12.06.1972

BAADER/MEINHOFEin Seitenweg

Fahnder wie Freunde von früher glauben, daß Gudrun Ensslin ihre Festnahme in Hamburg provoziert hat -- eine Woche nach der Verhaftung Andreas Baaders, mit dem sie Jahre im Untergrund verbrachte.
Die junge Frau, die zehn vor eins die Boutique am Hamburger Jungfernstieg betrat, machte, wie sich die Bedienung erinnert, "einen leicht ungepflegten Eindruck".
Sie trug eine braune, enge Cordhose, rotbraune Schnürstiefel, Pullover und eine dreiviertellange Lederjacke, dunkelblau, vor den Augen eine große Hornbrille mit dunklen Gläsern. über der Schulter eine braune Handtasche.
Eine Weile hielt sich die Kundin bei den Kleidern auf und sah sich dabei öfter um. Dann schlenderte sie, vorbei an den Blusen, zu den Pullovern, suchte sich drei -- einer rot, zwei weiß -- heraus, das Stück zu 59 Mark.
Ein paarmal probierte sie in der Kabine, mit und ohne Jacke, ging, mit dem neuen Pulli und Preisschild am Hals, noch einmal an den Pulloverstand. Und dann griff eine Verkäuferin zum Lederjackett, das auf einem Sofa und im Wege lag: Das Kleidungsstück war ungewöhnlich schwer.
"Wir haben hier eine Kundin mit einer Pistole in der Jacke", meldete kurz darauf die Geschäftsführerin der Polizei, und die gab den Rat: "Versuchen Sie, die Dame hinzuhalten, wir kommen sofort."
Mit Floskeln ("Kann ich Ihnen helfen") mühte sich das Personal, die Bewaffnete in ein Gespräch zu ziehen. Als die Kundin schließlich doch an der Kasse stand, zwei Fünfzigmarkscheine in der Hand, entschuldigte sich das Boutique-Mädchen noch einmal: Sie müsse sich zuvor noch um eine andere Kundin kümmern. Und geduldig beschied sich die Frau mit der Pistole: "Da suche ich mir noch ein paar Strümpfe."
Es war 13.26, Mittwoch letzter Woche, als mit Blaulicht und aufgeblendeten Scheinwerfern, doch immerhin ohne Martinshorn, ein Streifenwagen unweit der Boutique stoppte. "Wo ist die Person?" rief ein Polizist in den Laden.
Die Person fuhr herum, aber ein zweiter Beamter, der schon hinter ihr stand, griff zu. Und dann gingen, im Handgemenge, beide zu Boden. "Was wollen Sie von mir?" wehrte sich die junge Frau. Der Beamte, gereizt: "Das wissen Sie doch ganz genau."
Gudrun Ensslin, 31, laut Steckbrief der Bundesanwaltschaft "1,70 m, schlank, hohe Stirn, ca. 2 cm lange Narbe ü. d. rechten Augenbraue, Haarfarbe- und -schnitt häufig wechselnd", wußte es.
Sechs Tage nach der Festnahme von Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe war ein weiteres Mitglied des Baader/Meinhof-Kerns gefangen. Kanzler Brandt verkündete es sogleich noch während der Sicherheitsdebatte im Bonner Bundestag.
Der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts fiel, wie einer der Kommissare es sagte, "ein Stein vom Herzen". Denn: "Wir haben große Angst gehabt, daß gerade die Baader-Freundin nach der Baader-Verhaftung in konzentrierter Verzweiflung was ganz Verrücktes machen würde. Das waren furchtbare Tage."
Kein Zweifel -- Aktionen der Baader/Meinhof-Gruppe schienen am ehesten noch von Gudrun Ensslin zu erwarten, letztes Mitglied der ersten Stunde, vom Frankfurter Kaufhausbrand 1968 an, als sich die Gruppe formierte, die später Banken ausraubte, auf Polizisten schoß und Bomben legte.
"Unendlich gefühlsmäßig an Baader gebunden."
