22.05.1972

SEXUALMEDIZINKonferenz der Hormone

„Katastrophal und unsachlich“ nennt der Hamburger Sexualforscher Volkmar Sigusch in einer soeben erschienenen Untersuchung die sexualmedizinische Beratung in deutschen Arztpraxen.
Masturbation sei "eine widernatürliche Selbstbefriedigung des Geschlechtstriebs bis zum Eintritt des Orgasmus", außerehelicher Geschlechtsverkehr eine "Störung in der sexuellen Stilform" und Empfängnisverhütung nichts anderes als "Betrug der Frau um ihr Mutterglück".
Solche und ähnlich anachronistisch anmutende Aussagen las der Hamburger Mediziner Volkmar Sigusch nicht etwa in kirchlichen Aufklärungsbüchern vergangener Jahrhunderte. Sie sind vielmehr in durchaus neuzeitlichem Schrifttum zu finden: in medizinischen Lehrbüchern, die erst vor wenigen Jahren veröffentlicht wurden geschrieben von Medizinern für Mediziner.
Masturbation wie außerehelicher Geschlechtsverkehr werden von dem Professoren-Ehepaar Franz und Margarete Fleck in ihrem 1968 erschienenen Fachbuch "Organische und funktionelle Sexualerkrankungen" verurteilt. Gegen die Empfängnisverhütung wetterte der 1968 verstorbene Tübinger Gynäkologe August Mayer in seinen Schriften, die nach wie vor zum Lesegut der Medizin-Studenten zählen. Und aufgrund solcher Lehrmeinungen diagnostizierte der Hamburger Arzt Sigusch bei Berufskollegen ein hartnäckiges Leiden: Viele Ärzte in Deutschland haben ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität.
Volkmar Sigusch, 31, arbeitet am Institut für Sexualforschung in Hamburg und lehrt als Privatdozent an der Hamburger Universität. Als erster Mediziner in Deutschland habilitierte er sich dieses Jahr für das Fach Sexualwissenschaft.
In seiner soeben erschienenen Analyse der einschlägigen medizinischen Forschung, Ausbildung und Praxis kritisiert Sigusch die sexualmedizinische Versorgung von Patienten als "katastrophal und nachweislich unsachlich"*.
Denn obwohl die Bedeutung sexueller Störungen und ihre negativen Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden längst bekannt seien, würden die Ergebnisse sexualwissenschaftlicher Forschung von der Schulmedizin nach wie vor ignoriert und Probleme der Geschlechtlichkeit in vielen ärztlichen Praxen ausgeklammert.
In seinem Buch bemängelt Sexforscher Sigusch vor allem, daß viele Ärzte > sexualmedizinisch dilettieren, weil sie lediglich aufgrund persönlicher Erfahrungen und Weltvorstellungen die sexuellen Verhaltens- und Reaktionsweisen ihrer Patienten als entweder "normal", "krank" oder "schädlich" diagnostizieren; > nicht nur wegen fehlender Sachkenntnisse, sondern auch emotional außerstande sind, auf die sexuellen Schwierigkeiten ihrer Patienten ein zugehen, weil sie "in einem erheblichen Maß selber sexuelle Probleme. Konflikte und Ängste haben"; sich überwiegend noch als Obermittler einer verklemmten Sexualideologie gebärden und als "therapeutisches Ziel" die Unterdrückung und Beseitigung der Sexualität anstreben;
sexuelle Störungen mit drakonischen Mitteln behandeln, indem sie beispielsweise Homosexuelle durch chirurgische oder hormonale Kastration, durch Gehirnoperation oder Elektroschocks zu Heterosexuellen machen wollen. Sigusch: "Im Grunde nicht weniger makaber, als wenn man Heterosexuelle zu Homosexuellen umpolen wollte."
Für die sexualfeindliche Haltung der Mediziner ermittelte der Hamburger Sexologe vor allem historische Ursachen. Sigusch: "Die Medizingeschichte ist zugleich eine Geschichte des Kampfes gegen Sexualität."
