03.07.1972

„Ein brennendes Gefühl im Unterbauch“

SPIEGEL: Einer Ihrer Beamten hat in der vergangenen Woche bei der Durchsuchung einer Wohnung einen erkennbar wehrlosen Mann totgeschossen. Hat die Angst vor Baader-Meinhof-Leuten Ihre Polizei so durcheinandergebracht, daß sie schon einen nackten Mann, der aus dem Schlaf hochfährt, für gefährlich hält?
RAU: Ganz gewiß nicht. Wir mußten aber davon ausgehen, daß die Wohnung von Baader-Meinhof-Leuten bewohnt ist, mußten nach allen Erfahrungen damit rechnen, daß BM-Gruppenmitglieder rücksichtslos schießen -- und zwar aus Waffen und mit Munition, die tödlich wirken. Wir wissen auch, daß diese Leute clever sind und sich nicht ohne weiteres überraschen lassen. Daß unser Beamter an der Tür nicht damit gerechnet hat, daß diese Tür plötzlich aufgerissen wird und daß er dann in einen nur noch tiefenpsychologisch erklärbaren Ausnahmezustand geriet, ist natürlich außerordentlich bedauerlich.
SPIEGEL: Was ist denn daran so außergewöhnlich, wenn jemand in seiner Wohnung Geräusche hört, aufspringt, die Zimmertür aufreißt und dann auf den Anblick bewaffneter Zivilisten schreckhaft reagiert? Ist das nicht ein ganz natürliches Verhalten, das Ihre Beamten hätten einkalkulieren müssen?
RAU: Das kann man hinterher natürlich leicht sagen. Daß es anders ablief, war verhängnisvoll. Aber wenn man vom Rathaus kommt, ist man eben klüger. Wir wollten bei dieser Aktion zur frühen Morgenstunde das Überraschungsmoment ja ausdrücklich ausnutzen und einen Schußwaffeneinsatz damit gerade vermeiden.
SPIEGEL: Und dann war die Polizei überrascht und schoß drauflos?
FREY: Wir haben, neben Kripo in Zivil, auch uniformierte Kräfte eingesetzt -- gerade, weil wir durch die optische Wirkung der Uniform das Erschrecken mildern wollten. Der Überraschte sollte erkennen, hier sind Polizisten und keine Räuber eingedrungen.
SPIEGEL: Das hat ihm freilich nichts genützt.
FREY: Bitter, aber wahr. Ich will nicht rechtfertigen, was vorgefallen ist. Aber wir mußten davon ausgehen, daß sich mehrere Personen in der Wohnung aufhielten und daß Bestürzung und Schrecken bei den Verdächtigen in Waffengebrauch umschlagen konnten.
SPIEGEL: Das geschah dann auf seiten der Polizei. Wieviel Zeit hatten Sie, den Einsatzplan zu besprechen? Wurden dabei auch bestimmte Situationen vorher durchgespielt?
RAU: Die ersten Informationen vom Bundeskriminalamt bekamen wir am Freitag um 21 Uhr. Dann haben wir alles durchgesprochen und beschlossen, den Einsatz nicht schon Samstag früh, sondern erst Sonntag früh zu machen.
SPIEGEL: Also 33 Stunden Vorbereitungszeit für den Einsatz.
RAU: Ja, wir haben das in aller Ruhe, ohne Aufregung und ohne Hysterie gemacht. Allerdings stand am Freitag noch nicht fest, welche der drei zu überprüfenden Wohnungen die Stuttgarter Polizei und welche die Kollegen vom LKA und BKA übernehmen.
SPIEGEL: Nach welchen Kriterien wählt die Stuttgarter Kriminalpolizei ihre Beamten für solche Einsätze aus?
FREY: Der Beamte soll umsichtig sein und überlegt handeln können. Er soll psychisch und physisch belastbar sein -- auch wenn das jetzt makaber klingt. Er soll Erfahrungen haben in Groß- und Sondereinsätzen und soll alle Informationen für den Einsatz kennen. Schließlich muß er auch mit seiner Schußwaffe sicher umgehen können. Der Todesschütze war erst drei Wochen zuvor das letztemal an der MP ausgebildet worden.
SPIEGEL: Werden Stuttgarter Kriminalbeamte von Zeit zu Zeit darauf überprüft, ob sie in kritischen Situationen besonnen reagieren? Wird die psychische Belastbarkeit getestet, haben Sie dafür einen Polizeipsychologen?
RAU: Nein, einen Psychologen haben wir nicht. Er wäre auch kein Allheilmittel. Jener Beamte, der die verhängnisvollen Schüsse abgab, hatte sich gerade in unangenehmen Situationen sehr bewährt. Er war erst ein paar Tage zuvor an der Festnahme des BM-Verdächtigen Hausner beteiligt -- eine lautlose Aktion ohne jeden Zwischenfall. Das hat uns in der Auswahl dieses Beamten noch bestärkt. Man wußte, er ging besonnen vor -- Hausner hatte eine großkalibrige, durchgeladene Pistole im Halfter.
SPIEGEL: Und wie erklären Sie sich, daß gerade ein solcher Beamter derart kopf los reagiert?