Während Ulrike Meinhof dem Zirkel die Theorien lieferte und nach der Tat mit Schriften aus dem Untergrund zu erklären versuchte, was auch Linke nicht mehr für geboten halten, leistete Gudrun Ensslin nach Erkenntnis der Polizei praktische Hilfe. Sie kümmerte sich um Unterkünfte, verwaltete die Kasse, half bei den Vorbereitungen für den Gruppeneinsatz.
Und während die Meinhof -- auch dies eine Wahrnehmung der Kripo -- sich offenbar mehr und mehr von der Kerntruppe absonderte und die Polizei Komplikationen nach einer früheren Gehirnoperation für möglich hält, geriet Gudrun Ensslin durch enge Bindung an den Gruppen-Aktivisten Baader immer mehr in den kriminellen Aktionismus der BM-Terroristen.
"Gudrun war mehr als sie wußte und ihr Intellekt zugab von Andreas Baader seelisch abhängig", urteilte der Berliner Jura-Professor Ernst Heinitz, ihr väterlicher Freund und Verteidiger: "Sie war unendlich gefühlsmäßig an ihn gebunden." Das Paar, sagte das ehemalige Gruppenmitglied Beate Sturm, "führte eine glückliche Ehe". Als Gudrun Ensslin verhaftet war, fanden sich in ihrer Handtasche Zeitungsausschnitte von Baaders Festnahme und Verwundung.
So erscheint die Vermutung nicht abwegig, daß nach dem Schock des Frankfurter Geschehens die Terroristin in Hamburg aufgeben wollte oder aber resigniert die Regeln des Konspirativen außer acht ließ -- zumal seit der Verhaftung von bis dahin 19 BM-Leuten nach Meinung der BKA-Fahnder in den zugewanderten Anarcho-Zirkeln neue Führungsansprüche gestellt wurden.
"Mein Eindruck ist", so ein leitender Fahnder, "daß sie ihre Festnahme selber provoziert hat." Und ähnlich argwöhnen Ensslin-Freunde von früher. Die Anarchistin, die jahrelang der aufwendigsten Fahndungsaktion deutscher Nachkriegszeit auszuweichen verstand, habe es "bewußt darauf angelegt, erkannt zu werden".
Gudrun Ensslin hielt sich auffallend lange in der Boutique auf, benahm sich bei Warenauswahl und Anprobe sehr umständlich und übersah Warnsignale: Sie legte die Jacke mit der Pistole leichtfertig ab, nahm das Kleidungsstück, als später ein Mädchen danach griff, harsch an sich, verließ aber doch nicht den Laden. Und selbst durch das tapsige Auftreten der Streifenbeamten (Hamburgs Polizeioberrat Schilasky: "Niemand hat wohl in einem Geschäft am Jungfernstieg ein Mitglied der Baader/Meinhof-Gruppe erwartet") ließ sie sich überraschen.
"Ihr Hang zur Gruppe ist ungemein stark", urteilte der Frankfurter Psychiater und Gerichtsmediziner Dr. Reinhard Redhardt über Gudrun Ensslin Ende letzten Jahres, "doch ich würde mich nicht wundern, wenn sie plötzlich einen Seitenweg einschlägt und sich stellt." Die Gruppe aber war nun zerschlagen und damit die Zuflucht, in der Gudrun Ensslin sich selbst fand und andere sich in Gudrun Ensslin wiederfanden.
Das Mädchen Vorfahren (väterlicherseits) Hegel und Textor -- kam als viertes von sieben Kindern im schwäbischen Bartholomä, einst stramm nationalsozialistisch, heute absolute CDU-Mehrheit, zur Welt. Bruder Michael war drei, Bruder Ulrich zwei, Schwester Christel ein Jahr alt, als Gudrun am 15. August 1940 geboren wurde. Der Vater, Pfarrer Helmut Ensslin, war damals Soldat.
Für Erna Niederberger, einst Haus- und Kindermädchen der Pfarrersfamilie, ist es heute "a Rätsel, wie die Gudrun auf Abwege kommen is'", und: "Wenn sie jetzt klopfen würd', ich tät' sie nicht reinlassen; nicht aus Angst, sondern aus Zorn."
