29.05.1972

Die Guerilla kämpft aus dem Hinterhalt

"Die Bomben gegen den Unterdrückungsapparat schmeißen wir auch in das Bewußtsein der Massen", schrieb die Baader-Meinhof-Gruppe vor zwei Jahren -- und nahm sich nun beim Wort. Vier Tote nach 16 Bombenanschlägen markieren das Kampf-Konzept vom "Stadtguerilla", der die "Herrschenden" hinwegsprengen möchte.

Das sind keine wilden Anarchisten. Das sind disziplinierte Revolutionäre", sagte Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher: "Die machen alles nach Buch."

Im Buch steht, daß "der Krieg in die Wohnviertel der Herrschenden getragen wird", es für die Herrscher "nirgends mehr ... eine friedliche Heimat, ein sicheres Privatleben geben darf".

Und: "Durch geeignete Aktionen muß klargestellt werden, daß sich die Angriffe grundsätzlich gegen alle Institutionen des Klassenfeindes, alle Verwaltungsdienststellen und Polizeiposten, gegen die Direktionszentren der Konzerne, aber auch gegen alle Funktionsträger dieser Institutionen, gegen leitende Beamte, Richter, Direktoren usw. richten."

Vorgeschrieben ist: "Kommandogruppen bilden (3er-, 5er-, 10er-Gruppen) mit Genossen, die ... den Anforderungen und Belastungen des bewaffneten Kampfes (insbesondere im Knast) standhalten und unter allen Umständen (auch im Bett!) den Mund halten können

Und: "Dezentralisiert und unabhängig voneinander bilden sich einzelne Partisanengruppen, die Kommandoaktionen unternehmen. Es ist notwendig, derartige Gruppen in allen Ballungszentren zahlreich zu entwickeln."

Denn: "Die Großstadt ist eine Massierung von Angriffszielen ... In der Großstadt liegt die ganze Flanke des Feindes offen. Dieser weiß nie, welches Objekt angegriffen wird." Und so werden "die Bürgerkriegsgenerale einen Elefanten durch die Straßen treiben, um eine Mücke zu jagen".

"Stadtguerilleros" nennen sich die Revolutionäre, und "Stadtguerilla ist die revolutionäre Interventionsmethode von insgesamt schwachen revolutionären Kräften". Es ist die "Idee des bewaffneten Kampfes als revolutionäre Guerilla, die aus dem Hinterhalt kämpft und nicht zu fassen ist".

"Die Bomben gegen den Unterdrückungsapparat schmeißen wir auch in das Bewußtsein der Massen", lautet die Kampfanweisung. Und nun wird der Befehl befolgt.

* Am 11. Mai, zwischen 18.59 und 19.02 Uhr, verwüsteten in Frankfurt drei selbstgebastelte Rohrbomben Eingangsportal und Offizierskasino des V. US-Korps im IG-Farben-Haus; Oberstleutnant Paul A. Bloomquist, 39, von hochfliegenden Eisenteilen getroffen, verblutete -- 13 Menschen wurden verletzt.

* Am 12. Mai, kurz nach 12.15 Uhr, detonierten auf zwei Büroschränken in der Augsburger Polizeidirektion zwei Stahlrohr-Sprengkörper mit Batterie und Uhrwerk; fünf Polizisten erlitten Verletzungen, die Decke zum vierten Stockwerk wurde zerschlagen.

* Am 12. Mai, 14.25 Uhr, flog auf dem Parkhof des Landeskriminalamts in der Münchner Mallingerstraße ein mit Sprengstoff beladener Ford 17 M in die Luft; sechzig Autos wurden demoliert. LKA-Fensterscheiben zerbarsten in sechs Stockwerken.

* Am 15. Mai, 12.40 Uhr, explodierte in der Klosestraße zu Karlsruhe ein roter VW, als Gerta Buddenberg, Frau eines Bundesrichters, den Schlüssel ins Zündschloß steckte; die Richtersfrau, an beiden Beinen verletzt, blieb "wie durch ein Wunder" (ein Polizeisprecher) am Leben.

* Am 19. Mai, um 15.41 Uhr und 15.46 Uhr, explodierten in Toilettenräumen des Hamburger Springer-Hochhauses zwei Bomben; drei Sprengkörper* -- einer unweit der Rotation, einer in der Direktionsetage, einer in einem Putzmittelschrank -- wurden entschärft. Es gab 17 Verletzte, darunter zwei Schwerverletzte.

* Am 24. Mai, 18.10 Uhr, detonierten im Abstand von 15 Sekunden vor dem Kasernenblock 28 und dem Kasino des Europa-Hauptquartiers der US-Armee in Heidelberg zwei in Autos deponierte Bomben. Drei amerikanische Soldaten wurden getötet, fünf verletzt. Zwei Tage später, in einem Brief an die Deutsche Presse-Agentur, bekannte die "Rote Armee Fraktion, Kommando 15. Juli", sie habe die beiden Bomben (angebliche Sprengkraft: "200 Kilogramm TNT") gelegt -- aus Protest gegen den "Völkermord" in Vietnam.

"Der bewaffnete Kampf hat begonnen", erfuhr tags darauf die "Frankfurter Rundschau" von der RAF -- der "Roten Armee Fraktion": "Kein Ausbeuter wird mehr ungestraft bleiben ..."

"Wer dies tut, macht sich mitschuldig."

Kein Zweifel: Der Krieg "6 gegen 60 Millionen", den Heinrich Böll schon im Gange sah, ist nun wirklich ausgebrochen. Angezettelt hat ihn, davon sind Volk und Fahnder in der Bundesrepublik überzeugt, die Baader-Meinhof-Gruppe, die ihn auch lenkt -- mal nach dem Guerilla-Leitfaden des brasilianischen Revolutionärs Carlos Marighela, mal nach Mao, Che Guevara, Giap, deren Strategie sie zu zwei Pamphleten aus dem Irgendwo inspiriert hatten: "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa"; "Stadtguerilla und Klassenkampf".

