31.10.2005

Mythos Mittelalter

Von Schulz, Matthias

Archäologen erkunden das Reich der Ritter. Während Bücher und Filme die Zeit zur Heldenwelt verklären, legen Forscher düstere Funde vor: Kreuzfahrer trieben Schweine in den Orient, Priester verboten an 140 Tagen im Jahr den Sex. Was brachte die Erfindung der christlichen Sündenmoral?

An einem Herbsttag im Oktober 1080 ritt Rudolf von Schwaben, König der Deutschen, bei Hohenmölsen nahe Leipzig in die Schlacht. Kühn, im eisernen Kettenhemd, stürzte der Monarch los. Gepanzerte folgten ihm.

Doch es war nicht Rudolfs Tag. Eine feindliche Übermacht umringte ihn und stach ihm in den Unterleib. Kurz passte er nicht auf, schon fehlte ihm auch die rechte Hand.

"Schauen Sie, abgehackt!" Vorsichtig hebt Holger Kunde, Historiker beim Domstift Merseburg, eine Gliedmaße aus einer alten Lederbox. Die Finger sind bräunlich mumifiziert. "In DDR-Zeiten galt die Hand als verschollen", erklärt der Forscher. "Wir haben eine Untersuchung beim Institut für Anthropologie in Mainz in Auftrag gegeben." Überraschendes Resultat: Das Körperteil ist wahrscheinlich wirklich 900 Jahre alt und echt. Es wurde mit einem Hieb vom Unterarm getrennt.

Kunde mag solche Deftigkeiten. Neugierige strömen über bemoostes Pflaster aufs Domgelände. Eine ottonische Prachtbibel liegt dort und die berühmten Merseburger Zaubersprüche. Das Pergament aus dem 10. Jahrhundert ist in Schweinsleder gehüllt und enthält medizinische Beschwörungsformeln.

Fremd, fast magisch ragen solche Objekte in die Gegenwart. Ganz Deutschland ist gefüllt mit den Spuren einer geheimnisvollen Epoche. Im tiefsten Verfall, mit der Völkerwanderung um 500 nach Christus, brach das Mittelalter an. Um 1500, mit Martin Luther, hörte es angeblich auf.

Muffige Urkunden, Mumien und Reliquien haben die Zeit überdauert. In München liegt das Schlüsselbein Heinrichs des Löwen, in Bamberg der Schädel Kaiser Heinrichs II. (den der Papst heilig sprach,

weil er seine Frau nie berührte). Und über-

all drängen sich die Besucher.

440 000 Gäste zogen vergangenes Jahr auf die Wartburg, wo einst Walther von der Vogelweide sang. Etwa 7000 verwitterte Ruinen und zinnengekrönte Felsennester stehen auf deutschen Bergrücken. Errichtet wurden sie von Bauern, die - zu "Spanndiensten" verpflichtet - einst Steine und Mörtel in Lederschläuchen die Hänge emporschleppten.

Heute findet dort Folklore statt. Als "Burgfrolleins" verkleidete Mädchen laden zum "Tanderadei". Auf der Runneburg in Thüringen verschießt eine Steinschleuder Kugeln. Zum größten Ritterturnier der Republik in Kaltenberg bei Augsburg kamen im Juli 120 000 Gäste.

Keine Frage: Mittelalter ist in. Eine merkwürdige Sehnsucht nach der Zeit der Kaiser, Kerker und Narren hat die Gegenwart erfasst.

200 000 Menschen zog es im vergangenen Jahr ins Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber. Gezeigt werden Daumenschrauben, Streckbetten und ein "Folteraufzug". "Die Delinquenten wurden an den hinterrücks gefesselten Armen aufgehängt und mit auskugelten Gelenken verhört", erklärt der Strafrechtler Wolfgang Schild.

Was fasziniert daran? Sehnt sich der Jetztmensch nach einfachen Weltbildern, nach Urlaub vom Humanen? Flieht er die verkuschelte und überverwaltete Gegenwart?

Roh und grausam, mit knarrenden Windmühlen und quietschenden Ochsenkarren kommt die Epoche daher, sie kannte weder Strom noch Müllabfuhr. Ein Würzburger Rezept aus dem 14. Jahrhundert empfiehlt Liebstöckel und Minze als "gute Würze für die großen Fürze".

Auch die Museen hängen sich an den Trend. Die größte Schau wird derzeit in Berlin vorbereitet. Für die geplante "nationale Geschichtsausstellung" im Zeughaus sammeln die Macher bereits Hellebarden, Morgensterne und "Mordäxte". In den nächsten Wochen trifft ein gotisches Stadttor mit dem Tieflader in der Hauptstadt ein. Es stammt aus Bayern.

Doch was sollen all die Dungeons, Gummischwerter und Kochkurse aus der Klosterküche?

Schon einmal, im 19. Jahrhundert, versank Deutschland in einer Rückschau auf die Zeit der Ritter und Minnesänger. Romantiker wie Novalis und die Brüder Grimm (die derzeit im Kino laufen) erträumten sich ein strahlendes Vorgestern aus Prinzen, blauen Blumen und klappernden Mühlrädern.

Bayernkönig Ludwig II. trieb es auf die Spitze. In seinem vermutlich von Syphilis erweichten Gehirn entstanden Operettenfestungen mit Schnörkeltürmen und Spitzgiebeln. Und er baute sie auch.

Mit der historischer Wahrheit hatte das ebenso wenig zu tun wie die neuen Schwertkämpfe aus Hollywood. Auf schnaubenden Schlachtrössern reiten Filmhelden

wie Artus und Lancelot dahin. Dass die echte Ritterschaft sich mit Sackhüpfen ertüchtigte und auf Pferden saß, die nicht größer als Ponys waren, will keiner wissen.

Ohne Unterwäsche, dafür mit Mundgeruch (Zahnbürsten gab es nicht): So muss man sich den Adel des 11. Jahrhunderts vorstellen. Er lebte im Schein von Kerzen aus Rindernierenfett in hölzernen Wohntürmen mit Tierfellen vorm Fenster. König Artus - die Forscher verorten die Gestalt vage ins 6. Jahrhundert - besaß keine Gabeln. Das war seine Tafelrunde.