Gudrun "war schon als Kind sehr g'scheit" und "sehr mutig" -- beim waghalsigen Rodeln, auf dem steilen Weg zwischen Pfarrhaus und Hauptstraße, prallte sie gegen eine Hauswand und erlitt Platzwunden am Kopf. Zurück blieb jene zwei Zentimeter lange Narbe, die am vergangenen Mittwoch der Bonner Sicherungsgruppe die Identifizierung der gesuchten Anarchistin erleichterte.
1948 wurde der Vater -- ein Links Theologe und versonnener Maler. der sich gelegentlich stundenlang mit der Staffelei im Studierzimmer einschloß
nach Tuttlingen versetzt. Gudrun hütete die jüngeren Geschwister -- Johanna, Gottfried und Nachkömmling Ruth.
Wie die Eltern, alte Wandervögel, ging die Pfarrerstochter auf Fahrt, wurde später Gruppenführerin beim Evangelischen Mädchenwerk und hielt für die Frohschar Bibelabend im Gemeindehaus. Mit 13, in Untertertia versetzt, stand ihr Berufsziel -- Lehrerin -- fest. "Einmal ist es der Wunsch, mit an lebendigen Menschen zu arbeiten, zum anderen reines Wissen zu erwerben. selbst zu lernen und dann das Erworbene weiterzugeben, zu lehren". schrieb sie in einem Lebenslauf.
Im Juni 1958 ging die Oberprimanerin ("Ich bin froh, neun Jahre das deutsche Schulsystem genossen zu haben") im Rahmen des "Internationalen christlichen Jugendaustausches" für ein Jahr an die Warren High School in Warren (Pennsylvania/USA): "Ich persönlich bin in der amerikanischen Schule aufgewacht, d. h. ich habe plötzlich gewußt, daß ich für mich, für mein Leben lerne."
In der Methodistengemeinde zu Warren, wo sie bei Gasteltern lebte, die erste Liebschaft hatte (Vater Ensslin: "Mit 19 der erste Kuß") und glühende Worte in ein Tagebuch schrieb, gewann Gudrun Ensslin Distanz zum Christentum amerikanischer Prägung. Und: "Ich war entsetzt über die politische Naivität der Amerikaner."
Ende 1959 -- Vater Ensslin hatte sich inzwischen an die Luther-Gemeinde in Stuttgart/Bad Cannstadt versetzen lassen -- kam die Austauschschülerin in
* Mitte, mit gebeugtem Kopf, am Mittwoch letzter Woche im Polizeihubschrauber.
die Oberprima des Stuttgarter Königin-Katharina-Stifts. Das "begabte, aufgeschlossene, frische Mädchen" (Oberstudiendirektorin Klara Stumpff) "fand es gleich fad, daß hier keine Jungens sind". Sie schlichtete Streit in der Klasse ("Was für ein Mädleslade"). gewann einen Preis, den der reiche Vater einer beim Reiten tödlich verunglückten Klassenkameradin für soziales Engagement in der Schülermitverwaltung gestiftet hatte, und baute im März 1960 (Durchschnittsnote: leicht unter "gut") das Abitur.
Dem Vater war es damals aus wirtschaftlichen Gründen "lieb um jedes Kind, das nicht studieren will". Gudrun Ensslin wollte; sie trieb nach eigenem Bekunden "Massenbetrieb, Anonymität, Hilflosigkeit und ähnlich vorher gehörte und abschreckende Worte mehr oder weniger bewußt nach Tübingen". Die Studentin wollte "alles nur mögliche tun", um "ein immer wachsendes Verständnis unserer Zeit, der Menschen in ihr zu gewinnen".
Die Wahl der Studienfächer fiel nicht schwer: "Deutsch war von Anfang an für mich das Fach, das nicht nur reine Arbeit, sondern im besten Sinne "Spiel" war." Sie hörte Vorlesungen über Goethes Romane, Klopstock und Hölderlin, über "Shakespeares dramatische Kunst", Kierkegaard, Jaspers, Heidegger, Sartre. Bei Walter Jens nahm die Studentin der Germanistik, Anglistik und Philosophie an einem Colloquium über zeitgenössische Literatur teil. das sie "äußerst anregend, herausfordernd fand".
