03.07.1972

„In zehn Jahren sind das hier Slums“

Als wollten sie einen neuen Atlantikwall aufschütten, haben Steuerspekulanten und Freizeitunternehmer zwischen Lübeck und Flensburg Betonburgen errichtet: im Stil des sozialen Wohnungsbaus oder als Luxussuiten für eine halbe Million Mark. Experten sprechen von einem „Ausverkauf der Landschaft“ -- die Strandkörbe stehen, auf künstlich angespultem Sand, wie Kieler Sprotten.
Das Unheil kam von See. Über Nacht peitschten Sturmböen die Fluten dreieinhalb Meter hoch. "Fürchterlich", so ein Chronist, "raste das entfesselte Element"; es schuf "Verheerungen wie seit Jahrhunderten nicht".
Das war im Jahre 1872 -- und die letzte große Sturmflut an der Ostsee war "von größtem Einfluß auf die Küste" (so Dr. Marcus Petersen vom Kieler "Landesamt für Wasserhaushalt").
Einhundert Jahre später kam neues Unheil über die Küste -- diesmal von Land. Wieder rast ein entfesseltes Element. Wieder gleichsam über Nacht wird Schleswig-Holsteins Ostseeküste noch nachhaltiger heimgesucht als von der Sturmflut -- durch die Bauwut bundesdeutscher Unternehmer,
Baulöwen und Finanzgenies aus dem Hinterland verwandeln die Gestade Schwansens und der Propstei, Fehmarns und der Lübecker Bucht in eine riesige Baustelle.
Schwerlastverkehr auf dörflichen Stichstraßen rund um die Uhr, Baukräne am Himmel von Travemünde bis Glücksburg" Betontürme, die hinter Dünen, in Salzwiesen oder gar im Wasser gründen -- die Ostseeküste der Bundesrepublik wird betoniert. der Fremdenverkehr zwischen Lübeck und Flensburg tritt in seine großindustrielle Phase.
An den Atlantikwall erinnern die Wohnterrassen von Sierksdorf; wie ein Flakturm ragt das Holmer Hochhaus auf; die Schlaftürme von Burgtiefe ähneln Getreidesilos; und der Neubaukomplex Heiligenhafen klotzt als Koloß in der Landschaft -- eine Art Märkisches Viertel der Ferienindustrie.
"Eine Insel ändert ihr Gesicht", wirbt Fehmarn, das größte Eiland der Bundesrepublik -- doch das gilt für die ganze Küste. Die neuen Bauten beherrschen das Panorama auf Meilen; sie dienen Wassersportlern bereits als Orientierungshilfe. Der Bauboom" so Petersen, "zerstört die Natur und verändert den Landschaftscharakter irreversibel".
Doch die Unternehmer schütten weiter Beton. "Vollsperrung!" protzt ein Schild in Damp. Denn: "Hier baut Intergrund." In Heiligenhafen verspricht eine Tafel: "Engelhardt schafft Eigentum." Und in Sierksdorf heißt es gar: "Hier bauen wir Ihren Logenplatz an der Ostsee."
Die Logenplätze kosten mehr als 100 000 Mark; die Nacht in einem Appartement kommt für eine Familie auf 50 bis 100 Mark.
So viel "Geldeinsatz von Milliarden", so erläutert die Zeitschrift "Ferienhaus und Appartement" den Boom an Deutschlands neuer Goldküste, "gab es in der Bundesrepublik noch nicht für tauristische Ziele".
Freilich sind diese Bauvorhaben auch gar nicht zum Wohle von Touristen, sondern zuallererst zum Nutzen von Steuerspekulanten gedacht; daß bei diesem Geschäft mit der legalen Steuerhinterziehung Ferienwohnungen abfallen. scheint eher beiläufig.
Die neuen Ferienzentren, so Landrat Bernd Ohmstede aus Eutin, seien nicht Ergebnis einer übergreifenden Planung, sondern lediglich "motiviert durch wirtschaftliche und steuerliche Überlegungen".
Saure Wiesen für fünf Millionen Mark verkauft.