Doch schöner ist es, ins Märchenhafte abzuschweifen. Ob "Herr der Ringe" oder die Gralssucherei bei Dan Brown: Avalon nebelt heute überall.

Und dann Harry Potter! Mit allen sechs Büchern ist der bebrillte Zaubermax momentan in der SPIE-GEL-Bestsellerliste vertreten. Am 17. November kommt Teil vier, der "Feuerkelch", in die Kinos, wieder mit der bewährten Mischung aus Besenreiten und Abrakadabra-Kursen auf der Burg Hogwarts.

Derlei Kitsch jedoch versperrt den Blick auf die wahren Ereignisse. Der Architekt und Burgenforscher Joachim Zeune nennt die Deutschen "geschichtsvergessen": "Immer mehr Leute gleiten ab ins Land Fantasy."

Die Erinnerung an die wahren Bewohner der alten Steinforts verblasst. Ob Salier, Ottonen oder Staufer-Kaiser - in den Schulbüchern werden sie kaum mehr richtig erwähnt. Eine auf Langeweile geeichte Lernpädagogik hat sie verdrängt.

Dabei erschließt sich die blutvolle Bühne der Vorfahren am besten über ihre Hauptfiguren. Glanzvolle Tatmenschen traten dort auf, Prahlhänse und traurige Tyrannen.

Beispiel: Friedrich Barbarossa (1122 bis 1190). Mindestens acht Söhne zeugte der Kaiser, der Mailand in Asche legte und im reifen Alter eine schöne Lolita heiratete, sie war 13. Während des dritten Kreuzzugs ertrank der Regent beim Anmarsch auf Jerusalem im Fluss Saleph in der Türkei.

Ganz Europa wurde damals von dem Badeunfall erschüttert. Hastig legte man den Leichnam in Essig wie eine Gurke. Rotbart verdarb dennoch. Seine Knochen sind verschollen.

Oder Karl IV. (1316 bis 1378), der Prag zu einer glanzvollen Stadt machte und Gründer der ersten Universität in Mitteleuropa war. Allen Ernstes erzählt der Kaiser in seinen Memoiren, er sei von Engeln durch die Luft getragen worden. Als Kind lag Karl zwei Monate lang in

einem Keller, eingesperrt wie ein wildes Tier. Der Vater wollte den Willen des Kindes brechen. Später, als Herrscher, verkroch er sich immer wieder tagelang in einem düsteren Prunkraum, gefüllt mit Reliquien.

Mysteriös muten den Heutigen solche Biografien an. Eine Nebelbank aus Halbwissen liegt auf dem Mittelalter. Seine Wucht und Erlösungssucht sind uns fremd geworden.

Immerhin liefert die Spatenzunft nun neue Details aus dem finsteren Jahrtausend. Bauforscher untersuchen Verliese und alte Latrinen. Im Harz erkunden Montanarchäologen derzeit ein Erzbergwerk. Ein Blasebalg kam zutage und der Schuh eines Bergmanns, datiert auf das Jahr 1024 nach Christus.

Ob beim Autobahnbau, in Klostergewölben oder unter Teerstraßen - überall tun sich Spuren auf. Unter dem Pflaster liegt der Tand der Altvordern. Zu den Höhepunkten gehören:

* die freigelegte Wehrmauer von Dresden aus dem 14. Jahrhundert. Im Stadtgraben, in dem nur bei Gefahr Wasser stand, lebten Bären;

* ein "Vampir-Grab" in Greifswald. Der Tote war mit einem langen Nagel durchs Becken am Sargboden festgeschlagen worden;

* zwei Skelettgruben in Lübeck, gefüllt mit 696 Toten. Es sind Opfer der Pestzeit.

Aber auch zu den Kreuzzügen, einem der besonders schwer deutbaren Phänomene des Mittelalters, liegen Neuigkeiten vor. Zu insgesamt sieben großen Heerzügen brachen die "Soldaten Gottes" in den Orient auf. Zu Fuß, auf Eseln, Karren oder in Rüstungen auf prächtig geschmückten Pferden schlossen sich Könige, Priester und Wegelagerer der messianischen Bewegung an.

Sonnenhunger, Gnadenverheißung und Gier auf die Schatzkammern der Kalifen trieb die Männer voran. Dahinter stand ein knallhartes Siedlungsprogramm. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden Bauern aus Schwaben und Bayern in die neugegründeten Kreuzfahrerstaaten in der Levante gelockt.

Angesichts islamistischen Terrors ist das Interesse an diesem ersten politischen Konflikt zwischen Morgen- und Abendland groß. Vorvergangene Woche begann in Halle (Saale) die Schau "Saladin und die Kreuzfahrer". Gezeigt werden über 130 kostbare Fundkomplexe.

Spannender noch sind die Grabungen vor Ort. Bis Ende November arbeitet der Basler Bauforscher Werner Meyer in der Kreuzfahrerburg "Krak des Chevaliers", einer der Schaltzentralen beim Angriff auf die Muslime. 2000 Ritter konnte die in Syrien gelegene Garnisonsfestung aufnehmen. Fünf Meter dick waren die Wände, die Pferdeställe riesig. "Im Norden lag ein Latrinenturm mit Toiletten auf mehreren Etagen", erklärt Meyer.

In einem Zwischenbericht bestätigte der Forscher vergangene Woche den Fund von "Bernstein, Schussbolzen von Armbrüsten, Hufeisen sowie Schachfiguren". Auch sei er auf viele Schweineknochen gestoßen. Sein Verdacht: "Die Kreuzfahrer führten Borstenvieh ins Heilige Land mit."

Begleitet von Ferkeln und Sauhirten, dazu Huren im Tross, den "Hübschlerinnen" (die Meyer durch das Auffinden von Armreifen aus Glas indirekt nachweisen konnte) - so sieht das neue Bild der edlen Streiter aus, die sich anschickten, das Grab des Erlösers zu befreien.

