10.07.1972

Peter Wapnewski über Friedrich Torberg: „Süßkind von Trimberg“Larven in altdeutschen Stilmöbeln

Professor Peter Wapnewski, 49, lehrt Deutsche Literatur des Mittelalters an der Universität Karlsruhe. -- Im Verlag Beck erschien soeben sein Buch über „Die Lyrik Wolframs von Eschenbach“.
Vergessen solle dieses Buch, und zwar "möglichst schnell", wer es gut mit dem Autor meine und wem dessen "große Sache" wichtig sei -- so fordert es Dr. Reich-Ranicki. Hingegen wünscht Albrecht Goes diesem Werk "viele gute Leser" und eine alle widrige Kritik überdauernde Wirkung; und Robert Neumann protestiert mit reifer Heftigkeit gegen die "flagrante Mißdeutung eines bedeutenden Buches". eines Buches, das auch von Manès Sperber gerühmt wird als ein "lange gereiftes. reiches Werk", als "ein Roman mit erstaunlich vielen Registern".
Die Aufzählung der Stimmen zugunsten der einen wie der anderen Position läßt sich vermehren. Was nun die rühmenden anbetrifft, so fällt auf, daß sie sich finden in einem Tone frommer Andacht. Das erklärt sich aus der Materie des Gegenstandes. Zum Ende des Bandes, der Held ist tot, beschwört der Autor in wortmächtigem Pathos das Schicksal der Juden, ihr in Flammen verzüngelndes Schicksal vom Mittelalter bis zu den "großen Öfen von Dachau und Buchenwald und Auschwitz und Majdanek und Treblinka".
Die Generation, der ich angehöre (und, wie zu hoffen steht, auch die ihrer Eltern. die waren nämlich wahlberechtigt im Jahre 1933), wird niemals in Unbefangenheit diskutieren können über "die jüdische Frage". Sie war Zeitgenosse, als Hitler im Namen des deutschen Volkes, und ohne von diesem daran gehindert zu werden, die Juden Europas ermordete. Was gäbe es da zu diskutieren? So wären wir auch die Rechten nicht, eine Bestandsaufnahme dieser Vorgänge und ihrer Vorvorgänge kritisch zu besprechen -- wo wäre denn da der Ort der Kritik?
Wenn indessen eine Darstellung dieser Thematik sich "Roman" nennt und sich als Roman gibt, mithin Existenz als literarische Kunstform erstrebt -- dann ist an solchem Gegenstand zu argumentieren, dann fordert er, daß diskutiert wird.
Friedrich Torberg, 63, hat schon mehrfach und eindringlich die jüdische Tragödie in Einzelszenen gefaßt: so in der Novelle "Mein ist die Rache" (1943), 50 in dem Roman "Hier bin ich, mein Vater" (1948). Jetzt berichtet er aus dem Mittelalter, berichtet vom Leben, Singen und Sterben des jüdischen Dichters Süßkind von Trimberg, dessen Lieder die sogenannte Manessische Handschrift Überliefert.
Vom Helden, soweit die Philologie für ihn zuständig ist, hier nur soviel: Zwölf Strophen machen das ganze OEuvre, die sich gruppieren zu sechs spruchartigen Liedern. Die Sprache verweist auf das Ende des 13. Jahrhunderts und auf Mitteldeutschland. Form wie Inhalt sind konventionell: Klage. Allegorie, Fabel. Keine Urkunde kennt den Dichter, kein Zeitgenosse nennt ihn -- aber ein halbes Jahrhundert nach seiner Lebenszeit nennt ihn der Schreiber der Sammelhandschrift: "Süeskint der Jude von Trimperg", so steht es Über Text und Miniatur.
"Wüßten wir"s nicht, wir würden den Juden aus seinen Sprüchen nicht herauswittern", vermerkte 1894 der Germanist Gustav Roethe -- und so mag es sein, daß der Schreiber und ihm folgend der Illuminator der Manessischen Handschrift falscher Fährte folgten: Die einzige Süßkind-Strophe" aus der etwas von Originalität herauszuwittern ist, bekennt: Er, der Dichter, werde nun, da die Herren ihn an ihrem Hofe nicht mehr honorieren, schweigend und in Demutsgebärde, tief der Hut und lang der Mantel, durchs Land ziehen: in alter juden leben. Das kann heißen: So wie s mir zukommt als einem Juden. Es kann aber ebensowohl heißen: So als ob ich ein Jude wäre.
Diese einzige konkrete und originelle Angabe in einem spärlichen und belanglosen Opus könnte den Schreiber verführt haben, diesen Versen einen typischen Judennamen zuzuschlagen und könnte, in seinem Gefolge, den Illuminator zu einem Gruppenbild mit Juden inspiriert haben.