Was einst an Deutschlands Hochschulen als Massenaufstand gegen überkommene Autoritäten und für eine bes-

* Siehe Titelbild.

sere Welt begonnen, die "Außerparlamentarische Opposition" (Apo) auf den langen Marsch durch die Institutionen gebracht, Tausende zu Knüppelorgien und Steinschlachten auf die Straße getrieben hatte, mündet endgültig im kriminellen Untergrund.

Was mit Transparenten ("Haut den Springer auf die Finger"), mit Pudding-, Tomaten- und Eierwürfen begann, mit Molotow-Cocktails und Brandschatzung ("Burn, warehouse, burn") eskalierte, ist jetzt bei Raub, Mord und Totschlag angekommen.

Einst verfügte die Rebellion über Köpfe: Dutschke ("Die terroristische Gewalt gegen Menschen ist in den Metropolen nicht mehr notwendig"), Lefèvre, Meschkat, die allesamt den Aufruhr schürten, den Konflikt aber auch begrenzen wollten. Jetzt bestimmen Versprengte der Rebellion -- die, so der Gießener Psychosomatiker Professor Horst-Eberhard Richter, "Heil suchen in einer paranoiden Haltung, die realitätsblind macht und eifernd, die alles um sich herum als Machwerk des Bösen empfindet".

Die "erschreckenden Zeichen" (Richter), die das Klassenbewußtsein schärfen sollen, solidarisierten Herrschende wie Beherrschte. "Jeder muß dazu helfen", appellierte Bundespräsident Gustav Heinemann an die Deutschen, "daß durch diese Gewalttaten unser politisches Leben nicht unheilvoll vergiftet wird."

Kanzler Willy Brandt verurteilte -- Freitagabend in einer Fernsehansprache -- den "Terror um des Terrors willen" und warnte davor, den Tätern Unterstützung zu gewähren: "Wer dies tut, macht sich mitschuldig." Oppositionsführer Rainer Barzel war "zutiefst bestürzt", und Axel Springer urteilte: "So ist das die Teufelssaat von Linksradikalen, die jetzt aufgegangen ist."

Wo Bomben hochgegangen, angedroht oder befürchtet worden waren, sannen Sicherheitsexperten auf mehr Schutz, den es aber für die Verwaltungs- und Wirtschaftszentren einer modernen Industrienation kaum zu geben scheint: Zu zahlreich sind die Bediensteten, zu zahlreich die verwundbaren Stellen.

Vor den Polizeipräsidien zogen schwerbewaffnete Posten auf. Vor dem Bundeskanzleramt und dem Bundesverteidigungsministerium wurde nach dem Heidelberger Anschlag das Parken verboten.

Im Springer-Haus (Geschäftsführer Peter Tamm: "Bis jetzt waren wir ein offenes Haus") gingen die Nebeneingänge zu, Ausweis- und Gepäckkontrollen wurden verhängt. Hauspässe eingeführt -- herkömmliche Methoden, wie sie seit je vom Bundeskriminalamt empfohlen werden.

In Ministerien und Behörden, Polizeipräsidien und Industriekonzernen stellte sich genau das ein, was Terroristen erzeugen wollen: Verunsicherung.

Aus Furcht vor neuen Bomben machte etwa Hamburgs Justiz die "Schotten dicht" ("Hamburger Morgenpost"). Während des Prozesses gegen den Baader-Meinhof-Verdächtigen Werner Hoppe patrouillierten Polizeistreifen um das Justizgebäude, die Flure waren mit Bänken verbarrikadiert. Zwei Stunden nach Prozeßbeginn waren sieben telephonische Bombendrohungen eingegangen.

Hoppe mußte, wenn er in den Pausen den Gerichtssaal verließ, vor Justizwachtmeistern die Hosen fallen lassen. Der ehemalige NDR-Praktikant, der zur Person keine Angaben machte (Landgerichtsdirektor Herbert Schmidt: "Also der Herr im Khakihemd ist der Angeklagte"), wird beschuldigt, am 15. Juli vergangenen Jahres auf vier Polizisten geschossen zu haben. Gemeinsam mit der Meinhof-Freundin Petra Schelm durchbrach er damals in Hamburg mit einem hellblauen BMW eine Polizeisperre. Petra Schelm kam beim anschließenden Feuergefecht mit den Beamten ums Leben.

Im Hiltruper Polizei-Institut -- vor der Tür zwei bis drei Kriminalpolizisten -- beschlossen Generalbundesanwalt Ludwig Martin, Bundesanwalt Felix Kaul und achtzehn Generalstaatsanwälte "Leitlinien" zur besseren Koordinierung und Kooperation sowie umfassende gegenseitige Information -- an der es trotz zweijähriger Baader-Meinhof-Fahndung immer noch mangelt.

"Dann eben weniger Polizisten zur Verkehrsregelung."

Die Innenminister der Länder verstanden sich -- nach zahlreichen erfolglosen Großeinsätzen und unzähligen Kleinaktionen gegen die Anarchisten -- zu einem neuen Konzept. Alle verfügbaren Kriminalbeamten und Polizisten sollen an die Fahndungsfront. Hamburgs Innensenator Heinz Ruhnau: "Dann wird man eben weniger Polizisten zur Verkehrsregelung einsetzen müssen." Das Bundeskriminalamt erhielt (Ruhnau: "Etwas außerhalb der Legalität") neue Kompetenzen: obschon die Polizeihoheit ausschließlich bei den Ländern liegt, dürfen BKA-Fahnder künftig Länderbedienstete einsetzen und anweisen.

Der Bundesinnenminister Genscher schließlich stattete die Bonner Sicherungsgruppe des BKA für die "personell und technisch aufwendigste Polizeiaktion in der Geschichte der Bundesrepublik" (Genscher) mit Sondervollmachten aus: Die Sicherungsgruppe könne "mit finanziellen und technischen Mitteln arbeiten, wie sie normalerweise nicht zur Verfügung stehen. Kosten spielen keine Rolle".

Der Freidemokrat setzte die höchste je von einem Ministerium ausgeworfene Summe als Belohnung für Hinweise auf die Bomber aus: 100 000 Mark. Gesamt-Prämie bisher: 190 000 Mark.

