmtruppen anstehen würden als Hütern des Gesetzes".
Es war der sechste Todesfall während der Baader/Meinhof-Fahndung. Und es ist jener Fall, der sich am allerwenigsten hätte ereignen dürfen: Der Schotte war nackt, unbewaffnet, machte keinerlei Anstalten zum Angriff -- die tödliche Kugel traf ihn hinterrücks.
Daß sich die Polizei bei ihrem Einsatz "in der Wahl ihrer Mittel völlig vergriffen hat" ("Stuttgarter Zeitung"), führen die Polizei-Oberen auf "einen nur noch tiefenpsychologisch erklärbaren Ausnahmezustand" des Polizei-Schützen zurück so Polizeipräsident Rau in einem SPIEGEL-Interview (Seite 52). Freilich: "Nach den bisherigen Erfahrungen mit Gruppenmitgliedern und nach unseren Vorinformationen mußten wir mit allem rechnen."
Die Informationen waren am Freitag abend vorletzter Woche von der Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes (BKA) an das badenwürttembergische Landeskriminalamt (LKA) übermittelt worden. Sie beruhten auf "voneinander unabhängig gemachten und abgeklärten Aussagen" (LKA-Präsident Kuno Bux) zweier inhaftierter Züricher Anarchisten, die Kontakte zur Baader/Meinhof-Gruppe gehabt hatten.
Den "abgeklärten Aussagen" zufolge hatten sich noch im Mai und sogar noch Anfang Juni die- inzwischen verhafteten -- BM-Mitglieder Gudrun Ensslin, Baader, Meins, Raspe und -- der noch flüchtige -- Reinders in einem Stuttgarter Appartement getroffen: in der Oberen Weinsteige 66. Dort lagerten, nach den Beobachtungen der später gesprächigen Schweizer Anarchisten, zeitweise zwei Maschinenpistolen, eine Handgranate, Sprengstoffe, Schrotgewehre und großkalibrige Handfeuerwaffen. Von den BM-Leuten in Stuttgart wollen die Schweizer auch gefälschte Ausweise bekommen haben; eine der Gegenleistungen sei die Lieferung von drei Flinten gewesen.
Nach Angaben der Schweizer ließen sich Kontakte zur Baader/Meinhof-Gruppe über die Stuttgarter Telephonnummer 29 69 00 knüpfen. Am Apparat pflegte sich eine "Gabi" zu melden. die dann mit dem Anrufer einen Treffpunkt irgendwo in der Stadt vereinbarte. Von da aus ging es im Auto auf Umwegen in die Obere Weinsteige.
Hinter dem Decknamen "Gabi" vermuteten die Fahnder alsbald "mit hoher Wahrscheinlichkeit" (Bux) das steckbrieflich gesuchte Gruppenmitglied Irmgard Möller. Als Inhaber des Telephonanschlusses und zugleich als Mieter einer Wohnung in der Seidenstraße 71 ermittelte das Stuttgarter LKA -- Freitag nacht vor dem Einsatz -- den englischen Staatsbürger Iain Macleod. Der, so fand die Polizei leicht heraus, unterhielt auch noch eine weitere Wohnung: in Stuttgarts größtem Wohnsilo, im Asemwald 60, genannt "Hannibal".
Der Name Macleod, so schien es, erhellte eine Passage in dem Kassiber, den Gudrun Ensslin aus dem Essener Frauengefängnis geschoben haben soll. Dort heißt es**:
* Bei einer Pressekonferenz am 27. Juni im Polizeipräsidium.
** Die Ermittlungsbehörden ersetzten, ehe dem SPIEGEL diese Kassiber-Passage zugänglich gemacht wurde, Namen durch Auslassungspunkte.
Aber da gibt's bessere Zelte für das Zusammensein. Der einfachere Kontakt zu kl. Dicken geht über Hof-Tante; jemand vorbeischicken, d. Mitte z. B. mit 'ner Deckgeschichte für ihn selbst, falls er da in Scheiße reinläuft, aber ich glaube nicht, wäre sonst früher schon am 3./4. Juni schiefgegangen ... viell. als Verlobte von Mac aufbauen, wenn netig nud; je nachdem wie tit ... geht jetzt. Das Pfaffenschwein wird die nächsten Monate wohl stillhalten. Nur wenn nötig, ist immer Scheiße Viell. überhaupt die Mühle als Depot, teueres Depot, aber gut, wenn Mac noch 2 Monate lang Politik da macht wie gehabt, am Arm ne Tante, Blumen, samstags viell. noch bessere Klamotten u. auf jeden Fall, wie er schon weiß, Teppich, Bücher, Bücherregal, Schreibtisch, Papierkram rein, Zeitschriften und ne bessere Bettüberdecke, aufblasbares Sofa. Das wärs, ... weiß schon.
Nicht zuletzt aufgrund der Vermutung, bei dem Macleod der konspirativen Wohnung Seidenstraße und dem Mac im Ensslin-Kassiber handele es sich um ein und dieselbe Person, geriet der schottische Geschäftsmann zum "Helfer der Baader-Meinhof-Bande" (Buback) -- zumal im Kassiber auch eine "Gabi" erwähnt wurde. Mithin schien bei der Festnahme des Schotten größte Vorsicht geboten; entsprechend waren die Vorbereitungen.
