05.06.1972

Kommen Sie raus, Ihre Chance ist null

Die Bürger atmeten auf, Bonn war rehabilitiert. Nach zwei Jahren vergeblicher Fahndung, nach beklemmenden Wochen mit Bombentoten und Attentatsdrohungen gelang es Westdeutschlands Polizei, den Kern der Baader/Meinhof-Gruppe zu spalten. Und die Nation sah zu: Achtmal ging das Schießgefecht über die Bildschirme.

Für sieben Uhr in der Früh waren auf dem Testgelände der Opel-Werke im südhessischen Dudenhofen Weltrekordversuche mit einem Diesel-Auto angesetzt. Günter Zimmermann, Redakteur der Fernseh-"Tagesschau" in Frankfurt, machte sich vom Funkhaus am Dornbusch aus mit einem Reportagewagen auf den Weg, das Ereignis festzuhalten.

Es war kurz nach sechs -- da sah der Journalist einen Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht vorbeifahren. Minuten später vernahm Zimmermann das Martinshorn eines Streifenwagens. Ein "sechster Sinn", so der Fernsehmann später, gebot ihm, per Autotelephon den Reporter Klaus Baum aus dem Bett zu läuten: Irgendwo in Eschersheim -- nahe dem Sender -- müsse was los sein.

Was da war, filmte Baum vor dem Apartmenthaus Hofeckweg 2 bis 4 -- und er hatte nur eine Sorge: "Hoffentlich wird der Film was." Denn: "Das ist ja eine Sache, die man nicht wiederholen kann."

Das Einzigartige sahen und hörten die Deutschen an diesem Tag, Donnerstag letzter Woche, auf den Bildschirmen gleich achtmal. Panzerwagen und gepanzerte Polizisten, Schüsse und Schreie, Lautsprecherfetzen: "Kommen Sie einzeln heraus, es passiert Ihnen gar nichts. Sie sind umstellt ... Denken Sie an Ihr Leben, Sie sind jung."

Der eine kam, in der Badehose: Holger Meins, 30. Der andere, angeschossen, wurde herausgeschleppt: Andreas Baader, 29, Haupt der Baader-Meinhof-Gruppe. Den dritten Mann, Jan-Carl Raspe, 27, stellte die Polizei im Vorgarten.

Die Nation war wieder wer. Nach Jahren des Unbehagens -- mit Schüssen auf Polizisten und Terroristen. Überfällen auf Banken und Drohungen gegen fast jedermann ("Der Krieg wird in die Wohnviertel getragen"); nach Wochen der Angst -- mit Bombenexplosionen und Bombendrohungen ("Der bewaffnete Kampf hat begonnen"), vier Toten und mit Schwerverletzten -- war im Krieg der "6 gegen 60 Millionen" (Heinrich Böll) der Polizei ein entscheidender Schlag geglückt.

"Endlich ein Erfolg", kündete die "Frankfurter Allgemeine": "Die erste Reaktion ist Erleichterung." Erlöst wähnte sich das Volk, dessen Glaube an Ruhe und Ordnung ins Wanken geraten war. Entlastet fühlte sieh die Polizei, die in der größten Fahndungsaktion der Nachkriegszeit bittere Niederlagen erleiden mußte. Befreit schließlich waren die Staatsmänner in Bonn, denen Christdemokraten schon unterstellten, im Geiste mitgebombt zu haben. Das "Objekt Garage" lief schon zwei Wochen.

CDU-MdB Carl Damm an Kanzler Willy Brandt: "Sie sollten sich darauf einrichten, als "Entlastungszeuge' genannt zu werden, wenn die ... Bombenleger vor Gericht stehen."

Während Axel Springer bereits nach "mehr Staat" gerufen hatte ("Und wenn sie mich steinigen"), war Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher in Sorge um diesen Staat gewesen: "Wir werden der Bande nicht den Gefallen tun, autoritär und faschistoid zu antworten. Das wollen die ja bloß." Und nun konnte der Freidemokrat erleichtert melden: "Wir haben die Macht des Staates demonstriert, ohne den Rechtsstaat zu verletzen."

Der Minister saß am Donnerstagmorgen gerade in der Badewanne, als ihn der Chef des Bundeskriminalamts' Horst Herold, gegen sieben Uhr in Bonn anrief: In der Garage am Hofeckweg habe sich "jemand, der sich gesucht fühlte, mit der Pistole verschanzt". Der Kanzler erfuhr es um 10.10 Uhr, als er im Hubschrauber. aus dem bayrischen Kommunalwahlkampf kommend, über dem Venusberg einschwebte. Brandt: "Das ist ja eine hervorragende Leistung der Polizei."

Bei der Polizei lief das "Objekt Garage" schon seit bald zwei Wochen. Am Anfang hatte ein junger Mann gestanden, der sich bei Hausbesitzer Lothar Pfeiffer vorstellte:,, Allermann." Für monatlich 60 Mark mietete er die leerstehende Garage im Parterre.

Der Herr Allermann, nach dem Urteil der Pfeiffers "ein sehr seriös aussehender und ordentlich gekleideter junger Mann". paßte in die Gegend. wo Ruhe geschätzt ist und Balkon-Geranien gepflegt werden. Er zahlte prompt und machte sich rar.

Und das, was den Neu-Mieter allenfalls bei den 25 Mietparteien in dem dreistöckigen Haus ins Gerede hätte bringen können, blieb unter Dach: ein italienisches Luxusauto vom Typ "Iso Rivolta" (Preis: 55 400 Mark).

Beobachtet wurde das Treiben in der Garage freilich von zivilen Herren, die in Autos saßen und an Ecken standen -- Männer der Baader-Meinhof-Sonderkommission. Und am Donnerstag observierten Fahnder auch von einer siebzig Meter entfernten Mietwohnung aus die Einfahrt.

An diesem Tag, so hatten die Sonderkommissare kalkuliert, mußten die Garagenbenutzer auftauchen -- wenn die "Rote-Armee-Fraktion" am 2. Juni tatsächlich bomben wollte. Sie kamen, gegen 5.05 Uhr, zu dritt im violettfarbenen Porsche Targa, Kennzeichen KN-CU 90. Dem Wagen entstiegen BM-Chef Andreas Baader sowie Holger Meins und Jan-Carl Raspe, Mitglieder des BM-Kerns. Hinter Baader und Meins schloß sich die Garagentur; Raspe erreichte sie nicht mehr und wurde von der Polizei überwältigt.

Die Beamten alarmierten die uniformierten Kollegen im Frankfurter Polizeipräsidium. Schupos und Kripos, in Mannschaftswagen mit Blaulicht herangefahren, umstellten das Karree zwischen Kühhornshofweg, Franc- und Kaiser-Sigmund-Straße. Scharfschützen gingen hinter Kraftfahrzeugen und in nahen Wohnungen in Stellung, ein Panzerspähwagen der hessischen Bereitschaftspolizei rollte ins umzingelte Geviert. Und dann forderte der Lautsprecher: "Sie sind in einer Situation, daß Sie uns zu nichts zwingen können, was wir nicht wollen ... Kommen Sie heraus, ihre Chance ist null, es ist nur eine Frage der Zeit."

Sprengstoff im Kasten, Einschüsse an der Tür.

Zurückgeschossen wurde trotzdem. Und schließlich warf Holger Meins, durch einen Streifschuß am linken Oberschenkel verletzt, seine Waffe in den Hof und entledigte sich, wie von der Polizei verlangt, seiner Kleidung. Im Slip stellte er sich und gab, bevor er im Polizeigriff aufschrie, die Identität seines im Gesäß getroffenen Genossen preis: "Da ist noch der Baader."

Nach drei Stunden war der Baader-Meinhof-Kern gespalten: Der BM-Chef ließ sich schimpfend ("Ihr Schweine") auf eine Bahre legen und abtransportieren.

Spurensicherer markierten Baaders Blutflecken im Garageneingang und Einschußstellen an Türen wie Grundstücksmauern. Sprengstoffexperten holten aus dem Porsche handgefertigte Eierhandgranaten sowie einen mit Sprengstoff gefüllten Kasten von 20,2 mal 15,7 mal 8,5 Zentimeter Größe. Ein Beamter der Sicherungsgruppe: "Was ganz Neues.

In der Garage selber freilich lag weniger Brisantes -- ein harmloses Pulver, das die BM-Fahnder bereits zwei Tage vor der Schießerei heimlich gegen hochexplosiven Sprengstoff gleicher Farbe ausgetauscht hatten. Die Polizei schoß mithin fast ohne Risiko.

Die Schmuggelaktion hatte den Ermittlern zu doppelter Einsicht verholfen: Sie waren sicher, ein Terroristenlager aufgespürt zu haben, und zugleich schloß sich eine Indizienkette von dem Spreng-Material im Frankfurter Hofeckweg "zu den jüngsten Bombenattentaten" -- so Kriminal-Oberkommissar Bodo Kindermann, Chef der Frankfurter BM-Sonder-Kommission.

Während Frankfurts Feuerwehr die Tränengasschwaden aus dem Souterrain absaugte, rotierten auf der Bertramswiese, vor dem Hauptportal des 350 Meter vom Schießplatz entfernten Hessischen Rundfunks, Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes. Die Polizei ließ -- Baader lag zu dieser Zeit noch in Frankfurts Universitätsklinik -- die Genossen Meins und Raspe mit geheimem Ziel ausfliegen. Die Anwohner schauten staunend zu -- nicht ahnend, welche Vorliebe die Baader-Meinhofs seit langem für ihr Viertel rund um die Eschersheimer Landstraße hegen.