Gudrun Ensslin bewarb sich, zunächst erfolglos, um ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Sie lebte in Tübingen bei einer ledigen, strengen Tante, die sie eines Tages mit brennender Zigarette erwischte
"entweder du rauchst und ziehst aus, oder du rauchst nicht und kannst hierbleiben". Das Mädchen rauchte und zog aus. Tübingen -- das war für die Pfarrerstochter die "erste Empfindung des "Befreitseins'".
Wenn sie am Wochenende heim nach Bad Cannstatt kam, "zog sie den Trainingsanzug an und brachte, ruckzuck, die ganze Wohnung in Schuß" (Mutter Ilse). Wenn sie bei Laune war, ließ sie Schwestern und Brüder in den Briefen ihres Schwarms aus Pennsylvania lesen. "Die ersten drei Semester noch sehr brav", sagt der Vater. Bis zum 22. Lebensjahr, sagt die Mutter, "lag auf ihrem Nachttisch die Bibelrüste des Evangelischen Mädchenwerks".
Im vierten Semester -- ehe sie für zwei Jahre an die Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd ging -- schloß sich Gudrun Ensslin eng an den Germanistik-Studenten Bernwald Vesper, Sohn des 1962 gestorbenen NS-Schriftstellers Will Vesper, an. Mit ihm und anderen Kommilitonen, darunter eine Französin und ein Amerikaner, gründete sie einen kleinen Verlag. das "Studio Neue Literatur".
"Sie wirkt sehr bewußt, apart, mondän."
Sie korrespondierte mit Schriftstellern wie Horst Bingel und Stephan Hermlin, Marie-Luise Kaschnitz und Gabriele Wohmann und erbat Beiträge für eine Anthologie gegen den Atomtod: "Ich halte diesen Band zu einem Zeitpunkt, in dem die Bundesregierung ihre Bürger an den Gedanken zu gewöhnen versucht, daß die Atombombe nicht so schlecht sei, für notwendig."
1964 erschien das Taschenbuch "Gegen den Tod -- Stimmen gegen die Atombombe". der erste Band der von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper herausgegebenen "Studio Bibliothek". Die Studentin hatte inzwischen Griechisch gelernt, "um die alten Griechen, deren literarisches und philosophisches Erbe besser zu verstehen". Im Mai 1963 hatte sie das Philosophicum mit der Note "gut" bestanden, im März 1964 die erste Dienstprüfung der Volksschullehrer an der PH mit "befriedigend" abgelegt.
Am meisten jedoch engagierte sie sich als Geschäftsführerin des Zwei-Mann-Verlags. "Fräulein Ensslin", gutachtete die Diplom-Psychologin Anneliese Fechner-Mahn für die Studienstiftung. "hat sich durch diese Aufgabe und den Kreis, den sie dabei gefunden hat, stark bestimmen lassen und auch ihr Stildienziel geändert."
Statt Lehrerin zu werden, strebte Gudrun Ensslin nun nach der Promution mit dem Ziel, in die Verlagsarbeit zu gehen. Die Psychologin 1964 über die damals 23jährige Pfarrerstochter: "Auch äußerlich hat sie sich eine auffallend stilisierte ästhetische Prägung gegeben und wirkt nun sehr bewußt. apart, mundän."
Für eine gemeinsame Nacht in der Alhambra eingeschlossen.
Mit Bernward Vesper, der "unter einer mächtigen Vaterbindung litt und zugleich Sozialist sein wollte" (Vater Ensslin). sichtete die Jung-Verlegerin den Nachlaß Will Vespers -- Romane von Liebe, Traum und Tod" -- und Gedichte auf Adolf Hitler: "Mein Führer, in jeder Stunde weiß Deutschland. Deutschland, was du trägst / daß du im Herzensgrunde / für uns die schwere Schlacht des Schicksals schlägst.