Entgegen der ursprünglichen Absicht, bereits am Samstag früh zuzugreifen, wurde der Einsatz noch einmal um 24 Stunden verschoben. Damit wollten die Stuttgarter Kriminalisten Zeit gewinnen, um die vier Durchsuchungsobjekte -- Seidenstraße" Obere Weinsteige, "Hannibal" und die Wohnung eines Photographen -- noch genauer abzuklären.
Die Fahnder beschafften Schlüssel, Lageskizzen und Baupläne, photographierten und zapften Telephone an. Während in den beiden konspirativen Wohnungen alles ruhig blieb, nahmen die Abhörspezialisten mehrere Telephongespräche auf, die Macleod in seinem "Hannibal"-Appartement führte. Außer dem schnellen Dialekt-Englisch des -- im übrigen fließend deutsch sprechenden -- Schotten gab den Mithörern ein scheinbar unvermittelt eingeworfenes "Kukident mal drei" Rätsel auf.
Der Trupp, der die Asemwald-Wohnung aushob, bestand aus zehn Kripoleuten und uniformierten Polizisten. Dazu gehörte Kriminalobermeister Gerhard Rücker*, 35. Er drang mit den anderen "fast lautlos" in die Wohnung im fünften Stock ein und trat dann, die auf Einzelfeuer gestellte und entsicherte Maschinenpistole hüfthoch mit der rechten Hand im Anschlag, an die Tür des vermuteten Schlafzimmers.
Noch bevor er die Klinke fassen konnte, wurde die Tür von innen aufgerissen. Rücker nahm eine "männliche Gestalt" wahr, die einen Schrei ausstieß. und "mit einem Male hat alles ganz anders ausgesehen, als wir uns das vorgestellt hatten".
"Ich dachte", so Rücker später, "jetzt bist du dran." Er schoß zweimal. Die Kugeln durchschlugen die Tür, die im selben Moment wieder ins Schloß gekracht war. Eines der 9-mm-Geschosse traf den geduckt in Richtung Bett flüchtenden Macleod tödlich in den Rücken.
Warum Rücker so verhängnisvoll falsch reagierte; warum er mit einer relativ ungenau schießenden MP zum Schlafzimmer vorgeschickt wurde, zumal er beim öffnen der Tür nicht einmal beide Hände an der Waffe haben konnte; warum die Fahnder nicht vor dem Einsatz über die Persönlichkeit des Wohnungsinhabers nähere Erkundigungen eingezogen hatten (die dem Beamten möglicherweise Angst oder Schrecken genommen hätten) -- all dies wuchs sich 56 Stunden danach, so lange währte die Nachrichtensperre der Staatsanwaltschaft, zu einem Wust von Spekulationen, Ungereimtheiten und Widersprüchen aus.
Wohl erwiesen sich die beiden Wohnungen Seidenstraße und Obere Weinsteige tatsächlich als -- freilich verlassene -- Treffpunkte der Baader-Meinhof-Gruppe. Neben dem "typischen Einfachstmobiliar der Bande" (LKA-Cheffahnder Günter Textor) stießen die Beamten unter anderem auf Wecker für Bombenzeitzünder.
Doch ausgerechnet in der ·,Hannibal"-Wohnung Macleods fanden die Kriminalisten offensichtlich keine Baader- Meinhof-Spuren; jedenfalls machte die Bundesanwaltschaft. die am Freitag letzter Woche ausführlich über die Ausheute in den beiden konspirativen Wohnungen berichtete, keine Angaben darüber. Und bis Ende letzter Woche gab es auch keinen Beweis dafür, daß der Schotte mit der Wohnung in der Seiden-
*Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
straße überhaupt noch etwas zu tun gehabt hatte.
Der seit langem in Stuttgart ansässige Macleod hatte diese Wohnung am 20. Dezember letzten Jahres ordnungsgemäß gekündigt, im Januar letztmals Miete und Telephon bezahlt und war mit Hab und Gut in sein neues Domizil im "Hannibal" umgezogen, wo er auch einen neuen Telephonanschluß bekam.
Wenn der Nachmieter -- an der Wohnungstür hing ein Schild mit dem Namen "Zerbel" -- ein BM-Kontaktmann war, so dürfte er kaum Interesse daran gehabt haben, auf möglichst schnelle Ummeldung der Wohnung und des Telephonanschlusses zu drängen. Und denkbar wäre auch, daß dann dieser Unbekannte alias Zerbel sich zur Tarnung fortan "Mac" nannte.
Ob der echte Macleod ein "Helfer" der Baader/Meinhof war, wie Bundesanwalt Buback behauptete, oder "schlimmstenfalls eine völlig unbedeutende Randfigur", wie die "Stuttgarter Zeitung" meinte -- Gewißheit bestand darüber Ende letzter Woche nicht. Macleods Freunde halten jede Art von BM-Aktivität für ausgeschlossen. Übereinstimmend beschreiben sie den homophilen Ballettliebhaber und begeisterten Hobbykoch als einen unpolitischen, ganz auf seine geschäftliche Tätigkeit -- die Kontinentvertretung englischer Reinigungsgeräte -- fixierten Mann.
Für Bundesanwalt Siegfried Buback war gleichwohl am vergangenen Freitag "die Verdachtslage unverändert. Wenn die Bundesanwaltschaft irrt, wäre ein Schotte gestorben, weil er beim Umzug die deutschen Meldevorschriften ignorierte.

DER SPIEGEL 28/1972
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