Eine wohldurchdachte "Urlaubsarchitektur" forderten jüngst die Teilnehmer eines Symposiums in Heiligenhafen für solche Ferienzentren: "landestypisch und bodenständig, heiter, hell und bunt" eher "beweglich und veränderbar" (so der Mainzer Psychologe Klaus Hartmann). Oder, wie der Münchner Baukritiker Paulhans Peters forderte: "Gassen, Plätze, Trampelpfade"; Ferienorte, so Peters, müßten "von der Form her erinnerbar" sein.
Doch bei der Errichtung der neuen Betonburgen am Ostseestrand hatten Baulöwen und Abschreibungsexperten -zumeist Laien auf dem Gebiet des Tourismus -- offenbar nur eins im Sinn: "Geld in architektonischer Form" (so der Ostsee-Experte Gerhard Eckert).
Spezialitäten der bundesdeutschen Steuergesetzgebung wie Zonengrenzabschreibung und Entwicklungshilfe-Steuergesetz gestatten Großverdienern, ihre fälligen Steuern auf legale Weise zu kurzen. Beispiel: Wer als Höchstbesteuerter 100 000 Mark in eine KG investiert, kann bis 1974 94 831 Mark Steuern sparen. Umgekehrt: Mit wenig mehr als 5000 Mark Eigenleistung waren sie mit einem Nominalwert von 100 000 Mark dabei.
Den Baupreisen in der Bundesrepublik wichen Unternehmer vielfach aus, indem sie Verträge mit Baubrigaden aus Ostblockländern abschlossen. So errichten Rumänen die Anlagen am Weißenhäuser Strand und in Schönhagen, Polen mörteln am "Maritim" in Kiel, und DDR-Genossen zimmern in Damp 296 "Zeltdachhäuser" nach Harzer Art.
Daß an der Ostseeküste "etwas geschehen mußte" -- das betont auch Geschäftsführer Kramer vom schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrsverband: "Wir mußten etwas in Richtung Mittelmeer tun -- etwa, was fließend Wasser, Heizung und Klo betraf." Sierksdorfs Bürgermeister Geberbauer sagte es deutlicher: "Die Leute wollten nicht länger über die Stange kacken."
Doch um den gewachsenen Ansprüchen zu genügen, wurde nun "nicht gekleckert", sondern "geklotzt" (so Dr. Eberhard Gugg vom "Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr" an der Universität München). Unternehmer, meist aus dem Hinterland, errichteten neue Ferienplätze, wo immer es möglich war: auf sauren Wiesen in Schwansen und der Probstei, an der Abbruchküste von Heiligenhafen, auf einer Landzunge der Insel Fehmarn -- aber auch in direkter Nachbarschaft zum Schießplatz Putlos (Weißenhäuser Strand) oder beiderseits einer Eisenbahnlinie (wie in Sierksdorf).
"Aus dem Nichts empor" -- so umschreibt Kramer den Slogan, mit dem die bauwütigen Unternehmer allerorten Bürgermeister, Gemeindevertreter und Großgrundbesitzer für ihre aberwitzigen Unterfangen gewannen. So entstanden und entstehen beispielsweise:
* "Damp 2000" mit 7000 Betten (Baukosten: 200 Millionen Mark);
* "Ferienzentrum Holm" mit 4000 Betten (Baukosten: 74 Millionen Mark);
* "Ferienpark Heiligenhafen" mit 6000 Betten (Baukosten: 110 Millionen Mark);
* "Ferienpark Sierksdorf" mit 4000 Betten (Baukosten: 200 Millionen Mark).
Baugrund war meist schnell und leicht zu beschaffen.
Entweder halfen die Gemeindeväter, "die mit offenen Augen und doch blind die tollsten Verpflichtungen eingingen in der selbsttrügerischen Hoffnung. nun den großen Sprung nach vorn unternehmen zu können" (Dr. Gugg).
Oder Großgrundbesitzer wie der Graf Ludwig zu Reventlow in Damp oder der Graf v. Platen-Hallermund in Weißenhaus verkauften ihre Wiesen -- der eine für mehr als fünf Millionen, der andere für 1,5 Millionen Mark.