Gleichwohl: Trotz der Fülle an neuen Einsichten mahnen die Mediävisten zur Vorsicht. Immer wieder hat der Mittelalterkenner Horst Fuhrmann auf das "Anderssein" der Epoche verwiesen. Sie sei "uns fern, in ihrem Alltag ebenso wie in ihren Zielen, Gedanken und Gegebenheiten".

Ob Sitte oder Sozialpolitik - die Welt der Urururgroßeltern scheint Lichtjahre entrückt. Der Mann sei "des wîbes vogt und ihr maîster", heißt es im Schwaben-

spiegel aus dem 13. Jahrhundert. Ebenso

normal fand man es, kleinen Jungen die Hoden abzuschneiden, um sie als fistelnde Kastraten im Kirchenchor einzusetzen.

Elastisch wie Beton präsentiert sich die Ära, von Fortschritt kaum eine Spur. Wie war es möglich, dass der Naturforscher und Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) die betäubende Wirkung des Äthers zwar erkannte, sie aber nie am Menschen anwendete?

Roh tritt uns der Homo sapiens jener Zeit entgegen. Fühlte er sich überhaupt schon als Individuum im heutigen Sinne? Spiegel besaß damals kaum jemand. Kein Maler war in der Lage, ein wirklichkeitsgetreues Porträt zu entwerfen. Und wo heute alle "ich" schreien, ertönte das Lob auf den Christengott. Es ist der Herr und barmherzige himmlische Vater, der aus jeder Pore des auf Totalität gerichteten mittelalterlichen Glaubens atmete. Buße und Sühne bestimmten den Alltag. Ständig wurde gekniet, gebeichtet, gesühnt.

Nur wer ohne Todsünde sei, so lehrten die Dogmen der Kirche, werde dereinst am Tag des Jüngsten Gerichts aus den Gräbern auferstehen zum ewigen Heil. Der Rest müsse in der Verdammnis schmoren.

Voller Aberglaube und Angstgespinste steckten die Seelen der Vorfahren. Ihr Innenleben glich den Bildern von Hieronymus Bosch, gefüllt mit Fratzen, Dämonen und dem "Höllenfürsten" Satan.

Gleichwohl erschufen die Menschen ihrem so ungnädigen Herrn geradezu tollkühne Gotteshäuser. Bauten mit Streben, Rosetten und schlanken Steinpfeilern wuchsen in der Gotik wie gegen das Naturgesetz in den Himmel. Köln, Straßburg, Ulm - vieles war so herrlich angelegt, dass es nie richtig fertig wurde.

Heute indes sind die alten Fetische des Glaubens längst verstaubt. Der Mantel Christi hängt in Trier, seine Dornenkrone in Paris - es sind Touristenattraktionen. Und die Kirchen sind leer.

Zurück bleibt die Suche nach Substanz, nach Lebenssinn und wahrer Existenz. "Unser Leben ist ein Geschäft, das damalige war ein Dasein", klagte bereits vor hundert Jahren der Historiker Jacob Burckhardt. Der Philosoph Georg Lukács erklärte die Bewohner der Neuzeit zu Bettlern, sie seien geistig "obdachlos".

Frischgestrickte Neokonservative lassen sich von der Sittenstrenge des Mittelalters gern begeistern. Könnte die CDU, so ihre Forderung, nicht wieder ein bisschen mehr auf Werte achten? Etwas mehr Hosianna, Zukunftsglaube und Kindersegen statt der verlotterten Spaßkultur? Auch der Schriftsteller Botho Strauß verriet sich als Anhänger des frommen Vorgestern. "Ohne Transzendenz", sorgt er sich, "gibt es keine Moral."

Doch im Ernst: Die Posaune Gottes, sie schallt nicht mehr. Der Schöpfer ist tot und eine Verklärung der Epoche nicht angebracht. Unter Androhung der Hölle betrieb die Kirche die Disziplinierung der Massen. Wer widersprach, bekam schnell heiße Füße.

Untersuchungen zeigen, dass die Hexenverfolgung im 14. Jahrhundert selten mit Todesurteilen endete und sich dann schnell zu einem Flächenbrand ausdehnte. In Schweden und Finnland begannen die Pogrome erst nach 1670. Vornehmlich alte Frauen und Männer verbrannten.

Angesichts dieses blutigen Finales zieht Hans-Werner Goetz, Professor für Mittlere Geschichte an der Universität Hamburg, eine nüchterne Bilanz: "Es gibt wenig Grund, das Leben im Mittelalter zu idealisieren."

Gleichwohl bitten die Forscher um Nachsicht für die Ahnen: Wer ihre Welt verstehen will, muss wissen, aus welchem Elend sie hervorging. Die Geburt der neuen Epoche vollzog sich im Tod der Vorgängerzeit, der römischen Antike.

500 nach Christus stand der ganze Kontinent am Abgrund. Die römische Verwaltung, all die herrlichen Straßen, Aquädukte und Städte lagen in Trümmern. Gestrüpp überwucherte die mühsam gerodeten Felder. Der Historiker Georg Scheibelreiter nannte die Zeit vom 5. bis zum 8. Jahrhundert schlicht "die barbarische Gesellschaft".

Erst Karl der Große brachte wieder etwas wie Staatlichkeit zu Wege. Dafür führte er rund 40 Kriege, saß ständig im Sattel, schlief in feuchten Zelten und bekam am Ende Rheuma.

Überall regierte die Stagnation. Nur auf dem Gebiet der Rüstung tat sich etwas. Im 8. Jahrhundert breitete sich der Steigbügel aus, Vorbedingung für den Angriff im Galopp. Schwertfeger schliffen immer härtere Klingen, Schmiede setzten Kettenhemden zusammen. Um 1100 kam die Lanze dazu, dann der Kübelhelm mit Sehschlitz, schließlich der Harnisch aus Eisenplatten.

Schrittweise wurde der Ritter zur Panzerechse. Bis zu 80 Kilogramm trugen die Blechfürsten am Leib. Mit Leitern stiegen sie in den Sattel.