Wenn Gudrun Ensslin mit Bernward Vesper in Studentenlokalen aufkreuzte, hänselten Kommilitonen: "Dein Vater, das war doch der Nazi." Aus dem Nachlaß der Nazis brachte das Paar eine neue Sammlung ausgewählter Werke heraus -- und gewann zugleich kritische Distanz zum Bonner Staat.
Gudrun Ensslin begann damals mit einer nie vollendeten Doktorarbeit über den Dichter Hans Henny Jahnn ("Fluß ohne Ufer"). Auf einer Spanienreise ließ sie sich mit Bernward Vesper für eine gemeinsame Nacht in der Alhambra einschließen. Als sie zurückkamen, erschien das behütete Pfarrerskind dem Vater Ensslin als "ein erotisiertes Mädchen". Zweimal, so der Vater, wurde Bernward Vesper im Pfarrhaus "wegen des Kuppelei-Paragraphen vor die Tür gesetzt".
Im Kurhaus zu Bad Cannstatt fand schließlich -- als Zugeständnis an die Eltern -- eine bürgerliche Verlobung statt. Noch heute bewahrt Gudruns letzte Deutschlehrerin, Oberstudiendirektorin Stumpff, die Verlobungsanzeige auf, die ihr "durch ihre ungewöhnliche Aufmachung schon ein Ausbrechen aus der Konvention verriet": ein gefalteter roter Karton, in Perlschrift bedruckt, "und die Nachricht stand rundherum auf dem Innern der Karte" (Stumpff).
Das Pfarrhaus in der Wiesbadener Straße 76 zu Bad Cannstadt. wo nun auch der Schwiegersohn in spe verkehren durfte, war die Adresse des jungen Verlages. Es war, so Pfarrer Ensslin, "ein Verlag ohne Finanzen. Wer achtzehn Mark zahlte, erwarb die Anwartschaft auf zwei Bücher". Die beiden Germanistikstudenten korrespondierten mit arrivierten Autoren und luden junge Talente ein. Einer der Nachwuchs-Poeten war Günter Maschke, heute Lektor in Frankfurt, der sich erinnert: "Die haben immer so übertrieben auf Familie gemacht, gemeinsame Lieder gesungen und so einen Krampf."
Maschke heiratetet 1965 die Ensslin-Schwester Johanna, ließ sich 1969 -- nach Wehrdienstverweigerung, Apo-Aktionen in Wien und Flucht nach Kuba, wo er zeitweilig im Zuckerrohr arbeitete
wieder scheiden (ein Kind) und verbüßte in Landsberg sieben Monate Gefängnis wegen Fahnenflucht. Auf Maschke ist der Pfarrer seither schlecht zu sprechen: "Gudrun hat mir mit diesem Mann das Haus angezündet."
Der kubanische Lyriker Heberto Padilla dichtete über den ehemaligen Ensslin-Schwiegersohn. "Heute schläft er mit den Weibern von Havanna -- jeden Tag / eine andere, wenn es geht einer ganzen Schiffsladung Negerinnen / sagt er, könne er's besorgen / in einer Nacht ..."
Lektor Maschke, der Padillas Gedicht ("Außerhalb des Spiels") in der Edition Suhrkamp herausgegeben hat, weiß über die Verlagsarbeit Bernward Vespers und Gudrun Ensslins kaum Positives zu berichten: "Die haben immer nur Bücher von dem alten Vesper verkloppt, unter anderem mit Inseraten in der "Deutschen National- und Soldatenzeitung." Psychologin Fechner-Mahn wunderte sieh über die "extravaganten Vorstellungen und Pläne Fräulein Ensslins, die auch finanzielle Wagnisse einschließen".
1965 gingen Gudrun Ensslin und Bernward an die Freie Universität Berlin. "Bis vier Uhr morgens", erinnert sich Professor Ernst Heinitz, der Gudrun Ensslin später im Frankfurter Kaufhausbrand-Prozeß verteidigte, "haben wir manchmal in meiner Wohnung diskutiert."