Torberg hat diese Lieder zu einem Kranz gebunden, hat sie (die er unnötigerweise in einer philologisch unzulänglichen Ausgabe benutzte) poetisch übersetzt und sie ausgedeutet als biographische Stationen eines Dichterlebens. Daß er dabei gelegentlich die Kultur- und Dichtungsgeschichte willkürlich traktiert, wird ihm nur ein Beckmesser nachrechnen -- das ist sein Recht, wenn es einem künstlerischen Plan sinnvoll unterliegt.
Der Plan ist klar: die Geschichte eines Juden, der Dichter ist, eines Dichters, der Jude ist, in einer Welt von Nichtjuden, die ihm, wie je, nicht wohlwill. Die Andorra-Geschichte von der tödlichen Paradoxie, daß einer ist wie alle anderen, bis die anderen aus ihm einen anderen machen: als sie erfahren. daß er Jude ist. Dahinein ist verarbeitet: etwa das Phänomen des jüdischen Selbsthasses: das ambivalente Problem der Assimilation; die intrikate Frage des möglichen Profitierens vom Anderssein bei innigem Bedürfnis des Nichtseins. Die alte Tonio-Kröger-Aschenbach-Geschichte vom Künstler. der am Konflikt Kunst/Gesellschaft zugrunde geht -- potenziert dadurch, daß hier der Künstler ein Jude ist.
Ein großes und ein schreckliches Thema, und diffizil zu bewältigen selbst dann, wenn man nicht den Ehrgeiz hat, frühere Jahrhunderte sprechen zu lassen. Wie ist heute Mittelalter künstlerisch darstellbar -- doch schwerlich mit wirkungsgetreu gemeinter Widerspiegelung von Zeit- und Lokalkolorit. Es geht vielleicht nur, wenn einer die Balance zu halten vermag auf dem schmalen Grat zwischen krudem Realismus und blanker Parodie, und die Balancierstange heißt Ironie; in unserer Zeit hat nur einer sie in dieser heiklen Lage virtuos zu handhaben vermocht: der Dichter des "Erwählten" (der mehr vom Geist des Mittelalters in die Neuzeit transportiert hat, als ganze wissenschaftliche Bibliotheken das vermochten).
Torberg also erzählt -- und tut es "ohne Experimentierkünste", wie Albrecht Goes feststellt, er fügt aufschlußreich hinzu: "wohltätigerweise". Solche Wohltat ist es, die den Roman zur Untat macht. Der riskante Versuch, das Mittelalter einzufangen in einem bestimmten Sprachduktus, in Formen und Bildern, die als "mittelalterlich" durchgehen möchten -- dieser Versuch degradiert die Sprache zum Popanz, die Sprache des bedeutenden Erzählers Torberg, der in freundschaftlicher Vertraulichkeit umgeht mit Geist und Sprache von Karl Kraus, Herzmanovsky-Orlan -- do, Molnar.
Ein wunderliches Verständnis vom Mittelalter hat Torbergs Stil deformiert zu einem Konglomerat aus Luther-Deutsch und Milchmann Tewje und Scheffel und Dahn, das klingt schweinsledern und wie beinerne Würfel und ruft "heda!" und "ei!" und meckert "hehehe", und das schmunzelt, was das Zeug hält, und zwinkert und brummt unterm Schnauzbart und schlägt krachend auf Schultern -- da geht"s mal lustig her und mal nicht, man läßt"s an nichts fehlen und tollt herum, daß es eine Art hat: Larven von Eichenholz in altdeutschen Stilmöbeln. und darin tönt die Weise von Liebe und Tod des jüdischen Sängers. Welch Material böte dieses Buch für einen Parodisten vom Format Torbergs. --
Sprache aus handgearbeiteten Klischees, und so wird auch, was sie darstellt, notwendig zum Klischee: junge Liebe und Dichterinspiration, reife Liebe und Dichterruhm, Freundschaft und Treue, und wie leicht bricht das -- in einer Menschenwelt der Unmenschlichkeit.
Man braucht nicht viel Aufhebens zu machen, wenn einem geistvollen Schriftsteller ein Buch mißlingt. Aber man muß Aufhebens machen, wenn ihm dieses Thema mißlingt, dessen Geschichtlichkeit und Aktualität ein Mißlingen seiner künstlerischen Spiegelung nicht erträgt.
Von Peter Wapnewski

DER SPIEGEL 29/1972
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