11.09.1972

PSYCHIATRIELeere Festung

Etwa 6000 Kinder leben in der Bundesrepublik als eine Sondergruppe von geistig Behinderten, die „offiziell gar nicht existiert“. Ihr Leiden -- „frühkindlicher Autismus“ -- tritt fast nur in Intellektuellenfamilien auf.
Mit sechs Monaten konnte Thomas sitzen, mit 13 Monaten begann er zu sprechen, mit 15 Monaten zu laufen - ein normal, eher überdurchschnittlich gut entwickeltes Kind. Vielleicht sogar mehr als "das: Schon mit eineinhalb Jahren konnte Thomas -- Vater: Jurist, Mutter: Pharmazeutin -- die Melodien von Liedern, Schlagern und auch klassischer Musik nachahmen, die er gehört hatte.
Auch Markus, Sohn eines Managers und einer Fabrikantentochter. schien für sein Alter schon recht weit zu sein. Mit zehn Monaten lief er frei durchs Zimmer. mit 13 Monaten begann er zu sprechen. "Markus", erinnerten sich später seine Eltern, "war ein freundliches Kind, lachte viel, sang und spielte geschickt mit Bauklötzen."
Doch kaum anderthalb Jahre später zeigten sich bei den beiden Kindern schwerwiegende Verhaltensstörungen. Während sich die Gewandtheit ihrer Bewegungen normal weiterentwickelte, lernten sie keine neuen Wörter mehr -- und vergaßen schließlich sogar das schon Gelernte.
Thomas, so protokollierte der Münsteraner Psychiatrie-Professor Hans E. Kehrer, gab nach seinem zweiten Geburtstag "nur noch wenige unartikulierte Laute von sich", Markus produzierte nur mehr "eigenartige Rachenlaute".
Zudem kapselten sich die Kinder mehr und mehr von ihren Eltern und Geschwistern ab. Es war, als lebten sie hinter einer imaginären Fensterscheibe, und auch durch die Menschen, die um sie herum waren, schienen sie förmlich "hindurchzusehen" (Kehrer).
"Das Kind", so beschrieb es die Mutter eines inzwischen 14jährigen Jungen, der Gleiches erlitt, "befindet sich wie auf einem fremden Planeten, dessen Einwohner keine Verständigungsmöglichkeiten anzubieten haben."
Erst seit wenigen Jahren wissen westdeutsche Psychiater und Kinderärzte, daß es sich bei dem unerklärlich scheinenden Verstummen und dem scheuen, jede Veränderung ängstlich meidenden Rückzug aus der Außenwelt um die Hauptmerkmale eines mysteriösen Leidens handelt. Die Pädiater sprechen von "frühkindlichem Autismus"*.
Eine "babylonische Sprachverwirrung", so der West-Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Gerhardt Nissen, herrscht vorerst noch bei den Wissenschaftlern, wenn sie Symptomgruppen und womöglich auslösende Faktoren aufführen, die dem -- Autismus zuzuordnen seien.
Fast immer, so erläuterte Nissen in der Fachzeitschrift "Der Nervenarzt", sei kindlicher Autismus mit einer verzögerten, nur mehr "im Zeitlupentempo" verlaufenden Persönlichkeitsentwicklung verbunden. Die Kinder, begegnungsscheu und kontaktgestört, leben in einer intellektuellen und emotionalen Eigenwelt, die Suche nach Körperkontakt und Zärtlichkeit ist meist verkümmert, die Beziehung zur Dingwelt angstbesetzt oder sonst krankhaft verändert.
Einige ihm typisch scheinende Symptome "autistischer Psychopathen" wurden schon Anfang der vierziger Jahre von dem Wiener Psychiater Hans Asperger beschrieben: Die ernst, vergrübelt, extrem introvertiert wirkenden Kinder, die oft nur monoton und leiernd. manchmal aber auch besonders prononciert und theatralisch sprechen, zeigen mitunter einen "frühreifen und prinzenhaften", dann wieder einen "gespannten und problemgeladenen" Gesichtsausdruck; ihre Bewegungen sind eckig, abrupt und disharmonisch, ihr Blick scheint "leer und schweifend in die Ferne gerichtet".
Schwerwiegende Störungen der Sprachentwicklung andererseits beobachtete vor allem der amerikanische Kinderpsychologe Leo Kanner; jedes dritte der von ihm untersuchten Kinder
* Autismus. von griech. "autos" = selbst, etwa: Selbstbezogenheit, Rückzug auf sich selbst.
blieb zeitlebens stumm. Häufig beobachtete Kanner bei den Kindern ein "ängstlich-zwanghaftes Bedürfnis nach Gleicherhaltung der dinglichen Umwelt" ("Veränderungsangst") -- der kleine Thomas beispielsweise, über den der Münsteraner Psychiater Kehrer berichtete, wollte sich von einzelnen Spielsachen nicht einmal nachts trennen; seine Mutter mußte beim Einkaufen immer die gleichen Straßen gehen, und beim Autofahren schrie er, wenn ein ihm unbekannter Weg eingeschlagen wurde.