Schon Cervantes verhöhnte in seinem Don Quijote diese lächerlichen Gestalten. In den Herzen der Nachgeborenen aber blieb der Mythos von der goldenen Ritterzeit bestehen. Hoch zu Ross, mit Schild und Helmbusch, entzücken sie bis heute. Mann gegen Mann, Hieb, Stoß, Ausfallschritt und dann der finale Stich durchs Scharnier - so laufen die Gefechte im Spielfilm. Die Yedi-Ritter fuchteln sogar im Raumschiff mit Schwertern herum.

Neu ist derlei Waffenkult nicht. Schon vor knapp tausend Jahren wurden Excalibur und Durendal, die Schwerter von König Artus und dem "rasenden" Roland in Liedern verklärt. Der Oberbefehlshaber des ersten Kreuzzugs, Gottfried von Bouillon, konnte angeblich einem Kamel mit einem Hieb den Kopf abhacken.

Zugleich war der Fürst aus Lothringen so fromm, dass er vorm Essen betete, bis die Suppe kalt war.

Das passt vielen Gelehrten ins Bild. Edel gesinnt und dennoch mutig und stark, so wurden die Schwertträger immer wieder beschrieben. Es seien Gentlemen im Sattel gewesen, die sich in "mâze", Mäßigung, übten. Josef Fleckenstein, ehemals Direktor am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, hält das Rittertum für eine der "wenigen großen Erscheinungen der Weltgeschichte". Es sei in der höfischen Welt "über sich selbst hinausgewachsen".

Doch die junge Forschung widerspricht. Von einer "aggressiven Kaste" und "Berufskämpfern" ist bei ihnen die Rede und von einem "Kriegeradel mit germanischen Elementen", dessen einziger Lebensinhalt die Ausübung von Gewalt gewesen sei.

Bereits mit sieben Jahren begann der "Page" mit den militärischen Trockenübungen. Er lernte Reiten, Schwimmen, Faustkampf und hielt seinem Herrn die Steigbügel. Mit 14, als Knappe, durfte er selbst aufs Pferd und balgte sich beim "Buhurt", einer Massenkeilerei. "Eine Ausbildung intellektueller Fähigkeiten hingegen", so der bayerische Forscher Andreas

Schlunk, "ist nur schemenhaft erkennbar."

Wagemut forderte das zentrale Ereignis der höfischen Welt, das Turnier. Während aufgeputzte Damen von der Balustrade kicherten, versuchten sich die Recken mit dem "Stechzeug" gegenseitig aus dem Sattel zu heben.

Tests auf den Crash-Schlitten der Adam Opel AG bewiesen: Wer vom Pferd fiel, konnte sich leicht an der Helmkante das Genick brechen. Zuweilen drangen auch Lanzensplitter durch die Rüstung ins Hirn.

Doch ansonsten lebte der Adel kommod. "Hofieren, tanzen, stechen und durnieren" lautete sein Wahlspruch. Dazu speiste man viel fettes Fleisch. An langen Winterabenden spielten Kunibert und Co. Blindekuh. Die Damen trugen lange Kleiderschleppen ("swanz") und Schnürkorsetts - "oberhalb des Gürtels fast nackend und ganz entblößt", erhitzte sich der Minnesänger Konrad von Würzburg.

Nur mit dem Frischnass haperte es. Zwar nimmt der vom langen Ritt verdreckte Parzival wie selbstverständlich ein Bad. Und Held Meleranz überrascht (im 1180 verfassten Artus-Roman) die Burgherrin im Waschzuber.

Doch in Wahrheit müffelte es bei den Granden. Hoch gelegen auf Bergkuppen, besaßen ihre Wehrburgen oft nur Zisternen. Waren die leer, mussten die Diener das Wasser aus dem Tal heranschaffen.

Nur der Hochadel, vom Grafen aufwärts, konnte sich aufwendig in den Fels geschlagene Brunnen leisten. Der tiefste wurde auf Burg Kyffhausen entdeckt, der berüchtigten Festung Kaiser Barbarossas in Thüringen. Im Förderkorb hatten sich Sanierungsarbeiter in das Schöpfloch abgeseilt. Erst nach 176 Metern erreichten sie Grund - Weltrekord.

Ihren Luxus konnten sich die hohen Herren nur leisten, weil die Untertanen für sie schufteten. Zwischen 700 und 1000 nach Christus waren die freien germanischen Bauern von der Bildfläche verschwunden. Die Ritter hatten sie unterjocht. Eben noch selbständig, fand sich das Gros der Bevölkerung als Hörige wieder, die ihr Ackerland pachten mussten.

Bauern zahlten den Zehnt, sie leisteten Fronarbeit und schoben den Lehnsherren gemästetes Vieh und Getreide rüber. Schlimmer noch erging es den Landlosen. Sie rackerten ganztags auf den Gütern des Adels.

Grabungen im Braunkohlegebiet Breunsdorf in Sachsen zeugen von der Trostlosigkeit frühmittelalterlicher Dörfer. In Strohkaten mit Lehmböden und Luken lebten die Bauern, sie aßen Hirsebrei. "Wer könnte mit dem Abakus errechnen oder mit Worten aufzählen die Mühe, Anstrengungen, die schweren Plagen der Unfreien?", heißt es in einem Bericht. "Das Weinen und Seufzen der Knechte hat nie ein Ende." Frauen gebaren im Schnitt 4,2 Kinder. Fast die Hälfte starb vor dem 18. Lebensjahr.

Doch es gab auch gute Seiten. Die Bauern, Kappen und Tücher auf dem Kopf, fühlten sich als "Genossen", sie lebten wie in kommunistischer Selbstvergessenheit, stets der Natur nahe. Weinlese, Heuernte, Obstpflücken, Brotbacken - die meisten Arbeiten verrichtete das Dorf gemeinsam.

Eingelullt wurde das Volk dabei von Kirchenglocken. Überall erscholl das Hosianna, Mönche liefen umher.

Es sind die unbeweibten Diener des Stuhls Petri, die etwa um das Jahr 1000 zu Hochform aufliefen. In Deutschland erfolgte eine erste Welle von Klostergründungen.

