11.09.1972

ISLANDKappmesser am Bug

Gegen isländische Fischereischutzboote, die Briten-Trawlern das Schleppnetz abschneiden, schickte London ein Kriegsschiff aus.
Isländische Fischereischutzboote schossen in Richtung der englischen Fischdampfer -- mit Kameras. Die Briten erwiderten die Schnappschüsse -mit Lautsprechern. die "Britannia rule the waves" schmetterten.
So verlief rund um Island die erste Woche des Kabeljaukrieges zwischen Großbritannien (55 Millionen Einwohner) und Klein-Island (0,2 Millionen) eher komisch. Einige Briten-Trawier führten zum Hohn die schwarze Piratenflagge mit dem Totenkopf.
Völkerrechtlich ist nicht fixiert, ob die britischen und mit ihnen die deutschen Hochseefischer Piraten sind, wenn sie, wie seit Jahrhunderten, in jenen Breiten fischen, die Island am -- September seinen Hoheitsgewässern einverleibt hat: 50 Seemeilen statt bislang zwölf.
Der isländischen Absicht, Kabeljau, Heringe und Schellfisch des umstrittenen Gebietes zu nationalisieren, hatte der von England und Westdeutschland angerufene Internationale Gerichtshof in Den Haag am 17. August widersprochen, doch Island wollte sich nicht beugen. Das kalte, öde Land, dessen Export zu 80 Prozent aus Fischereiprodukten besteht, sprach den Haagern die Zuständigkeit ab, weil für Seegrenzausdehnungen noch keine völkerrechtlichen Regeln bestünden.
Am 1~ September feierte ganz Island die neue Grenze mit Festbeflaggung und der festen Entschlossenheit, sie zu schützen. Aber mit dem Vorsatz, sie zu verletzen, waren bereits -- auf den Haager Gerichtsspruch pochend -- an die hundert, zumeist britische Trawler im Anmarsch.
Die bundesdeutsche Fischereiflotte, von den unbewaffneten Fischereischutzbooten "Meerkatze" und "Frithjof" begleitet, zeigte ihre (international vorgeschriebenen) Kennzeichen und bewegte sich mehr am Rande des Geschehens.
Die Angelsachsen aber waren nicht so pingelig. Deren Trawler hatten ihre Kennzeichen übermalt und ihre Bordwände mit alten Netzen und Stahltrossen drapiert, die das Entern durch isländische Fischereischutzbeamte verhindern sollen.
Londons "Sunday limes" schadenfroh: Die Isländer würden sich an den zerfetzten Trossen die Hände aufreißen und unterdes "mit faulen Kartoffeln bombardiert werden".
Solchem Kampf geist seines Nato-Verbündeten ist Islands Fischereischutzflotte kaum gewachsen. Sie zählt nur 120 Mann auf fünf kleinen, älteren Booten (von denen eines zur Zeit in Dänemark repariert wird), die mit je einer Vorkriegs-Kanone (Kaliber 4,7 bis 5,7 Zentimeter) bestückt sind, für die keine Munition mehr hergestellt wird. Und die Boote sind langsam. Sie laufen nur 12 bis 19 Knoten, die Fremden jedoch 20 Knoten.
Zunächst photographierten die Isländer nur, um die Anonymen später identifizieren und gerichtlich belangen zu können, und sie erteilten Verwarnungen, um die sich freilich die Briten nicht scherten.
Bislang hatten die fremden Fischer die Hälfte aller unter Island gefangenen Fische entführt. Seit 1966 ist die Jahresbeute der Isländer um rund 40 Prozent geschrumpft, an Heringen allein von 770 auf 50 Millionen Kilogramm.
Wie von Heringen, so Reykjavik, werde Islands Festlandssockel auch bald von Dorschen leergefischt sein -- durch Raub der Fremden. Nach Weltkrieg II seien die Zahl der laichfähigen Dorsche und ihr Durchschnittsalter ständig gesunken.
Fischereiminister Ludvik Josefsson nach der neuerlichen britischen Trawler-Invasion: "So geht es nicht weiter, wir müssen schärfer reagieren.
Islands Kanonenboote eskalierten den kalten Krieg mittels am Bug montierten Schneidegeräts: Sie legten es darauf an, die Trossen zwischen Trawler und Netz zu kappen. Entlastete Trossen aber können auf das Schiff zurückschnellen und Menschen gefährden. Und ein Schleppnetz kostet rund 80 000 Mark.
Britische Skipper funkten deshalb Notrufe in die Heimat; nach der ersten halbwegs geglückten Trennung von Schiff und Netz protestierte London offiziell gegen das Trossenspiel. Einer der Netzabschneider wurde von mehreren Trawlerbesatzungen mit Eisenstücken beworfen.
Vorigen Mittwoch steuerte die Royal-Navy-Fregatte "Aurora", die ursprünglich bei den Färöern, 500 Kilometer südöstlich von Island, Eingreifposition beziehen sollte, mit neuem Kurs -- direkt auf Island. "Sie ist", versicherte die Londoner "limes", "sicherlich jedem isländischen Kanonenboot überlegen."

DER SPIEGEL 38/1972
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