22.05.1972

UNTERNEHMENFalsche Wechsel

Die Lübecker Staatsanwaltschaft ist bei der Ermittlung einer Steuerabschreibungs-Affäre auf eines der größten Betrugsmanöver der Nachkriegszeit gestoßen.
In der Lübecker Eschenburgstraße 5, Sitz der Mistral Schiffahrts- und Verwaltungsgesellschaft, nahm ein dreiköpfiger Kommanditistenbeirat Firmengründer und Hauptgesellschafter Horst W. Murmann, 39, in ein peinliches Kreuzverhör.
Das inquisitorische Meeting, auf dem die Kommanditisten den Verbleib von 20 Millionen Mark Kommanditeinlagen klären wollten, wurde jedoch schon nach wenigen Minuten unterbrochen: An der Haustür meldeten sich zwei Kriminalbeamte, die Murmann unter dem "Verdacht, erhebliche Beträge zum Nachteil der Kommanditisten veruntreut und ins Ausland transferiert zu haben", verhafteten.
Die Polizeiaktion beendete eine Blitzkarriere, die den norddeutschen Diplomkaufmann zum Chef eines internationalen Firmen-Imperiums gemacht hatte. Zuletzt beherrschte Murmann 42 deutsche und Schweizer Unternehmen, darunter die Lübecker GLS-Gesellschaft für Luft- und Schiffahrt, die Rocca Finanz AG in Glarus und die Gesa Kurhotel und Sanatorium Gesellschaft in Freyung.
Schon beim Aufbau seines Firmennetzes war der Sohn eines norddeutschen Waffenfabrikanten in seinen Geschäftspraktiken freilich nicht pingelig. Unternehmen, die nicht recht florieren wollten, ließ er kurzerhand in Konkurs gehen, so die Münchner Filmgesellschaften "Inter-Allianz Filmhandelsgesellschaft" und die "Monachia-Zeyn-Film-Produktionsgesellschaft".
Nach diesen Pleiten versuchte der ehrgeizige Jungunternehmer sein Glück in der Eisenindustrie. Von Vater Walter erwarb er die Bad Oldesloer Nordguß GmbH, die er zu einer der größten norddeutschen Gießereien ausbauen wollte.
Im Herbst 1969 kaufte er zusätzliche Werksanlagen und verblüffte die Branche mit einem gewagten Finanzierungsversuch: Der Newcomer ließ für 50 Millionen Mark Kommanditanteile ausgeben, die er Rechtsanwälten, Ärzten und anderen wohlhabenden Freiberuflern mit Hilfe des Zonenrandförderungsgesetzes schmackhaft machte. Insgesamt sollten die künftigen Mitgesellschafter "Abschreibungsvorteile von 185 Prozent" kassieren dürfen.
Als die Kommanditistengelder nicht so schnell flossen, wie Murmann erwartet hatte, versuchte der Chef, seine hochfliegenden Pläne bedenkenlos mit Einlagen aus der von ihm gegründeten Mistral-Gruppe (insgesamt vier Gesellschaften) durchzusetzen. Wie der Hamburger Steuerberater Max Wilhelm jetzt feststellte, sind allein bei der zweiten Mistral -- Beteiligungsgesellschaft "sieben Millionen Mark fremdverwendet worden". Wilhelm: "Das Geld floß nach Zürich und in die Nordguß."
Fehlbeträge entdeckten Murmanns Miteigentümer auch bei anderen Steuerabschreibungs-Gesellschaften. Allein bei Mistral 3 fehlen rund vier Millionen Mark. Die Kommanditisten der Mistral-Gruppe waren dem Konzernbastler ins Netz gegangen, weil er ihnen mit hilfe von Zonenrandförderungsgesetz und Berlinhilfegesetz Verlustzuweisungen bis zu 222 Prozent verschaffen wollte.
Die großzügigen Prospektversprechungen erwiesen sich jedoch als Bluff. Denn von insgesamt zwanzig Schiffen (Stückpreis: rund zwei Millionen Mark), die für die Mistral-Gruppe auf Kiel gelegt werden sollten, lief bis heute nicht ein einziges Flußboot vom Stapel. Geschäftsführer Hasso Prasuhn von der Hamburger Wertpapier-Firma HAT Hanseatische Anlage Treuhand KG: "Auf Murmanns Zwolle-Werft in Holland liegen nur eineinhalb Schiffsrümpfe."
Der Eisenindustrielle ließ es bei der Gründung von Schiffahrtsfirmen freilich nicht "bewenden. So gründete er in Niederbayern das Gesa-Kurhotel Wolfstein und engagierte sich auch beim Bau des Luxus-Hotels Punta del Sol auf Teneriffa. Außerdem erwarb er die Bremerhavener Norddeutsche Hochseefischerei AG (Nordhag), die über zehn Schiffe mit einer Gesamttonnage von rund 10000 Bruttoregistertonnen verfügte.
Die neue Flotte sollte Murmann zum großen Geld verhelfen. Drei ihrer Schiffe schickte er zum Fischfang vor die westafrikanische Küste und verhökerte die Fänge in Ghana. Allerdings übersah Murmann, daß sein in Afrika verdientes Geld nicht in die Bundesrepublik transferiert werden konnte. Dadurch geriet er bei den Schiffshypothekenbanken in Zahlungsverzug, so daß das afrikanische Abenteuer kurzerhand abgebrochen werden mußte. In der Hauptversammlung der Nordhag wurde dem Chef später "wegen Unregelmäßigkeiten in der Vorstandstätigkeit" die Entlastung verweigert.