Manchmal sind autistische Kinder daran zu erkennen, daß sie bestimmte, meist technische Spiele gleichsam im Leerlauf stereotyp immer wieder nachvollziehen. In seltenen Fällen neigen sie auch dazu, sich selber Schmerzen zuzufügen: Sie trommeln mit den Fäusten gegen ihre Schläfen, laufen mit dem Kopf gegen die Wand und klettern manchmal auf Möbel, um sich herabfallen zu lassen -- nach Ansicht der Psychiater eine Art Fluchtversuch der gestörten Kinder aus ihrem inneren Gefängnis.
Einig sind sich die Psychiater bislang nur in einer Beobachtung: Fast alle autistischen Kinder stammen aus Familien. die etwa der West-Berliner Experte Nissen als "vorwiegend intellektuell" einstuft. Bei 100 Kindern beispielsweise, die der Amerikaner Kanner untersuchte, hatten 97 Prozent der dazugehörigen Väter und 70 Prozent der Mütter eine Collegeausbildung. Überdies fand Kanner bei 85 Prozent der Eltern Wesenseigentümlichkeiten. die er als "emotional-frigide" bezeichnete.
Von solchen und anderen Beobachtungen haben die Forscher die Vermutung hergeleitet, es müsse einen erblichen "Autismusfaktor" geben, eine angeborene Veranlagung, die jedoch allem Anschein nach erst durch bestimmte Umwelteinflüsse ("Milieubelastung") zum Tragen komme.
Nach Meinung mancher Psychiater können dabei etwa gefühlskalte Eltern oder auch neurotische Konfliktsituationen die Verhaltensstörung des Kindes auslösen. Andererseits ist mittlerweile erwiesen, daß auch organische Hirnschädigungen -- so vermutlich bei dem Manager-Sohn Markus nach einer Pockenschutzimpfung im Alter von neun Monaten -- den Krankheitsprozeß in Gang setzen können: den Rückzug in die "leere Festung" der totalen Ich-Versponnenheit, wie es der amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim umschrieb.
Wie viele solcher verhaltensgestörter Kinder es in der Bundesrepublik gibt. ist nicht bekannt; der Frankfurter Diplom-Psychologe Jürgen Wendeier spricht von einer Sondergruppe "geistig behinderter Kinder. die offiziell gar nicht existiert".
1970 wurde im westfälischen Lüdenscheid auf Elterninitiative ein Bundesverband "Hilfe für das autistische Kind" gegründet: 300 Patienten sind dort mittlerweile namentlich bekannt Britische Untersuchungen, wonach unter 10000 Kindern im schulpflichtigen Alter durchschnittlich vier Fälle von Autismus zu erwarten sind, lassen freilich darauf schließen, daß es in der Bundesrepublik insgesamt etwa 5000 bis 6000 solcher Kinder gibt.
Doch nicht nur was die Bestandsaufnahme. auch was die Hilfe für solche Kinder anbelangt, sind die britischen Mediziner ihren westdeutschen Kollegen weit voraus. Insgesamt gibt es in England, wie unlängst das Fachblatt "Lancet" mitteilte, bereits 45 Spezialschulen für autistische Kinder. drei davon allein in London.
Um die gestörten Kinder aus ihrer ichbezogenen Traumwelt in die Realität zurückzuholen, bedienen sich die Therapeuten neuerdings vergleichsweise drastischer Methoden. Nach wenig ermutigenden Resultaten mit Psychopharmaka und Psychoanalyse scheint sich noch am ehesten ein verhaltenstherapeutisches Training zu bewähren: Durch langwieriges Einüben, das von Therapeuten mit Belohnung. manchmal auch Strafe verbunden wird, soll das geschädigte Kind seine Entwicklungsdefizite aufholen.
So entwickelten beispielsweise americkanische Therapeuten für autistische Kinder, die zur Gruppe der sogenannten Selbstbeschädiger gehören, einen Schutzhelm, der elektrische Stromstöße austeilt. wenn das Kind zu einer neuen Attacke gegen sich selbst ansetzt.
Die Münsteraner Psychiater andererseits belohnen das Einüben von kurzen Sätzen bei ihren Schützlingen regelmäßig mit kleinen Geschenken: Schokolade oder Fruchtsaft. Auf diese Weise konnte beispielsweise Markus, wie Kehrer in der Zeitschrift "Acta Paedopsychiatrica" mitteilte, nach einigen Monaten doch noch "zu einem recht lebhaften, geradezu kontaktfreudigen Kind" gedeihen. Auch Thomas kann, wie berichtet wird, inzwischen "eine ganze Menge sprechen".
Daß diese Behandlungsweise "große Ähnlichkeit mit Dressur bei Tieren" habe, spricht nach Kehrers Meinung nicht gegen sie. Ohne intensive medizinische, pädagogische und psychologische Betreuung jedenfalls kann autistischen Kindern kaum geholfen werden. Kehrer: "Sie verharren in stumpfer Untätigkeit oder in bizarrem. unproduktivem Verhalten."
"Von wenigen Ausnahmen abgesehen", so klagt der Münsteraner Psychiater, sei jedoch eine umfassende Betreuung autistischer Kinder in der · Bundesrepublik "bisher nicht möglich". Bislang gibt es für sie noch kein spezielles Diagnose-, Therapie- und Trainingszentrum.

