10.07.1972

RUNDFUNKSchwer verständlich

Deutsche Radio-Nachrichten, so haben zwei Erlanger Germanisten ermittelt, sind unnötig kompliziert; noch dazu suggerieren sie dem Hörer falsche Weltbilder.
Wenn aus dem Radio der Gongschlag ertönt, übt sich mancher deutsche Bürger in Resignation. Denn die neuesten Nachrichten. die dann folgen, versteht er meist nur schlecht und oft falsch.
Diese böse Kunde stammt von den Erlanger Germanisten und Sprachforschern Dr. Erich Straßner, 39, und Jürgen Schönhut, 27. "Bei der Vermittlung von Nachrichten durch das Medium Rundfunk, so lehren sie, "wird vor der Information ein Zaun von Sprache errichtet, der einem großen Teil der Konsumenten die Rezeption unmöglich macht, einem anderen die Rezeption zwar vorgaukelt, ihn aber anfällig macht für Manipulation"
Auf einer Arbeitstagung des "Studienkreises Rundfunk und Geschichte" in Baden-Baden haben Straßner und Schönhut ihre anklagende These und noch ein paar weitere dazu bereits den Nachrichtenredakteuren deutscher Funkhäuser zur Kenntnis gebracht. In diesen Tagen wird ihre Untersuchung mit dem Titel "Sozio- und psycholinguistische Aspekte der Nachrichtensprache" im Sammelband "Sprache und Gesellschaft" vom Münchner Fink-Verlag veröffentlicht.
Die Radio-Nachricht, so erläutern Straßner und Schönhut. hat von vornherein bedenkliche Handikaps: Sie fordert bei äußerster Verknappung des Sachverhalts vom Hörer ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und läßt, anders als die Zeitungsmeldung. keine Zeit zum Nachdenken.
Folglich sei "eine maximale Wirkung nur zu erreichen durch kurze, prägnante Sätze mit einer der Umgangssprache angenäherten Struktur. mit einem Wortschatz, der allgemeinverständlich ist".
Statt dessen jedoch liefern die (auch ost-)deutschen Nachrichtenredakteure Texte von "enormer Komplexität", die der schlichten Unterschicht und damit dem "größten Teil unserer Bevölkerung" das Verständnis erschweren -- das heißt: "Die Chancenungleichheit auf dem gesamten Bildungssektor wird auch auf den Informationssektor übertragen."
In einem Test mit 145 fünfzehnjährigen Erlanger Schülern haben Straßner und Schönhut ermittelt, daß, wie nicht anders zu erwarten, "Rezeptionsfähigkeit und Einfühlungsvermögen in Nachrichtensendungen" bei Hauptschülern weit schwächer sind als bei Realschülern und Gymnasiasten.
Denn schließlich hat ja der Hauptschüler (den Straßner und Schönhut der Unterschicht zuordnen) eine ganz andere, eine beschränktere "Grammatik" als der Gymnasiast aus der unteren, mittleren oder oberen Mittelschicht.
Gerade im "elaborierten (ausgearbeiteten) Code" der gehobenen sozialen Schichten aber werden die Funknachrichten dargeboten. Ihre Sprache "lehnt sich an die Werte der gehobenen Schriftsprache an, ist also von der gesprochenen Sprache weiter entfernt" -- um so weiter, als der Zwang zur Kürze den Charakter der Mitteilung bestimmt.
"Die in der mündlichen Kommunikation üblichen und nötigen Sprechpausen entfallen. Erläuternde Satzpassagen werden weitgehend zurückgedrängt. Formelhafte Elemente, die ständig wiederkehren und deshalb eingängig sind, dienen als Ausgleich."
Unnötig kompliziert ist auch der Satzbau mit seiner bisweilen "fast kriminellen Schachtelung" von Konjunktionen, Subordinationen, Genetivkonstruktionen und besonders Präpositionalphrasen" "... ihre sechstägigen Beratungen in Leuna mit der Annahme verschiedener Dokumente über verstärkte Aktionen gegen die aggressive Politik des Imperialismus, für die Sache des Friedens und des sozialen Fortschritts (Deutschlandsender-Ost);
Unterschiede in den Ansichten über die Aufnahme des von Bonn gewünschten Hinweises auf einen Brief des früheren Bundeskanzlers Adenauer ..." (Deutschlandfunk-West).
Solche schwer verständlichen Summierungen von Äußerlichkeiten (Zeit-, Orts-, Namensangaben, Bezüge auf Personen und Institutionen) führen, auf Straßner und Schönhut, nicht nur zur "Verschleierung relevanter Aussagen", sie geben dem Hörer auch "die Illusion seiner unmittelbaren Teilhabe am berichteten Ereignis" und verhindern so, daß er sich "seiner Abhängigkeitsposition vom Medium bewußt wird".
Doch die Formulierungsregeln' die sich mit der Zeit in den Nachrichtenredaktionen der deutschen Funkhäuser herausgebildet haben, bewirken noch Schlimmeres: Sie bringen ein Sprachritual hervor, das in seinem erstarrten Schematismus "den Charakter des Amtlichen, deshalb Offiziellen der Aussage zumindest suggeriert".
In den Nachrichten der deutschen Sender wird zudem Meinung als Information verbreitet: "Wir haben ausgezählt, daß rund 50 Prozent der untersuchten Einzelmeldungen eine Meinung wiedergeben, die mit einer Person verbunden ist. So spiegelt sich das Weltgeschehen in den Ansichten exponierter Persönlichkeiten, die dem unkritischen Hörer in einer Form vermittelt werden. daß er sie übernimmt und zu seiner eigenen Meinung macht."
Hinzu kommt ein "krasser Mangel an Kausalsätzen", der "das Weltgeschehen als Folge von Ganzheiten ohne inneren Zusammenhang erscheinen läßt": "Wie schon eine auf Fraglosigkeit bedachte Kindererziehung auf die Fragen des Kindes nach dem "Warum' eist mit einem "Das ist eben so'antwortet und das Aufzeigen von Gründen tunlichst umgeht, so vermeiden es die Nachrichtenmedien, ein Kausalgeflecht von Zusammenhängen herauszustellen."
Das sind schlimme Vorwürfe. Verständlicherweise, so erinnert sich Straßner, haben sie letzten Herbst den in Baden-Baden versammelten Herren "einen ziemlichen Schock versetzt".
Dennoch, auf die Empfehlung Straßners und Schönhuts, sich vom gewohnten starren Schema zu trennen und forttan Nachrichtentexte "auf der Basis fixierter Kernmeldungen" vom Sprecher oder gar vom Redakteur selbst frei gestalten zu lassen, haben die deutschen Funkhäuser bis heute nicht reagiert -- mit zwei Ausnahmen:
In einigen Sendungen des Südwestfunks darf jetzt der Nachrichtenredakteur selbst ans Mikrophon und nach Notizen extemporieren. Beim Hessischen Rundfunk ergänzt ein zweiter Sprecher die Nachrichten mit Hintergrund-Informationen.

DER SPIEGEL 29/1972
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