Hier, im Frankfurter Nordwesten, sagten sich noch vor kurzem BM-Kenner gute Nacht, hier wohnten oder wohnen heute noch mehr Sympathisanten dieser Gruppe beisammen als irgendwo sonst in der Republik.

In der Neumannstraße, rund 2000 Meter nordwestlich der Hof eck-Garage, lebt -- ganz nahe der Eschersheimer Landstraße -- die 3ljährige Tutorin Brigitte Heinrich, die Ende 1970 BM-Mitgliedern in Frankfurt Asyl verschaffte. Die angeblich Ahnungslose verkehrte im Frankfurter "Club Voltaire", und dort "kamen oft Leute von auswärts, da wurden immer Schlafgelegenheiten gesucht".

Damals im Dezember erschien, nach telephonischer Voranmeldung, in der Neumannstraße ein Mann, in dem die Heinrich erst später bei der Polizei Raspe erkannt haben will -- "jedenfalls habe ich ihm die Schlüssel mitgegeben".

Die Schlüssel paßten zu einer Parterre-Wohnung des "Allianz"-Mietshauses Unterlindau 28 -- 2500 Meter südwestlich des Hofeckwegs, an dem die Polizei letzte Woche Jan-Carl Raspe abführte. Nach einer Schießerei in der Nähe des Unterlindau-Hauses, bei der die BM-Mitglieder Astrid Proll und Manfred Grashof der Polizei im Sprint entkamen, nahm die Kripo in der Nacht zum 11. Februar 1971 die Allianz-Wohnung aus. Beute: Waffen, Munition, eine komplette Dokumentenfälscher-Ausrüstung, Pkw-Aufbruch-Geräte und anderes BM-Werkzeug.

Der Wohnungseigentümer Eicke Falkenberg, Dipl.-Volkswirt und Studienkollege der Brigitte Heinrich ("Bitte, ich hab' ihr den Schlüssel gegeben, irgendein Bekannter von ihr sollte dort schlafen"), ist in der Klaus-Groth-Straße zu Frankfurt wohnhaft: 1500 Meter nordwestlich des Hauses Hofeckweg 2-4 und ganz nahe an der Eschersheimer Landstraße.

1200 Meter von der Garage entfernt, jedoch in Richtung Südwesten, hatte Raspe -- in der Eschersheimer Landstraße 107 -- noch eine andere Schlafstelle: in der Wohnung der Sozialpädagogin Monika Seifert, Ehefrau des hannoverschen Politik-Wissenschaftlers Jürgen Seifert und Tochter des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu trauern").

In einem ausgedienten 30-Zimmer-Sanatorium aus dem Familienbesitz der Monika Seifert in Bad Kissingen kampierte Ende 1970 gar ein Großteil der Gruppe samt Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Holger Meins, Astrid Proll, Karl-Heinz Ruhland, Beate Sturm und anderen. Monika Seifert, mit Ulrike Meinhof schon seit den fünfziger Jahren bekannt: "Wir haben den Schlüssel wahllos jedem gegeben, der da hinfahren wollte."

Quer gegenüber der Frankfurter Seifert-Wohnung, in der Eschersheimer Landstraße 106 und wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der am 11. Mai 1972 vor dem Hauptquartier des V. US-Korps drei selbstgebastelte Bomben explodierten (ein Toter, 13 Verletzte), war auch der Schriftsteller Michael Schulte polizeilich gemeldet. Sein Zweigdomizil in der Offenbacher Landstraße diente den BM-Leuten bis zum Februar 1971 als Hauptquartier ("Ich bin da so richtig reingeschlittert").

Der Schlag gegen das "Objekt Garage" signalisiert das Ende der Baader-Meinhof-Gruppe. Von der -- laut Bundesanwaltschaft -- einst 23köpfigen Terroristen-Truppe waren Ende letzter Woche nur noch drei auf freiem Fuß -- sämtlich Frauen: Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ilse Stachowiak (siehe Kasten Seite 28). Ob die Anarchisten-Zirkel -- die sich nach Erkenntnis der Fahnder in jüngster Zeit um die Gruppe scharten und Bombenlegerdienste leisteten -- mit Dynamit Stadtguerilla-Dynamik entfalten können, steht dahin. Sicher scheint, daß mit Andreas Baaders Ausfall dem Kern die Kraft genommen ist.

Der Erfolglose, der "ohne Hemmung von dem Geld anderer Leute leben konnte" (die Mutter> und später am "Zusammenraffen des geraubten Geldes besonderen Spaß" fand (Ex-BM-Mitglied Beate Sturm), kultivierte wie kein anderer die paranoide Idee von der latenten Gewalt des kapitalistischen Systems, die es immer, überall und mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte -- eine simple Rechtfertigungsideologie für jegliches kriminelle Verhalten. Beate Sturm: "Es war Andreas Baaders große Idee, daß eine kriminelle Tat an sich schon eine politische Tat ist."

Wo immer Gefahr aufzog, daß seine "große Idee" dechiffriert werden könnte, wich Baader lieber aus -- politischen Diskussionen der Gruppen-Chefin Ulrike Meinhof ebenso wie der Konfrontation mit Berufsrevoluzzern im Nahen Osten. Experten der El-Fatah, wo Baader samt Anhang im Sommer 1970 Waffen und revolutionäre Praktiken erwerben wollte, klassifizierten den kriminellen Tatmenschen aus der Bundesrepublik so: "He is a coward (Er ist ein Feigling). Wir würden den nicht mal mit auf eine Patrouille nehmen." Während die Damen der Gruppe übungshalber eifrig durch den orientalischen Stacheldrahtverhau im Schlamm des Ausbildungscamps robbten, verweigerte Baader derlei Exerzitien: "Ein Großstadt-Guerilla braucht so was nicht."

Zurück in der Bundesrepublik, vertiefte sich der apolitische Aktivist (Ex-Gruppenmitglied Homann: "Für mich ist er eine Figur aus einem schlechten Roman des 19. Jahrhunderts") wieder in die handwerkliche Seite der Revolution. Er perfektionierte seine Fähigkeit, polizeiliche Abhörmikrophone unschädlich zu machen und Autos kurzzuschließen. "Ich habe ihn für einen professionellen Autoknacker gehalten", erinnerte sich Beate Sturm, "und damit hat es Baader dann auch geschafft, daß unsere politisch-heroischen Vorstellungen flöten gingen, man war jetzt richtig im Krimi drin."

Kein Zweifel: Andreas Baader war der unpolitische Kopf der Gruppe. Er drangsalierte die Genossen, indem er "mit Pathos die Überschreitung bürgerlicher Gesetze propagierte und damit die schwankenden Leute in diesem Kreis zu dirigieren vermochte" -- es der ehemalige Meinhof-Freund Homann.

Und der Bandenchef kujonierte auch die Damen, wenn er sie brüllend zurechtwies: "Ihr Votzen, eure Emanzipation besteht darin, daß ihr eure Männer anschreit" (so die Erinnerung Beate Sturms), oder wenn er sie mit dem Charme des Untergrunds mit Liebeserklärungen umwarb: "Wann können wir wieder ficken?" -- so in einem Brief an seine Favoritin Gudrun Ensslin, die "eine glückliche Ehe mit ihm führte" (Beate Sturm).

Baader wollte testen, wieviel Schmerzen er vertragen konnte.

Das drastische Vokabular des Gruppenleiters war keineswegs Proletariersprache -- Baader ist außer dreiwöchigen' rasch gescheiterten Schreibversuchen in Springers "BZ" und einem kurzfristigen Job als Bauarbeiter in Berlin nie geregelter Arbeit nachgegangen. Aber der Jargon machte die schwäbische Pastorentochter Ensslin und die hanseatische Chefredakteurin Ulrike Meinhof vergessen, was ihnen ohnehin über war: "Tran und Smer der Familienidylle" (Ulrike Meinhof).

Die ruppigen Umgangsformen des Untergrund-Praktikers, der stets "froh war, daß er nichts Politisches erzählen mußte" (Beate Sturm) und lange Zeit tatsächlich "keinerlei politische Äußerung" (Homann) von sich gab. mochten für die verunsicherten Intellektuellen der Gruppe eine Verkörperung des Unbehagens darstellen, sich in das Leistungs- und Aufsteigergefüge der industriellen Gesellschaft zu integrieren.

Infantile Anpassungsdefekte, bei denen jeder Leistungsappell als schikanös zurückgewiesen wurde, und Trotz- Reaktionen sind denn auch die Haupt-Impressionen, die der Knabe bei seinen Familienangehörigen hinterlassen hat.

Baaders Mutter Anneliese, die den Buben nach dem Krieg und nach dem Kriegstod ihres Mannes Dr. Bernd Baader, Staatsarchivar in München, mit Sekretärinnenarbeit durchbrachte' belegt mit zwei Episoden die Eigenwilligkeit und Aufsässigkeit ihres Sohnes: "Als Andreas sechs Jahre alt war, unternahm ich mit ihm einen Ausflug zum Starnberger See. Beim Rudern bat ich ihn, nicht ins Wasser zu springen. Andreas sprang aber doch und hielt sich paddelnd über Wasser."

Beim heranwachsenden Andy steigerte sich diese Trotzreaktion zum pubertären Masochismus. Anneliese Baader: "Im Alter von zwölf Jahren hatte Andreas Zahnschmerzen. Ich wollte ihm Tabletten geben und mit ihm zum Zahnarzt gehen. Er lehnte es ab. Er sagte, er wolle testen, wieviel Schmerzen er ertragen könne."