Harte Arbeit scheuten aber auch die Mönche nicht. Mit Hacken und Beilen zogen die Männer, die seit der Reform von Cluny im Jahr 910 Kapuzen und schlichte Kutten trugen, in die Wildnis und machten das Land urbar. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland lebten unter vier Millionen Einwohner.

"Müßiggang ist der Feind der Seele" lautet eine Ordensregel der Benediktiner. Steineschleppen und Waldroden galt ihnen als Akt der Nächstenliebe. Um 4.15 Uhr hielten sie das erste Morgengebet ("Matutin"). Dann begann das Tagwerk. Der Begriff "mühselig" - der Klerus hat ihn erfunden.

Besonders geschickt waren die Zisterzienser. Sie verstanden sich auf Wasserkraft, betrieben Getreidemühlen und Erzminen. Im Kloster Altzella, einer Ruine in Sachsen, leiteten die Brüder einen Fluss um und betrieben so die schweren Holzkeulen ihrer Walkmaschinen, wie eine neue Grabung beweist.

Freitags aßen die frommen Griesgrame Fisch, ansonsten zogen sie Bohnen und Kräuter. Und sie betrieben Seelsorge und Krankenpflege.

An sozialen Veränderungen war aber auch der Klerus nicht interessiert. "Ordnung ist die Verteilung gleicher und ungleicher Dinge", heißt es bei Franz von

Assisi. Selbst dem Bettler war "im Hause Gottes" sein natürlicher Platz zugewiesen. Die Neidkultur war noch nicht erfunden.

Eindrucksvoll zeigt der Historiker Peter Blickle in einem neuen Buch** das ganze Ausmaß der Unmündigkeit. Dem Chorherrenstift Rottenbuch zum Beispiel unterstanden etwa 250 Höfe. Die Bauern leisteten aber nicht nur Abgaben, auch ihr Privatleben lag an der Kette des Propstes.

"Junge Männer verheiratete er im Schnitt mit 18 Jahren, die Mädchen mit 14 innerhalb der Genossenschaft", berichtet Blickle. Die Partner suchte er aus. Wegziehen war verboten.

So war es überall: Vögte und Grafen zogen nach dem Tod ihrer Untertanen deren Erbe ein. Sogar die Bekleidung war vorgeschrieben. Bauern in Mitteleuropa durften nur gedeckte Farben tragen: schwarz, braun, blau.

Aufgeknackt wurde die starre Ständeordnung erst durch die Städte. Etwa ums Jahr 1000 begannen Handwerker und Händler damit, sich in Siedlungen zusammenzutun, meist mit Erlaubnis der Obrigkeit am Fuß der Burgen als "Bürger". An deren bescheidene Hütten knüpften sich bald große Hoffnungen. "Stadtluft macht frei" wurde zum geflügelten Wort der Epoche.

Unentwegt flüchteten Knechte und entnervte Bauern in die Siedlungen. Die Folge war eine "Urbanisierung dramatischen Ausmaßes", wie der britische Gelehrte Robert Bartlett erklärt. Im Jahr 1100 gab es im Reich rund 50 Städte, Mitte des 15. Jahrhunderts waren es bald 4000.

In engen Barackenvierteln lebten die Familien. Der Geruch von Seifensiedern und Gerbern lag in der Luft. In den Gärten befanden sich die Abtritte. Überall liefen Schweine herum. Man stapfte durch eine Brühe aus Essensresten, Tierkadavern, Kot und Urin.

Schon damals begannen die großen Umweltsünden: Nahezu alle Gerätschaften, ob Löffel, Gurkenfass oder Dachschindel, waren aus Holz gefertigt. Die Häuser, aus Fachwerk, standen geduckt an schmalen Gassen. All das ist abgebrannt. Nur die steinernen Kirchen und Dome blieben erhalten.

Bäume, Bäume, Bäume verschlang dieser Zivilisationsmoloch. Ganze Wälder sanken hin. Tischler und Schreiner bedienten sich, aber auch die rauchgeschwärzten Köhler holzten die Forste ab, um in ihren Meilern Brennstoff herzustellen.

Schon um 1300 begann dann die Suche nach Steinkohle. Bergleute im Ruhrpott öffneten die ersten oberirdisch verlaufenden Adern mit "brennbarer schwarzer Erde". Zur selben Zeit wurde London bereits von Kohlefrachtern versorgt.

Erst der junge Zweig der "Montanarchäologie" bringt nun langsam etwas Licht in die frühen Ökosünden. Verklärt zu Schneewittchens sieben Zwergen, die lustig in den Schacht ziehen, so wird die Erzsuche im Märchen beschrieben. Die Wahrheit sah anders aus.

Schon im 13. Jahrhundert drangen die Hauer im Harz bis 200 Meter unter Tage vor, um an kupfer-, silber- und eisenführende Adern zu gelangen. Zum Absprengen der Brocken legten sie in den

Schächten Feuer. Sickerwasser wurde ein Problem. Die Minenbetreiber pumpten es mit Schöpfrädern ab, die von Wasserkraft getrieben wurden.

Beim Verhütten verschwanden Tonnen an Holzscheiten in den Schmelzöfen, Blasebälge fauchten dazu. Die Männer standen im Rauch blei- und cadmiumhaltiger Dämpfe. Eine Untersuchung der Arbeitsstelle Montanarchäologie in Goslar hat ergeben, dass die Giftwolken bereits damals bis nach Schweden wehten und sich im Boden ablagerten.

Um die Hygiene stand es schlecht zu dieser Zeit. Europa war zu schnell gewachsen. Überall faulte, gärte und schimmelte es. In die Brunnen floss teils Abwasser. Das konnte nicht gut gehen. Die Folge: Pest.

Zwischen 1347 und 1351 fegte der Schwarze Tod über Europa. Ausgelöst durch das Stäbchenbakterium "Yersinia", das die Kapillaren verstopft und Hautunterblutungen erzeugt, starb ein Drittel der Bevölkerung Europas, über 20 Millionen Tote. "Kirchhöfe sind mit Erdreich und Schutt von Gebäuden zu erhöhen, damit der Gestank keinen Schaden bringe", heißt es in einem Erlass.