Daß mit Prämien die Gegner des kapitalistischen Systems gefangen werden könnten, schien auch Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber plausibel: "Wenn Anarchisten unsere Gesellschaftsordnung mit ihren Mitteln vernichten wollen -- und das sind Bomben --, dann muß unsere Gesellschaft mit ihren Mitteln zurückschlagen -- und das ist Geld."

Begonnen hatte der Lauf der Gewalt vor vier Jahren, anno Apo 68 -- nach zwei Jahrzehnten, in denen politische Militanz die Bundesbürger allenfalls gelegentlich geschreckt hatte und zudem stets mit einem Hauch von Exotik versehen war: Ziele politisch bedingter Gewalttaten waren in den fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre in der Bundesrepublik zumeist Waffenhändler (wie Otto Schlüter, 1957, Abd el-Kader, 1959, und Walter Heck, 1961) oder Exilpolitiker (wie Abdullah Fatalibey, 1954, Lew Rebet, 1957, und Stefan Bandera, 1959) gewesen.

Erst 1968, als sich rechts die Springer-Presse längst auf die studentische Apo eingeschossen und Josef Bachmann auf Rudi Dutschke gefeuert hatte, begannen auch links Bürgersöhne Gewalt auszuüben -- zunächst freilich nur "gegen Sachen": Bei den Osterunruhen gingen in Berlin sechs Springer-Transporter in Flammen auf, die Frontscheiben von "Bild"-Lastwagen zersplitterten.

Noch im Jahr zuvor -- selbst nachdem der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 den Anti-Schah-Demonstranten Benno Ohnesorg erschossen hatte -- war unter Linken umstritten gewesen, ob es opportun sei, Eier gegen Amerikahäuser und Pudding auf Politiker zu schleudern (wie es die "Kommune I" um Dieter Kunzelmann vor dem Berlin-Besuch des US-Vizepräsidenten Humphrey 1967 geplant hatte). Doch bei vielen Antiautoritären, die damals allein Protestformen der "passiven Gewalt" wie Sit-in und Teach-in für angemessen hielten, schwanden die Skrupel vor der Anwendung aktiver Gewalt während der Oster-Einsätze der Polizei.

"Diese Aktionen sind von jedem zu verstehen."

"Keiner", beschrieb der damalige Mainzer SDS-Vorsitzende Klaus Ahlheim diese Wandlung, "hatte die Absicht, Steine zu werfen. Aber als die Knüppel kamen und die Pferde, als man Leute ohnmächtig sah und Angstschreie hörte ... haben junge Leute in blinder Wut Brocken aus dem Rasen gerissen und nach Steinen gesucht."

Schon ein halbes Jahr später, am 4. November 1968, wurden Steine nicht mehr nur im Zorn, sondern auch aus Berechnung geschleudert. Als Studenten und Rocker vor dem Landgericht am Tegeler Weg in West-Berlin 130 Polizisten mit Steinwürfen verletzt hatten, freute sich FU-Assistent Johannes Agnoli, daß "eines der interessantesten und schwerwiegendsten deutschen Tabus gebrochen wurde, daß nämlich Demonstranten in Deutschland nie militant werden dürfen gegen die Polizei". Das Untergrund-Blatt "Radikalinski" Jubelte: "130 Bullen haben jetzt ein Loch im Kopf. Wenig beklagen das."

Auf diese neue Ebene der Militanz, wie Apo-Wortführer damals formulierten, hatte sich ein Teil der Linken zu einem Zeitpunkt begeben, als ihnen alle anderen politischen Strategien untauglich erschienen. Während große Teile der Apo zum langen Marsch durch die Institutionen oder zum Rückzug ins Privatleben aufbrachen, andere sich in die Traumwelt der Drogen stahlen, suchte eine Fraktion -- die kleinste -- fortan das Heil in der als "Gegengewalt" apostrophierten Gewalt.

Als im April 1968 der Historiker-Sohn Andreas Baader und die Pfarrers-Tochter Gudrun Ensslin zwei Frankfurter Kaufhäuser angezündet hatten (Sachschaden: rund 2,2 Millionen Mark), äußerte der SDS-Bundesvorstand noch "tiefe Bestürzung". Ende 1968 setzte (nunmehr ohne SDS-Distanzierung) eine Welle von Brandanschlägen ein: Vor allem Schüler und Studenten schleuderten Molotow-Cocktails, "Mollis" genannt, in Banken und Bibliotheken, Hochschulen und Polizeistationen, Konsulate und Reisebüros. Bundeskanzler Kiesinger sprach von "bürgerkriegsähnlichen Vorkommnissen".

Auf die Gefährdung von Menschen hatten es diese Krieger nicht abgesehen. Den Gebäuden, in denen ihre benzingefüllten Flaschen zerplatzten, maßen sie eher Symbolwert bei: "Diese Aktionen", kommentierte ein SDS-Vorstandsmitglied etwa eine Reihe von Brandanschlägen auf Amerikahäuser, "sind nicht sprachlos, sie sind von jedem zu verstehen."

Die Zahl der politischen Brand- und Sprengstoffanschläge stieg, je mehr die

* Sprengkörper, die im Hamburger Springer-Hochhaus gefunden wurden.

Apo zerfiel -- von 48 im Jahre 1969 auf 117 im Jahre 1970. Und obwohl bei dieser Art von Attentaten nur Sachschaden entstand (einzig ein Polizeipferd namens "Zerline" wurde 1968 bei einem Anschlag auf ein Berliner Polizei-Depot verletzt), war die Schlagzeilen-Reaktion in der Regel überproportional -- ein Echo, das die großenteils jugendlichen Bomben-Bauer zum Weitermachen ermutigte und das es der Öffentlichkeit schwermachte einzuschätzen, um wen es sich bei den Tätern wirklich handelte: um "Einzelgänger und kleine militante Gruppen ... am Rande der "Neuen Linken'" -- so vergangenes Jahr das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Mit stets wechselnden Tarnnamen suchten freilich auch die Bomber-Sekten selber jahrelang den Eindruck zu erwecken, Bataillone von Untergrund-Kämpfern bedrohten den westdeutschen Staat: Mal bekannten sich mysteriöse "Schwarze Ratten" zu einem Attentat, mal übernahm ein "Onkel Tuca" die Verantwortung, mal bombte eine "Palästina-Front", mal ein -- nach einem festgenommenen Bankräuber benanntes -- "Kommando Theo Berger".

