22.05.1972

PRESSELeicht Verwirrung

„Die Welt“, Axel Springers „Kampfblatt“, vermittelt ihren Lesern zusehends ein Weltbild, das der Wirklichkeit kaum mehr ähnlich ist -- durch manchmal plumpe, mitunter subtile Nachrichtenmanipulation.
Seit es in der Bundesrepublik eine SPD/FDP-Regierung gibt, stellt Axel Cäsar Springer die außerparlamentarische Opposition: mit "Bild" und "BZ"" "BarnS" und "WamS". Sein Renommierstück. die laut Untertitel noch immer "unabhängige" Tageszeitung "Die Welt". dient ihm erklärtermaßen als "Kampfblatt". "Welt"-Chefredakteur Dr. Herbert Kremp begreift seine Redaktion als "kämpferischen Orden".
Unablässig, von Anfang an, beutelten die Springer-Blätter Westdeutschlands erste Linksregierung -- allen voran "Die Welt". Zweieinhalb Jahre lang mußte Ausgabe für Ausgabe herhalten. die sozialliberale Politik zu diskreditieren. Besser, schlimmer hätte die CDU/CSU die Regierenden auch nicht kontern können, als es Springers Blatt in Kommentaren und Karikaturen. mit Nachrichten und Nachrichtenmanipulationen fertigbrachte.
Doch nun, da sich der publizistische Kampf zu lohnen scheint und die parlamentarische Basis der geschmähten Regierung brüchig geworden ist, wird auch der Verschleiß an der "Welt" sichtbar. Springer und seine Helfer haben das Blatt, das einmal so etwas wie eine deutsche "limes" werden sollte, an den Rand gebracht: politisch auf Rechtsaußen, journalistisch nahezu auf Null, finanziell ins Defizit.
Dem Kampfblatt fehlt es an Lesern, dem Orden laufen die Journalisten weg:
* Die verkaufte "Welt"-Auflage, die sich Mitte der sechziger Jahre auf über 240 000 Exemplare täglich belief, stagniert -- nach einem kurzfristigen Aufschwung im Jahre 1969 -- am bisherigen Auflagentiefpunkt von rund 219 000 Exemplaren. Das Blatt erwirtschaftet seit Jahren keinen Gewinn mehr, die Verluste gehen in die Millionen.
* Seit 1970 haben 45 Journalisten die "Welt" verlassen oder verlassen müssen -- ein für bundesrepublikanische Verhältnisse ungewöhnlicher Exodus. Nach einer Manager-Notiz gilt seit 1969 die Springer-Regel, wer gegen die Kampfblatt-Linie "in Obstruktion mache", sei "in irgendeiner Weise klug auszuschalten" --
Ersetzen mußte Kremp allein seit letztem Herbst den Literatur-Chefkritiker Jost Nolte, den Kultur-Chef Dr. Fritz Hufen, den Wirtschafts-Kommentator Dr. Rudolf Herlt, die "Welt"-Korrespondenten Dieter Lau (Frankfurt) und Dr. Dirk Bavendamm (Düsseldorf). die Feuilleton-Redakteure Dr. Manfred Leier und Ulrich Schnapauff, den Londoner Wirtschaftskorrespondenten Wilfried Kratz, Politik-Redakteur Dr. Paul Schulmeister, Sportjournalist Manfred Lehnen und Reporter Christian Habbe; demnächst gehen der Wirtschaftsredakteur Dr. Werner Mühlbradt, die Korrespondenten Dr. Rudolf Strauch. Günter Krems (beide Bonn) und Dr. Rudolf Großkopff (München). Schnapauff, seit Jahresanfang Persönlicher Referent des Hamburger Wissenschaftssenators: "Ich habe gekündigt, weil dies nicht mehr dieselbe Zeitung ist, bei der ich 1964 angefangen habe."
Sicher nicht. Längst nicht mehr ist sie die weltoffene Tageszeitung mit liberalem Grundton. schon gar nicht mehr das ausgewogene Nachrichtenblatt angelsächsischer Prägung." Man findet jetzt in der .Welt" Auffassungen, die vor fünf oder acht Jahren Gedankengut der "National-Zeitung" waren" -- das schrieb die rechtsradikale "Deutsche National-Zeitung und Soldaten -Zeitung" schon im Jahre 1966. Und seitdem hat sich das Blatt. immer rechts entlang, noch fortentwickelt.
Heute rückt die Zeitung keinen distanzierenden Vorspann ein, wenn der Erlanger Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps in einem auf der Seite "Die Geistige Welt" abgedruckten Beitrag bedauern darf, daß Militarismus und Faschismus in der Bundesrepublik noch nicht Fuß gefaßt haben: "Da kein neuer General von Seeckt und kein Obristenkader bei uns zur Verfügung steht, wird vielen wohl als der einzig denkbare "starke Mann", der solche Maßnahmen durchführen könnte. Franz Josef Strauß erscheinen."