Die Mutter über die querulatorische Psyche ("Befehle konnte ich ihm nie erteilen") ihres Sohnes: "Ich bin überzeugt davon, daß er auch in der DDR im Gefängnis säße. Mit autoritärem Kommunismus hatte er nichts im Sinn."

Mit autoritärem Herrschen aber doch, jedenfalls dann, wenn er selber dominieren konnte. Eine frühere Geliebte des damals Zwanzigjährigen. Berliner Kunstmalerin, bescheinigt Baader "die Gabe, andere Personen in seinem Sinne stark zu beeinflussen" und "sie seinem Willen gefügig zu machen".

Wo dies nicht funktionierte -- in der Schule oder in der Familie -- flüchtete der Erfolglose ins phlegmatische Nichtstun (die Mutter: "Im Prinzip war er ein fauler Typ") oder in "eine sentimentale Vereinsamung" (so ein Baader-Anwalt).

Diese Pose erhielt sich der spätere Gewalttäter, der seiner Umgebung den Eindruck vermittelte, er besitze "keinen männlichen Mumm" (so die Großmutter), offenbar bis in seine kriminellen Tage. Bei seinem Anwalt hinterließ der schlanke, blauäugige Untergrund-Galan mit dem Gruppen-Decknamen "Hans" den "Eindruck -eines Bübchen-Typs", des "Sonny boy der Gruppe". Der Anwalt vor drei Jahren: "Wenn er mir in einer Anlage mit dem MG gegenüberträte, würde ich sagen "Laß das doch', ich glaube, er würde nicht schießen." "Wenn Bonn gefallen ist, laßt uns die Nato übrig."

Das irritierende Bild des sanften Jünglings bewog wohl auch die Mutter, nach dem Frankfurter Urteil von 1968 gegen den Brandstifter Baader "die Zerstörung des Lebens meines Kindes nicht wortlos hinzunehmen". In einem Brief an den -- inzwischen verstorbenen -- hessischen Generalstaatsanwalt Bauer klagte Anneliese Baader: "Ich kenne meinen Sohn. Seine Ideen, seine Gesinnung, seine Überzeugungen sind mir vertraut. Seine Tat, verzweifelter Ausdruck dieses seines Denkens. ist das und nur das und ausschließlich das und muß das bleiben, wenn Gerechtigkeit einen Hauch von Wahrhaftigkeit behalten soll: Schrei und Aufschrei, Prophetie und Warnung, Klage und Anklage."

Derlei gutgemeinte Hilferufe mochten dem Anarchisten, so sie ihm zu Gesicht kamen, schon damals als bürgerlicher Schnickschnack vorgekommen sein. Während die Mutter eine "in ihren Motiven ehrenhafte, in ihren Mitteln fehlende Jugend" zu analysieren versucht. hat der Sohn im Knast revolutionäre Visionen. Obschon er "irgendwas im Fraß" vermutet, "das mich ruhig und elegisch macht" und seine offenbar potenteste Seite beeinträchtigt ("Gruppensex, da sehe ich keinen Einfall"). und obschon frustriert vom vergeblichen Versuch, im Knast "Agitation' Wühlarbeit zu leisten", verbreitet er in einem Brief an die Genossen der Berliner "Kommune 1" Siegeszuversicht: "Noch eine Bitte, wenn Bonn gefallen ist, laßt uns die Nato übrig."

Eröffnet hatte Andreas Baader den Volkskrieg auf lokaler Ebene -- in einem Frankfurter Kaufhaus.

Am frühen Morgen des 2. April 1968, gegen 5.30 Uhr, trafen Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein mit einem grauen VW (Kennzeichen B-DD 733) in Frankfurt ein -- "um ein Fanal zu setzen". Außer 0,3 Gramm Haschisch führte Proll ein grünes Büchlein mit sich, in dem er Fragen und Forderungen wie diese notiert hatte:

Wann brennt das Brandenburger Tor? Wann brennen die Berliner Kaufhäuser? Wann brennen die Hamburger Speicher? Zerschlagt den Kapitalismus!

Es lebe die sozialistische Weltrevolution! In dem Berliner Volkswagen lagen vier durchnumerierte Zettel. Auf Zettel 1 waren die Zutaten für eine Bombe rezeptiert: Phosphor, Schwefel, Kaliumchlorat. Zettel Nummer 2 bis 4 enthielten Anleitungen für den Bau und die Bedienung eines aus diesen Ingredienzen gemixten Sprengsatzes.

Unterschlupf fanden Baader und seine Gefolgschaft in der Beethovenstraße 3 a, bei Cornelia Vogel, damals 28, Cutterin beim Hessischen Rundfunk. Frau Vogel stellte ihnen einen Raum zur Verfügung, in dem es außer einer Couch nur ein Matratzenlager gab. Gemeinsam rauchten sie eine Marihuana-Zigarette. Süßigkeiten und Zigaretten -- Gaben aus dem Himbeerreich.

Am Nachmittag schlenderten Gudrun Ensslin und Andreas Baader durch die Frankfurter City. Gegen 16.30 Uhr begutachteten sie im Kaufhaus Schneider eine automatische Liege. Gegen 18.30 Uhr kehrten sie noch einmal zurück: die beiden liefen Hand in Hand eine stillstehende Rolltreppe hinauf ins erste Obergeschoß (Damenoberbekleidung).

Verkäuferinnen wurden auf das Paar. wie sie der Polizei zu Protokoll gaben. aufmerksam, weil sie nicht gewohnt waren. "derartige "Gestalten' in dem seriösen, nicht zu sehr von Laufkundschaft lebenden Kaufhaus Schneider zu sehen". An Gudrun Ensslin fiel ihnen besonders das "strähnige Haar"' "der maskenhafte Blick" und "der verhältnismäßig flache Busen" auf.

Wenige Minuten vor Mitternacht (23.53 Uhr) brach in Schneiders drittem Obergeschoß (Möbelabteilung) und kurz darauf im ersten Obergeschoß (Damenoberbekleidung) Feuer aus. Wenige Minuten nach Mitternacht (0.05 Uhr) brannte es auch im Kaufhof nahe der Polizei-Hauptwache. Auf einem Zettel, der in der Vogel-Wohnung herumlag, stand geschrieben: "Wir zünden Kaufhäuser an, damit ihr aufhört zu kaufen. Der Konsumzwang terrorisiert euch."

Den Abend desselben Tages (3. April) verbrachten die Vogel-Gäste zusammen mit der Gastgeberin in Frankfurts "Club Voltaire". "Die vier Personen saßen meist schweigsam; sie dösten vor sich hin", erinnerte sich ein Bauzeichner, den Frau Vogel ebenfalls mitgebracht hatte. Aus Andeutungen hatte der Bauzeichner entnehmen können, daß die vier Klub-Besucher womöglich die Brandstifter seien. Gewißheit erhielt er Stunden später.

"Im Bett", so der Bauzeichner, fragte er Frau Vogel, "ob die vier Personen die Anschläge auf die Kaufhäuser ausgeführt hätten". Und aus dem Bettgeflüster wie späteren Wahrnehmungen machte sich der Vogel-Bekannte auch einen Vers auf die Besucher aus Berlin. "Bei den Personen handelt es sich ... um Menschen mit extremen, revolutionären Weltanschauungen."

Als es am Abend des nächsten Tages in der Beethovenstraße 3 a an die Tür klopfte, war es die Polizei: Gudrun Ensslin, Baader, Proll und Söhnlein wurden unter dem Verdacht der "menschengefährdenden Brandstiftung" verhaftet und in das Frankfurter Untersuchungsgefängnis "Kleines Haus" gebracht. Bei einem Hofgang antwortete Baader auf die Frage seines Zellennachbarn Karl-Heinz Bornhardt, "wie man so was Blödes machen kann": "Alles, was zum Aufhorchen und zur Unruhe in der Bevölkerung im Hinblick auf die politischen Verhältnisse beitragen kann, sei ihren Interessen genehm."

Während der U-Haft in verschiedenen Strafanstalten versuchten Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein mehrmals zu türmen. Sie wurden, wie sie später behaupteten, "bei Fluchtversuchen von den Wärtern übel zusammengeschlagen --

Gudrun Ensslin. die im Frauengefängnis in Frankfurt-Preungesheim einsaß, hörte unterdessen klassische Schallplatten-Musik, las "enorm viele Bücher" (so die Anstaltsleiterin Helga Einsele) und strickte an einem Pullover für die Frau ihres Verteidigers. Maria-Pia Heinitz, der freilich nie fertig wurde. "Sie fällt aus dem Rahmen, sie laßt sich aufs Rad flechten."

U-Häftling Gudrun, "keine Angela Davis, aber ein feiner Kerl" (Einsele), setzte sich "bis zur Grenze des Tragbaren für ihre Mitgefangenen ein und erwies sich" -- wenn sie einmal wöchentlich mit anderen Preungesheimer Insassinnen in einem politisch-literarischen Arbeitskreis diskutierte -- "als Führungspersönlichkeit mit pädagogischem Eros" (Einsele).

Süßigkeiten und Zigaretten, die ihr Verteidiger Heinitz in die Zelle brachte, waren für die schwäbische Pfarrerstochter Gaben "aus dem Himbeerreich". Daß "ein Gefängnis kein Ort für Revolution ist" (Einsele), hatte Gudrun Ensslim "sehr bald verstanden".

Doch als Heinitz der Germanistin von seinen Bemühungen berichtete, sie nach der Strafverbüßung in einem Verlagshaus unterzubringen und ihr später gar noch eine Universitätskarriere zu ermöglichen, reagierte die Mandantin so schroff und für ihn unverständlich wie vorher schon in ihrem Prozeß: "Machen Sie sich um mich keine Sorgen -- eine bürgerliche Existenz ist das letzte, wonach ich strebe."