Im Sommer 1965, während des Bundestagswahlkampfs, engagierte sich das Paar Ensslin-Vesper im Berliner Wahlkontor der Schriftsteller für die SPD. Täglich bis zu 20 Stunden und für einen Stundenlohn von zehn Mark schrieb Vesper in einem 15-Mann-Team Redetexte für den damaligen Berliner Wirtschaftssenator Karl Schiller. Gudrun Ensslin stellte in einem damals unbenutzten Büro Egon Bahrs in der Hardenbergstraße Wahlkampfmaterialien zusammen und ordnete Zeitungsausschnitte. Luchterhand- Lektor Klaus Roehler, der die Kontor-Texte an Willy Brandts Wahlkampfsonderzug übermittelte: "Gudrun war eine fabelhafte Mitarbeiterin -- richtig Lehrerin, keine linke Ziege."
Nach der Wahl -- eine große Enttäuschung für die Wahlhelfer -- begann Vesper mit der Herausgabe linker Texte ("Voltaire Flugschriften"); die Studentin las Herbert Marcuse ("Triebstruktur und Gesellschaft"), um Hans Henny Jahnn und seine "totale Negation der Gesellschaft" zu bewältigen; sie scheiterte an einer Interpretation über "Finnegans Wake" von James Joyce: "Ich habe mich nicht geschont, aber die Arbeit nicht geschafft. Ich würde sie wohl weder in einem Jahr noch in zwei Jahren schaffen."
Sohn Felix durchkreuzte alle Pläne.
Dann durchkreuzte Felix alle Studienpläne: Aus Freude über einen Autoren-Vertrag mit dem Luchterhand-Verlag zeugte das Paar im Herbst 1966 "ganz bewußt ein Wunschkind" (Vater Ensslin). Die junge Mutter später in einem Semesterbericht für die Studienstiftung: "Am 13. Mai (1967) wurde mein Sohn Felix geboren; ein wenig früh, also sehr klein und zart. Jetzt, nach sieben Monaten, ist er ein Riese, dick und stark, größer als Gleichaltrige und schwerer."
Daß 1966 in Bonn eine Große Koalition zustande kam, daß Brandt und Schiller, für die sie sich engagiert hatten, neben Strauß und Kiesinger auf der Regierungsbank Platz nahmen, war für die SPD-Wahlhelfer -- so Helmut Ensslin -- "der große Schock" gewesen. "Wir mußten erleben", so sagte Gudrun Ensslin später, "daß die Führer der SPD selbst Gefangene des Systems waren, die politische Rücksichten nehmen mußten auf die wirtschaftlichen und außerparlamentarischen Mächte im Hintergrund."
Politisches und Privates mögen Gudrun Ensslin zu jener Zeit endgültig aus der einst eher beschaulichen Christen-Bahn geworfen haben. Während der Schwangerschaft meinte sie zu erkennen, daß Vietnam-Krieg und Napalmtod von Vietnamesenkindern keine Panne, sondern kalkulierte Politik der USA war. Der Sohn kam zur Welt, kurz bevor am 2. Juni in Berlin Benno Ohnesorg starb -- erschossen von einem Polizeibeamten --
Zwei Monate vor der Geburt ging die Verbindung mit Vesper zu Bruch. Gudrun ("Der spinnt doch") wollte ihn nicht mehr heiraten. "Bernward"" erinnert sich Vater Ensslin, "war mal schroff, messerscharf, mal liebenswürdig -- wie heiß und kalt von einem auf den anderen Moment."
Nach dem Ohnesorg-Tod meldete die ledige Mutter der Studienstiftung in einem Zwischenbericht: "Außer von Felix waren die Monate seit Juni fast völlig von den Ereignissen an der Universität und in Westberlin beansprucht." Sie habe "aktiv an zahlreichen Aktionen, deren Vorbereitung und Auswertung teilgenommen" und befand: "Ich sollte das auch weiterhin tun." Nebenher spielte sie eine Rolle in dem Kurzfilm "Das Abonnement".
