12.06.1972

ERDÖLGespannte Muskeln

Mit der Enteignung des Ölkonzerns IPC durch den Irak begann eine neue Runde im Kampf der Araber gegen die internationalen Trusts. Endziel der Araber ist, alle Ölkonzerne aus ihren Ländern zu verdrängen.
Radio Bagdad verhieß seinen Hörern, es werde bald "angenehme Meldungen" bringen. Als Stunden später die frohe Botschaft verkündet war, hielt es die Bewohner der irakischen Hauptstadt nicht mehr in den Häusern.
Auf dem Freiheitsplatz -- jenem Ort der Tigris-Metropole, an dem 1969 Massenhinrichtungen politischer Gegner des Revolutionsregimes stattgefunden hatten -- feierten vorletzten Freitag Tausende von Irakern den Sieg über einen ökonomischen Feind: Staatspräsident Ahmed Hassan el-Bakr hatte die irakischen Anlagen des internationalen Erdölkonzerns Iraq Petroleum Company (IPC) verstaatlicht.
Jubelstürme löste auch in Damaskus die fast gleichzeitige Entscheidung der syrischen Regierung aus, den IPC-Besitz auf syrischem Boden zu nationalisieren. Denn für die Araber war die mächtige Erdölgesellschaft, die vor allem auf den Ölfeldern im Nord-Irak Bohrkonzessionen besaß und das geförderte Öl durch eine eigene Pipeline in die Mittelmeerhäfen Banjas an der syrischen und Tripoli an der libanesischen Küste pumpte, schon seit langem verhaßtes Symbol kolonialer Ausbeutung arabischen Rohstoff-Reichtums.
Mit der Enteignung der IPC-Anlagen (Wert nach Expertenschätzung: 520 Millionen bis 780 Millionen Dollar) wagten die Regierungen in Bagdad und Damaskus nun einen Schlag, der gleich fünf der stärksten Erdölkonzerne der Welt in vier westlichen Ländern traf.
Je 23,75 Prozent der IPC-Aktien halten die britische Gesellschaft British Petroleum (BP). die holländisch-britische Gruppe Royal Dutch/Shell das französische Unternehmen Compagnie Française des Pétroles und eine Tochtergesellschaft der amerikanischen Ölgiganten Standard Oil Co. of New Jersey (Esso) und Mobil Oil. Die restlichen fünf Prozent der Aktien sind im Besitz der Gulbenkian-Gruppe,
Der Nationalisierungs-Aktion vorausgegangen war eine jahrzehntealte Fehde zwischen Bagdad und IPC um Bohrrechte im Süd-Irak, die das damalige Regime Kassem der IPC 1961 entzogen hatte. Nachdem IPC im März und April ihre tägliche Ölproduktion auf den Feldern um Kirkuk im Nord-Irak von rund 1,23 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) auf 694 000 Barrel gedrosselt hatte, spitzte sich dieser Streit dramatisch zu.
Denn die irakische Regierung sah den Produktionsrückgang lediglich als Racheakt der IPC-Manager für den entschädigungslosen Entzug von Konzessionen in Nord-Rumaila an -- jenem Gebiet im Süd-Irak, in dem die Iraker seit Anfang April das schwarze Gold mit sowjetischer Hilfe erstmals in eigener Regie zutage fördern.
Bagdads sozialistisches Baath-Regime, das seinen Staats-Etat bisher zu ungefähr 60 Prozent aus IPC-Abgaben finanzierte, reklamierte sogleich, durch die verringerte IPC-Produktion werde der Irak um rund 305 Millionen Dollar Öleinnahmen pro Jahr gebracht. Dieser Einnahmeausfall aber gefährde sein nationales Entwicklungsprogramm.
* Oberschüssiges Erdgas wird abgefackelt. ** Der Organiration of Petroleum Exporting Countries (Opec) gehören an: Iran, Irak, Kuweit, Katar, Abu Dbabi, Saudi-Arabien, Libyen, Algerien, Indonesien, Venezuela, Nigeria.
