10.07.1972

VIETNAMWolken gemolken

„Was ist schlimmer“, fragte zynisch ein US-Regierungsbeamter, Bomben fallen lassen oder Regen?“ Die Amerikaner in Vietnam, so wurde letzte Woche bekannt, taten beides.
Jahrelang standen zwei, manchmal auch drei oder vier Transportflugzeuge vom Typ C-130 Hercules auf einem entlegenen, abgeschirmten Teil des US-Luftwaffenstützpunkts Udorn Air Base in Thailand. Wenn sie starteten, vor allem in der Regenzeit, wußten auch von den Gis nur die wenigsten, was Ziel und Zweck der geheimen Missionen war.
Seit letzter Woche wissen es alle: Wenn die viermotorigen, dickbauchigen Schulterdecker von ihren Flügen zurückkehrten, hatten sie über dem Vietcong, wie es der US-Senator Claiborne Pell umschrieb. "die Büchse der Pandora geöffnet".
Nach Giftgas und Entlaubung, nach Viren und radioaktiver Strahlung haben die Wissenschaftler dem Arsenal potentieller Kriegswaffen eine weitere Spezialität hinzugefügt -- und Amerikas Militärs haben Gebrauch davon gemacht: Das Regenmachen, Traum der Menschheit seit Urzeiten, wurde in Vietnam als Waffe eingesetzt.
Mit einer aufsehenerregenden Recherche enthüllte am Dienstag letzter Woche die "New York Times", was kurz zuvor der demokratische Rhode-Island-Senator Pell nur angedeutet hatte: Seit 1963 und offenbar gehäuft in den Jahren 1967 bis 1971 haben US-Piloten im Auftrag der CIA und der Air Force unter strenger Geheimhaltung den Regenhimmel über Laos und Nordvietnam von Flugzeugen aus mit Chemikalien geimpft. Mit den künstlich erzeugten Sturzbächen sollten
* die Nachschubpfade des Vietcong in Schlamm und Morast verwandelt.
* die Sam-Raketen der nordvietnamesischen Luftabwehr behindert oder gar ausgeschaltet werden.
Proteste gegen die chemisch ausgelösten Sintfluten in Südostasien hatte es innerhalb der Militär-Bürokratie offenbar schon unter der Regierung Johnson gegeben. Sie wurden überhört -- obwohl die Wetterforscher zugeben müssen, daß vor allem die möglichen langfristigen Auswirkungen solcher Eingriffe in den natürlichen Wasserhaushalt noch nicht abzuschätzen sind.
Ursprünglich hatten die Wissenschaftler, als sie das Regenmachen lernten, damit Mißernten oder Dürrekatastrophen abwenden wollen. Die ersten erfolgreichen Versuche, Regenwolken zu melken, waren schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und Australien unternommen worden,
Dabei zeigte sich freilich, daß sich nur bestimmte, mit verdunstetem Wasser schon übersättigte und sehr kalte Wolken oder Wolkenfelder künstlich zum Regnen bringen lassen.
Wenn von einem Flugzeug aus beispielsweise Silberjodid- oder Trockeneiskristalle in die oberen Schichten einer solchen regenreifen Wolke hineingesprüht werden, bilden sich um diese Kristallisationskerne herum größere Eiskristalle. Durchschnittlich 20 bis Minuten später beginnt dann die Wolle abzuregnen.
Mit nur zehn bis 20 Gramm Silberjodid ließen sich auf diese Weise, so etwa in Australien, bis zu einer Million Kubikmeter Wasser zu Boden bringen.
Dabei ist das Zielgebiet, auf welches der Regen niedergeht, nicht immer exakt vorauszubestimmen. "Wir können zwar Regen machen", erläuterte der amerikanische Wetterforscher William L. Woodley, "aber wir wissen dabei nicht so genau, was wir tun." in windreichen Zonen beispielsweise ist nicht auszuschließen, daß der plötzliche Regenfall sich zu einem Tornado auswächst. Und in Vietnam widerfuhr es den CIA-Regenmachern einmal, daß sie wider Willen einen Stützpunkt ihrer eigenen Special Forces unter Wasser setzten: Innerhalb von zwei Stunden fielen dort 20 Zentimeter Regen.
Mit gewundenen Erklärungen suchten letzte Woche die Sprecher des Pentagon den bislang geheimgehaltenen Regenkrieg abzustreiten. "Diese Sache", hörte "New York Times"-Reporter Seymour M. Hersh von einem "hohen Regierungsbeamten", "war eine solche Bombe, daß Henry (Kissinger) auch denen, die es anging, nichts darüber sagte."

DER SPIEGEL 29/1972
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