"Warum mußte sie an diesen Mann geraten?"
Im Januar 1968, als ein erster Teil der Jahnn-Dissertation fertig war, verließ die Studentin die gemeinsame Wohnung. Vesper, der "den politischen Schritt ins Radikale nicht mitgehen wollte", engagierte für Sohn Felix eine Kinderschwester. Als er den Sohn adoptieren wollte, verweigerte die Mutter die Zustimmung.
Am 3. Mai 1971 -- inzwischen in psychiatrischer Behandlung in Hamburg -- setzte Bernward Vesper den knapp vierjährigen Felix zum Alleinerben ein, am 14. Mai nahm er sich mit Tabletten das Leben. Er habe später. so schrieb er an die Verwandtschaft, "in anderen Mädchen immer nur die Gudrun gesehen".
Die Pfarrerstochter wandte sich Andreas Baader zu, der in Berlin mit der Malerin Ellinor Michel zusammengelebt und mit ihr eine Tochter, Suse, hatte. Wenn Freunde wie Heinitz Aufschluß darüber erbaten, was an dem angeblichen Journalisten -- im Gegensatz zu Vesper -- denn so fesselnd und faszinierend sei, sagte Gudrun Ensslin: "Der hat nix geschrieben, der hat alles nur im Kopf." Heinitz: "Warum mußte sie an diesen Mann geraten?"
Mit diesem Mann legte sie Feuer im Frankfurter Kaufhaus Schneider, mit ihm startete sie Polit-Experimente an Fürsorgezöglingen und Heiminsassen, mit ihm floh sie nach Paris, entwich in
* 1967; links: in dem Film "Das Abonnement"; rechts außen: als Teilnehmerin einer Demonstration in Berlin.
den Untergrund, und an seiner Seite rückte sie in den "Volkskrieg" (BM-Jargon), in dem es schließlich Bomben und vier Tote gab.
Von ihm los kam sie erst gewaltsam, als Andreas Baader vorletzte Woche in die Frankfurter Falle lief. Der BM-Chef, der einen extrem schmerzhaften Oberschenkel-Schußbruch erlitt und wahrscheinlich lebenslange Gehbeschwerden nachbehalten wird, liegt nun in der Gefängnis-Klinik Kassel-Wehlheiden.
Gudrun Ensslin wurde von Hamburg aus mit dem Hubschrauber nach Essen transportiert. Auf Polizisten-Fragen antwortete sie kaum, ihr erster Wunsch war eine Zigarette ohne Filter, die Erfüllung weiterer Wünsche wurde vorerst verweigert: 830 Mark aus ihrer Handtasche, die sie, um in Haft Rauchwerk und Toilettenartikel kaufen zu können, von der Polizei zurückforderte. Die Beamten hofften, durch spätere Zugeständnisse die schweigsame Terroristin gesprächiger zu machen.
Aus Gudrun Ensslins Handtasche holten die Fahnder außerdem eine zweite Pistole, eine belgische Neun-Millimeter-Hochleistungswaffe vom Typ FN, einen Personalausweis, ausgestellt auf den Namen Margarethe Reins, und eine Hamburger Adresse: Hochallee 21. Bei einer Razzia in diesem Haus im noblen Stadtteil Harvestehude wurden fünf Kommune-Mitglieder festgenommen, aber bald wieder freigelassen.
Erfolglos auch blieben bis Ende letzter Woche andere Fahndungs-Aktionen. In Dänemark wurden die BM-Gehilfen Katharina Hammerschmidt, 28, und Heinz Brockmann, 24, gesucht, auf Sylt und andernorts Ulrike Meinhof; im Frankfurter Vorort Bornheim verteilte die Polizei Flugblätter ans Volk:
Weil in der Garage am Frankfurter Hofeckweg, wo sich Andreas Baader und Holger Meins verschanzt hatten, kaum Platz zum Bombenbasteln war, vermutet die Sicherungsgruppe die Terroristen-Werkstatt in einem der Bornheimer Gartenhäuser. Erde an den Schuhen von Baader, Meins und Raspe, die in Labors des Bundeskriminalamts analysiert wurde, hatte auf diese Spur geführt.