Auch zahlreiche Bürgerproteste vermochten etwa den neuen Wolkenkratzer der "Maritim"-Gruppe auf dem Leuchtenfeld von Travemünde nicht zu verhindern. Vergebens rannten die Besitzer von Eigentumswohnungen in Timmendorfer Strand gegen die Errichtung eines neuen Hotelturms samt Zufahrtstraße vor ihren Fenstern an. Der Vermieter Claus Jaeger auf Fehmarn klagt: "Um mich und meine Reet-Kate zu verdrängen, unterbieten sie jetzt sogar meine Preise für Pilsner Urquell."
Sie -- das sind die Unternehmensgruppen, die sowohl dem Staat als auch dem Urlauber in die Tasche greifen. Sie wecken Illusionen -- und operieren damit oftmals am Rande der Legalität.
Acapulco, Waikiki -- in Heiligenhafen?
"Wer sich an breiten Sandstränden tummeln will", so die Schrift "Ferienhaus und Appartement", "der ist gut beraten, wenn er eine der zahlreichen Ferienwohnungen erwirbt."
"Hollywood-Luxus", verspricht das Panoramic-Hotel in Sierksdorf. Als "zukunftsweisend" bietet sich das "neue Ferienparadies Damp 2000" an und prophezeit in großflächigen Annoncen: "Mehr als Meer", "Erlebnisreich" und "erholsam" will das "Paradies" in Holm sein.
Leichtfertig versprechen die Promoter "(fast) immer blauen Himmel" (Holm), "feinsten Sand" (Sierksdorf) und "glasklares Meer von Trinkwasserqualität" (Burgtiefe).
Der "Engelhardt Feriendienst" kennt bei der Propagierung Heiligenhafens überhaupt keine Grenzen: "Acapulco, Waikiki" -- so trompeten Heiligenhafens Herolde und zeigen langbeinige Miezen am Grill und beim Minigolf. Doch in Heiligenhafen kann man meist nur zum Kegeln oder zum Kurkonzert gehen -- was einen Teenager maulen ließ: "Meine Olle hat 'ne Macke, mit mir hierherzufahren."
Sonne, Sand und See -- das waren die drei "S", die Millionen Familien einst an die Ostsee zogen.
Omas Ostsee -- das waren mal 1800 Küstenkilometer von Memel bis Flensburg, mit dem Modebad Zoppot bei Danzig und dem Intellektuellen-Refugium Hiddensee auf Rügen.
Die breiten Sandstrände und Dünenlandschaften von Ostpreußen, Pommern und Mecklenburg sind heute sozialistische Badestrände, fest in Arbeiter- und Bauernhand. Dem kapitalistischen Deutschland blieben 383 Kilometer zwischen Lübeck und Flensburg; früher, bis auf Travemünde und Timmendorfer Strand, unter anspruchsvollen Touristen eher als zweitrangig eingestuft.
An diesem Küstenstrich gab es weithin nicht einmal, was der schleswig-holsteinische Verkehrsminister Dr. Karl-Heinz Narjes eine "für den Fremdenverkehr unabdingbare Voraussetzung" nennt: Strand -- wie Sand am Meer.
Jedem Badegast, so besagt noch der Raumordnungsplan von Schleswig-Holstein, müßten mindestens acht bis zehn Quadratmeter Strandfläche zur Verfügung stehen. Doch an den wenigen na-
* Oben: Burgen-Prämierung in Travemünde; unten: Strand in Grömitz.
türlichen Stränden, die die westliche Ostsee zu bieten hat, haben sich längst Bäder wie Grömitz oder Scharbeutz breitgemacht. Folge: Die neuen Unternehmer. konnten nicht auf Sand, sie mußten auf Wiesen bauen.
So mußten vielerorts Tricks herhalten, die der Kieler Studiendirektor und Ostsee-Experte Dr. Uwe Muuß als "böse Eingriffe in die Natur" bezeichnet: Aufwendige Sandaufspülungen verhalfen den Ferienmaschinen in Heiligenhafen und Großenbrode, Burgtiefe und Sierksdorf zu mühsam zusammengekratztem Strand, auf dem die Körbe in der Saison wie Kieler Sprotten stehen.
Doch auch dieser kargen Landgewinnung können die Baulöwen nicht einmal sicher sein: "Ein paar Stunden Sturmflut", so Experte Muuß, "dann ist das futsch. 200 000 Kubikmeter sind fix weg."
