11.09.1972

Macht der Medaillen

Mehr als 10 000 Athleten wollten bei den Spielen starten. 44 Rhodesier wurden vorzeitig ausgesperrt. Rund 50 Sportler aus Ägypten, Syrien, Kuweit und dem Libanon reisten nach dem Massaker ab.
Das dezimierte Olympia ging über Leichen zur Tagesordnung über. 16 Stunden nach dem Tod der israelischen Sportler fielen wieder Tore -- beim Hallenhandball und zu freiem Eintritt. Bald darauf griffen auch Kanuten wieder zu den Paddeln, zügelten Dressurreiter ihre Pferde und hoben Ringer ihre Rivalen aus.
Und beim Fußball reduzierten sich Trotz und Durchhaltevermögen der Olympier schnell zur zwar unausgesprochenen. doch um so kräftiger angewandten Devise: Tote raus -- Tore rein. Bis letzten Donnerstag um 8.24 Uhr früh waren tote und lebende Israelis nach Tel Aviv ausgeflogen worden. Unterdessen hatten Ungarns Kicker die Bundesdeutschen 4:1 und DDR-Fußballer die Mexikaner gar 7:0 besiegt -- von den Fans umjubelt.
"Das sind nur noch die Spiele der Funktionäre", rügte der bundesdeutsche Olympia-Fußballer Uli Hoeness. "Wir Athleten würden lieber aufhören. Doch Hoeness, Student der Anglistik und Geschichte, gehört wie seine 18 Mannschaftskameraden zum weitaus kleineren Teil potentieller Olympiadienstverweigerer.
Einige Studentensportler wie der holländische Langstreckenläufer Jos Hermens und die holländische Sprinterin Wilma van Gool, Lehrerin in Rotterdam, schlossen sieh zwar sieben Handbauern, zwei Hockeyspielern und einem Degenfechter ihres Landes an und verließen aus Gewissensgründen den olympischen Campus.
Doch die Mehrheit der Athleten setzte die Wettkämpfe fort, wie es das IOC befahl. Freilich überließen es fast alle Missionschefs ähnlich wie der bundesdeutsche Professor Josef Nöcker jedem selbst, den Wettkampf fortzusetzen oder nicht.
Von den mehr als 440 Bundesathleten, die in München am Medaillenkampf beteiligt waren, sah sich nur einer außerstande, bis zum Äußersten dabeizusein: Sprintermeister Manfred Ommer. Sein freiwilliger Verzicht auf den Start in der 4 X 100-Meter-Staffel brachte ihn möglicherweise um eine Medaille.
Am letzten Donnerstag, knapp zwei Tage nach dem Massaker, vergnügten sich startfreie Athleten schon wieder auf dem Teilnehmerblock im Olympiastadion damit, Papierflugzeuge zu basteln und fliegen zu lassen.
"Die Boys und Girls sind hierhergekommen, um sich Medaillen zu erkämpfen -- ich auch", erklärte der vier Zentner schwere US-Ringer Chris Taylor. "Und auch viele Zuschauer sind um die halbe Welt geflogen, um Sport zu sehen. Den sollen sie haben" Ringerriese Taylor, der nach den Spielen als Darsteller in Horrorfilmen auftre-
* Am Tage des Überfalls auf die israelische Mannschaft.
ten soll, berührte es auch nicht, daß fünf der toten Israelis aus dem Ringerlager kamen.
"Ich hatte sie nur ein paarmal flüchtig gesehen. Nette Boys waren das, aber sie würden jetzt so denken wie ich, wenn sie noch am Leben und ich tot wäre." Der holländische Ringer Bert Kops freilich, der mit den Israelis wochenlang gemeinsam trainiert hatte. packte seine Koffer. "Ich bin nicht imstande, hier weiterzumachen. Alles erinnert mich an meine toten Freunde.
Doch die überlebenden Israelis entschieden sich wie alle -- mit Ausnahme der Bundesdeutschen -- im Exekutivkomitee des IOC für die Fortsetzung der Wettkämpfe. Ihr Missionschef Schmuel Lalkin verwarf den Rückzug aus dem Stadion und von der Matte: "Olympia darf nicht abgebrochen werden, weil einige arabische Gangster unsere wehrlosen Landsleute ermordet haben."
Die israelischen Leichtathletinnen Channe Schezifi und Aviva Balas hatten bis zum Beginn der Spiele monatelang in Leverkusen trainiert. Die Leverkusener Endlaufteilnehmerin im 1 500-Meter-Lauf, Ellen Tittel, hatte sich wie andere Bundessportler wochenlang in Israel vorbereitet und mit den Wettkämpferinnen Schezifi und Balas Freundschaft geschlossen.
"Als sie jetzt heimflogen, trugen sie mir auf, symbolisch für sie mitzulaufen." Für den Fall des Medaillengewinns plante die deutsche Rekordläuferin und Sportstudentin Tittel, die Plakette den Freundinnen nach Israel zu schicken.
Der Drang zur Medaille vor allem stiftete viele Wettkämpfer zum Weitermachen an. Während sich für den Abbruch meist bereits erfolgreiche Athleten wie der Speerwurfolympiasieger Klaus Wolfermann oder geschlagene wie der Leverkusener Hürdenläufer Günther Nickel aussprachen, mochten noch im Wettkampf verwickelte Medaillenan-Wärter wie die beiden Bundesboxer Peter Hussing und Dieter Kottysch die bereits sicheren Medaillen nicht durch den Verzieht einbüßen.
Der Macht der Medaille entzog sich auch nicht der bundesdeutsche Schwergewichtsringer Wilfried Dietrich. zum fünftenmal bei Olympischen Spielen dabei und bisher jedesmal mit einer Medaille heimgekehrt. "Was hätte es geändert, wenn ich heimgefahren wäre?", stellte er die Gegenfrage.
Mit den Durchhaltespielen von München glauben die Olympia-Oberen vorerst, ihre Spiele und Athleten gleichsam in einen Hoffnungslauf bis zum nächsten Wettkampfort Montreal 1976 geschickt zu haben.

DER SPIEGEL 38/1972
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