Doch wie am Tag der Baader-Festnahme -- als in einer Berliner Wohnung ein Brand ausbrach und die Polizei dort ein Lager mit Waffen, Sprengstoff-Mixturen, Gesichtsmasken und Gefängnis-Skizzen ausräumte -- wurden die Fahnder auch am letzten Wochenschluß noch einmal fündig: wieder in der Hauptstadt.
Freitags zur Frühstückszeit hatten vier Kripo-Männer im feinen Bezirk Tiergarten einen jungen Mann mit Ponyfrisur und blondem Oberlippenbart observiert, der -- mit einer Begleiterin in Minirock, Stern auf der Bluse -- wie verfolgt dahinschritt und sich ständig umblickte.
9.35, vor einem Wohnhochhaus am Hansaplatz, wurde das Pärchen von Schupos gestellt: Bernhard Braun, 26, und Brigitte Mohnhaupt, 22, beide im BM-Steckbrief gesucht. Aus der Handtasche des Mädchens holten die Beamten eine Neun-Millimeter- Pistole mit zwei Magazinen -- wie die Waffe des Begleiters geladen und entsichert. Bei Braun entdeckten die Polizisten noch eine selbstgefertigte, mit Schwarzpulver gefüllte Handgranate.
Gegen den zeitweiligen Gefährten des Kommune-I-Chefs Dieter Kunzelmann lagen gleich drei Haftbefehle vor. In Berlin soll Braun 1970 an etlichen Attentaten mit Molotow-Cocktails und Brandsätzen auf das Amerika-Haus, auf das Schmargendorfer Rathaus und den Dienstsitz des Kammergerichtspräsidenten beteiligt gewesen sein.
Nach Zeugenaussagen und Lichtbildvergleichen gilt der Anarchist zudem als Urheber der Schießerei am 2. April 1971 in München, bei der der später verurteilte Johann Heinrich von Rauch festgenommen wurde. Nach Polizei-Ermittlungen flüchtete Braun damals, indem er eine Passantin als Geisel benutzte. Er schoß auf einen Polizisten, ohne zu treffen, und tauchte, als der Verfolger in Deckung ging, im Passantengewirr unter.
Schüsse fielen auch am 24. Juni letzten Jahres. als eine Verkehrsstreife in Wiesenbach bei Heidelberg einen Ford 17 M kontrollierte. Der Fahrer -- der mutmaßliche BM-Gehilfe Ralf Reinders -- lief damals auf das nahe gelegene Gasthaus "Zur Stehwaage", und aus dem Vorgarten des Lokals wurde der hinterhersetzende Polizeihauptmeister Brand von einem Pistolen-Projektil in die Schulter getroffen. Mitschütze laut Polizei: Bernhard Braun.
in dem Ford fand sich, verstaut in einer Damenhandtasche, ein Revolver
* Nach der Festnahme in Berlin.
vom Typ "Smith & Wesson", der im Frühjahr 1971 von dem Münchner Anarchisten Alois Aschenbrenner gekauft worden war. Und mit Aschenbrenner befreundet war die nun verhaftete Brigitte Mohnhaupt. die nach Erkenntnis der Bundesanwaltschaft seit Mitte letzten Jahres wie Bernhard Braun zur Baader/Meinhof-Gruppe zählt.
Mit Braun, glauben die Fahnder. stieß ein Propagandist des Bombenterrors zur BM-Truppe. Die Berliner Kripo rechnet ihn zu den Begleitern des Anarchisten und Johann-Heinrich-Bruders Georg von Rauch, der am 4. Dezember 1971 bei einer Schießerei in der Eisenacher Straße ums Leben kam.
Nahe der Eisenacher Straße. im Eden-Apartment-Haus. lag jene Wohnung, in der vorletzte Woche Feuer ausbrach und Waffen entdeckt wurden. Noch etwas fanden die Fahnder: Fingerabdrücke von Bernhard Braun.

DER SPIEGEL 25/1972
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