Was die Anstalts-Chef in Einsele an dem Mädchen beeindruckte, "war ihr Absolutheitsanspruch" " was sie "schmerzte, war ihre politische Unvernunft: Sie fällt aus dem Rahmen heraus, läßt sich aufs Rad flechten ... sie hat kein Schuldgefühl".

Als einen "hochbegabten, bemerkenswerten Menschen, offenherzig und gütig", kennt der Berliner Jura-Professor Ernst Heinitz Baaders hellen Schatten. Doch sei die Blonde mit der piepsigen Stimme "fähig, elementar zu hassen", sagt der Frankfurter Psychiater und Gerichtsmediziner Dr. Reinhard Redhardt, der nach dem Kaufhausbrandprozeß "dachte, die verkauft ihren eigenen Bruder".

Sie wollte, wie Redhardt meint, "den Nächsten en gros erfahren -- gegen seinen Willen". Und sie wollte "in die Tat umsetzen, was sie letztlich im Pfarrhaus gelernt hat".

Das Pfarrhaus, in dem Gudrun Ensslim am 15. August 1940 geboren wurde, stand in Bartholomä, einem Flecken auf der Schwäbischen Alb -- wo laut Dorfchronik "alles Strandgut der Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts ... Fahrende aller Art, Heimatlose und Vagabunden ... seßhaft gemacht" worden waren.

1948 wurde Pfarrer Helmut Ensslin -- ein sozial engagierter Theologe und versonnener Maler, der sich gelegentlich stundenlang mit der Staffelei im Studienzimmer einschloß -- nach Tuttlingen versetzt. Gudrun hütete die jüngeren von sechs Geschwistern, las fromm die Blättchen aus dem Kindergottesdienst und erlebte hohe Besucher: mal Fritz Erler, vor seiner Bonner SPD-Karriere Tuttlinger Landrat, mal den GVP-Führer Gustav Heinemann' der sich in Vaters abgewetztem Ledersessel niederließ. Auf dem Bücherregal lag das evangelische Links-Blatt "Stimme der Gemeinde".

Als früher Teenager hielt sie Bibelabende im Gemeindehaus, und mit 13 schon stand ihr Berufsziel fest: Lehrerin. Beim Studium in Tübingen (Germanistik, Anglistik, Philosophie) widerfuhr Gudrun Ensslin eine "erste Empfindung des Befreitseins": Nachdem eine strenge Tante sie herausgegrault hatte, besorgte sie sich eine eigene Bude.

Die Lebenswende bereitete eine Verbindung mit dem Germanistikstudenten Bernward Vesper vor, Sohn des NS-Poeten Will Vesper. Das Paar gründete einen Verlag, brachte 1964 ein Taschenbuch "Gegen den Tod -- Stimmen gegen die Atombombe" heraus und ging im selben Jahr an die Freie Universität Berlin.

Professoren wie dem Kafka-Experten Wilhelm Emrich fiel Gudrun Ensslin -- inzwischen Doktorandin -- durch ihre "aufreizende Kleidung" auf. Andere, wie Ernst Heinitz, waren entzückt: "In den 52 Jahren, in denen ich mit Studenten und Studentinnen zusammengewesen bin, habe ich noch nie ein so außergewöhnliches Mädchen kennengelernt."

Sommer 1965 arbeitete die Außergewöhnliche mit Bernward Vesper im Berliner Wahlkontor der Schriftsteller für einen Sieg der SPD und fand nach der Niederlage zur damals extremen Linken. Aus Freude über einen Autorenvertrag mit dem Luchterhand-Verlag zeugte das Paar 1966 "ganz bewußt ein Wunschkind" (Vater Ensslin); aus Enttäuschung über die Große Koalition zu Bonn brach Gudrun Ensslin endgültig mit den Sozialdemokraten. "Wir mußten erleben, daß die Führer der SPD selbst Gefangene des Systems waren."

Januar 1968 verließ sie die geräumige Berliner Altbauwohnung. in der Rudi Dutschke, Ingeborg Bachmann und Günter Graß verkehrt hatten; zurück blieben Sohn Felix und der Verlobte Bernward -- der sich später mit Schlaftabletten das Leben nahm.

Mit Andreas Baader verschwand die Pfarrerstochter 1969 im Untergrund. "Gudrun", sagte der väterliche Freund Professor Heinitz, "war mehr als sie wußte und ihr Intellekt zugab, von Andreas Baader seelisch abhängig ... Sie war unendlich gefühlsmäßig an ihn gebunden. Warum", fragt Heinitz, "mußte sie an diesen Mann geraten?" "Besser, sie würde erschossen, als daß sie einen anderen erschießt."

Psychologe Redhardt sieht sie derweil als "moralisches Rückgrat der Gruppe". Mutter Ilse, herbe, herrschende Figur im Hause Ensslin, findet es "heute besser, sie würde erschossen werden, als daß sie einen anderen erschießt". Denn "sie wird so oder so zerfleischt werden, von der Presse oder im Gefängnis. Ihr Leben, das ist zerstört".

Am 13. Juni 1969, nach 14 Monaten Untersuchungshaft, wurden die Kaufhausbrandstifter auf freien Fuß gesetzt. Sie hatten, noch ehe das Urteil -- drei Jahre Zuchthaus -- rechtskräftig geworden war, gut ein Drittel der Strafe verbüßt; Fluchtgefahr wurde weitgehend ausgeschlossen.

Kaum in Freiheit, gewannen die vier Genossen im Underground rasch Ruhm und Renommee: Ende Juni, bei einer Apo-Aktion im Erziehungsheim Staffelberg bei Biedenkopf an der Lahn, führten Baader und seine Freundin Gudrun bereits Regie: Baader verleitete rund dreißig Heiminsassen zur Flucht nach Frankfurt.

Der SDS besorgte den entlaufenen Fürsorgezöglingen, deren Zahl sich binnen kurzem verdoppelte, Geld und provisorische Quartiere; Baader, Proll und Gudrun Ensslin faßten sie in Lehrlingskollektiven zusammen und bemühten sich -- nach einer Polizei-Razzia -- um ein Arrangement mit den Behörden. Diese Baader-Aktion war für den Frankfurter Jugendamtsleiter Herbert Faller ein Versuch der Brandstifter, "an einer neuen Stelle die Arbeit sinnvoll fortzusetzen

Gudrun, die wie Baader nach der U-Haft Rauschgift nahm und an einer Hepatitis litt, beschaffte den Heimflüchtlingen Kleider und Gelegenheitsjobs -- wenn möglich, gar eine Lehrstelle -, um sie von der Drogenszene fernzuhalten und den Zustand der Illegalität zu überwinden.

Doch die Welt in den Kollektiven geriet schnell aus den Fugen. Pfarrer Hans Brehm vom Diakonischen Werk beschrieb die große Freiheit so: "Tags schliefen sie, nachts tobten sie, und die meisten arbeiteten nicht.

Baader, so sieht es der damalige Frankfurter Lehrlingssprecher Peter Brosch heute, "machte aus den Zöglingen eine Rasselbande". Er veranstaltete wilde Autorennen in der Frankfurter Innenstadt und organisierte Go-ins in Bürgercafés: Kellner wurden angerempelt, Aschenbecher in volle Gäste-Tassen gekippt.

Baaders Begründung für solche Happenings: "Die Lehrlinge sollen sich erst mal entspannen, sollen Urlaub machen von dem großen Streß in den Heimen." Bei nächtlichen Teach-ins wiegelte Baader den verlorenen Haufen auf: "Machen wir die Heime leer und befreien wir das Heer der Hunderttausende von Heimgenossen!"

Wenn dann einer der schon Befreiten am anderen Morgen nicht zur Arbeit wollte, gab sich Baader nachsichtig: "Wir haben die Nacht durchdiskutiert, er konnte daher nicht früh genug auf stehen" Und wenn das Geld knapp wurde, befand Gudrun Ensslin: "Wir müssen jetzt endlich die Bettelbriefe an die liberalen Scheißer schreiben!"

Keinem Mitglied der Frankfurter Lehrlingsaktion ist je klargeworden. wo die Baader-Gruppe das viele Geld auftrieb, über das sie damals verfügte. Meist am Wochenende fuhren Baader und Gudrun "wegen der Mäuse" nach Berlin oder Hamburg, gelegentlich auch nach München, wo, so ein Gruppen-Gerücht. "angeblich jemand erpreßt wurde".

Einen fast fabrikneuen Mercedes ließ sich Baader von einem Frankfurter Boutiquebesitzer finanzieren, dessen Frau mit Gudrun Ensslin befreundet war. Die Lehrlinge ("Ihr lebt von Spenden -- warum sollen wir denn da arbeiten gehen?") fanden das neue Baader-Vehikel so unpassend, daß sie auf Dach und Kühler stiegen und "erst einmal ein paar Dellen reinmachten" (Brosch). "Wir werden uns erst mal entspannen und dann weitersehen."

Dann, im Herbst, begann in den Kollektiven die große Krise. Ein Drittel der anfangs rund 50 Jugendlichen war von August bis November wieder abgesprungen. Der Rest gab sich Tagträumen, Haschisch und LSD hin oder -- so Brosch -- "für überwunden gehaltenen Marotten: sinnloser Zerstörungswut und Prostitution.

"Die Baader-Clique" so analysierten die Lehrlinge ihre eigene Lage, "hat verhindert. "daß die Jugendlichen zwischen richtiger und falscher Auflehnung unterscheiden lernten."

