22.05.1972

MINERALÖLAG auf zwei Beinen

Mit Hilfe der unbekannten Firma Lion Refining versuchte die Stadt Germersheim, groß ins Raffineriegeschäft zu kommen. Jetzt übernahm die BP das Gelände der zahlungsunfähigen Lion.
Rheinland-Pfalz", das erkannte Hans Balzer, Manager der Mineralölfirma Lion Refining Deutschland GmbH, "hat einen sehr großen Nachholbedarf." Deshalb betrieb er in Germersheim am Rhein die Errichtung einer Großraffénerie, die der Kleinstadt Wohlstand verhieß.
Drei Jahre lang reüssierte das hilfreiche Unternehmen, "von der Mainzer Landesregierung favorisiert" ("FAZ") und bei der Landesbank mit Millionen hoch in der Kreide, vorwiegend gedanklich. Dann gab Hans Balzer -den das Amtsgericht Germersheim nach fruchtloser Pfändung von 2000 Mark in einer anderen geschäftlichen Sache zur Ableistung des Offenbarungseids vorlud -- frohsinnig bekannt: "Ich habe es geschafft."
Dem Ölmanager Balzer blieb der Weg zum Konkursrichter erspart. An seine Stelle trat Dr. Hellmuth Buddenberg, Vorstandsmitglied der Hamburger BP Benzin und Petroleum AG (Slogan: "Die Kraft. mit der Sie in jeder Situation rechnen können"), und übernahm den verworrenen Nachlaß der Lion Refining: Statt der geplanten Lion-Raffinerie mit Investitionen von 750 Millionen Mark entsteht nunmehr in Germersheim ein BP-Tanklager.
"Große Dinge werden eben immer unter Schmerzen geboren" -- mit solchem Trost hatte Ortsbürgermeister Siegfried Jantzer jahrelang des von Lion -- Manager Balzer angesagten freu -- digen Ereignisses geharrt. Die karge Südpfalz wollte nicht länger unter dem Spottwort leiden: Rechtsrheinisch arbeitet die Industrie, am linken Rheinufer stechen die Schnaken. Die Super-Öldestille, das galt als ausgemacht, sollte zum ordentlichen Sieben-Millionen-Etat der Gemeinde jährlich wenigstens zwei Millionen Mark beisteuern.
Die Wohltäter wurden aus Mainz eingewiesen. In der Narrenmetropole, zur Fastnacht 1969, hatte das Stück aus dem Komödienstadel der linksrheinischen Kommunalpolitik damit begonnen, daß die Lion-Emissäre in Regierungsdirektor Dr. Egon Augustin einen Gönner fanden (SPIEGEL 52/1 971).
Zwei veritable US-Bürger. Rudolf Ziemba und John Dunning, repräsentierten die "Hauptverwaltung der US-Firma" (Jantzer). Daß sie Lions Generaldirektoren waren, hatte Augustin am Akzent erlauscht; er erriet aber nicht. daß der "amerikanische Ölkonzern" ("Pfälzer Tageblatt") als Schweizer "Aktiengesellschaft auf zwei Beinen" mit der kümmerlichen Wegzehrung von 50 000 Franken (dem gesetzlichen Minimum) just eben erst in Genf gegründet worden war.
Statt US-Kapital, wie Jantzer erhoffte, brachten die transatlantischen Ölmagnaten mangels kuranter Landeswährung nur den Wunsch nach D-Mark mit. Lion-Geschäftsführer Hans Balzer ("Ich habe kreditmäßig große Erfahrung") hatte eine Idee.
Germersheim, so sein Modell der freihändigen Kreditschöpfung, gab Lion am neuen Rheinhafen für 9,45 Millionen Mark 180 Hektar kommunales Industriegelände und bestellte darauf eine Grundschuld zu Lasten der Stadt -- denn die Käufer ermangelten sogar barer Mittel für die fällige Grunderwerbsteuer. ohne deren Zahlung sie nicht Eigentümer hätten werden können. Damit kamen die Unternehmer. nun als Grundbesitzer bei jedem kreditwürdig, bei der Mainzer Landesbank ans große Geld.
Lion-Promoter und Regierungsdirektor Dr. Egon Augustin. als Chef der Wirtschaftsforderungsgesellschaft Rheinland-Pfalz in Hoppenstedts Handbuch unter den "leitenden Männern der Wirtschaft" notiert, scheute um der Sache willen nicht einmal das ganz persönliche Risiko: 1969 erstand er in Gesellschaft des bekannten Weinhändlers Günther Reh von der Mosel, Schöpfer der Marke "Laurentiuskapelle Spätlese", wohlfeil ein stattliches Areal am Germersheimer Hafen, auf dem sich der Maizena-Knorr-Konzern als Mieter ansiedelte.
