22.05.1972

CHRISTEN/MARXISTENGeliebte Feinde

Die Paulus-Gesellschaft, einst Plattform des von Johannes XXIII. propagierten Dialogs von Christen und Marxisten, ist in eine Krise geraten.
Wir wissen noch nicht, wie es weitergehen soll, vielleicht ist unsere Uhr auch schon längst abgelaufen." Resignation schwang in der Stimme des Heidelberger Physiologie-Professors und Vorstehers der Paulus-Gesellschaft, Hans Schaefer.
Im Bad Godesberger Hotel "Arera", vor der Kulisse von Rhein und Siebengebirge, ging am vorletzten Wochenende die Frühjahrstagung der Gesellschaft ihrem Ende zu. Das Thema: "Religion und Politik".
Einst waren diese Veranstaltungen ein Magnet für Wissenschaftler aus Ost und West, ein Forum vor allem des Dialogs zwischen Christen und Marxisten. Nun bieten sie kaum mehr als das übliche Bild gelehrter Wochenend-Vorträge der Christen unter sich.
Der Dialog zwischen Christen und Marxisten "ist tot", verkündete unlängst der Wiener Linkskatholik und "Neues Forum"-Herausgeber Günther Nenning, ein Verdikt, das der Initiator und Gründer der Paulus-Gesellschaft, Pfarrer Dr. Erich Kellner, wenn auch eingeschränkt, bestätigt: "Der Dialog ist zeitweilig tot"
Begonnen hatte es ganz oben. Ungeachtet des Kommunisten-Banns seines Vorgängers Pius XII., hatte Papst Johannes XXIII. in seiner 1963 veröffentlichten Enzyklika "Pacem in terris" -- gerichtet nicht nur an Katholiken. sondern auch "an alle Menschen guten Willens" -- den Dialog mit "der anderen Seite" freigegeben. Katholiken, so der Papst, sollten die Meinung der anderen "sachlich und selbstlos prüfen und bereit sein, mit vereinten Kräften zu schaffen, was seiner Natur nach gut ist oder zum Guten gewendet werden kann".
Den endgültigen Brückenschlag zwischen den "geliebten Feinden" (Dr. Hans Werhahn, Halbvetter eines Adenauer-Schwiegersohnes) übernahm die Paulus-Gesellschaft. Nachdem sie 1955 als exklusiver Freundeskreis mit dem Ziel gegründet worden war, Theologie und Naturwissenschaften einander näherzubringen " wurde sie in den sechziger Jahren zur Plattform des christ-marxistischen Gesprächs.
Ein erster Höhepunkt war die große Salzburger Dialog-Konferenz im Mai 1965. Dort verkündete Roger Garaudy, damals noch ZK-Mitglied der französischen KP und deren intellektuelles Paradepferd" das Programm des Dialogs: "Die Zukunft des Menschen kann nicht gegen die Gläubigen aufgebaut werden, nicht einmal ohne sie; und die Zukunft des Menschen wird nicht aufgebaut werden können gegen die Kommunisten, nicht einmal ohne sie."
Noch freilich hielten sich die Ost-Kommunisten zurück. In Salzburg gehörten nur vier jugoslawische und bulgarische Professoren zu den Referenten und Diskussionsteilnehmern. Ein Jahr später in Herrenchiemsee waren es bereits zehn Gelehrte aus dem Osten.
Die Eskalation des Dialogs fand jedoch nicht nur Zustimmung, sondern auch Ablehnung. Der "Bayernkurier" sprach von einem Schulbeispiel, wie man dem Kommunismus die "Öffnung nach Westen" gestatte, "nachdem er das Eingangstor für die Freiheit nach Osten doppelt abgesichert hat". Und Professor Olof Klohr, Ordinarius für Wissenschaftlichen Atheismus an der Universität Jena, befürchtete sogar, die "selbstzerstörerischen Kontakte" zwischen Marxisten und Christen könnten der Einheit des marxistischen Lagers schaden.
In der Tat war die Befürchtung des Jenaer Professors nicht unbegründet. denn trotz Einspruchs der DDR und der Sowjet-Union gab die Prager Regierung im Frühjahr 1967 grünes Licht für einen großen Kongreß der Paulus-Gesellschaft in einem kommunistischen Land.
Im tschechoslowakischen Marienbad trafen sich Ende April 1967 rund 200 Christen und Kommunisten -- allein 80 aus dem "Osten" -, um vier Tage lang über "Schöpfertum und Freiheit in einer humanen Gesellschaft" zu diskutieren. Daß die Russen nicht gekommen waren und die DDR nur drei Christen die Reise erlaubt hatte, störte kaum die euphorische Resonanz auf diese Begegnung. Immerhin hatte vier Monate zuvor das Oberhaupt der katholischen Kirche, Paul VI., das Staatsoberhaupt der Sowjet-Union, Nikolai Podgorny" empfangen.
"Wir sind mehr Freund geworden, als wir vorher waren", jubelte Kellner am Schluß der Tagung. Die "FAZ" fragte, ob diese Tagung für beide Seiten vielleicht der "Aufbruch nach Damaskus" gewesen sei, und sogar der konservative "Rheinische Merkur" verzeichnete die "bemerkenswerte Tatsache", daß sich in Marienbad "eine Repräsentanz von Menschen traf, die durch ganze Welten getrennt sind".
Doch das Damaskus-Erlebnis kam schneller und anders als erwartet. Als im August 1968 Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR einmarschierten, zerstörten die Panzer den Glauben der Dialog-Anhänger an eine christ-marxistische Versöhnung.
Enttäuscht von der "brutalen Gewalt". verzichtete Kellner fortan, Marxisten zu den Tagungen der Paulus-Gesellschaft einzuladen, wohl wissend, "daß diejenigen, die man einladen möchte, nicht kommen durften, und diejenigen, die kommen würden. die Funktionäre und Linientreuen, niemand einladen wollte".
So blieb denn vom Dialog zwischen Christen und Marxisten vorläufig nicht viel mehr als die Erinnerung an eine glanzvolle Vergangenheit und ein Brief von Kanzleramtsminister Ehmke, in dem er der Paulus-Gesellschaft Pionierarbeit für die Ostpolitik der Regierung Brandt bescheinigte. Aber eben jener Politik wäre die diesjährige Tagung der Gesellschaft beinahe auch zum Opfer gefallen. Die geladenen Politiker sagten ab. Grund: das Gerangel um die Ostverträge.
Kellner setzt nun seine Hoffnung auf die KP Italiens, den letzten Brückenkopf des Dialogs auf dem linken Ufer. Italienische Kommunisten und Christen könnten der Welt -- so Kellner
"ein Beispiel für die Kooperation nicht nur der Technokraten, sondern auch der Ideologen" geben.

DER SPIEGEL 22/1972
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