DER SPIEGEL 38/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PSYCHIATRIE:
Leere Festung

Video 00:50

Mazedonien Demonstranten stürmen Parlament und verletzen Abgeordnete

  • Video "Mazedonien: Demonstranten stürmen Parlament und verletzen Abgeordnete" Video 00:50
    Mazedonien: Demonstranten stürmen Parlament und verletzen Abgeordnete
  • Video "Seitenlage im Hafen: Kran bringt Frachtschiff zum Kentern" Video 00:36
    Seitenlage im Hafen: Kran bringt Frachtschiff zum Kentern
  • Video "Amerikas Heroin-Epidemie: Erst zum Hausarzt, dann zum Dealer" Video 04:10
    Amerikas Heroin-Epidemie: Erst zum Hausarzt, dann zum Dealer
  • Video "Liga der Supersportwagen: ADAC GT Masters in Oschersleben" Video 00:44
    Liga der Supersportwagen: ADAC GT Masters in Oschersleben
  • Video "Terrorverdacht: Londoner Polizei nimmt Mann in Regierungsviertel fest" Video 00:39
    Terrorverdacht: Londoner Polizei nimmt Mann in Regierungsviertel fest
  • Video "Flammende Rede im EU-Parlament: Guy Verhofstadt kritisiert Ungarns Premier scharf" Video 02:58
    Flammende Rede im EU-Parlament: Guy Verhofstadt kritisiert Ungarns Premier scharf
  • Video "Neue AfD-Spitzenkandidatin: Wer ist Alice Weidel?" Video 03:44
    Neue AfD-Spitzenkandidatin: Wer ist Alice Weidel?
  • Video "Filmstarts der Woche: Knalltüten im Kosmos" Video 07:59
    Filmstarts der Woche: Knalltüten im Kosmos
  • Video "Nordkorea-Krise: USA und Südkorea demonstrieren Feuerkraft" Video 01:04
    Nordkorea-Krise: USA und Südkorea demonstrieren Feuerkraft
  • Video "Tier mit Tinder-Account: Breitmaulnashorn auf Dating-Plattform" Video 00:41
    Tier mit Tinder-Account: Breitmaulnashorn auf Dating-Plattform
  • Video "Lacher auf Frauengipfel in Berlin: Sind Sie eine Feministin, Frau Merkel?" Video 01:07
    Lacher auf Frauengipfel in Berlin: "Sind Sie eine Feministin, Frau Merkel?"
  • Video "Aufrüstung: China präsentiert ersten eigenen Flugzeugträger" Video 01:12
    Aufrüstung: China präsentiert ersten eigenen Flugzeugträger
  • Video "Trumps Jagd auf illegale Einwanderer: Leben im Schatten" Video 03:44
    Trumps Jagd auf illegale Einwanderer: Leben im Schatten
  • Video "Kitty Hawk: Das fliegende Elektro-Auto" Video 00:50
    "Kitty Hawk": Das fliegende Elektro-Auto