22.05.1972

SOZIALMEDIZINLautlose Kräfte

Das erst drei Semester alte Sozial. medizinische Institut der Freien Universität Berlin soll wieder geschlossen werden, weil es nach Ansicht von Hochschulpolitikern von einer marxistischen Mehrheit beherrscht wird.
Gelehrte allerorten lobten den Plan und der Frankfurter Psychologie-Professor Alexander Mitscherlich sah darin "ein Gebot der Stunde" als vor zwei Jahren, im April 1970, das Kuratorium der Freien Universität Berlin einstimmig den Aufbau eines interdisziplinären "Zentralinstituts für Soziale Medizin" billigte.
Erstmals in der Bundesrepublik sollten Soziologen, Psychologen, Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler gleichberechtigt die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Krankheit und Gesellschaft -- Generalthema der Sozialmedizin -- erforschen und Vorschläge für eine bessere medizinische Versorgung der Bevölkerung erarbeiten.
Doch nun ist zweifelhaft, ob das Institut, das bis 1973 ausgebaut werden und dann 40 Wissenschaftler beschäftigen sollte, auch nur vier Semester lang existieren wird. Denn auf Drängen der stadtstaatlichen Wissenschaftsverwaltung soll -- möglichst noch in diesem Semester -- das FU-Kuratorium das fortschrittliche Unternehmen auf den minderen Rang einer herkömmlichen "wissenschaftlichen Einrichtung" in einen der herkömmlichen medizinischen Fachbereiche zurückstufen.
Schuld daran, so sagt der Vertreter des Berliner Wissenschaftssenators im Kuratorium, Professor Gerhard Hei mann, sei die "unvertretbare Entwicklung". die das Institut genommen habe. Heimann: "Wir können nicht warten. bis wir vor einem Scherbenhaufen stehen."
Und unvertretbar erscheint den FU-Aufsehern vor allem die Personalpolitik der Institutsgründer. Schon die Bestallung der ersten sieben wissenschaftlichen Mitarbeiter im vorigen Jahr verzögerte sich wegen heftiger Fehden zwischen linksliberalen und linken Mitgliedern des Gründungsausschusses um Monate. Schließlich erhielten, im Juni 1971, fünf marxistisch orientierte Assistenten den Zuschlag. Doch bis heute streiten sich Wissenschaftssenator Werner Stein und FU-Präsident Rolf Kreibich vor dem Verwaltungsgericht darüber, ob der Gründungsausschuß -- was Stein bezweifelt -- überhaupt befugt war, die fünf Sozialmediziner zu engagieren.
Konservative Mediziner wie der Neuropharmakologe Helmut Coper, ein Mitglied der "Notgemeinschaft für eine freie Universität", beantragten schon letzten Sommer die Sperrung aller Mittel für das Institut, weil dessen Mitarbeiter "marxistische Glaubensbekenntnisse verkünden" und dort eine "lautlose ... -- Unterwanderung durch radikale Kräfte" vonstatten gehe.
Und auch in der Presse stieß auf Widerspruch, daß eine aus fünf Fachbereichen zusammengesetzte Berufungskommission bei zwei der vier bislang ausgeschrieben en Professorenstellen für Soziale Medizin als Kandidaten junge Linke an erster Stelle nominiert hatte -- den Gießener Psychiater Professor Erich Wulff, 46, der sich einen "Marxisten in einem weiten Sinne nennt, und den Marburger Medizin-Soziologen Dr. Hans-Ulrich Deppe, 32. der von sich als "Sozialist" spricht.
Die "BZ" registrierte einen "kommunistischen Handstreich", der laut "Welt" "überzeugte Kommunisten -. auf die ersten Plätze" gebracht hatte; der "Abend" bezeichnete die Spitzenkandidaten als "Fraktionskollegen" von "Kommunisten", und auch die linksliberale "Frankfurter Rundschau" witterte eine SEW-nahe "Meisterhand im Hintergrund".
Für die Anhänger des Wissenschaftspluralismus an der FU und im Stadtsenat steht immerhin fest, daß die Berufung der beiden Professoren dem von linken Assistenten beherrschten Institut eine eindeutige marxistische Mehrheit sichern und mithin den Polit-Proporz gerade an einem für die reformierte Universität exemplarischen Institut vereiteln würde.
Zwar können beide Kandidaten darauf verweisen, daß die Sozialmedizin bislang von der traditionell rein naturwissenschaftlich orientierten deutschen Schulmedizin arg vernachlässigt worden ist. Auch ist naheliegend, daß diese Disziplin -- außer von einigen wenigen etablierten Gelehrten -- wegen ihrer gesellschaftlichen Bezüge durchweg von jüngeren, links oder linksliberal orientierten Wissenschaftlern betrieben wird.
Gleichwohl erscheint es auch Erzliberalen wie etwa dem FU-Vizepräsidenten Herbert Lax zu riskant, dem Institut von vornherein eindeutigen Linksdrall zu geben. "Der von uns gewünschte Pluralismus der reformierten Universität", dozierte der Medizinprofessor und Mitbegründer des Zentralinstituts für Soziale Medizin, "darf sich einfach nicht in solchen Mehrheiten darstellen."
Lax schlug deshalb dem FU-Kuratorium als Alternative zur Rückstufung des Zentralinstituts vor, die wissenschaftliche Ausgewogenheit durch Zuwahl weiterer, nichtmarxistischer Assistenten wiederherzustellen.
Das Kuratorium aber hatte eine andere Idee. Es beschloß am Montag vergangener Woche, eine Kommission zu bilden, in der renommierte Mediziner und Sozialmediziner aus Berlin und der Bundesrepublik ein "Gutachten über den wissenschaftlichen Ist-Zustand des Instituts ... erarbeiten" sollen.

DER SPIEGEL 22/1972
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