"Deprimierend gering" nennt der Mediziner Klaus Bergdolt das Heilwissen der Zeit. Paracelsus maulte, seine Kollegen rührten Medikamente aus "Ohrenschmalz, Leibschweiß, Monatsblut" an, ja selbst vor "Speichel, Pisse und der Asche von Eulenköpfen" schreckten sie nicht zurück. Was er verschwieg: Seine Pillen waren kaum besser.

Neben den Seuchen nervten die Hungersnöte. Zwischen 1315 und 1317, nach einer Phase kalt-feuchter Witterung, kam es zu schlimmen Missernten. In Lübeck wurden 89 Skelette entdeckt. Die Leute waren während der Notzeit im Rheinland losgelaufen, um in der Hansestadt um Essen zu betteln. Die aber verrammelte ihre Tore.

Mit dem Bevölkerungsschwund erlahmte die Wirtschaft. Bergwerke, die mit hohen Investitionskosten die Stollen trockenpumpten, mussten dichtmachen. "Es reichte fortan, den Metallbedarf mit Schrott und Recycling zu decken", erklärt der Goslaer Bergbauexperte Lothar Klappauf.

Und dennoch: Am Ende trotzten die Menschen allen Kriegen und Krankheiten. Die Kulturen des Altertums, das Pharaonenreich, das klassische Griechenland - am Ende gingen sie alle unter. Nicht so das mittelalterliche Europa. Woher diese Kraft?

Weder klimatisch noch in den Lebensbedingungen unterschied sich das Mittelalter von der Antike. In Sachen Technik hatte sich im Prinzip nichts getan. Auch die Römer nutzten schon die Windkraft und das Wasserrad. Ihre Kanalisation war kaum zu toppen.

Nur eines war gänzlich anders. Es ist der vielgescholtene Klerus, der mit seinem Begriff der menschlichen "Würde" und der Einzigartigkeit des Individuums vor Gott die Rohheiten des Heidentums zumindest gedanklich aufsprengte.

Unterm Kreuz Christi entstand ein völlig neues, auf Affektstau und Veredelung

zielendes Menschenbild. Die Kirche untersagte nicht nur schrittweise das Schmatzen und Furzen, sondern zwang auch zur Einübung von Fleiß, Ordnung, Sauberkeit - alles zivilisationserhaltende Eigenschaften, die womöglich den Totalkollaps verhinderten.

Vor allem ging es den Popen dabei um die Fesselung des Eros. "Geschaffen ist der Mensch aus ekelerregendem Samen", hämmerte Papst Innozenz III. um 1200 seinen Mitmenschen ein, "empfangen ist er in der Geilheit des Fleisches, in der Glut der Wollust."

Moderne Romanautoren blenden solche Texte aus. Sie verwandeln das finstere Jahrtausend gern in ein Boudoir ungezügelter Lüste, gefüllt mit deftigem Sex und schweinischen Mönchen.

Genussvoll beschreibt Iny Lorentz in ihrem Bestseller "Die Wanderhure" (über 500 000-mal verkauft), wie Dirnen rohen Landsknechten am Gemächt fingern. Und Ken Follett lässt in den "Säulen der Erde" die Jungfernhäutchen reißen.

Doch in Wahrheit stöhnte das Mittelalter im Würgegriff schwarzberockter Spaßbremsen, die dem großen Mitraträger im Vatikan gehorchten. Und der konnte Sex nicht leiden.

Auch der Ort, an dem die große Anti-Lust-Kampagne ersonnen wurde, lässt sich benennen. Es war der Monte Cassino, eine windige Anhöhe zwischen Rom und Neapel, auf der im 6. Jahrhundert ein hagerer Abt lebte, geboren in Umbrien, umgeben von Schülern. Gemeint ist Benedikt (480 bis 547), der Begründer des abendländischen Mönchtums.

Hochmut, Völlerei, Lachen - all das verabscheute der Gottesmann, mehr noch die "böse Begierde". Benedikt war überzeugt: "Der Tod steht an der Schwelle der Lust."

Am liebsten nahm er die Bibel zur Hand und blätterte beim Apostel Paulus. Bereits dieses "Genie im Hass", wie Friedrich Nietzsche ihn nannte, hatte den Leib zum Sitz der Sünde erklärt. Im Körper sei überhaupt nichts Gutes, der Christ müsse ihn "martern und knechten".

Diese Idee trieb bald böse Blüten. Mönche quetschten sich zur Bewahrung der Keuschheit Ringe um den Penis. Andere banden sich Gewichte ans Glied. Kirchenvater Origenes soll sich selbst entmannt haben, ob mit Schwert oder glühendem Eisen, ist nicht überliefert.

Genüsslich hat der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner mehrere Bücher mit der Schilderung klerikalen Selbsthasses gefüllt.

Mönche aßen Gras, sie tobten, standen Kopf, quälten sich mit Schlafentzug oder hungerten bis zum Delirium. Manche Eremiten redeten nur sonntags, manche gar nicht. "Der Geist des Herrn jedoch will, dass das Fleisch abgetötet und verachtet, gering geschätzt und schimpflich behandelt werde", so Franz von Assisi.

"Mitunter kam es zu förmlichen Kasteiungswettkämpfen", lästert Deschner. "Jede Seite suchte Rekorde aufzustellen und zu brechen, wollte die längsten Faster, die besten Beter und Kniebeuger haben, die beständigsten Schweiger und Tränenvergießer."

Den Weltrekord im Stehen errang der Mönch Symeon aus Syrien. Der "Säulenheilige" stand über 30 Jahre bei Wind und Wetter auf einer Kolumne, machte Kniebeugen und schlief dort auch.

Solche Qual-Demos taten dem Zulauf der Klöster keinen Abbruch. Mit der Gotik setzte um 1200 die große Zeit der Mönchsorden ein. In schneller Folge gründeten sich neue Konvente. Ihre Chefs gingen mit gutem Askesebeispiel voran:

* Franz von Assisi, Gründer des Franziskaner-Ordens, ließ seinen Körper verkommen;

* Dominikus, Stifter der Dominikaner, peitschte sich bis zur Bewusstlosigkeit;

* Bernhard von Clairvaux, Führer der Zisterzienser, stank vor lauter Fasten "der Odem so übel, dass niemand um ihn bleiben mochte", wie Luther berichtet.