Wer also nur selten Sonne, mittlerweile verunreinigte See und lediglich krümelweise Sand zu bieten hat, muß sich schon was einfallen lassen, um Käufer und Gäste zu ködern -- Ringelpietz und Rummel, wie in jedem Ferienzentrum auf der Welt.
Tennisplätze sind obligatorisch wie Kegelbahnen (wobei einige Unternehmer sich lediglich den Kopf darüber zerbrechen, ob sie nicht doch besser auf Bowling setzen sollen). Heiligenhafen -- dem Theodor Storm Ende des vergangenen Jahrhunderts noch "abgeschlossene Einsamkeit" zuschrieb -- bietet einen Schießtunnel, Bockwürste von "Witwe Bolte" und bunte Abende mit Künstlern "bis rauf zu Zarah Leander". Holm hat eine Kunstgalerie, einen Zirkus und ein Rotwildgehege.
Eine Spielzeugstadt aus Legosteinen -- mit 2500 Parkplätzen -- errichtet die Hamburger Bauregie Rüster auf einem Gelände von 120 000 Quadratmetern bei Sierksdorf. In Holm, wo noch weidende Kühe, nistende Störche und knorrige Eichen die Landschaft bestimmen, baut der Kieler Investitionslöwe Göttsch nun eine Striptease-Bar. In Heiligenhafen, wo Fischkutter Butt anlanden und Möwen ihren Mist abladen, gedenkt der Hannoveraner Engelhardt eine Kunsteisbahn einzurichten. Furcht vor einem Indianer-Reservat an der Schlei.
Das Meer und die begehrte Urlaubssonne genießen die Besucher der "an die Küste verlegten Teile der binnenländischen Ballungsräume" (Petersen) denn auch immer häufiger als bloßes Kunstprodukt -- sozusagen in gefilterter Form.
Schwimmbäder, überdacht, beheizt, gechlort und mit künstlichem Wellenschlag versehen, gibt es mittlerweile in fast allen Ostsee-Zentren. Und nur noch "zum geringsten Teil wählen" die Ostsee-Urlauber, so "Maritim"-Direktor Günter Lüttgen, "die Möglichkeit der Strandbenutzung" -- sie braten sich die Urlaubsbräune auf den zahlreich vorhandenen Loggien an; in Heiligenhafen, Holm und Sierksdorf ist der Weg zum überfüllten Strand ohnehin lang und mühsam.
Scheint die Sonne nicht, suchen die Feriengäste die Katakomben der Freizeitmaschinen auf: Im Solarium wird jeder braun, für drei Mark pro 20 Minuten -- dank der Kunstsonne von BBC.
Doch nicht nur die Wiesen des Grafen zu Reventlow -- auch das Wasser, wenn schon zum Baden fast zu eng geworden, läßt sich noch vermarkten: "Marina" heißt der Schlager.
Bauunternehmer fanden es heraus: Die Deutschen wollen ein Volk von Seglern und Motorfexen sein. So werden nun in Burgtiefe und Heiligenhafen, in Wendtorf und Damp neue Jachthäfen angelegt, notfalls mit schwerem Geschirr (siehe Kasten). In Schleswig läßt der Lister Bürgermeister und Kieler Bauunternehmer Dr. Horst-Günter Hisam im Wasser der Schlei einen 85 Meter hohen Wohnturm errichten -- in der Erwartung, daß Segler dort nicht nur einen Bootsplatz, sondern gleich auch eine Eigentumswohnung erwerben. "Ein Stück davon kaufen und alles besitzen."
Die Wohnlöcher (30 bis 60 Quadratmeter) kosten in der Regel zwischen 60 000 und 180 000 Mark; und im Olympiazentrum Kiel-Schilksee werden sie nicht nur von dem Privatunternehmer Engelhardt, sondern auch von der gewerkschaftseigenen "Neuen Heimat" verhökert (Werbeslogan: "Leinen los" zum "Wohn-Segeln").
Die "Logenplätze" an der Ostsee bereiten dem Fremdenverkehrsverband mehr Sorgen als die Ferienzentren. "Der Erholungsraum für Minderbemittelte wird mehr und mehr beengt" klagt Verbandsgeschäftsführer Kramer.