Bis ins IX. Jahrhundert war die Beschäftigung mit der Sexualität weitgehend den Theologen überlassen, die sie aufgrund der christlichen Lust- und Leibfeindlichkeit als Sünde disqualifizierten. Später entdeckten die Mediziner, daß nahezu alle damals bekannten Krankheiten die Folge sexueller Betätigung seien. Vor allem die Selbstbefriedigung (Masturbation) wurde als Ursa-
* Volkmar Sigusch: "Ergebnisse zur Sexualmedizin". Wissenschafts-Verlag GmbH Köln; 50 Seiten; acht Mark
ehe zahlloser Gebrechen gebrandmarkt -- von der Stuhlverstopfung bis zu Rheumatismus. Blindheit und Wahnsinn.
Bis in die Mitte unseres Jahrhunderts verordneten die Ärzte wahre Roßkuren gegen das vermeintliche Leiden: Bei Männern durchtrennten sie die Penisnerven. bei Frauen amputierten sie die Klitoris oder nähten einfach die Schamlippen zu. Anweisungen zum Verstümmeln lustspendender Organe sind noch in medizinischen Büchern der 40er Jahre zu finden.
Noch 1968 lehrte das Professoren-Paar Fleck, daß es "wegen der leichten Ausführbarkeit der Selbstbefleckung" häufig "zur Übertreibung" komme. Folgen: "depressive Verstimmung, Minderwertigkeitsgefühl, paranoide Reaktionen". Obgleich die Masturbation keine Krankheit "im versicherungsrechtlichen Sinne" sei. unterbreiteten die Autoren Therapie-Vorschläge: "Schlafen in kühlen Leinenbetten mit Händen über der Decke. Nachts Tragen von Schwimmhose, evtl. abends Bromnatrium".
Daß Sexualität außer einer Fortpflanzungs- auch eine Lustfunktion hat, wird von der Schulmedizin bis heute ignoriert. Die meisten Ärzte, so urteilt Sigusch. hängen einer "in höchstem Maße inhumanen Reproduktionsideologie" an.
Zwar versuche man nicht mehr nachzuweisen -- wie noch 1933 der Gynäkologe R. Elkan -, daß Frauen gar keinen Orgasmus erreichen könnten; statt dessen werde der Orgasmus nun zum zusätzlichen, die Empfängnis fördernden "Vehikel" (Sigusch) degradiert.
Denn Sexualität als Selbstzweck ist vielen Ärzten noch immer suspekt. "Genußfähigkeit"" so lesen Medizin-Studenten im noch heute gebräuchlichen Standardwerk des Frauenheilkundlers Walter Stoeckel, sei "wie beim Tier an die Konzeptionsfähigkeit gebunden". Und nur schwer konnten sich Fortpflanzungs-Fanatiker wie der Münchner Karl Saller mit der Erfindung der empfängnisverhütenden Pille abfinden. "Die Antibabypille", so warnte Saller in seinem Buch "Sexualität heute", mache die Frauen "letzten Endes temporär krank". Und der Starnberger Frauenarzt Eberhard Schaetzing pflichtet dem Anthropologen Salier bei: Die Ovulationsbemmer stoppten die "gesunden rhythmischen Funktionen des Weibes" und würden die Frau damit "um die immer beglückende Gipfelkonferenz der Hormone gelegentlich der Ovulation" betrügen.
Wie dringend notwendig es für Deutschlands Ärzte sei, endlich ihre Rolle als "Hüter und Dienstmänner der amtierenden Sexualideologie" (Sigusch) aufzugeben und sich "sachlich und unvoreingenommen mit den Erkenntnissen der Sexualwissenschaft zu befassen, belegt Sexforscher Sigusch anhand einer Untersuchung des Berliner Psychotherapeuten und Seelsorgers Klaus Thomas. Von 10 000 verzweifelten und selbstmordgefährdeten Patienten, die Thomas in seiner "Lebensmüdenbetreuung" behandelte, hatten mehr als die Hälfte "wesentliche Konflikte und Krankheitssymptome im sexuellen Bereich".

DER SPIEGEL 22/1972
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