Vermutlich jedoch kommt ein Großteil der von 1968 bis 1971 vor allem in München und Berlin begangenen Anschläge auf das Konto eines einzigen Täterkreises: einer kleinen Gruppe von "Hasch-Rebellen" und Kommunarden, die sich seit dem Frühjahr 1970 "Tupamaros München" (TM) und "Tupamaros West-Berlin" (TW) nannten und sich um Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann geschart hatten.

Diesen Kreis macht die Polizei heute -- wie der Münchner Kriminalamtmann Hermann Hörtreiter unlängst in der Zeitschrift "Kriminalistik" zusammenfaßte -- verantwortlich für

* mindestens ein Dutzend Anschläge mit Brandbomben, etwa auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin, die Wohnungen des damaligen Oberstaatsanwalts Wilhelm Lossos und des Amtsgerichtsrats Albert Weitl in München. den Berliner Juristenhall und das Bayerische Landeskriminalamt, und für

* mindestens zwanzig Anschläge mit -- seit 1970 bevorzugten -- Sprengbomben, etwa auf das Amtsgericht Berlin-Tempelhof und auf Polizeifahrzeuge, die Universität und das Amerikahaus zu München.

Eieruhr, Knallquecksilber, Zündholzköpfchen.

Daß es sich immer wieder um denselben Kreis von Tätern handelte, glauben die Fahnder nicht nur der von ihnen beschlagnahmten "umfangreichen Korrespondenz" entnehmen zu können, die "zwischen der Münchner Gruppe unter Teufel und der Berliner Gruppe unter Kunzelmann gepflegt wurde" (Hörtreiter) -- auch kriminaltechnische Untersuchungen der Rohrbomben (Befund: "gleichartige Beschaffenheit") unterstützten diese These: "Die Bomben Nr. 1 und 3, Nr. 2, 5 und 8 sowie die Bomben Nr. 4, 6, 7 und 9 stammten jeweils von einem Rohr. Die Ziehriefen paßten ineinander."

Fugenlos wie die Bombenrohre lassen sich, so scheint es, auch die Gruppen und Grüppchen aneinanderfügen, die seit 1968 im untersten Untergrund Gewaltiges leisten: So eng wie die Münchner und die West-Berliner Tupamaros, die sich zuweilen mit Bomben und Bombern aushalfen, sind offenbar auch andere bundesdeutsche Anarchisten-Zellen miteinander verbunden; manche dieser Organisationen überschneiden sich, andere sind personengleich.

Zur Berliner Kommune Kunzelmanns (der mittlerweile wegen des Bombenanschlags auf den Juristenball zu neun Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden ist) gehörte neben Teufel (im Januar 1971 "wegen versuchter menschengefährdender Brandstiftung" zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt) auch BM-Mann Manfred Grashof, der im März nach einer Schießerei festgenommen wurde -- zusammen mit BM-Mann Wolfgang Grundmann, sowohl Mitglied der anarchistischen "Schwarzen Hilfe" als auch der Redaktion des Berliner Untergrundblattes "Agit 883", das sich vorübergehend als Sprachrohr eines "Zentralrats der anarchistischen Gemeinschaft" verstand.

Diesem Zentralrat wiederum gehörten Kunzelmann, aber auch Georg von Rauch an, der im Dezember 1971 in Berlin von Baader-Meinhof-Fahndern erschossen wurde und mit den als BM-Mitläufern polizeilich gesuchten Bernhard Braun und Ralf Reinders ebenso befreundet war wie mit dem im März in Augsburg von der Polizei erschossenen Thomas Weisbecker. In Weisbeckers Begleitung machten die Beamten Carmen Roh vom Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) aus, dessen Mitglieder zum Teil -- ebenso wie die "Schwarze Hilfe" -- anarchistischer Umtriebe verdächtigt werden.

Schon im Februar 1972 stellte Bayern-Kriminalist Hörtreiter enge Partnerschaft zwischen einigen Anarcho-Splittern mit der Baader- Meinhof-Gruppe fest, und er erkannte: "Mit schnellen BMW kreuzen Sie in allen Teilen der Bundesrepublik auf." Und an den Bomben wiederum glaubten die Fahnder letzte Woche zu erkennen, daß für die jüngsten Anschläge ein und derselbe Täterkreis verantwortlich ist.

"Gleiche Bauweise, gleiche Abmessungen, gleiche Stromquellen", urteilte BKA-Chef Horst Herold: "Gleiche Auslösung der Zündvorrichtung, wohl auch der gleiche Sprengstoff."

Zumindest 14 der 16 gelegten Bomben (die Untersuchung der Heidelberger Sprengkörper ist noch nicht abgeschlossen) sind aus Stahlrohren von 163 Millimeter Durchmesser herausgesägt worden und haben Wandstärken zwischen fünf und 8,5 Millimeter. Die Rohrstücke sind jeweils 19 Zentimeter hoch.

Die angeschweißten Bodendeckel weisen ein eingeritztes Fadenkreuz mit Körnung im Mittelpunkt auf, die entweder zum Ansetzen eines Spezialschweißgerätes oder aber nur zum Abzirkeln der Scheiben gedient hat. Mit den oberen Deckeln sind Gewinde verschweißt, die achteckige Schraubkappen aus dem Sortiment einer Siegener Firma tragen.

Das Zündsystem der 14 Bomben bestand aus einer 50-Volt-Trockenbatterie sowie einem Kurzzeitwecker mit Einstellmöglichkeiten bis zu 60 Minuten (Eieruhren). Solche elektrischen Zündmechanismen funktionieren in aller Regel so: Nach der auf dem Wecker eingestellten Zeit wird der Stromkreis zwischen der Batterie und einer Heizspirale geschlossen, die nunmehr aufglüht und den Sprengstoff -- meist über einen "Primer", leicht entzündbares Material wie Knallquecksilber oder geraspelte Zündholzköpfchen -- detonieren läßt.