Murmanns seltsame Geschäftspraktiken ließen bei seinen Partnern bald Zweifel an der Honorigkeit des Jungunternehmers aufkommen. Schon im Dezember 1969 zwangen sie ihn, die Nordhag-Reederei und das gesamte Anlage-Vermögen der Nordguß GmbH an die von ihnen neugegründete Industrie-Beteiligungsgesellschaft Nord mbH in Bad Oldesloe zu übertragen.
Der entmachtete Konzernchef hielt sich in den nächsten Monaten unter anderem mit gesetzwidrigen Wechselmanipulationen über Wasser. So zeichnete er auf mehreren Wechseln trotz seines Ausscheidens aus dem Bad Oldesloer Firmenverband weiterhin als Nordguß-Geschäftsführer und ließ die Akzepte über seine eigene Rocca Finanz AG der Industrie-Beteiligungsgesellschaft Nord präsentieren.
Auf diese Weise versuchte er, bei der Nordguß-Rechtsnachfolgerin rund 600 000 Mark zu kassieren. Geschäftsführer Theodor Sievertsen von der Industrie-Beteiligungsgesellschaft Nord: "Wir konnten in mehreren Prozessen nachweisen, daß die Forderungen gegen uns zu Unrecht bestanden, weil Murmann zum Zeitpunkt der Wechselbegebung nicht mehr vertretungsberechtigt war."
Obwohl M urmanns Ex-Partner schon im Juni 1970 die Staatsanwaltschaft alarmierten, konnte der Wechselkünstler seinen Geschäften ungehindert weiter nachgehen. 1971 tauchte er zum Beispiel als Chef in der Hamburger Flohrbank auf, deren Aktien-Mehrheit kurz zuvor von den Schweizer Briefkasten-Firmen Somasi SA (Freiburg), Rocca Finanz AG (Glarus), Industrial Development Company (Zürich). Capella Contor Chur (Graubünden) und Terraver AG (Luzern) übernommen worden war.
Als Murmann von den Eidgenossen zum Vorstand der Bank bestellt wurde, vermuteten Insider, bei den Schweizer Firmen handele es sich um reine Murmann-Firmen. Inzwischen wurde der Verdacht bestätigt: Recherchen des Kommanditisten und Münchner Rechtsanwalts Dr. Otto Mayer ergaben nämlich, daß Murmann als Alleinbevollmächtigter der Rocca Finanz AG auf mehreren Wechseln quergeschrieben hatte.
Daß Bankier Murmann kein größeres Unheil anrichten konnte, ist dem Berliner Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen zu danken. Weil dem Flohrbank-Management die "fachliche Eignung und persönliche Zuverlässigkeit" fehlte, entzogen die Berliner Beamten der Bank kurzerhand die Lizenz.
Nach neuesten Recherchen ist es Murmann sogar gelungen, Manager des Ostblocks hereinzulegen. Bei der Belgrader Tito-Werft zum Beispiel plazierte er im Namen der "International Securities Financial Establishment" in Vaduz einen 40-Millionen-Auftrag über 24 Schiffe. Zur Vertragsunterzeichnung stellte er den Jugoslawen einen Scheck über 1,3 Millionen Mark aus und versprach, den Rest in Monatsraten zu je zwei Millionen Mark zu bezahlen.
Als das Geld ausblieb, wandte sich die Werftdirektion unverzüglich an die Rocca Finanz AG, die für den Auftrag eine Bürgschaft übernommen hatte. Verblüfft mußten die Jugoslawen nun feststellen, daß sie einer Briefkasten-Firma aufgesessen waren. Rechtsanwalt Mayer: "Jetzt sitzen die Herren auf Tonnen von Rohmaterial und wissen nicht, was sie mit den schon bestellten Schiffsmotoren anfangen sollen."
Den Kommanditisten der Mistral-Gesellschaften blieben solche Eskapaden ihres vielbeschäftigten Firmengründers freilich bis zuletzt verborgen. Erst als Murmann sich von zwei Geschäftsführern trennte und sie durch den Griechen Georges Stylianoudis (Spitzname Stilli) ersetzen ließ, begannen sie, den Chef genauer zu beobachten.
Auf einer Gesellschafter-Versammlung der vierten Mistral-Beteiligungsgesellschaft gelang es den Kommanditisten. Murmann in die Enge zu treiben. Nach einer stürmischen Debatte mußte der Chef zugeben, daß in der Firma außer Konstruktionszeichnungen nur noch 23 000 Mark vorhanden waren. Eingezahlt hatten die Kommanditisten 9,3 Millionen Mark.
Da Murmann vor dem Haftrichter über den Verbleib des Geldes keine Auskunft geben wollte, kann der Staatsanwalt den "Geldfluß" jetzt nur in einem geduldigen Puzzlespiel rekonstruieren. Von Murmanns ehemaligen Angestellten ist dabei kaum mit Unterstützung zu rechnen. Über ihren Schreibtischen in der Lübecker Befehlszentrale hängt nämlich schon seit geraumer Zeit der Spruch: "Meine Arbeit ist so geheim, daß ich gar nicht weiß, was ich überhaupt mache.

DER SPIEGEL 22/1972
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