Am 10. November verwarf der Bundesgerichtshof die Revision der Brandstifter. Noch am gleichen Tage verschwanden Gudrun Ensslin und Baader in den Untergrund.

Letzte Baader-Nachricht an die Genossen: "Wir sind physisch und psychisch fertig -- Wir wollen nicht, daß die Lehrlinge sich an uns hängen ... Wir werden uns erst mal entspannen und dann weitersehen."

Thorwald Proll erschien am späten Abend in seinem Kollektiv, verschenkte Bücher und Schallplatten und verschwand zusammen mit seiner Schwester Astrid.

Die Flucht war bis ins kleinste organisiert. In der Tiefgarage des Frankfurter "Hertie"-Kaufhauses bestiegen die Brandstifter den Wagen eines Genossen, der sie nach Hanau brachte Von dort gelangten sie ohne Zwischenfall in verschiedenen Fluchtautos bis nach Paris. Vertraute waren dem Konvoi vorausgefahren und hatten Freunde im lothringischen Forbach alarmiert.

Wochenlang hielten sich die Flüchtlinge Andreas Baader, Thorwald Proll und Gudrun Ensslin in der leerstehenden Pariser Wohnung des französischen Journalisten Regis Debray (Sohn des populären Pariser Rechtsanwalts Georges Debray) verborgen, der -- als Theoretiker der Revolution in Lateinamerika und Kampfgefährte Che Guevaras -- 1967 in Bolivien gefangengenommen und zu 30 Jahren Haft verurteilt (1970 freilich wieder freigelassen) worden war.

Die Wohnung galt als sicher vor der Polizei. Gelegentlichen konspirativen Besuchern erzählte Gudrun Ensslin: "Hier kommt keine Kripo, weil die Mutter von Regis Politikerin ist" (Stadträtin von Paris).

Am meisten wußten die Frankfurter Flüchtlinge es zu schätzen, daß in der Debray-Wohnung noch das Telephon intakt war und daß sie unbehelligt mit Bekannten wie Ulrike Meinhof und Verwandten wie Astrid Proll in der Bundesrepublik telephonieren konnten.

Die ersten Ferngespräche mit Frankfurt galten dem zurückgelassenen "Mercedes", den Baader in Reparatur gegeben hatte. Astrid Proll übernahm es, das Fahrzeug sowie zurückgelassene Bücher und Papiere nach Paris zu bringen. Vereinbarter Treffpunkt an der Seine: die Place Louis Lépine vor dem Pariser Polizeipräsidium.

Bruder Thorwald wartete inmitten parkender Streifenwagen und lotste Astrid in die Debray-Wohnung. Proll: "Alle Mann kutschierten dann kreuz und quer durch Paris, wir gingen groß essen, und in zwei Tagen haben wir zweitausend Mark auf den Kopp gehauen."

Man stritt sich darüber, wie es nun weitergehen sollte. Astrid Proll schwärmte von der El-Fatah und einer Reise nach Nahost; zunächst aber, so wurde beschlossen, sollte sie "gewisse Leute abklappern und Geld besorgen".

Gudrun Ensslin sprach davon, in aller Ruhe über die Frankfurter Lehrlingsaktion ein Buch zu schreiben. Als Thorwald Proll, der mehr und mehr resignierte, eines Abends aufgeben wollte ("Mir stinkt das alles, am besten wir stellen uns"), herrschte ihn Baader an: "Mensch. sei ruhig, wir werden das schon durchstehen." Neues Ziel der Gruppe: die Schweiz und Italien.

Bald freilich war die Gruppe nur noch zu dritt: Thorwald Prall, Deckname "Christian", berichtete Freunden später in einem Brief aus London. "die anderen" hätten ihn unterwegs "einfach abgehängt". Stundenlang, so Proll, habe er in Straßburg an einem Brunnen vergeblich gewartet. Baaders Version: "Thorwald hat damals die Nerven verloren."

Kurz vor Weihnachten 1969 erhielt der Frankfurter Elektrolehrling Brosch Post aus Zürich -- von Gudrun Ensslin. Als Absender war die Adresse des Schriftstellers Giovanni Blumer angegeben. Inhalt des Briefes: Brosch möge die Dokumente der Frankfurter Lehrlingsaktion in die Schweiz bringen.

* Von links: Gudrun Ensslin, Baader, Prall.

Nach einem Telephonat mit Blumer. Autor eines Buches über die chinesische Kulturrevolution, fuhr Brosch am 22. Dezember nach Zürich. Er übergab die Dokumente und erfuhr: "Die Leute sind weg."

Anfang Februar erhielt Brosch einen Telephonanruf aus Neapel: Gudrun Ensslin teilte mit: "Unser Wagen ist geklaut worden' wir haben auch kaum noch Geld." Außerdem habe man "hier unten etwas im Radio in Sachen Gnadengesuch gehört", aber akustisch nicht genau verstanden. Als Brosch am Telephon bestätigte, daß der hessische Justizminister Karl Hemfler am 4. Februar das Gnadengesuch für die Brandstifter abgelehnt habe, sagte Gudrun Ensslin: "Na, dann müssen wir weitermachen."

In Neapel stahlen Baader und die beiden Mädchen einen parkenden Alfa Romeo. In Rom klopften sie bei der Schriftstellerin Luise Rinser an, die bereitwillig weiterhalf und an Gudruns Vater, den Stuttgarter Pfarrer Helmut Ensslin, später schrieb: "Gudrun hat in mir eine Freundin fürs Leben gefunden."

Im Fasching 1970, spätabends. erschien Tochter Gudrun selber im Elternhaus -- zusammen mit Andreas Baader. Das Paar ließ sich von der überraschten Pfarrersfamilie bewirten, nahm ein Bad nach der langen Reise und fuhr in der Nacht noch weiter: "Wir tauchen unter und wollen dann weitersehen."

Als Helmut Ensslin seine Tochter beschwor, ihre Reststrafe zu verbüßen ("Geht doch hin, reißt die zehn Monate ab"). stieß er auf taube Ohren: "Wir gehen nicht in den Knast."

"Baader", so erinnert sich der Seelsorger heute an den Besuch. "hat die ganze Zeit dagesessen und kaum was gesagt." Und: "Ehe der mal den Mund auftat, hat er immer erst die Gudrun angesehen. als wollte er sie fragen, ob das richtig sei."

Im Pfarrhaus ließ Baader ein Buch mit Randnotizen liegen: "Anarchismus, Begriff und Praxis" von Daniel Guérin. "Ich sehe, ich bin hier nicht besonders erwünscht."

Auch bei Schwester Christel tauchte Gudrun Ensslin eines Nachts in der Wohnung auf -- verkleidet, "so daß ich sie erst gar nicht erkannt habe" (Christel Ensslin), -- und bat um Kaffee. Doch weil sie nicht über Woher und Wohin reden wollte, kam es in der Küche zwischen den Schwestern zu einem Disput. Gudrun: "Ich sehe, ich bin hier nicht besonders erwünscht." Sie verließ die Wohnung, ohne auch nur vom Kaffee zu nippen.

Wenig später, behauptet ein siebzigjähriger Schwager von Pfarrer Ensslin, lief das Mädchen in einem "schicken Hosenanzug" über den Vorplatz des Stuttgarter Hauptbahnhofs: "Sie kam auf mich zu, ging lächelnd an mir vorbei und hat sich noch dreimal, ganz bewußt lachend. nach mir umgedreht."

Am Nachmittag des 2. April 1970 fiel dem Kriminalhauptmeister Walther auf der Fahrt zum Stadtteil Berlin-Kreuzberg ein Frankfurter Mercedes auf: Der Fahrer fuhr besonders forsch und schneller als erlaubt. Am Südstern holte Walther den Wagen ein und stutzte: Der Fahrer kam ihm bekannt vor.

Walther merkte sich das Kennzeichen, F-HC 577, fuhr zurück in das Landeskriminalamt und gab zu Protokoll, was er beobachtet hatte. Resultat der Überprüfung: Halterin des Frankfurter Wagens war Astrid Proll. Und die Lichtbildkartei gab Aufschluß auch über den Fahrer: Andreas Baader. Noch am selben Tag leitete die Polizei eine stille Fahndung nach ihm ein. Sie verlief ohne Erfolg.

Was der technische und organisatorische Apparat der West-Berliner Kripo nicht vermochte, das gelang ihr 36 Stunden später mit Hilfe einer Überführungsmethode' die so alt wie anrüchig ist: durch einen Spitzel.

Der Spitzel war Mitstreiter bei zahlreichen Apo-Aktionen und Stammgast im Republikanischen Club. Er hieß Peter Urbach und war dem Rechtsanwalt Horst Mahler und seinen Freunden seit langem bekannt. An diesem Abend bat der Anwalt dringend um Urbachs Besuch und beschwor den Vertrauten am Telephon, ihn "ja nicht sitzenzulassen".

Das Vertrauen war einseitig -- seit langem diente Peter Urbach dem West-Berliner Verfassungsschutz. Immer wieder hatten Genossen Mahler gewarnt.

Um 21.30 Uhr kam Urbach in die Anwaltspraxis, wo Mahler schon mit Baader und Peter Homarm beisammensaß. Sie berieten, auf welche Weise sie sich am besten Waffen beschaffen könnten. Die Genossen wußten auch schon wofür: Sie wollten einen Supermarkt überfallen und das Geld aus den Kassen rauben.

Baader fühlte sich an diesem Abend in Mahlers Kanzlei nicht sicher; er bestand darauf, das nächtliche Gespräch an einem anderen Ort fortzusetzen: in der Kufsteiner Straße 12. wo Ulrike Meinhof wohnte.