Präzise Bauanleitungen im Fachblatt für Kriminalistik.

"Wer die Dinger gebastelt hat", urteilte ein Beamter der Sicherungsgruppe. "muß von dem Geschäft schon was verstehen. Ob es richtige Spezialisten waren, kann man noch nicht sagen"

Einen Tip, wo sich die Bomber das Know-how erworben haben könnten, gab die "Frankfurter Allgemeine" --

* Am 4. November 1968 am Landgericht.

bei dem international renommierten Sprengstoffexperten Dr. Jakob Meier, Leiter des wissenschaftlichen Forschungsdienstes der schweizerischen Bundesanwaltschaft: Das Fachblatt "Kriminalistik" hatte in diesem Frühjahr ein Meier-Referat mit präzisen Bomben-Bauanleitungen, Bombenwirkungen und Bombentypen abgedruckt.

"Zum Durchtrennen eines Eisenträgers mit dem Querschnitt einer Eisenbahnschiene wird ca. 1 Pfund Sprengstoff benötigt", hieß es darin, oder: "Soll die Zündung elektrisch erfolgen, so braucht man außer Sprengstoff eine elektrische Sprengkapsel, eine Batterie und einen Schalter, oder man baut aus einem pyrotechnischen einen elektrischen Zünder, indem in die Kapsel ein Glimmfaden einer Glühlampe eingebracht und der Hohlraum mit geschabten Zündholzköpfchen aufgefüllt wird."

Ob nun Bomben à la Meier detonierten oder ob sich die Anarchisten -- wie die Sicherungsgruppe Bonn zu bedenken gibt -- "zahlreiche Veröffentlichungen in Verordnungsblättern über Herstellung, Vertrieb und Aufbewahrung von Sprengstoff" nutzbar gemacht haben, aus denen sich "auch viele Erkenntnisse gewinnen" ließen -- Eindeutiges über die Beschaffenheit der jeweils 3,5 Kilo wiegenden Bombenfüllungen verlautete aus dem Bundeskriminalamt Ende letzter Woche noch nicht.

Der Bombenschalter stand auf "off".

Allerdings verstärkte sich bei den Ermittlern der Verdacht, daß der Sprengstoff "in Handarbeit gemixt" worden ist -- als Rezeptur käme da beispielsweise das von Bombenheimwerkern bevorzugte Zucker-Natriumchlorat-Gemisch in Frage, das Sprengstoffprofis wegen seiner geringen Brisanz freilich eher "irgendwie als Niespulver" (so der frühere Hamburger Bombenräumer Walter Merz) einstufen.

Obwohl wegen seiner minderen Detonationswucht den hochwirksamen militärischen Sprengstoffen wie INT nicht annähernd vergleichbar, wird das Natriumchlorat von Sprengexperten als "nicht handhabungssicher" (Merz) gefürchtet. Denn anders als INT, das laut Merz "ein Schmeling in bester Form an die Wand werfen könnte, ohne daß etwas passiert", detoniert das Hausmacher-Chlorat unter ungünstigen Umständen schon bei vergleichsweise leichten Stoßbelastungen. Zwar ordnet Merz das Natriumchlorat in einer Rangliste der Sprengstoffe unter "ferner liefen" ein. Gleichwohl traut er ihm die Wirkung zu, die beispielsweise im Springer-Hochhaus erzielt wurde.

Ungeachtet der Wahl des Sprengstoffs hätte das Hamburger Bombardement verheerend wirken und -- so BKA-Chef Herold -- "womöglich 300 bis 400" Todesopfer fordern können. Nach Ansicht von Fachleuten wäre die Katastrophe denkbar gewesen, wenn die Sprengkörper anders plaziert worden oder alle fünf gleichzeitig detoniert wären. "Man braucht sich nur vorzustellen", so ein Beamter der Sicherungsgruppe, "daß mehrere ungünstige Umstände zusammentreffen: daß die Dinger wirklich funktionieren, daß die Leute noch alle im Hause sind und daß die Statik schließlich in den Eimer geht."

Darüber, weshalb nicht alle Dinger hochgingen. gibt es Feststellungen und Vermutungen. Die Feststellungen der Hamburger Polizei: Bei Bombe Nummer 3 orteten die Experten eine Besonderheit, einen zusätzlich in den Zünder-Stromkreis eingebauten Schalter mit der englischen Beschriftung "on/off", der auf Aus-Stellung stand und damit die Auslösung blockierte. Bei Bombe Nummer 4 versagte der Auslöser, weil die an sich sachgerecht montierten Kontakte an der Eieruhr derart verbogen waren, daß sich nach Ablauf der eingestellten Zeit der Stromkreis nicht schließen konnte.

Vermutungen: Die angesichts des ansonsten zielstrebig angelegten Bombenanschlags verwunderlichen Blockierungen der Zündmechanismen lassen auf zaudernde Täter schließen.

Ein spezifisches Merkmal glaubt die Polizei mit Sicherheit ausgemacht zu haben -- aus dem Tatort im dritten Stock. Unmittelbar nach der Bomberei wurden Fahndungsphotos der seit langem gesuchten Studentin Ingeborg Barz, die zur Baader-Meinhof-Gruppe gerechnet wird, und anderer Anarcho-Mädchen an Hamburger Polizisten ausgegeben. Den Anlaß für die Lichtbildaktion lieferten -- so ein Beamter -- "die Sprengsätze im Damenklo".

Spezifisch für den Täterkreis ist nach jüngsten Erkenntnissen von Bundesverfassungsschützern ein Klassengegensatz zwischen Baader-Meinhof-Kern und Anarcho-Trupps, die Kontakte suchen, doch von den alten Kämpfern auf Distanz gehalten werden. Nur der Kader, so die Fahnder, verfügt über das technische Know-how für Überfälle und Attentate; das Fußvolk führt die vom UM-Stab ausgetüftelten Aktionen dann aus.

