26.06.1972

AGGRESSIONGefährliches Gerede

Psychoanalyse und Verhaltensforschung werden von jungen Psychologen neuerdings scharf kritisiert, die Werke von Mitscherlich und Lorenz über Aggression abgelehnt.
Daß den Professoren und Gelehrten einer ganzen Wissenschaftsrichtung ohne viele Umschweife von Kollegen gesagt wird, sie möchten erst einmal forschen und schweigen, kommt sicher nicht alle Tage vor. Den Psychoanalytikern der Bundesrepublik, zu deren berühmtesten Alexander Mitscherlich gehört, ist eben dies widerfahren.
Die Aufforderung, gerichtet an die Psychoanalytiker in Bausch und Bogen, findet sich in einem Sammelband, der im vorigen Jahr von fünf jüngeren Psychologen geschrieben und von dem Berliner Professor Herbert Seig. 37, herausgegeben wurde: "Zur Aggression verdammt? Psychologische Ansätze einer Friedensforschung. Seig darin wörtlich: "In unserer weniger geschliffenen Diktion fordern wir vor allem die Psychoanalytiker auf, die nächsten Jahrzehnte zur Forschungsarbeit zu nutzen und im übrigen -- zu schweigen."
Inzwischen hat die Tonart Seigs Schule gemacht. Kein wissenschaftliches Thema wird zur Zeit so aggressiv abgehandelt wie das der Aggression*. Nicht nur Mitscherlich, dessen Friedenspreis-Rede 1969 den Anstoß zur Aggressionsdebatte gab, sondern auch Konrad Lorenz, die andere Koryphäe der Aggressions-Literatur der sechziger Jahre ("Das sogenannte Böse"), und noch andere wie Herbert Marcuse ("Repressive Toleranz") oder Arno Plack ("Die Gesellschaft und das Böse") und Irenäus Eibl-Eibesfeldt ("Liebe und Haß") sehen sich über Nacht aus dem Raum der Aggressionsforschung exmittiert.
Fast durchgängig findet sich bei den Jungen die Anmerkung, die großen Anreger der Aggressions- Debatte verstün-
* Herbert Seig (Hrsg.): Zur Aggression verdammt? Psychologische Ansätze einer Friedensforschung". Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart: 16O Seiten: 18,80 Mark.
Hanns-Dietrich Dann: "Aggression und Leistung". Ernst Klett Verlag. Stuttgart; 188 Seiten: 22 Mark.
Amélie Schmidt-Mummendey Hans Dieter Schmidt: "Aggressives Verhalten. Juventa Verlag. München; 256 Seiten; 14 Mark.
Wolf Lepenies / Helmut Nolte: Kritik der Anthropologie. Carl Hanser Verlag, München: 144 Seiten: 780 Mark
den sich mehr auf populäre Schreibe denn auf Wissenschaft. So
* nennt Hanns-Dietrich Dann, 32, ein Konstanzer Aggressionsforscher, Mitscherlich und Marcuse "publikumswirksame Autoren";
* nennen Amélie Schmidt-Mummendey, 28, Aggressionsforscherin in Mainz, und Hans Dieter Schmidt, 32, Professor in Düsseldorf, die Theorien von Lorenz "gewandt und anschaulich vorgetragene "Primitivismen'":
* meinen die Aggressionsforscher Ute Jakobi, Herbert Seig und Wilfried Belschner über Lorenz, er zitiere wohl gern Goethe, Schiller und die Bibel. "aber kaum einen Psychologen". seine Psychologie sei "eine Art Privatwissenschaft".
Die letzten drei summieren ihre Kritik an Psychoanalyse und Verhaltensforschung schließlich zu einer provokanten Aussage: "Hier ist es an der Zeit, offen auszusprechen: Der Tierforscher Lorenz und ähnlich auch der Analytiker Mitscherlich kennen die Humanpsychologie von der Aggression nicht, obwohl sie kräftig dreinreden. Sie übersehen die Fakten, die nicht in ihre Theorien passen?
Die wichtigste der Theorien, die Jakobi/Selg/Belschner im Visier haben, ist die "anachronistische Annahme" (Dann) von Mitscherlich und Lorenz. aber auch von Sigmund Freud und neuerdings auch von Arnold Gehlen, dem Menschen sei ein Aggressionstrieb angeboren oder jedenfalls schicksalhaft zugeteilt -- also Aggression nicht amputierbar, sondern nur manipulierbar.
Dies ist auch der Punkt, an dem die Aggressionsdebatte der siebziger Jahre giftig geworden ist und den Rand der politischen Verdächtigung erreicht hat.
Tenor dieser Verdächtigung: Die Autoren der Aggressions-Literatur in den sechziger Jahren hätten, ob gewollt oder ungewollt, mit ihrer Theorie einer nicht zu beseitigenden Aggressions-Neigung des Menschen die Bestrebungen der Jugend erschwert, die Menschheit zu befrieden.
