10.07.1972

OLDTIMERLancia vom Duce

Oldtimer erzielen bei Versteigerungen Preise über 100 000 Mark; um den neuen Boom zu befriedigen, werden Veteranen-Autos aus der CSSR importiert.
Künstler merkten es schon früh: "Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken", schwärmte 1909 der Futurist Marinetti, "ist schöner als die Nike von Samothrake."
Ob mit, ob ohne Rohr, ob mobil oder museal: Die Schönheit alter Automobile steht wieder hoch im Kurs, und Auto-Erotiker ersteigern die historischen Karossen jetzt so besessen wie Kunst-Objekte.
Bei einer Auktion an einem der letzten Wochenenden in Paris, zum Beispiel, erbrachten zwei Dutzend Oldtimer über eine halbe Million Mark. Den Spitzen-Preis machte ein Bugatti-Rennwagen aus dem Jahre 1927: 110 000 Mark.
Am selben Wochenende kamen im italienischen Renn-Mekka Monza 25 Veteranen zur Versteigerung. Erlös: rund 550 000 Mark. Champion der Auktion war ein roter Alfa-Romeo-Renner aus dem Jahre 1931. Sein Preis: rund 95000 Mark.
Die Monza-Versteigerung hatte das Auktions-Haus Sotheby gerichtet. Die renommierte, auf Kunst spezialisierte Londoner Firma hat in den letzten Jahren immer mehr Antik-Autos unter den Hammer gebracht -- darunter manchen Prominenten-Wagen.
Rund 20 000 Mark beispielsweise ersteigerte Sotheby für den Buick Baujahr 1936, den der Briten-König Edward VIII. kurz vorm Thron-Verzicht erworben hatte. Der Rolls-Royce Phantom III, mit dem der Polen-General und Hochhuth-Held Sikorski ins Exil gefahren war, erzielte vor drei Jahren 75 000 Mark.
Auch auf dem Markt von Monza war ein VIP-Mobil dabei: ein Lancia "Dilambda", Baujahr 1932, in dem der Duce aufzufahren pflegte. Das mächtige Kabrio, für 23 000 Mark zugeschlagen, soll künftig einem Thermalbad bei Mailand als Blickfang dienen.
Andere Monza-Veteranen sollen weiterrollen -- etwa jener Zwölf-Zylinder-Packard (1937), den der päpstliche Ehrenkämmerer Graf Giansanti-Coluzzi für 18 500 Mark erwarb. Und die Gebrüder Weibel aus der Schweiz, im Baugewerbe tätig, erfüllten sich in Monza einen Familien-Wunsch: den dritten alten Rolls-Royce (30 000 Mark).
"Es sind alles Enthusiasten", sagt der Sotheby-Berater und Automobil-Historiker Michael Sedgewick. Freilich: Ab 50 000 Mark sei ein Oldtimer auch eine gute Kapital-Anlage. Sedgewick hat, mit lyrischer Akribie, den Auktions-Katalog geschrieben und spricht von verblichenen Auto-Bauern, etwa von Ettore Bugatti, nur als "alten Meistern".
Tatsächlich sind vor allem Bugatti-Autos, ästhetisch wie technologisch, klassische Schönheiten. Das Geschick lag wohl in der Familie: Bugattis Großvater verplemperte alles Geld, um das Perpetuum mobile zu erfinden, und Bugattis Vater war ein angesehener Bildhauer.
Der Altmeister hat, zwischen 1910 und seinem Tod 1947, an die 9000 Automobile gebaut -- schmissige Rennwagen wie schwermütig-vornehme Limousinen. Nur 1700 Wagen haben überlebt; bei "Internationalen Bugatti-Treffen", letztes Jahr etwa in Bad Oeynhausen, kommen Bugattisten zusammen und fahren Nostalgie-Rallyes.
Andere Bugattis sind aus dem Verkehr gezogen: Etwa 300 Stück, vermuten Kenner, gehören dem elsässischen Textilfabrikanten Schlumpf, der seine 800-Wagen-Sammlung vor aller Welt verborgen halte, um sie alleine zu genießen.
Der größte Oldtimer-Park gehört dem amerikanischen Spielklub-Eigner William Harrah (1300 Wagen). Die Deutschen bauen auf: Das Automuseum im württembergischen Schloß Langenburg (44 Oldtimer) etwa mußte letzten Monat die Räume um eine Scheune erweitern; das Automuseum im westfälischen Nettelstedt (50 Wagen) gibt seit kurzem eine eigene Veteranen-Postille ("Automobil Chronik") heraus; und die Chefin des Tremsbütteler Museums, Wiebke Hillers, 23, hat in diesem Jahr den Bestand (60 Wagen) um zehn erweitert.
Der Nachfrage, jedenfalls, hält das Angebot kaum Schritt: Schon werden Oldtimer aus der CSSR importiert, und Maitre Ader, der Pariser Auktionator. will sich, nach dieser Erfolgs-Versteigerung, voll den Veteranen widmen.
Denn an potenten Käufern mangelt es nicht. Ein junger Herr etwa, der von seinem Schlößchen aus der Normandie zur Auktion nach Paris geeilt war, erwarb, für 52 000 Mark, gleich zwei Alt-Wagen; in seinen Garagen, sagte er, habe er genügend Platz.
Ehe er abfuhr, ließ er sich vom Vorbesitzer technisch einweisen: Um etwa an den Tankstutzen zu gelangen, müsse man das Reserverad abnehmen. Die Prozedur entfalle, wenn, wie leider vorgekommen, das Rad schon während der Fahrt abging.

DER SPIEGEL 29/1972
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