Der BM-Kader ist, mit Ausnahme des verhafteten Grashof, immer noch der alte: neben Andreas Baader, derzeit offenbar in Führungsposition, und Ulrike Meinhof die Baader-Freundin Gudrun Ensslin, die Studenten Jan-Carl Raspe und Holger Meins -- der nun auch von der italienischen Polizei im Zusammenhang mit der Ermordung des Chefs der Mailänder Politischen Polizei, Luigi Calabresi, gesucht wird.

Gerade in einer Phase, da die Kripo den BM-Trupp außer Atem und ohne Gefolgschaft wähnte, nur noch imstande, Banken zu überfallen und Autos zu knacken, bereiteten die Baader-Meinhof-Leute offenbar die bisher spektakulärsten und gefährlichsten Aktionen vor. Deutlicher als je zuvor zelebrierten sie ihr Konzept von der Stadt-Guerilla wie das Welt- und Feindbild der Desperados, ebenso einfach wie simpel:

"Weil die Aktionäre der Automobilindustrie nur für ihre Profite produzieren lassen", sterben jedes Jahr 20 000 Menschen auf den Straßen.

"Weil die zu kleinen Wohnungen nur dazu da sind, daß die haus- und Grundbesitzer eine hohe Rendite einstreichen können", "werden jedes Jahr tausend Kinder ermordet".

"Weil sie nicht im Dienst des Kapitals hinsterben wollen", begehen 12 000 Menschen jedes Jahr Selbstmord.

Der Psychologe Richter beurteilt die Gruppe so: "Man fühlt sich noch stark genug, alle Insassen eines Hochhauses oder gar die ganze Bevölkerung in Panik zu versetzen -- das ist die letzte Möglichkeit, die bedrohte Gruppenidentität abzustützen." Die Gruppe proklamiert: "Erfolgsmeldungen über uns können nur heißen: verhaftet oder tot."

"Rückfall in kindliche Machtphantasien."

Der Gießener Psychoanalytiker Tobias Brocher erkennt ähnliche Symptome -- "einen phantastischen Omnipotenzrausch"; "einen Rückfall in unbewältigte kindliche Machtphantasien: Wenn die Welt, die man vorfindet, derart enttäuschend ist, soll alles kaputtgehen."

Selbst Sympathisanten und Helfershelfer, die es laut Bonner Sicherungsgruppe noch heute vor allen in der intellektuellen Schickeria gibt, fällt es zunehmend schwer, neben irrationalen Abgründen rationale Gründe wahrzunehmen. So quält sich der hannoversche Sozialpsychologe Professor Peter Brückner, nach Angaben der Polizei einst Herbergsvater durchziehender BM-Trupps, mit seiner Benotung der Genossen.

Die Genossen selber kommen, so Richter, an einen Punkt, "wo sie kapitulieren oder, ohne Umkehrmöglichkeit, die Flucht nach vorn antreten müssen". Offenbar sind die Genossen an diesem Punkt, und offenbar kamen ihnen die Zeitläufte entgegen. Die Bonner Krise verbreitete Verdrossenheit über Parlament und Staat und ließ auf Sympathiezuwachs von links hoffen. In Vietnam, seit Jahren Fixpunkt westdeutscher Demonstranten, gab es noch mehr Napalm, noch mehr Tote.

Wann immer Westdeutschlands Revoluzzer während der letzten Jahre für ihre Aktionen politische Absolution brauchten, sie suchten sie bei den Guerilla-Strategen an den revolutionären Fronten der Dritten Welt, in den Kampfbedingungen der Stadtguerilla meinen sie die deutlichsten Parallelen zur europäischen Szene zu entdecken. Jeder spektakuläre Coup der lateinamerikanischen Guerilleros gilt den deutschen Jüngern als Anleitung zum Handeln.

Erste authentische Informationen über Uruguays "Nationale Befreiungsbewegung", über die "Tupamaros" von Montevideo, hatte Hans Magnus Enzensberger beschafft. Er legte im Oktober 1969 seinem "Kursbuch" den "Kursbogen" "Stadtguerilla -- neue Strategie" bei. Kursbogen-Autor K. B: "Nicht Kaufhäuser, sondern Gerichte, nicht Privatautos, sondern Polizeiwachen ... werden angegriffen"

Doch erst Carlos Marighelas für südamerikanische und nicht für europäische Leser bestimmtes "Handbuch des Stadtguerillero" verhalf der "neuen Strategie" zu nachhaltigem Erfolg. Denn der brasilianische Kleinkrieg-Spezialist, bis 1967 Mitglied des Zentralkomitees der Moskau-treuen Kommunistischen Partei seines Landes und -- bis ihn 1969 die Junta-Polizisten erschossen

-- Chef der Stadtkämpfer von Sao Paulo, gab erstmals konkrete Richtlinien für den Kampf im Untergrund der großen Städte und half den Aktionslüsternen unter den deutschen Linken durch seine rigorose Entschlossenheit zudem über ihre moralischen Skrupel hinweg.

Marighelas Aufruf: "An jene, die dieses Handbuch lesen und beschließen. nicht länger ruhig zu bleiben, möchte ich appellieren, die Anweisungen zu befolgen, die hier gegeben sind, und sich von jetzt an dem Kampf anzuschließen. Ich tue dies, weil es unter allen Umständen die Pflicht eines jeden Revolutionärs ist, die Revolution zu machen."

"Sabotage an Werkzeugen: Rache der Arbeiter."

Marighela-Maximen für Großstadt-Partisanen: "Wichtig ist für jeden Stadtguerillero, sich jederzeit bewußt zu sein, daß er nur überleben kann, wenn er entschlossen ist, Polizisten und alle jene zu töten, die der Repression als ausführende Organe dienen, und wenn er entschlossen ist, wirklich entschlossen ist, die großen Kapitalisten, die Großgrundbesitzer und Imperalisten zu enteignen." Weiter:

* "Will er nicht selbst getötet werden, so muß der Stadtguerillero als erster schießen, ohne das Ziel zu verfehlen. Dabei darf er weder Waffen leichtfertig aufs Spiel setzen, noch Munition verschwenden, da er über beides nur in geringen Mengen verfügen kann."