Doch die Forderung der Regierung, zur normalen Tagesproduktion zurückzukehren, lehnten die in London residierenden Ölmanager ab. Ihre Weigerung begründeten sie damit, daß die Ölproduktion im Nord-Irak wegen der höheren Abgabenlast kostspieliger als die Förderung am Persischen Golf geworden sei.
Präsident Bakr und seine Regierung mochten nicht länger die wirtschaftliche Entwicklung des Landes von solchen ökonomischen Überlegungen fremder Konzerne abhängig wissen. "Wir haben beschlossen, die Offensive gegen die Ölmonopole weiterzuführen". verkündete Bakr in der vorletzten Woche selbstbewußt.
Den Kampf gegen die einst allmächtigen internationalen Erdöltrusts, die noch Mitte der sechziger Jahre die rivalisierenden Ölscheiche mühelOs gegeneinander ausspielen konnten, hatten die ölexportierenden Entwicklungsländer vor rund zwei Jahren aufgenommen. In der Organisation der ölexportierenden Länder (Opec) zusammengeschlossen, gelang ihnen im Februar 1971 der erste wichtige Sieg: Nachdem sie gedroht hatten, die Ölausfuhren zu stoppen. rangen die Opec-Mitglieder** in den Abkommen von Teheran und Tripolis den Ölgesellschaften gepfefferte Abgaben-Erhöhungen ab.
Im gleichen Monat verstaatlichte Algeriens Staatschef Boumedienne 51 Prozent der französischen Ölanlagen in seinem Lande. Da alle Verhandlungskünste ihrer Diplomaten versagten, erkannten die Franzosen noch im Juni 1971 die Enteignungen an.
Noch ungenierter als Boumedienne gegen die Franzosen ging Libyens Staats-Oberst Muammar el-Gaddafi im Dezember gegen Englands BP vor. Aus Verärgerung über die britische Regierung enteignete er den libyschen Besitz der BP. Zwar gelang es der Gesellschaft bisher, westliche Kunden wie beispielsweise Italien am Kauf von Öl aus den libyschen BP-Quellen durch gerichtliche Klagen zu hindern. Aber empfindlichere Sanktionen unterblieben, Weitere Schlappen der Ölbosse folgten. Im Januar mußten sie den Vertretern der Opec eine Erhöhung der Erdöl-Förderabgaben um 8,5 Prozent als Entschädigung für den Wechselkursverlust durch die Dollar-Abwertung zugestehen.
Im März erklärte sich das größte internationale Ölkonsortium, Arabian American Oil Company (Aramco), unter dem Druck der saudi-arabischen Regierung bereit, den Wüstenstaat zu 20 Prozent an seinem Kapital zu beteiligen. Andere Konsortien ließen ebenfalls ihre Bereitschaft zur unbequemen Partnerschaft mit Arabiens aufsässigen Regierungen erkennen.
Endziel der Araber ist, die internationalen Konzerne völlig aus ihren Ländern zu verdrängen und Öl-Geschäfte möglichst nur noch direkt mit Staatsgesellschaften der Abnehmer-Länder abzuschließen. Entsprechende Angebote gingen bereits an Japan und, vom Schah von Persien, an die Bundesrepublik.
Da die Ölländer aber noch etliche Jahre auf Kapitalkraft und Vertriebs-Wege der Trusts angewiesen sein werden, werden diese sicherlich noch einige kleinere Rückzugsgefechte gewinnen -- wie etwa BP im Kampf gegen Libyen und wie vielleicht IPC im künftigen Kampf gegen den relativ schwachen Irak, Ebenso sicher aber scheint die Ära der Öl-Giganten. die das milliardenträchtige Geschäft vom Bohrloch bis zur Zapfsäule beherrschen, infolge der entschlossenen Haltung der Araber und der starken Abhängigkeit Europas und der USA von Nahost-Ölimporten allmählich zu Ende zu gehen,
"Die arabischen Regierungen beginnen endlich, ihre Muskeln zu spannen". erkannte ein westlicher Diplomat, "und leider sind sie am stärkeren Hebel.

DER SPIEGEL 25/1972
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