"Ein Stück davon kaufen und alles besitzen" -- so lockt die mächtige "Maritim"-Gruppe für ihre "Residenz" in Travemünde: Unmittelbar vor dem 32 Meter hohen Leuchtturm aus dem Jahre 1539, Motiv in Thomas Manns "Buddenbrooks"" errichten die Baulöwen einen 111 Meter hohen Komfort-Turm.
Wer sich im "Maritim" die erstklassige Suite "Bounty" (Nutzfläche: 100 Quadratmeter, Kaufpreis: 423 200 Mark) als Zweitwohnung nicht leisten kann, darf als Urlauber dritter Klasse in eine der zahlreichen Steinwüsten aus weichen -- nach Sierksdorf, Großenbrode, Burgtiefe, Heiligenhafen, Holm.
Dort kann er in der Hauptsaison, pro Tag und Familie, für 50 bis 100 Mark nächtigen -- "obligatorische" oder "wahlweise" Nebenkosten nicht mitgerechnet, wie etwa 4,50 Mark für eine Garnitur Bettwäsche oder 22 Mark für eine sogenannte "Endreinigung". Für eine Nacht in einem Ein-Raum-Appartement des Ifa-Hotels in Burgtiefe -- ohne Service, Radio, TV, Telephon -- wurden schon in der Vorsaison summa summarum 70,50 Mark berechnet (Logis: 39 Mark, Raumpflege: 29 Mark, Elektrizitätsgebühr: 2,50 Mark).
Dabei erweisen sich "Hollywood-Luxus" und "Top-Wohnstil", wie in den Werbeprospekten für die Spekulationsobjekte versprochen, meist als simpler sozialer Wohnungsbau -- von der Zumutung abgesehen, Ferien auf Baustellen zu machen: zwischen Bauabschnitt I, II und III, geweckt vom Unimog oder Schienenkran.
Die Küche -- in der drei Wochen lang für vier Personen gekocht werden soll -- befindet sich oft im Schrank (Burgtiefe) oder vis-à-vis der Klotür (Holm). Ihre lichte Weite ist oft so gering bemessen (in Heiligenhafen: 92 Zentimeter), daß die Hausfrau bei dem Versuch, den Mülleimer zu beschicken, die halbe Einrichtung aus den Angeln hebt. Rechtfertigung eines Architekten: "Ein großes Programm" sei in den Ferien nicht "abzukochen" (Heiligenhafen). Dann also ins Restaurant: Porterhouse-Steak mit Idaho-Potatoes für 17 Mark (Sierksdorf).
Geschlafen wird, wenn das Alarmklappern der Lüftungsklappen (Heiligenhafen) es zuläßt, wie gekocht: auf engstem Raum. Kindern sind Doppelstocker in einer Buchte mit Oberlicht und ohne Türen (Heiligenhafen), den Eltern zuweilen gar Kojen ohne Fenster (Sierksdorf) zugedacht.
So ist schon aus baulichen Gründen die sogenannte "Hausordnung" teilweise überflüssig, deren Tonart -- so in Heiligenhafen -- an den Kommandostil eines Obdachlosenasyls erinnert: Das Trocknen von Badezeug auf Balkonbrüstungen ist verboten. Das Betreten des Rasens ist untersagt wie das Spielen der Kinder in den Fluren, Hunde- und jegliche andere Tierhaltung nicht gestattet.
Sie dürfen und müssen Betten bauen -- wie die Freizeit-Maschinisten sie ihnen hingebaut haben, ohne viele Gedanken daran zu verschwenden, ob Menschen sich in den Freizeit-Gettos oder in deren Schatten noch erholen können.
Von 50 000 auf 400 000 Übernachtungen pro Jahr sprang die Besucher-Frequenz auf der unwirtlichen Insel Fehmarn. nachdem die Brücke über den Sund (im Zuge der "Vogelfluglinie") gebaut worden war. Und so wollen es nun auch noch die kleinsten Ostseeanlieger-Gemeinden haben. "Wir wollen die Landschaft (an der Schlei) nicht zu einem Indianer-Reservat werden lassen", bannt Bürgermeister Hoppe aus Süderbrarup nahe Schleswig.