* "Notwendige Materialien und Munition müssen durch Kauf oder durch Anwendung von Gewalt in gut geplanten und entsprechend durchgeführten Enteignungsaktionen besorgt werden."

"Ein Stadtguerillero muß Waffen herstellen und reparieren. Molotowcocktails. Granaten. Minen und Eigenbau-Plastikbomben bauen können. Er muß Brücken zerstören und Eisenbahnschienen entfernen oder unbrauchbar machen können.

* "Das Wichtigste bei der technischen Vorbereitung des Stadtguerillero ist jedoch das Erlernen der Waffenhandhabung ... Die Kenntnis der verschiedenen Waffenarten und Sprengkörper ist ein Punkt, der berücksichtigt werden muß, erfordert doch der Gebrauch von Feuerbomben, Rauchbomben und Bomben anderer Art notwendig Vorkenntnisse."

"Aktionsformen" der Stadtguerilleros seien Überfälle, Besetzungen von Fabriken, Rundfunkstationen oder Schulen. Straßenkämpfe, Hinrichtungen, Entführungen, Sabotage-Unternehmen und die Befreiung gefangener Genossen.

Die Banküberfälle, in den letzten zwei Jahren häufig auch von der Baader-Meinhof-Gruppe praktiziert, rechnete der Guerilla-Fachmann zur "populärsten Art von Überfällen"; er schrieb: "Diese Überfallart ... dient dem Stadtguerillero als eine Art Vorexamen, in dem die Technik des revolutionären Krieges erlernt werden kann." Zugleich aber fordert er: "Der Überfall muß schon während der Ausführung als Mittel der Propaganda genutzt werden, und zwar durch das Verteilen von Rundschreiben und Briefen, die über Ziele und Zwecke der Aktionen des Stadtguerillero und den Sinn der Enteignung aufklären."

Die ersten Versuche, lateinamerikanische Kampfpraktiken in europäischen Industriegesellschaften zu erproben, unternahmen die Anarcho-Kommunisten -- in Frankreich die "Gauche prolétarienne" (proletarische Linke) unter Alain Geismar, in Italien die "Roten Brigaden". Diese Gruppen glauben seit der Pariser Mai-Revolte von 1968, sie könnten die "versteinerten Verhältnisse" durch Bombenattentate und Entführungen zum "Tanzen bringen" (Karl Marx).

So meint etwa Geismar, daß "in einem modernen Land wie Frankreich die Taktik der Volks-Guerilla, die Partisanen-Aktionen -- erst unbewaffnet. dann bewaffnet -- die einzige Möglichkeit ist, die Macht der Bourgeoisie zu erschüttern und schließlich zu besiegen".

Übungsplatz: die Betriebe; Kampfform: Produktions-Sabotage. Geismar: "Wenn Sabotage an den Maschinen und Werkzeugen gemacht wird, ist das Ausdruck des Hasses und der Rache der Arbeiter."

Revolution mit Neubau-Bewohnern?

Auch in der Bundesrepublik war es der Pariser Mai, der die ungeduldigen Revolutionäre nach neuen Aufstandstaktiken suchen ließ. Und auch in Westdeutschland orientierten sich die Rebellen am Stadtguerilla-Konzept. Doch statt wie ihre italienischen oder französischen Genossen auf die Arbeiter zu setzen, kaprizierten sich die deutschen Revoluzzer auf die sozialen Randgruppen, auf die nichtintegrierten Schichten an der Peripherie der Wohlstandsgesellschaft -- "die Frauen, die Haushalt und Kinder haben und gleichzeitig in der Fabrik arbeiten müssen", die "proletarischen Jugendlichen, die keine Perspektive haben", "die Leute in den Neubaugegenden der Großstädte".

"Es hat keinen Zweck", verkündete die Baader-Meinhof-Gruppe nach der Baader-Befreiung aus dem Gefängnis im Mai 1970, "den falschen Leuten das richtige erklären zu wollen. Die Baader-Befreiungsaktion haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes."

Sie glauben, "daß man zu einer politischen Zusammenarbeit kommen muß ... mit dem Teil des Proletariats. der keine Gratifikationen dafür erhält in dieser Gesellschaft, daß er sich ausbeuten läßt". Und sie behaupteten, "daß die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik und West-Berlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt ist ... daß der bewaffnete Kampf als die "höchste Form des Marxismus-Leninismus' (Mao) jetzt begonnen werden kann und muß".

Wie die Gruppe freilich mit Banküberfällen, Einbrüchen oder Autodiebstählen die Massen zum bewaffneten Aufstand mobilisieren will, blieb bislang Geheimnis der gejagten Desperados. Die Randschichten regten sich nicht, die Studenten übten bestenfalls "solidarische Kritik", und allein bei den "Hosenscheißern", den arrivierten Intellektuellen, fanden die gehetzten Guerilleros dann und wann Unterstützung -- Adressen oder Wohnung für ein paar Tage.

Zwar tröstete U-Häftling Horst Mahler seine noch freien Gefährten zum Jahresbeginn: "Es besteht kein Grund, mit den bisherigen Resultaten unzufrieden zu sein". verwies auf die Tupamaros von Uruguay, die sieben lange Jahre an ihrer Infrastruktur gearbeitet hätten, "ehe sie mit spektakulären Angriffen in Erscheinung getreten sind", und versprach Freunden wie Feinden eine "zweite Phase", die "Phase der exemplarischen Angriffe auf den Unterdrückungsapparat".

"Die meisten sagen: Es geht nicht."

Doch seine Genossen ergriff -- so schien es -- Skepsis. Sie meldeten sich Anfang April erstmals mit Klagelauten aus dem Untergrund: "Die meisten sagen: Es geht nicht. Die meisten sagen: Die Massen wollen nicht. Viele sagen, jetzt kämpfen heißt den Faschismus provozieren."