An der Ölfront indes, wo Bürgermeister Jantzer "bei der Gründlichkeit der bisherigen Vorarbeiten" um Verständnis für "gewisse Anlauf- und Planungsschwierigkeiten" warb, trat totale Ruhe ein. Von den erträumten "großen Dingen" kündete lediglich der Text einer einsamen Holztafel: "Hier entsteht eine Erdölraffinerie der Lion Refining." Denn nicht "eine Weltfirma des amerikanischen Kontinents" (so der Germersheimer Landrat) und auch nicht "persische Öl-Interessen". wie die "FAZ" ("dem Vernehmen nach") glaubte berichten zu müssen, standen hinter Lion Refining, sondern -- nichts.
Vergebens hatte Hans Balzer, assistiert von dem eifrigen Augustin, den Germersheimer 180-Hektar-Claim in der Ölzunft meistbietend herumgeboten. Niemand wollte ihn haben, obgleich die Verkäufer mit Amtspapieren --Genehmigung zum Bau einer Ölraffinerie am Rhein -- werben konnten. Balzer: "So leicht. wie uns das damals gelungen ist, läuft das nicht mehr, denn die Umwelt-Hysterie nimmt immer gröbere Formen an."
Zunehmend unschöner entwickelte sich auch die Kassenlage. Während der "Stadtanzeiger"" Jantzers Rathaus-Blättchen, noch über die "Einrichtung der Baustelle" fabulierte, war Lion Refining, mit zwölf Millionen Mark bei der Landesbank verschuldet, mangels weiterer Kreditmöglichkeiten bereits zahlungsunfähig.
Das war die Stunde der BP, nicht des Germersheimer Bürgermeisters Jantzer, der für den Fall einer "knirschenden Situation" bereits eine Erklärung vorbereitet hatte: "Die Zeit arbeitet für uns, mit jedem Tag wächst der Wert des Geländes" Dr. Hellmuth Buddenberg von der BP sorgte jäh für Preisstabilität: Der Konzern kaufte das 180-Hektar-Areal in der vergangenen Woche für 9,45 Millionen Mark zu genau demselben Quadratmeterpreis (5.25), den Lion Refining schon vor drei Jahren ausgehandelt hatte, und die Stadt bemüht sich für BP um weitere 100 Hektar.
Dort installiert BP bis 1977 lediglich ein Tanklager. Für die Errichtung einer Raffinerie hingegen, so Jantzer betrübt, war eine "Bauverpflichtung von BP nicht zu erlangen".
Von 1980 an steht der Stadt, wenn BP nicht baut, ein Rückkaufsrecht zu -- sofern Germersheim dann der BP 14,7 Millionen Mark Kaufpreis samt Erschließungskosten erstattet zuzüglich sechs Prozent Zinsen ab 1972: zusammen mehr als 21 Millionen Mark.
Vorher jedoch, so neue Gesetze oder nur die Wirtschaftslage den Bau und Betrieb einer Raffinerie behindern, darf BP ihren Grundbesitz "jederzeit freihändig, d. h. ohne Auflage, verkaufen". Nur muß dann der Konzern mit der armen Stadt die Hälfte von jenem Mehrerlös redlich teilen, der das Limit von "mehr als 27 Millionen Mark" übersteigt.
"Der Nettovermögenserlös der Stadt ist etwa mit zehn Millionen Mark zu veranschlagen", freute sich dennoch Bürgermeister Jantzer. Lion -Manager Hans Balzer steuerte dazu bare 400 000 Mark bei. Hochherzig verzichtete er auf diesen Rest des Erfolghonorars von 900 000 Mark, das ihm der Stadtrat zu Beginn der Öl-Ära spendiert hatte. Echte Liquidität freilich war ihm dadurch ohnehin nicht zuteil geworden, denn der bereits ausgezahlten Rate von 500 000 Mark hatten sich sofort habgierige Banken und andere Gläubiger bemächtigt.
Balzer findet Genüge an der "Kleinigkeit", die laut Vertrag mit der BP nach Abzug der Spesen für Lion als Profit übrigbleibt: "etwa 2,8 Millionen Mark". Immerhin habe er dabei "sehr, sehr viel gelernt", und er ist bereits dabei. sein neues Wissen zu "verwerten". Seine nächste Raffinerie nach Germersheimer Modell ("Meine Weichen sind schon gestellt") plant er bei Heilbronn, weitere Ölprojekte hält er für die "leeren Räume" von Kassel, Nürnberg und Schwaben parat.

DER SPIEGEL 22/1972
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