FREY: Sehr schwer, darauf zu antworten. Keiner konnte gerade bei ihm damit rechnen. Nach dem Rammelmayr-Bankraub in München haben wir uns auch in Stuttgart mit Auswahl und Ausbildung von Präzisionsschützen beschäftigt. Mitmachen sollte nur, wer freiwillig dazu bereit war. Der Beamte, der jetzt Macleod erschoß, hatte mir erklärt, er könne andere in einer Nothilfesituation nicht freischießen -- Geiseln zum Beispiel. Er werde allenfalls in einer äußersten Notwehrsituation für sich selbst von der Waffe Gebrauch machen. Das war eine saubere Erklärung, und so kam er nicht zur Langwaffenausbildung.
RAU: Bei diesem Mann ist irgendwas gerissen, das vielleicht die Tiefenpsychologen später vor Gericht erklären mögen. Wir können nur vordergründig sagen: Hier ist etwas in diesem Mann gebrochen, und wenn man seine Spontanvernehmung liest, liegt da wohl auch der Schlüssel. Er hat ausgesagt, als die Tür aufging, sei es ihm durch den Kopf gezuckt "Jetzt bist du dran" -- und dann ging nur noch das Kommando vom Kopf auf den Zeigefinger.
SPIEGEL: War er übermüdet?
RAU: Nein. Er war am Freitag abend bei den Besprechungen bis gegen Mitternacht dabei. Dann hatte er dienstfrei bis Samstag nachmittag. Gegen 23 Uhr waren die Einsatzbesprechungen zu Ende.
SPIEGEL: Dann ging er nach Hause, schlafen?
FREY: So sagt er. Was er dort getan hat, weiß ich nicht. Sonntag früh um fünf war die letzte Einsatzbesprechung.
SPIEGEL: Hielten Sie es für möglich, daß in der Macleod-Wohnung auch Sprengstoff und Munition lagerten?
FREY: Nach unseren Informationen konnten wir das nicht ausschließen.
SPIEGEL: Also ein Grund mehr, die Beamten vor Schußwaffengebrauch zu warnen: Der ganze Wohnblock "Hannibal" hätte in die Luft fliegen können.
FREY: Es bestand ganz klare Anweisung: Von der Schußwaffe sollte nur in einer Notwehrsituation Gebrauch gemacht werden.
SPIEGEL: Warum hatten Sie denn Ihre Leute mit Maschinenpistolen ausgerüstet! Für eine Festnahme eine ziemlich ungewöhnliche Bewaffnung.
RAU: Bei Baader-Meinhof-Einsätzen nehmen wir immer Maschinenpistolen mit. Wir müssen uns an der Bewaffnung des Gegners orientieren -- mit 7,65-Pistolen wären unsere Beamten im Ernstfall immer unterlegen. Im übrigen: Die MP des Schützen war auf Einzelfeuer eingestellt. er gab zwei Schuß ab.
SPIEGEL: Selbst wenn man ihm zubilligen wollte, den ersten Schuß vor Erregung unkontrolliert abgegeben zu haben -- muß man den zweiten Schuß nicht anders beurteilen?
FREY: Ich glaube, das geschah alles in der gleichen psychischen Situation. Es ging auch ganz schnell hintereinander: Päng. päng -- so hörte ich's am Flureingang zur Wohnung, ich war ja auch dabei. Der Schütze hat mir spontan erklärt, er habe nach der Klinke greifen wollen, da sei die Tür von innen aufgerissen worden. Er habe nur einen Kopf gesehen -- nichts davon, ob er nackt war oder bekleidet -- und plötzlich habe der Mann sich bewegt, als wollte er sich herunterbeugen. Er habe angenommen, jetzt schießt er, empfand ein brennendes Gefühl im Unterbauch -- "ich habe schon eine oder ich krieg' noch eine" -, und da hat er abgedrückt.
SPIEGEL: Wird gegen den Schützen wegen Totschlags oder nur wegen fahrlässiger Tötung ermittelt?
RAU: Das muß die Staatsanwaltschaft entscheiden. Auszugehen ist davon, daß der Beamte einen Menschen erschossen hat -- also mindestens Totschlag. Dann geht es um die Fragen der Rechtswidrigkeit und Schuld. Ich kann das hier nur verkürzt sagen. Bei Putativ-Notwehr läge ja wohl nur Fahrlässigkeit vor. Aber man kann Totschlag sicher nicht einfach ausklammern.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem Versagen?
RAU: Natürlich ist dieser Vorfall für uns eine bittere Lehre. Vor einem ähnlichen Einsatz werden wir uns die Beamten noch genauer ansehen. Aber ob alle Lehren, die wir ziehen, der nächsten Situation standhalten, wissen wir nicht. Ob man in solchen Fällen künftig die richtige Auslese trifft, hat mit Ausbildung, Gesetz und Einsatzplänen nichts mehr zu tun. Das läßt sich nicht vorausberechnen, da kann man nur noch beten.

DER SPIEGEL 28/1972
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