Und tatsächlich -- die exotische Strategie findet unter den deutschen Linken kaum Sympathie. Denn anders als die illegalen Anarchisten folgen die legalen Marxisten heute eher den Verlockungen der bolschewistischen Partei-Doktrin, gründen straff organisierte Polit-Sekten und suchen Kontakt zu Arbeitern oder machten sich wie die Jusos auf den langen Weg durch die SPD zur systemüberwindenden Reform.

So gibt es denn auch nach den jüngsten Bombenanschlägen, die laut "Welt am Sonntag" von Westdeutschlands Linken vielfach "als Kavaliersdelikte" betrachtet und nur "mit einem herzigen Du-Du" bedacht wurden -- in Wahrheit keinen Zweifel daran, daß die anarchistischen Gewaltakte den Rechten nutzen. Die Bomben-Attentäter arbeiten, so Genscher, hauptsächlich dei CDU/CSU in die Hände. "Die merken gar nicht, daß ein anderer sich die Füße daran wärmt."

"Die meisten Gruppen der "Neuer Linken"", stellt selbst das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem jüngsten Jahresbericht fest, "bekennen sich zwar zur "revolutionären Gewalt", halten ihre Anwendung aber in der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung für unangebracht und primitiv." Die an den West-Berliner Hochschulen vertretenen "Marxistisch-leninistischen Zellen" beschimpften in ihrem Organ "MLZ" die Baader-Meinhof-Anhänger als "Abenteurer, die unter dem Mantel des Klassenkampfes ihren Aktionismus austoben wollen".

Und nicht einmal mehr bei West-Berlins linken Pennälern, denen es vor drei Jahren noch Freude bereitete, in Schülerzeitungen Bombenrezepte abzudrucken, finden Baaders Leute noch Beifall: Zwar wird ihnen -- so in der Lichterfelder Lilienthal-Oberschulzeitung "Lili" -- zugestanden, daß ihr "Anarchismus ... ein Produkt der Verzweiflung" sei. Wegen ihrer "blödsinnigen Terroraktionen" jedoch seien diese "Anarchisten aktiv zu bekämpfen "Die rote Fahne darf nicht länger im Bewußtsein des Volkes eingeschlagene Fensterscheiben bedeuten."

Den in der DKP organisierten und vom Radikalismus-Beschluß der Min -- sterpräsidenten zum Teil in ihrer beruflichen Existenz bedrohten Linken ist vollends klar, wem die Attentatsserie nutzt: "den Scharfmachern um Strauß, Barzel und Springer", denen "diese Sprengstoffanschläge willkommener Anlaß sind, Pogromstimmung gegen Sozialisten und Kommunisten, gegen alle fortschrittlichen Kräfte zu schüren" (DKP Hamburg).

Daß der Bombenmord, für den die Baader-Meinhof-Stadtguerilla verantwortlich gemacht wird, die ohnehin polarisierte westdeutsche Gesellschaft in immer stärkeren Konflikt treiben könnte, macht eine Studie deutlich, die der Bundeswehr-Oberleutnant Hans-Joachim Müller-Borchert in der Fachzeitschrift "lilie Polizei" veröffentlicht hat. Der Autor malt zudem den Terror aus, den eine Handvoll Desperados im komplizierten Gefüge des modernen Industriestaats entfalten kann -- will sie den totalen Krieg.

Die Vorstellung vom Total-Guerilla in den Großstädten eines westlichen Industriestaates mag demjenigen, der mit der Materie bisher nicht näher in Berührung gekommen ist, als "undenkbar" oder zumindest "undurchführbar" erscheinen, weil die im einzelnen dabei durchzuführenden Aktionen das Maß der Vorstellbarkeit an unhumaner Gewalt und krimineller Energie in unserer Gesellschaft weit übersteigen.

In der Eskalation ist mit dem eigentlichen Kern der Aktionen zu rechnen: etwa mit Sprengung von Wohnblocks, Liquidation einzelner bei den anschließenden Hilfsaktionen eingesetzter Hilfkräfte (Feuerwehr, Ärzte, Krankenhauspersonal) -- als Waffen werden Luftdruck- und Bolzanschußgeräte verwendet, als Munition aus "praktischen", vor allem aber psychologischen Erwägungen umgearbeitete Einwegspritzen mit Blausäure-Füllung -- und der Versendung von Spreng- und Brandsätzen per Luft- und Bahnpost.

Kurz vorher oder gleichzeitig werden Aktionen ausgelöst, die vordergründig als aufsehenerregende "Leistungsbeweise" der eigenen Schlagkraft gelten, tatsächlich jedoch Katastrophenschutz-Maßnahmen großen Umfangs auslösen sollen, um so weitere Kräfte des Staates zu binden. Auch hier erweist sich die Durchführung mit primitiven Mitteln bei näherer Prüfung als überraschend einfach: so etwa Anschläge auf Öltanker oder andere Schiffe auf der Reede, Anschläge auf eine Raffinerie-Anlage, teilweise Unterbrechung der Energie- und Wasserversorgung.

Die inzwischen wahrscheinlich allgemein herrschende Panikstimmung wird durch weitere Aktionen wie Anschläge auf Schulen (falls der Betrieb nicht inzwischen eingestellt wurde), Anschläge auf Warenhäuser und Anschläge auf öffentliche Verkehrsmittel, insbesondere U-Bahnen und S-Bahnen, verstärkt.

Um sich die bis zu diesem Zeitpunkt geschaffene Situation zu verdeutlichen, muß man sich vor Augen halten, daß alle bisherigen Aktionen in kürzester Zeit und mit äußerster Brutalität ausgelöst wurden.

Der totale Guerillakrieg in dem modernen Industriestaat Bundesrepublik -- nur eine düstere Vision im Polizeifachblatt oder auch die Konzeption der Baader-Meinhof-Gruppe?

Soviel schien Ende letzter Woche klar: Es soll weitergebombt werden. Die RAF hat bereits angekündigt: "Am 2. Juni folgen weitere Aktionen in den Metropolen der Bundesrepublik."


DER SPIEGEL 23/1972
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Die Guerilla kämpft aus dem Hinterhalt