03.07.1972

PRESSEWar ein Faß

Die West-Berliner SPD-Tageszeitung „Telegraf“ wurde samt ihrer Abendausgabe „Nacht-Depesche“ letzte Woche eingestellt -- jüngstes Beispiel erfolgloser sozialdemokratischer Pressepolitik.
Schwarz gewandet erschienen am Mittwoch letzter Woche die Redakteure des West-Berliner "Telegraf" zur Arbeit; sie hatten gerade ihren ehemaligen Vize-Chef Werner Nieke beerdigt. Kaum im Hause, gab es neuen Anlaß zur Trauer: Ihr Blatt war am Ende.
Die 34 Journalisten und mehr als 200 andere "Telegraf"-Mitarbeiter traf es "wie ein Blitz". Manche fanden die Todesnachricht -- Erscheinungsstopp am 30. Juni -- als dpa-Meldung auf ihren Schreibtischen vor, andere vernahmen sie aus dem Rundfunk: So sprang der "Telegraf"-Unternehmer, die SPD-eigene Hamburger "Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft", mit den Genossen Arbeitnehmern um.
"In der Vergangenheit", schrieb denn auch das Blatt -- am Donnerstag, dem vorletzten Erscheinungstag -- in einem Nachruf auf sich selbst, "haben wir oft über den unwürdigen Tod von Zeitungen berichten müssen und dabei stets vor der Mißachtung der primitivsten Rechte der Beschäftigten gewarnt, die beim Zeitungssterben auftraten. Jetzt trifft es uns selbst." Die in der Schlagzeile aufgeworfene Frage "Warum muß diese Zeitung sterben?" beantwortete das Blatt allerdings unzulänglich.
Die richtige Antwort hätte besagen müssen, daß der "Telegraf" (verkaufte Auflage: 73 992) wie seine -- gleichfalls eingestellte -- Abendausgabe "Nacht-Depesche" (verkaufte Auflage: 36 577) seit Jahren sozialdemokratische Publizistik mehr schlecht als recht an den Mann zu bringen versucht hatte. Eher dilettantisch gemacht und fast erdrückt von der übermächtigen Konkurrenz des Springer-Konzerns, der 68,6 Prozent des West-Berliner Tageszeitungsmarktes beherrscht ("Telegraf" samt "Nacht-Depesche": 11,7 Prozent), verkam das SPD-Druckerzeugnis zunehmend zu einem "Beispiel dafür, wie schlecht Parteizeitungen aussehen können" (so die "Frankfurter Rundschau")*.
Dabei war der 1946 im britischen Sektor von Berlin lizenzierte "Telegraf" (Lizenzträger: die Sozialdemokraten Arno Scholz, Paul Löbe und Annedore Leber) in den ersten Nachkriegsjahren das größte und wichtigste Blatt der alten Hauptstadt -- Auflage: rund 500 000. Es hatte, bis zur Blockade und Berlin-Spaltung im Jahr 1948, Stammleser nicht nur In ganz Berlin, sondern auch in Dresden, Leipzig und Halle.
Und auch später noch, als Sowjets und SED den offiziellen Vertrieb untersagt hatten, schwärmten regelmäßig
* Außer den Springer-Blättern "Welt", "Bild" "BZ", "Berliner Morgenpost" erscheinen in West-Berlin nur noch die unabhängigen Zeitungen "Tagesspiegel, (10,4 Prozent), "Abend" (6,9 Prozent) und "Spandauer Volksblatt" (2,4 Prozent).
"Telegraf"-Mitarbeiter mit schweren Koffern aus, um das West-Blatt in einer Spezial-Dünndruckausgabe ("Der kleine Telegraf") unters Ost-Volk zu -bringen. Erst der Mauerbau des Jahres 1961 stoppte diesen West-Ost-Transfer und warf, im Verein mit der Berlin-Expansion des Pressekonfektionärs Springer, das von Arno Scholz geleitete SPD-Blatt endgültig auf seine wirtschaftlich kritische Mini-Auflage zurück.
Doch nicht nur der hemdsärmelige Massen-Journalismus seines Hamburger Konkurrenten machte dem -- 1971 verstorbenen -- "Telegraf"-Chef Scholz zu schaffen. Auch seine eigene biedere Parteilichkeit stand einem Wiederaufstieg des Blattes aus dem Mittelmaß im Wege. In der Branche ging über Scholz der Spruch um: "Verleger halten ihn für einen brauchbaren Journalisten, Journalisten für einen brauchbaren Verleger."
So stellte die SPD auch in Berlin ihre Unfähigkeit unter Beweis, eine attraktive Zeitung zu machen -- wie in Mainz, wo 1966 die "Freiheit" einging, wie in Hamburg, wo ein Jahr später das traditionelle "Hamburger Echo" verschied. In Kiel mußten die Sozialdemokraten die "Volkszeitung", in Lübeck den "Lübecker Morgen", in Mannheim die "AZ" aufgeben. In den meisten Bundesländern schon nicht mehr präsent, drohen der SPD nun auch die "Neue Hannoversche Presse" (Verkauf von Bezirksausgaben) und die "Westfälische Rundschau" (Kooperation mit der Konkurrenz) zu verkümmern.
Immerhin überlebte in Berlin der "Telegraf" noch die Konkurrenten von der CDU, die ihre Berliner Zeitungen schon früher -- "Der Tag" 1963, "Kurier" 1966 -- liquidieren mußten. Auch hatte "Telegraf"-Verleger Scholz es immer wieder verstanden, über Partei- und Gewerkschaftskanäle Anzeigen zu akquirieren und Lohndruckaufträge ins "Telegraf"-Haus am Bismarckplatz, dem ehemaligen Quartier des "Reichsarbeitsdienstes", zu ziehen. Alfred Nau, Presse-Obmann des Bonner SPD-Vorstandes: "Erst nach Arnos Tod wurde es auch da sehr schwierig."
So schwierig wurde es, daß auch eine in Aussicht gestellte Bonner Subvention (SPIEGEL 10/1972) in Höhe von 6,5 Millionen Mark -- 2,5 Millionen Mark waren bereits ausgezahlt -- das kränkelnde Blatt nicht mehr zu sanieren vermochte. Und so blieb denn Nau-Adlatus Alois Hüser, Geschäftsführer der SPD-Zeitungsholding, "nichts weiter übrig", als den "Telegraf"-Leuten in der vergangenen Woche den Exitus ihrer Partei-Gazette und mithin neues Versagen sozialdemokratischer Zeitungs-Politik zu annoncieren. Hüser, der mittlerweile an einem Sozialplan für die "Telegraf"-Hinterbliebenen bastelt: "Das hier war ein Faß ohne Boden."
Schlagzeile des letzten "Telegraf", vom Freitag letzter Woche: "Aus!"

DER SPIEGEL 28/1972
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