Die Journalistin war zu Hause. Urbach schlug vor, auf dem Friedhof im Außenbezirk Rudow -- kaum 1000 Meter von der Stadtgrenze entfernt -- nach dort vergrabenen Waffen zu suchen. Noch in derselben Nacht sollte der einigen abenteuerlich anmutende Plan ausgeführt werden. Urbach ging zuvor noch einmal nach Hause und kam dann in den Republikanischen Club. Was er in der Zwischenzeit unternommen hatte. blieb lange Zeit sein Geheimnis: Der Agent hatte seinen Verbindungsmann vom Verfassungsschutz informiert.

In der Nacht zum 3. April 1970 trafen sich Baader. Homann, Mahler. Urbach und Renate Wolff am Kurfürstendamm. Mit zwei Personenwagen startete der Trupp die Friedhof-Expedition.

Während Mahler und Renate Wolff als Liebespaar getarnt am Rande der Totenstätte Schmiere standen, gruben die Freunde nach Waffen -- vergeblich. Eine halbe Stunde später brachen sie das Unternehmen ab und verabredeten einen zweiten Versuch für die folgende Nacht. Inzwischen arrangierte die Staatsgewalt, daß die Gruppe fündig werden konnte: Verfassungsschützer vergruben verrostete Schußwaffen, die zum Schießen nicht mehr taugten. Um 2.45 Uhr in der Nacht zum 4. April fuhr Urbach mit seinem VW-Variant zum vereinbarten Treffpunkt am Nollendorfplatz. Baader. Renate Wolff, Homann und Mahler warteten schon auf ihn -- der Anwalt betont konspirativ mit Ballonmütze und Sonnenbrille.

Im Mercedes Lichtpausen vom Führerschein.

Baader steuerte den Mercedes F-HC 577 mit Homann und Renate Wolff im Fond. Mahler stieg zu Spitzel Urbach in dessen VW. An der Gneisenaubrücke war Zwischenstation: Von einer Straßenbaustelle nahmen Baader und Mahler Eisenstangen mit, die ihnen die Waffensuche erleichtern sollten.

* Astrid Proll. Gudrun Ensslin, Ende 1969.

Minuten später. im Stadtteil Neukölln, verfolgte ein Funkstreifenwagen der Berliner Kriminalpolizei das Auto Urbachs und rollte zeitweilig unmittelbar neben ihm her. Der Rechtsanwalt auf dem Beifahrersitz wurde unruhig: "Mensch, das ist doch die Kripo."

Doch die Kripo wußte längst, welches Fahrzeug sie tatsächlich verfolgen mußte; sie hatte den Frankfurter Mercedes ausgemacht. Ein Einsatzkommando der Schutzpolizei stoppte das Fahrzeug um 3.15 Uhr auf der Waltersdorfer Chaussee. Baader zeigte Ausweis und Führerschein vor. Die Papiere waren gefälscht -- ausgestellt auf Peter Chotjewitz, geboren am 16. April 1934 in Berlin, einen bekannten Schriftsteller aus der Inselstadt.

Im Chotjewitz-Paß waren Namen und Geburtsdaten der Chotjewitz-Kinder eingetragen. Nach ihnen befragt, konnte Baader sie nicht nennen. Im Mercedes fanden die Kriminalbeamten Lichtpausen der Führerscheine Mahlers und seiner Ehefrau Ruth. Weitere Fundsache: grünes Leinenpapier, geeignet zum Fälschen von Kfz-Scheinen.

Baader. Homann und Renate Wolff wurden festgenommen. Mahler und Urbach blieben in dieser Nacht unbehelligt. Als Baader am Morgen zur erkennungsdienstlichen Behandlung ins Kriminalamt gebracht wurde, wußte dort noch niemand, wer der Festgenommene war. Doch zur Überführung Baaders trug schließlich auch sein Freund und früherer Strafverteidiger Horst Mahler bei.

Wieder ganz Anwalt, rief Mahler um 9.45 Uhr die Abteilung I im West-Berliner Polizeipräsidium an. Am Apparat war Kriminalhauptkommissar Brucker. Mahler fragte den Beamten, wo sich der in den Morgenstunden festgenommene Andreas Baader aufhalte und ob er ihn sprechen dürfe. Nun erst wußte der Beamte, daß es der Brandstifter war, den man gefangen hatte.

Freilich, der Kontakt der Mahler-Gruppe riß auch zu dem gefangenen Baader nicht ab. Allein vom 6. bis 23. April erhielt er im Moabiter Untersuchungsgefängnis achtmal Besuch. Dreimal kam Mahler, zweimal war es Monika Berberich, die damals bei Mahler als Referendarin arbeitete, zweimal Ulrike Meinhof.

Am 22. April erhielt "Dr. Gretel Weitemeier" Sprecherlaubnis -- die Baader-Freundin Gudrun Ensslin. Am 6., 8., 11., 12. und 13. Mai kam Ulrike Meinhof. Am 14. Mai hatten die Genossen ihren Baader wieder.

An diesem Tag erschien Ulrike Meinhof gleich nach 8 Uhr im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen, wo sie zusammen mit dem Häftling Baader unter dem Vorwand. gemeinsam an einem Buch zu arbeiten. angeblich Akten studieren wollte.

Um 9.40 Uhr fuhr der Gefängniswagen vor dem Institut in der Miquelstraße vor. Baader war mit einer Schließacht an Wachtmeister Karl-Heinz Wegener gefesselt. Georg Linke, 62, Angestellter im Zentralinstitut, öffnete die Tür.

Baader setzte sich, von der Fessel befreit, neben Ulrike Meinhof an den Tisch. Wachtmeister Günter Wetter schloß alle Fenster und beobachtete mehr als eine Stunde lang, wie die vermeintlichen Buchautoren allem Anschein nach vertieft arbeiteten und sich gelegentlich leise unterhielten. Der Institutsangestellte Jehle konnte sich später als Zeuge vor dem Schwurgericht an den halb geflüsterten Satz erinnern: "Wenn es heute nicht klappt, dann können wir es Montag noch einmal versuchen."

Aber es klappte. Die Aktion war bis ins Detail vorbereitet. Ulrike Meinhof. Irene Goergens, Ingrid Schubert, Hans-Jürgen Bäcker und Astrid Proll schossen ihren gefangenen Genossen frei und entkamen im Fluchtauto. Zurück blieb ein Schwerverletzter: Georg Linke -- mit einem Steckschuß in der Leber.

Als Kriminalbeamte das Fluchtfahrzeug später fanden, entdeckten sie unter dem Beifahrersitz den Tränengasrevolver Arminius, eine Stabtaschenlampe und auf dem Boden ein Buch: "Einführung in das Kapital von Karl Marx."

Traum vom Wandel durch bewaffnete Propaganda.

Drei Tage nach den Schüssen von Dahlem ging beim Berliner Landesbüro der Deutschen Presse-Agentur ein Brief ein. Darin hieß es:

Glaubten die Schweine wirklich, wir würden den Genossen Baader zwei oder drei Jahre sitzen lassen? -- -- -- Glaubte irgendein Schwein wirklich, wir würden von der Entfaltung der Klassenkämpfe, der Reorganisation des Proletariats reden, ohne uns gleichzeitig zu bewaffnen? Glaubten die Schweine, die zuerst geschossen haben, wir würden uns gewaltlos wie Schlachtvieh abknallen lassen? ... Wer sich nicht wehrt, stirbt ... Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen l Die Rote Armee aufbauen!

Es war die Zeit, in der die Außerparlamentarische Opposition, die zwei Jahre lang die Republik beschäftigt hatte, in immer kleinere Zirkel zerbröselte. Apo-Anhänger, demoralisiert von der Erfolglosigkeit ihrer Aktionen, wichen aus auf gesellschaftliche Randgruppen wie Heiminsassen und Lehrlinge oder unterwarf en sich der Disziplin orthodoxer Kommunisten-Kader. Sie traten an zum glanzlosen Marsch durch etablierte Parteien und Institutionen -- oder versuchten es mit Gewalt.

Im Grenzbereich zwischen Untergrund und Unterwelt aber gedieh auch die "revolutionäre Ungeduld" (Wolfgang Harich), der Traum vom raschen Wandel der Gesellschaft durch bewaffnete Propaganda der Tat. Dort wuchs die Hoffnung, Terror-Aktionen könnten die verfestigte Gesellschaft erschüttern, nichtintegrierte Randgruppen mitreißen und auf diese Weise vielleicht doch die ersehnte revolutionäre Situation schaffen.

Taktik: Agitation mit Waffen. Fernes und immer mißverstandenes Vorbild: Uruguays "Nationale Befreiungsbewegung", die Tupamaros von Montevideo.

Ein fünfzackiger Stern mit dem Buchstaben T in der Mitte, das Symbol der Stadtquerrilleros, fand sich denn auch immer wieder auf Flugblättern oder Sprengsätzen, die, in München, von den "TM" (Tupamaros München) oder, in Berlin, von den "Schwarzen Ratten TW" (Tupamaros West-Berlin) deponiert und gezündet wurden. Und unter dem Tupamaros-Stern schlossen sich schließlich auch Horst Mahler und seine Freunde zusammen -- in der "Roten Armee Fraktion" (RAF).

Je mehr freilich die Gruppen sozialistische Theorie bemühten, Anleihen bei Mao, Marx und Lenin machten oder Anlehnung bei Marighela, den Tupamaros und Che Guevara suchten, desto mehr geriet ihre Praxis in Widerspruch zu den sozialistischen Lehrmeistern.

