22.05.1972

Datum: 22. Mai 1972 Betr.: Titel, Essay

Verschwiegenheit, so paradox das klingen mag, ist eine kardinale Journalistentugend. Die Bonner Redaktionsvertretung des SPIEGEL, die in den vergangenen Wochen dem Horrorstress mindestens so ausgesetzt war wie die
agierenden Politiker und die über das "Hier und Jetzt", das "Vielleicht doch", das "So nicht", das "Ja, aber" der Legislative drei Titelgeschichten und mehrere Texte in der Länge von Titelgeschichten produziert hat -- die Bonner waren nicht bereit anzugeben, wer wann wo mit wem gesprochen habe. Sie nennen nur Zahlen: Es bestand Kontakt mit elf Mitgliedern des Kabinetts, es sind in der vergangenen Woche dreiundsechzig Bundestagsmitglieder aus der Fraktion der CDU und CSU befragt worden, beim Frühstück um sieben Uhr früh, beim Mittagessen, beim Jagen in Österreich, am Vatertag. Manche Unionsabgeordnete haben die Einladung akzeptiert, das SPIEGEL-Büro in der Bonner Dahlmannstrasse vis-à-vis dem Bundeshaus zu besuchen, einer von ihnen zeigte sich ein wenig pikiert, als er den Wagen eines Kollegen vor dem Haus parken sah. In der Lobby des Bundeshauses wünschte sich der eine oder andere nicht so offenherzig zu geben: Ein MdB der CDU, so erzählen die Bonner, ohne den Namen preiszugeben, habe ihnen nach einem Informationsgespräch im Bundeshaus ausrichten lassen, was er da geäussert habe, entspreche nicht seiner Meinung; er habe es nur gesagt, weil ein Kollege in Hörweite neben ihm stand. Unter vier Augen gab er seine wirkliche Meinung zu Protokoll. Ein anderer Abgeordneter bekam von der Fraktionsführung einen Rüffel, weil er den SPIEGEL besucht hatte. Schwieriges Geschäft. Zitate müssen stimmen, gegebene Informationen auch, aber die können aus salvatorischen Gründen dementiert werden. Die Titelgeschichte in diesem Heft beschreibt, wie es zum Ja, zum Eigentlich-Ja, zum
Aber-doch-nicht-Nein für die Ost-Verträge kam (Seite 21).
Emnilio Quincy Daddario, 53, Autor des auf Seite 128 veröffentlichten SPIEGEL-Essays "Demokratie und Fortschritt", war Mitglied des amerikanischen Kongresses und hat sich vor zwei Jahren für die Demokratische Partei (ohne Erfolg) um das Amt eines Gouverneurs von Connecticut beworben. Im Wahlkampf
verlangte er damals "highest priority", jeden Vorrang, für den Pendlerverkehr von und nach New York City. Diese Art, dem Fortschritt bequemere Strassen zu verschaffen, ist ihm inzwischen verdächtig geworden. Er sagt nun, als unmittelbar bevorstehend, eine Kollision zwischen Fortschritt und Demokratie voraus, und er fragt, wieviel -- oder wie wenig -- Freiheit morgen noch möglich sein werde.

DER SPIEGEL 22/1972
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