Kein Zweifel, all dies mutet heute lächerlich an. Doch weltgeschichtlich dienten die Bußübungen einem hohen Zweck: Homo sapiens lernte, sich zu läutern, zu reinigen, zu überwinden.

Eine bis dahin unbekannte Wunderwelt aus zarten und empfindsamen Gefühlen wurde aufgestoßen. Ohne Hemmung gebe es keine Erotik, "liep âne leit mac niht sîn" (Liebe ohne Leid gibt es nicht), heißt es in einem 800 Jahre alten Minnelied. Auch das gehört zum wunder- und wundenvollen Erbe des Mittelalters.

Der Preis allerdings für die Verbiegung der menschlichen Triebnatur war hoch. Die Frau etwa kam bei dem Unternehmen schlecht weg. Im System der Popen hieß sie "Hure", "Schlamm", sie war die "Bitterkeit des Apfels" und allzeit "offene Höllenpforte".

Das Weib im Mittelalter war nicht rechtsfähig. Mädchen hätten einen erhöhten Wassergehalt im Körper, hieß es, weil bei ihrer Zeugung "feuchte Südwinde" strichen.

Womöglich wurde ihnen noch weit übler mitgespielt. Die Grabungen auf mittelalterlichen Friedhöfen zeigen, dass die männlichen Skelette deutlich überwiegen. Ihr Anteil liegt bei etwa 60 Prozent. Wurden die weiblichen Babys getötet und verscharrt, um die Mitgift zu sparen? Niemand weiß die Antwort.

Und doch schlossen sich auch Frauen als Nonnen der "Bodyguard Christi" (Deschner) an. Angela von Foligno, gestorben 1309, trank nach eigenem Bekenntnis mit

"Wonne" das Waschwasser eines Aussätzigen, obwohl ihr dabei "ein Stück der schorfigen Haut" in der Kehle stecken blieb. Die Französin Maria Alacoque aß verschimmeltes Brot und füllte den Mund mit Fäkalien eines Mannes, der an Durchfall litt. Der Papst sprach sie heilig.

Nicht alle überstanden solche Bußrituale bei voller Gesundheit. Die Berichte über hysterische Nonnen sind Legion. Schon Roswitha von Gandersheim (um 935 geboren), die "wohltönende Gottesmagd" und erste deutsche Dichterin, stellt in ihren Dramen zwanghaft gern geile Mönche und Schwule vor, das Auspeitschen nackter Mädchen, Notzucht und gar Leichenschande - natürlich nur als Kontrast zur "löblichen Reinheit heiliger Jungfrauen".

Ersatz für entgangene Fleischesfreuden lieferten unterdessen die Brauereien. Forscher nannten das 14. Jahrhundert das "Säkulum des Biers". Schenken und Kneipen hatten Hochkonjunktur. "Mittelalter", meinte schon Nietzsche, "das heißt die Alkoholvergiftung Europas."

Wo auch diese Form, sexuelle Begierde zu betäuben, nicht fruchtete, bot der Papst ein anderes Ventil, über das sich die angestauten Emotionen austoben konnten - in Form von Gewalt.

Im Namen des Kreuzes schob der Kontinent mit militärischer Kraft seine Grenzen vor. Allein im 14. Jahrhundert erfolgten rund 300 raumgreifende Angriffe nach Osten. Eingefangene Litauer gingen zum Preis von einem Ochsen als Sklaven ins Reich.

Auch der edle Plan, die heiligen Stätten Jerusalems vor den Muselmanen zu schützen, geriet schnell aus den Fugen. Peter von Amiens, ein Wanderprediger, brach als Erster auf und brachte mit seinem aufpeitschenden Erweckungs- und Gnadengefasel an die 100 000 Leute hinter sich, Bauern, ungelernte Arbeiter und Raubritter. In Köln zog die Meute los. Schon in Worms brachte sie 500 Juden um.

Bis nach Anatolien schaffte es dieser Trupp von Desperados, "Kreuzzug der Armen" genannt. Dort rieb ein türkisches Heer die Bande auf.

Doch nun kamen die echten Kämpfer. Anschaulich beschreibt die byzantinische Prinzessin Anna Komnena, wie die Truppen 1099 in Konstantinopel eintrafen. Baumlange Kerle seien dabei gewesen und Männer, "deren Lachen wie Brüllen klang".

Zwar trugen die Kreuzritter weiße Gürtel, die Farbe der Keuschheit. Doch die moralischen Standards fielen rapide. Über "verstümmelte Körper hinweg, als seien sie ein Teppich", seien die Soldaten zur Eroberung Jerusalems geschritten, schreibt der Historiker Robert Payne.

An den Rändern des gewaltigen Kreuzfahrerheeres liefen Lumpen und Entwurzelte mit, der Plebs pauperum, die Armeleute Christi, die die übrig gebliebenen Brocken auflasen. Payne nennt sie die "Aasgeier der Schlachtfelder".

Nur mit Knüppeln, Messern, Äxten und Sicheln bewaffnet, kampierte der Pöbel abseits des Hauptheeres. Mit Wunden und Dreck bedeckt, zu arm, um sich Schwerter zu leisten, schleppten diese Elenden die Belagerungsmaschinen und Wurfgeschütze durch die Wüste.

Und sie verübten offenbar auch Gräuel. Der Pilger Richard erwähnt, dass man fliehenden Türken "die Haut abzog": "Durch Sieden und Braten kochten sie das Fleisch."

Dass hinter all diesen von Schandtaten unterfütterten Heilszügen wirtschaftliche Interessen standen, versteht sich von selbst. Beim vierten Kreuzzug 1204 stellten der Doge von Venedig und die Kaufleute aus Genua und Pisa die Schiffe.