Die CDU-Landesregierung hat für die Folgen solcher freien Marktwirtschaft an ihrer Ostseeküste "den Überblick völlig verloren" (Architekt Peters). Der Tourismus-Experte der schleswigholsteinischen SPD, Ernst-Wilhelm Stojan, beklagte "Wirrwarr" und "Planungsmangel" und warnte vor drohenden "Investitionsruinen".
Es gibt sie schon -- so in Kellenhusen. wo eine tausendköpfige Gemeinde beim allgemeinen Bau-Boom mithalten wollte. Nun fehlen allein 700 000 Mark, um wenigstens eine halbfertige Schwimmhalle zu vollenden. Ostsee-Touristen finden den unverputzten Rohbau direkt neben der Strandpromenade.
* L.: beim Kurkonzert in Heiligenhafen; r.: an der Strandpromenade in Travemünde.
Ganze "Geisterstädte" prophezeite das "Kommunal-Magazin" der Ostsee-Küste. Ferienzentren, so Peters, seien außerhalb der Hauptsaison ohnehin "wie ein abgestellter Zug". Dr. Gugg beklagt einen "ungeheuren Mangel an vorausschauender Planung" und "nicht wiedergutzumachende Schäden". 800 000 Besucher für Legoland.
Der Plan der Kieler Landesregierung, das Bettenangebot Schleswig-Holsteins zwischen 1966 und 1985 zu verdoppeln, ist schon jetzt nahezu erfüllt. Kleinvermieter sind dabei auf der Strecke geblieben -- selbst etablierte Ostseebäder notierten letztes Jahr Flaute: Insgesamt gingen die Übernachtungen um ein Prozent zurück.
Zwar hat nun die Landesregierung 15 der insgesamt 31 vorgesehenen Großbau-Projekte vorläufig (bis 1975) stoppt. Aber "viel zu spät", so der Ostsee-Experte Dr. Gerhard Eckert, hat sich die Landesregierung der "Umkrempelung einer ganzen Urlaubslandschaft" angenommen.
So konnte der Starnberger "Studienkreis für Tourismus" -- der kürzlich Psychologen und Soziologen, Bau- und Finanzexperten, Reisefachleute und Kommunalpolitiker zu einer Tagung lud -- nur noch resignieren: Die Eingriffe in die Struktur des Landes seien so tiefgehend, daß sich "eine sehr ernste Gefahr für die Gemeinden" abzeichne -- als "Konsequenz aus einer sich möglicherweise in der Zukunft herausstellenden Unwirtschaftlichkeit" (Landrat Ohmstede).
Die "Verdauungsstörungen" durch neue Ferienzentren zählte Dr. Ernst Bernhauer vom Deutschen Fremdenverkehrsverband auf: "Überlastete Wasserversorgung, Kanalisation, Straßen"
Schon streiten sich die Gemeinden Sierksdorf und Scharbeutz um ihre Trinkwasserversorgung. Weder Kiel noch Travemünde verfügen über biologische Kläranlagen. Die Fäkalien treiben auf die offene See -- was dem Modebad Travemünde unter Fachleuten den Namen "Latrinemünde" eintrug. Und mehr als dürftig sind auch die Verkehrsverbindungen: Die erwarteten 800 000 Besucher von "Legoland" beispielsweise werden sich "allenfalls mit gezogenem Colt über die geteerten Feld-Wege" (Eckert) vorankämpfen können.
Märkisches Viertel an der Ostsee: "Früher", erinnert sich Claus Jaeger, Gastronom auf Fehmarn, "verkauften wir noch mal ein Filet oder eine Flasche Wein. Heute gehen nur noch Pommes frites in der Tüte mit einer Cola, direkt an den Strand."
So präsentiert sich die Ostseeküste der Bundesrepublik zu Beginn der Saison 1972: "Von Darmbakterien umschlungen", wie die Hamburger "Zeit" es formulierte, und bedroht vom polnischen Pommern. Ein Vermieter in Sierksdorf: "Wenn die drüben eröffnen. können wir hier wieder zumachen."
Bedroht sind die Betonburgen freilich auch vom eingebauten Verschleiß. "Spätestens in zehn Jahren", so prophezeiten Experten auf der Arbeitskreis-Tagung im Mai, "sind diese Ferienzentren hier Slums."

DER SPIEGEL 28/1972
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