In einer zunächst sehr allgemeinen Form drücken diesen Vorwurf die zwei jungen Berliner Sozialphilosophen Wolf Lepenies und Helmut Nolte in "Kritik der Anthropologie" aus.
"Was einer vom Menschen glaubt", schreiben sie darin, "wird nicht ohne Einfluß bleiben auf seine Auffassung von den Bedingungen und Zielen menschlichen Zusammenlebens" -- verkürzt ausgedrückt: Wer den Menschen für aggressiv hält, wird ihm auch aggressive Ziele setzen.
Schärfer formuliert Nolte denselben Gedanken in bezug auf Gehlen und den Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt: "Der Rekurs auf das archaische (aggressive) Erbe des Menschen dient nicht der Reflexion über die Bedingungen der Emanzipation. sondern nimmt eine offensichtlich anti-aufklärerische Richtung."
Dabei gesteht Nolte zu -- und das erst macht die Dimension der gegenwärtigen Aggressionsdebatte deutlich -, daß das Triebmodell Eibl-Eibesfeldts den Vorstellungen Freuds "nahekommt".
Über das 1963 erschienene Werk von Lorenz "Das sogenannte Böse" meint Nolte, es sei in der Öffentlichkeit "als eine Art Absolution begrüßt worden, weil (es) den Menschen damit tröstet, sein Verhalten im gegenwärtigen Gesellschaftszustand entspräche durchaus Naturgegebenheiten".
Auch die Seig-Gruppe interpretiert die große öffentliche Resonanz von "Das sogenannte Böse" in der Bundesrepublik in dieser boshaften Weise: Das Lorenz-Werk scheine allen jenen eine Entschuldigung zu liefern" "deren Weste nicht ganz rein geblieben war", und zwar nach dem Motto: "Wenn wir einen Aggressionstrieb haben und dieser ausgelebt werden muß, können wir ja eigentlich nicht viel dafür, daß ..."
Seig formuliert auch den Vorwurf gegen die Psychoanalyse am schärfsten: "Das Gerede vom Aggressionstrieb ist gefährlich; es fördert die weitere Ausbreitung aggressiver Verhaltenstendenzen und erhöht die Kriegsgefahr in den internationalen Beziehungen."
Bemerkenswert ist schließlich, daß keiner der jüngeren Kritiker die Annahme für erwägenswert hält, daß Lorenz und Mitscherlich, gerade weil sie die Aggressivität für ein in der menschlichen Natur verankertes Wesenselement halten, in ganz besonderem Maße an der Forderung nach einer friedlicheren Gestaltung der Gesellschaft interessiert sein könnten.
Der Standort zumal der Seig-Mannschaft ist der der Lernpsychologie. Zu deren wichtigsten Hypothesen gehört die Annahme, daß Aggressivität nicht angeboren, sondern anerzogen, erlernt, also auch -- möglicherweise -- durch neue Erziehungsformen entweder zu beseitigen oder wenigstens zu minimalisieren sei. Die Lernpsychologie hat also eine pädagogische Tendenz, und manchmal gar eine rigorose. So schreibt denn auch Hanns-Dietrich Dann in seiner Studie über "Aggression und Leistung": Zwar klinge es plausibel, "daß es aggressives Verhalten in der langen Menschheitsgeschichte doch immer wieder gegeben habe und es somit ganz unwahrscheinlich sei, es eines Tages ausmerzen zu können". Doch zwingend sei dieser Gedanke keineswegs: "Wir müssen uns allmählich daran gewöhnen, nichts als naturgegeben und damit unabänderlich hinzunehmen."
Möglicherweise resultiert die Hitze des Streits auch aus der Tatsache, daß viele jüngere Aggressionsforscher in Wirklichkeit sehr viel mehr wollen als bloß die Aufhebung der Aggression -- nämlich die Aufhebung des Leistungsbegriffes der industriellen Wettbewerbsgesellschaft überhaupt.
Viele Soziologen und Psychologen meinen, den Gewalt-Gehalt der industriellen Gesellschaft mit deren Leistungs-Ethos zusammenbringen zu müssen. Aggression und Leistung seien so eng verzahnt, daß, wenn man wirklich eine friedliche Gesellschaft wolle, man auch Leistung reduzieren müsse -- also eine neue leistungsneutrale Moral zu entwickeln habe.
"Wer", schreibt Seig im Nachwort seines Sammelbandes. "wie die Psychoanalyse einen Aggressionstrieb propagiert, fördert gewollt oder ungewollt den Fortbestand einer einseitig auf Wettbewerb ausgerichteten Gesellschaft. Er fördert den Wettbewerb, der ein enger Verwandter der Aggression ist."

DER SPIEGEL 27/1972
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