Denn was immer sie an politischen Maximen verkünden, ist importiert und nicht übertragbar. Es stammt von jenen Revolutionären der Dritten Welt, denen Gewalt als letztes Mittel gegen Fremdherrschaft, Militärdiktaturen oder überständige Oligarchien und mithin als Vehikel für die Befreiung der "Verdammten dieser Erde" (so der algerische Revolutionär Frantz Fanon) gilt.

Zwar gab die RAF selbst zu: "Das Konzept Stadtguerilla der Roten Armee Fraktion basiert nicht auf einer optimistischen Einschätzung der Situation in der Bundesrepublik und West-Berlin." Doch dieser Analyse hielten die Genossen unbedingte Bereitschaft zu trotziger Tat entgegen. "Der Denunziant war einer von uns."

"Zuallererst", so verkündete das RAF-Kollektiv, "ist es der Wille zur Revolution, der Revolutionäre macht." Und ob der Wille ausreicht, entscheidet, so will es die Untergrund-Armee, allein die Aktion: "Die Klassenanalyse, die wir brauchen, ist nicht zu machen ohne revolutionäre Praxis, ohne revolutionäre Initiative ... Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist", das aber sei wiederum "nur praktisch zu ermitteln."

Marighelas Guerrilleros von Sao Paulo und die Tupamaros von Montevideo können sich auf den offensichtlichen -- und ihren Adressaten zudem bewußten -- Widerspruch zwischen korrupter Oberschicht und südamerikanischem Massenelend berufen. Den deutschen Stadtquerrilleros hingegen, der Roten Armee Fraktion wie ihren Nachahmern, fehlt die Situation. Und solange die RAF noch nicht einmal nachweisen kann, daß ihre Bankbeute tatsächlich irgendeiner Revolution dient, solange Bombenanschläge statt massenhafter Solidarität nur Massenproteste provozieren, gelten sie selbst den Ultralinken nur als "Leninisten mit Knarre" (so das West-Berliner Anarcho-Blatt "Agit 883").

Nach den Schüssen auf den Institutsangestellten Georg Linke bei der Baader-Befreiung im Mai 1970 hatte denn auch "das Ganze für die Betroffenen eine Zwangsläufigkeit", wie Mitglied Peter Homann nach seinem Gruppen-Ausstieg urteilte: "Man konnte sich nicht frei machen, und es war unausweichlich, daß man in die nächste Aktion einsteigen mußte."

Wenn die ungeplanten Schüsse auf Linke der Gruppe zunächst auch noch als Fehler erschienen (Homann: "Panne ist zuwenig") -- bald darauf, in einem BM-Brief an das Berliner Anarchistenblatt "883". wurde die Tat nachträglich "rationalisiert" (Psychologen-Jargon) und zum Fanal verklärt: "daß jetzt Schluß ist ... daß es jetzt losgeht ... daß ein Ende der Bullenherrschaft abzusehen ist".

Der französischen Journalistin Michéle Ray teilte die Gruppe nach dem Baader-Coup mit, sie wolle künftig demonstrieren, "daß bewaffnete Auseinandersetzungen durchführbar sind, daß es möglich ist, Aktionen zu machen, wo wir siegen und nicht wo die andere Seite siegt. Und wo natürlich wichtig ist, daß sie uns nicht kriegen -- das gehört sozusagen zum Erfolg der Geschichte."

Nach dem Intermezzo im El-Fatah-Lager ließen sich die Flüchtigen im Spätsommer 1970 in Berlin nieder. Um Geld für ihren Lebensunterhalt zu beschaffen, aber auch um arretierte Genossen befreien zu können, überfielen sie am 29. September mit Pistolen und Gewehren binnen zehn Minuten drei Banken; Beute: 217 469 "75 Mark.

Am 8. Oktober verriet ein anonymer Anrufer die geheimen Berliner BM-Quartiere in der Schöneberger Hauptstraße 19 und in der Charlottenburger Knesebeckstraße 89. Die Polizei verhaftete prompt Horst Mahler ("Kompliment. meine Herren") sowie die BM· Mitglieder Ingrid Schubert, Brigitte Asdonk, Monika Berberich und Irene Goergens. "Der Denunziant", verbreitete die RAF später, "war einer von uns."

Die Bande zerstob. Ein Teil der kopflos gewordenen Gruppe scharte sich in Berlin um Andreas Baader und machte Pläne, die festgenommenen Genossen mit Hilfe eines selbstgebastelten Hubschraubers zu befreien. Andere Mitglieder, um Ulrike Meinhof, besorgten derweil in Westdeutschland (von Polle, Bad Kissingen, Frankfurt und Stuttgart aus) Wagen und Waffen' Papiere und Quartiere. Im niedersächsischen Neustadt und im hessischen Lang-Göns erbeuteten sie Stempel, Ausweise und Autokennzeichen, im Frankfurter Untergrund kauften sie 23 Pistolen vom Typ "Firebird", bei der Bundeswehr in Munsterlager versuchten sie -- vergebens -- Waffen zu stehlen.

Anfang Dezember 1970 erhielt die Meinhof-Gruppe in Westdeutschland Verstärkung: Der Baader-Trupp hatte sich aus Berlin abgesetzt; mit ihm kamen Neulinge wie die Physikstudentin Beate Sturm, die' damals gerade 19, das Leben unter Guerillas erst "romantisch, unheimlich romantisch" fand -- und bald darauf die Gruppe verließ, nachdem ihr Ulrike Meinhof mangelnde "politische Motivation" vorgeworfen hatte. Und zur Gruppe stießen auch die letzte Woche festgenommenen Holger Meins und Jan-Carl Raspe, die zuletzt zum "harten Kern" gehörten.

In die Akten der politischen Polizei geriet Holger Meins schon im August 1970, als Beamte nach einem mißlungenen Brandanschlag auf einen Funkstreifenwagen das Kennzeichen eines verdächtigen -- zuvor von Meins gekauften -- Mercedes notiert hatten. Nach vierwöchiger Untersuchungshaft wurde der ehemalige Student der Berliner Film- und Fernsehakademie "mangels Tatverdachts" entlassen. Bald darauf schloß er sich Berliner Baader-Leuten an, die ihm in linken Kneipen begegnet waren.

"Holger", erinnert sich die damals mit ihm befreundete Beate Sturm, "hatte politische Ansichten -- da war was hinter, aber er hatte Probleme." Andreas Baader, glaubt Beate Sturm, habe "ihn fasziniert, da hat er sich geduckt, da hat er alles gemacht."

Holger Meins (Decknamen: "Rolf" und "Peter") hinterließ seine Fingerabdrücke auf Waffenpaketen, die letztes Jahr in Hamburg nach Berlin aufgegeben wurden, und in einer Wohnung in Hamburg-Poppenbüttel, in der die Polizei Gewehre, Munition, Funkgeräte und Polizeiuniformen fand. Und in Poppenbüttel war es auch, wo nach Polizei-Ansicht BM-Mitglieder den Polizisten Norbert Schmidt erschossen haben. "Kontaktschwierigkeiten, Autoritatsangst und Magenschmerzen."

"Wegen Mordverdachts" wird Meins seit einer nächtlichen Autobahn-Schießerei im September 1971 bei Müllheim gesucht, bei der ihn die beiden verletzten Beamten erkannt haben wollen -- eine Aussage, die freilich die Bundesanwaltschaft "sehr skeptisch" stimmte.

"Wegen Verdachts des Raubes und zahlreicher Kraftfahrzeugdiebstähle" suchte die Polizei ian-Carl Raspe. Der 1,85 Meter große, blonde Diplom-Soziologe (Prädikat: sehr gut) kümmerte sich in der Gruppe vorwiegend um die Beschaffung von Wohnungen und Autos, das Fälschen von Zulassungspapieren und die Vorbereitung von Banküberfällen.

Raspe, laut Beate Sturm "so ein typischer Intellektueller", erschien dem Frankfurter Schriftsteller Michael Schulte, der die Gruppe vorübergehend beherbergte, als das neben Ulrike Meinhof einzige "vernünftige" RAF-Mitglied, als "ein feiner, sensibler Mensch".

Erste Kontakte zu Linken hatte der kontaktarm aufgewachsene Gärtner-Sohn 1968 in West-Berlin. Von "ziemlichen Verhaltensstörungen" geplagt, schloß er sich der "Kommune 2" an, deren Mitglieder -- vier Frauen. vier Männer, vier Kinder -- sich später in einem Protokoll-Versuch ("Kommune 2

Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums") selbstkritisch eine "psychoanalytische Laienspielgruppe" nannten.

Breit wird in dem 312-Seiten-Buch auch die psychische Situation des Kommunarden Raspe dargelegt, der nach einem abgebrochenen Chemiestudium unter "Arbeitsschwierigkeiten" und einer "unaufgelösten Geschichte mit Antje" litt. "an der ich noch immer irre hing". "Kontaktschwierigkeiten und Autoritätsangst", gab Raspe zu Protokoll, verursachten "Schweißausbrüche und Magenschmerzen, plötzliche Sprachhemmungen".