Mit Gewalt wollten die Krämer den Zugang zum Schwarzmeer und den Handelswegen nach China erzwingen.

Aber auch der Klerus war zufrieden. Mit den aus dem Orient entwendeten Reliquien ließ sich ein Sakralzauber entfachen. Monstranzen, Schreine und Schaugefäße wurden beim neueingerichteten Fronleichnamsfest durch die Straßen getragen. Die Raserei um den Leib Christi und die Kirchenheiligen erreichte ihren Höhepunkt.

Nie war der Papst so mächtig wie zu Beginn der Gotik. 150 Meter hohe Dome reckten sich in den Christenhimmel, Tausende Klöster bedeckten das Land. Die Kurie besaß Bischofssitze von Palästina bis nach Grönland.

Nun - endlich - fühlte sich der Stuhl Petri stark genug, auch sein letztes großes Programm zur Volkserziehung zu starten: den breitangelegten Angriff auf den Geschlechtsakt.

Bis dahin hatte das Volk eher locker gelebt. Karl der Große zeugte 18 Kinder mit

acht verschiedenen Frauen und dachte sich nichts dabei. Germanische Männer konnten ihre Frauen bei Unfruchtbarkeit und Treulosigkeit verstoßen. Die wiederum durften den Bund lösen, wenn der Gatte impotent war.

Das gefiel dem Papst nicht. Nachdem zunächst nur die Mönche allem Geschlechtlichen abgeschworen hatten, brachte er nun Ordnung auch in die Reihen der Laienpriester. Im Jahre 1074 verbot er ihnen die "verfluchte Gemeinschaft". Zölibat.

Dann kam das gemeine Volk dran. Im 11. Jahrhundert erklärte der Klerus die Ehe zum Erweis göttlicher Gnade. Dann erhob er sie zum Sakrament und setzte ihre "Unauflöslichkeit" durch. Der Partnerpakt war zum Gefängnis geworden, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Sodann schränkten die Popen den Geschlechtsverkehr auch innerhalb der Ehe ein. Während der Menstruation, zur Adventszeit, in der Fastenzeit, in der Pfingstwoche, an Sonn- und Freitagen, an Mittwochen sowie vor und nach der Kommunion war die Liebe verboten. Am Ende herrschte an 140 Tagen im Jahr tote Hose.

Jeder Verstoß, drohten die Priester, werde von Gott bestraft durch die Geburt epileptischer, missgebildeter oder vom Teufel besessener Kinder.

Eine ungeheure Rigorosität brach sich so Bahn. Auf Sodomie stand der Feuertod.

Ehebrechern kappte man die Nase. "Pönitenzbücher", Sündenregister nebst Auflistung der angemessenen Strafe, gehörten zu den meistgelesenen Schriften der Epoche.

Erst in jüngster Zeit haben die Historiker diese Werke entdeckt, die viel über verdrängte Phantasien verraten. Süffig berichtet etwa Burchard von Worms, dass Analverkehr mit sieben Jahren Buße geahndet werde. "Weiber, die einen lebendigen Fisch in die Scheide stecken, bis er tot ist", und ihn dem Gatten als Liebeszauber zum Verzehr reichen, müssen bei ihm "zwei Jahre" fasten.

Zugleich gingen die Städte zur Kasernierung der Lust über. Toulouse gründete 1286 das erste Puffviertel Europas. Die Huren in Wismar ("sconefrouwen") mussten rote Schuhe tragen.

Auch der sinnenfrohe Hochadel hielt dagegen. Zwar verschwand um 1300 die Friedelehe - Begriff für die rechtlich anerkannte Nebenfrau. Doch dafür hielt sich der erste Stand nun Kurtisanen und vergnügte sich in Badehäusern.

Aus all diesen Verwirrungen, den Wolken aus Höllenangst und Askese, gelangte die Menschheit nur in Trippelschritten heraus. Nach 1600 loderten die Hexen-Scheiterhaufen am höchsten. Und erst Napoleon verbot 1809 in Preußen endgültig die Leibeigenschaft.

Angesichts dieses Alptraums lehnen viele Historiker Martin Luther als vermeintlichen "Befreier vom Mittelalter" ab. Der Reformator, der den Begriff "Teufelshure" prägte, habe den Hexenwahn in Wahrheit noch geschürt. Manch ein Gelehrter lässt die dunkle Epoche lieber erst mit der Aufklärung enden.

Weichgespülte Kemenaten-Schönheiten made in Hollywood lächeln über solche Abgründe hinweg. Artig kreuzen die Helden aus dem Lande Fantasy die Klingen. Die moderne Welt braucht keinen Gott mehr, sie hat Gene und Atome, um das Rätsel des Daseins zu erklären.

Die Neuzeit hat die politische Vernunft erfunden, dabei aber auch die alten moralischen Sinnbezüge verloren. Das sind die unruhigen Wellen, auf denen der Spaßdampfer Gegenwart in die Zukunft schaukelt.

Wer aber das Heute verstehen will, muss in die Vergangenheit blicken und nicht in Bücher von Dan Brown. Auf 8000 Quadratmetern wird im kommenden Jahr das Deutsche Historische Museum Berlin alte Stadttore, Urkunden und Kanonen aufbieten, um Deutschlands düsteres Vorgestern lebendig zu machen.

Ein Besuch sei empfohlen. Nur das Versenken in die echte Welt der Schlagetots und Gralssucher macht klar, wie schwer sich das Abendland jenen zentralen Wert erstritt, auf den sich die moderne Spaßkultur so gern beruft.

Die Freiheit. MATTHIAS SCHULZ

* Kalenderblatt um 1415.* Links: vergoldete Büste aus dem 14. Jahrhundert; rechts: Exponat des Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber.* Skelette von zwei Erwachsenen und sieben Kindern, bestattet im 15. Jahrhundert.* Miniatur, um 1470.** Peter Blickle: "Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten". C. H. Beck, München; 428 Seiten; 36,90 Euro.* Holzschnitt von 1508.* "Das Weltgericht" (Ausschnitt), um 1505.

DER SPIEGEL 44/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 44/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Mythos Mittelalter