Als sich nach vier Monaten Kommune bei Raspe "in dieser Richtung nichts verbessert" hatte, "im Gegenteil", suchte er "eine Veränderung" in nächtelangen "analytischen Gesprächen" mit Mitkommunarden, die "Jans Lebensgeschichte" niederschrieben:

Zwei Schwestern, Mutter, drei Tanten, Großmutter ... erst relativ spät Kontakt zu fremden Leuten, Kindern ... verbunden mit starken Repressalien wegen des bürgerlichen Elternhauses ... wahnsinnige Angst vorm Friseur ... Neigung zum Träumen ... nie irgendeine Form von sexueller Aufklärung ... Unterdrückung des Wunsches nach intensiverem Kontakt zu Mädchen, Arbeit als Kompensation, durchgehende Onanie, die mit starken Schuldgefühlen verbunden ist ... erst sehr spät sexuelle Erfahrungen und auch diese unter Ängsten ... Die Schwierigkeiten im ersten Verhältnis sind symptomatisch für die folgenden ... längere Krankheit, die aber nicht organische, sondern eindeutig psychische Ursachen hat ...

Die Kommune ermöglichte Raspe laut Raspe, "meine individuellen Schwierigkeiten als gesellschaftlich bedingte zu begreifen und so auch aktiver gegen deren gesellschaftliche Ursachen kämpfen zu können". Er gewann schließlich "die Sicherheit, daß ich in diesem Kollektiv meine eigenen Fähigkeiten produktiv entfalten kann".

Ein Jahr bevor Raspe sich einem anderen Kollektiv -- der RAF -- anschloß. befand er: "Ich habe zur Zeit gar kein Bedürfnis, mit einem Mädchen zu schlafen. Mir erscheint die Kommune als "zärtliche Höhle', als eine Art Mutterschoß, die einen Ersatz für die Beziehung zu einem Mädchen bietet." "Sind wir blöde, unzuverlässig, unvorsichtig, durchgeknallt?"

Holger Meins und Jan-Carl Raspe waren schon dabei, als die RAF eine Entführung Willy Brandts oder Axel Springers diskutierte (und verwarf), weitere Banküberfälle vorbereitete und erste Rückschläge erlitt. Am 20. Dezember 1970 nahm die Polizei in Oberhausen Karl-Heinz Ruhland fest, der vor den Fahndern gründlich auspackte. 48 Stunden später wurde Heinrich Jansen in Nürnberg beim Mercedes-Klau gefaßt.

Zu diesem Zeitpunkt begann offenbar auch die Beschaffung von Privatquartieren Schwierigkeiten zu bereiten. Selbst "viele Genossen", so beschwerte sich die RAF im April 1971 in einem 14seitigen Traktat, verbreiteten "Unwahrheiten über uns"; manche wollten "beweisen, daß wir blöde sind, unzuverlässig, unvorsichtig, durchgeknallt".

Mit Beteuerungen, sie machten keineswegs "rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch", versuchten die Untergrund-Kämpfer damals den Sympathie-Schwund bei der Linken aufzuhalten: "Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen." Doch die Verfolger mochten die Gesuchten nicht entkommen lassen: > Am 6. Mai 1971 wird Astrid Proll, 23, am Steuer eines Alfa Romeo, von Hamburger Polizisten gestoppt; sie greift laut Polizei-Bericht "nach rechts zu ihrer Handtasche, aus der sie wahrscheinlich eine Pistole ziehen" will, kann aber "noch rechtzeitig" überwältigt werden.

* Am 15. Juli 1971 durchbricht Petra Schelm, 20, in einem BMW eine Hamburger Polizeisperre, schießt und wird von einem Polizeibeamten erschossen.

* Am 5. Dezember 1971 tötet ein West- Berliner Polizeibeamter unter nicht völlig geklärten Umständen den angeblich dem BM-Kern nahestehenden Anarchisten Georg von Rauch, 24.

* Am 22. Dezember 1971 wird in Kaiserslautern der Polizeiobermeister Herbert Schoner, 32, von Bankräubern, die nach Fahnder-Meinung "mit höchster Wahrscheinlichkeit" der BM-Gruppe angehören, tödlich verletzt.

* Am 2. März 1972 erschießen Polizisten in Augsburg den Anarchisten Thomas Weisbecker, 23, der zu den Sympathisanten der RAF gerechnet wird.

* Ebenfalls am 2. März 1972, bei einem Schußwechsel in Hamburg, wird BM-Mann Manfred Grashof, 25, schwer und der Polizeibeamte Hans Eckhardt, 50, tödlich verletzt; den Grashof -Genossen Wolfgang Grundmann, 23, nimmt die Polizei fest.

Offenbar unfähig zu erkennen, warum der Griff nach der Gewalt sie nur immer weiter in die Isolierung drängt, kritisierte die RAF im April dieses Jahres in einem aus dem Untergrund abgelassenen 60-Seiten-Papier den "Liberalismus innerhalb der Linken" und beschimpfte die "Verräter in den Reihen der Revolution", die leider "noch bei Genossen landen" könnten und "nicht mal die Fresse voll kriegen".

Während die Kritik auch der Linken an der RAF stetig wuchs und die Zahl der erschossenen und festgenommenen Guerrilleros ständig stieg, formulierten die wahrscheinlich durch den Zustrom einst heimatloser Anarcho-Bomber aufgefüllten Baader-Kader während der letzten Monate immer martialischere Erklärungen -- im Februar dieses Jahres war gar die Rede von der Aufstellung "erster regulärer Einheiten der Roten Armee im Volkskrieg".

Daß derlei Worte ernst gemeint waren und daß die Reste der BM-Bande die vergangenen Monate zur Vorbereitung großangelegter Terror-Aktionen genutzt haben, erwies sich spätestens Mitte Mai, als in Frankfurt, München, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg Bomben detonierten und vier Menschen zerrissen.

Und ernst mußten es die Bürger nehmen: Selbst Bombendrohungen, die auch nach Meinung der Polizei nicht von der BM-Gruppe abgegeben worden waren, sorgten für Straßensperren und Räumaktionen, lösten Verwirrung und Beklemmung aus.

In Stuttgart, wo Freitag letzter Woche drei Autos explodieren sollten. drangsalierte Psychoterror eine ganze Kommune. "Solch eine Flächendrohung", fand Polizeipräsident Paul Rau, "haben wir noch nicht gehabt." (siehe Seite 67: "'s nächschte Mal Kanoneschlag").

In der Südwest-Hauptstadt (650 000 Einwohner) prüfte die Polizei binnen drei Tagen rund 15 000 Kraftfahrzeuge, patrouillierte zur Nachtzeit vor den Privatwohnungen von Ministern, sicherte öffentliche Gebäude und ging rund 450 Fahndungs-Hinweisen nach.

OB Arnulf Klett gab sich gleichwohl gelassen: "Die Terrorischte sollet spure. daß sich a Großstadt wie Schduagart net aus dr Ruh bringe läßt."

Nach scharfen Bomben und blinden Drohungen mobilisierte schließlich der Bonner Staat seine Polizei. 150 000 Beamte von Bund und Ländern spähten unter einheitlichem Kommando des Bundeskriminalamts nach den Baader-Meinhofs.

Kripo-Kellner servierten Kaffee und Koteletts.

In fünf Autos, mal einzeln, mal im Konvoi, vermuteten die Fahnder die Anarchistentrupps unterwegs. Doch der unheimliche Verband schien sich zu vervielfachen. Verdächtige Wagengruppen wurden in allen Ecken der Republik gesichtet -- erst in Holstein, dann im südlichen Niedersachsen, plötzlich auch in der entlegenen Eifel.

Doch außer Stockungen des Fronleichnamsverkehrs im Rheinischen brachte die Großaktion trotz Hubschrauberunterstützung nichts zutage. Und verfolgt wurden nur kleine Ganoven -- wie jener BMW-Lenker, der nach wilder Jagd durch Hamburg gefangen wurde -- oder der Kieler Fernsehredakteur, dessen BMW gleich drei Streifenwagen bis vors Büro eskortierten.

Gut gemeint hatte es auch die Kölner Kripo, deren Beamte sich an Autobahn-Tankstellen und Raststätten verteilten. Kripo-Tankwarte zapften freundlich Sprit. Kripo-Kellner servierten Kaffee und Koteletts, Kripo-Wagenpfleger putzen Limousinen. Doch als der verdeckte Kampf begonnen hatte, machten zahlreiche Blätter den Spezial-Service publik. Kölns Kripo-Vizechef Uwe Kopf: "Wir konnten das Ding auf der Stelle abbrechen.

Wo nicht gesucht wurde, fand sich das meiste. Um 15.45 Uhr -- eine Dreiviertelstunde nachdem West-Berlins Boulevard-"Abend" mit der Schlagzeile "Baader verhaftet" erschienen war -- bekam die Feuerwache Rankestraße über Notruf Alarm: Explosion und Wohnungsbrand im 7. Stock des Eden-Apartmenthauses am Europa-Center. Und nach der Feuerwehr kam die Polizei.

Sie fand: ein MG 42, ein Schnellfeuergewehr, zwei Pistolen, Munition in Gurten und Kartons, mehrere Blecheimer mit Salpeter, Mennige, Aluminiumpulver und Ammonium-Nitrat nebst einer schriftlichen Anleitung, wie aus diesen Ingredienzien solider Sprengstoff gemixt werden kann.

Im nicht ausgekohlten Teil der Dreizimmer-Wohnung (Monatsmiete 900 Mark) fanden die Beamten zunächst einen kleinen schwarzen Hund, dann: Blanko-Personalausweise, Führerscheine. Kennzeichenschilder, Gesichtsmasken und 5000 Mark. Vor allem aber: Skizzen des Frauengefängnisses Lehrter Straße und der Polizeihaftanstalten -- woraus die Polizei schloß. daß eine Gefangenenbefreiung, vielleicht aus Anwalt Mahlers Zelle, kurz bevorstand.

Die noch brauchbaren Chemikalien, Gewicht 50 Kilogramm, reichen aus für hundert Sprengkörper.


DER SPIEGEL 24/1972
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