Dem Kopf blatt des Verlegers, der nach eigenem Bekunden "zu einer Art letzten Schlacht für die Freiheit angetreten" ist, erscheinen bundesrepublikanische Großstädte als "Deutschlands Pripjetsümpfe", in denen sich ""Friedensfreunde", Agenten, Saboteure im "Schweigenetz", ("Welt"-Schlagzeile) tummeln, für deren Bekämpfung die Bundeswehr noch immer "unzureichend ausgebildet" sei.
Und die "Welt" ist nicht einmal sicher, ob nicht auch Herbert Wehner ein Agent des Ostens ist: Bislang jedenfalls habe die Bundesregierung, hieß es unlängst in einer Serie unter dem Titel "Die Partisanen sind unter uns", auf entsprechende Verdächtigungen "nicht überzeugend reagiert".
"Selbst Leser", schrieb die bürgerlich-seriöse "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ"), "die in ihren politischen Ansichten Springer zuneigen, sind befremdet über mancherlei sprachliche Deftigkeiten auf seinen Zeitungsseiten. Oft wünschen sie sich, Meinungen und Nachrichten in Springer-Zeitungen ausgewogener dargeboten zu bekommen. Es wird auch nicht selten nach dem "Programm der Mitte" gesucht, mit dem Dr. Herbert Kremp einst als Chefredakteur der "Welt" angetreten ist."
Tag für Tag demonstriert die "Welt", wie sehr bei dem -- laut "FAZ" -. "politischen Eiferer" Springer und seinen Nacheiferern die Maßstäbe sich verschoben haben und verschieben lassen. Sichtlich systematisch wird Unmenschlichkeit im kommunistischen Osten registriert und Ungerechtigkeit im kapitalistischen Westen verdrängt, Linksextremismus im Innern zur Staatsbedrohung stilisiert und Reformwille als rotes Teufelswerk denunziert.
Dabei geht in Ordnung, daß sich die "Welt" als "Kampfblatt" gegen die sozialliberale Koalition, gegen Liberale, Halblinke und Linke versteht. Den Sozialdemokraten "neomarxistische Neuerungssucht" zu attestieren und den Freidemokraten einen "radikaldemockratischen Sozialismus" nachzusagen, ist eine Frage der Perspektive -- in die sich auch fügt, daß die NPD "keine Rechte, sondern nur eine Protestpartei" sei. Und einem Blatt, das so leicht rot sieht, muß es auch unbenommen sein, nach der Nobelpreisverleihung an den Chef der SPD/FDP-Regierung zu höhnen: "Seine Heiligkeit Dr. Willy von Brandt."
Das allein zumindest macht die klägliche Qualität nicht aus. Was aber das Kampfblatt zum Krampfblatt macht. ist die -- manchmal plumpe, manchmal subtile -- Nachrichtenmanipulation: die Tag für Tag erkennbare Methode, tunlichst alles über den rechten Leisten zu schlagen, die Meinung auch dann mit Fakten zu belegen, wenn es keine entsprechenden Fakten gibt.
"Es stand in der Welt" -- dieser Werbeslogan stand einst für Relevanz und Treffsicherheit des Nachrichtenteils. Heute sind "Welt"-Nachrichten durch Auswahl und Bearbeitung zu Hilfsmitteln der Stimmungsmache degeneriert -- und somit werden bei den Lesern die faktischen Voraussetzungen verfälscht, unter denen sich öffentliche Meinungsbildung vollzieht.
Ausführlich, aber schief über die Zensur in Portugal.
Der Vergleich einer jeden beliebigen Ausgabe des Springer-Blattes mit anderen westdeutschen Tageszeitungen von überregionaler Bedeutung macht das deutlich. Beispiel: die Berichterstattung von "Welt", "Süddeutscher Zeitung" ("SZ"), "Frankfurter Rundschau" ("FR") und "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" ("FAZ") über die Ereignisse am Wochenende 6./7. Mai.
Obwohl sich die "Welt" ihrer "Informationsfülle" rühmt und in ihrer Verlagswerbung gern behauptet, daß sie unter den "überregionalen deutschen Qualitätszeitungen ... hinsichtlich ihrer Informationsgebung ... an der Spitze" liege, fielen in den beiden Ausgaben, die auf dieses Wochenende folgten, manche Meldungen aus dem Rahmen -- oder fehlten ganz, wie etwa eine dpa-Meldung über die Forderung westdeutscher Medizin-Nobelpreisträger nach Aufnahme der DDR in die Weltgesundheitsorganisation ("FAZ": 20 Zeilen auf Seite 1).
Ausführlich, aber schief berichtete die "Welt" nach diesem Wochenende aus Portugal, wo die Zensurbestimmungen "noch schärfer" ("SZ") gestaltet worden waren. In der "Welt"-Überschrift hieß es lediglich: "Pressezensur bleibt", und ein Untertitel entschuldigte das Regime auch noch mit dem Hinweis, es habe lediglich die "Notbremse gezogen".
In kaum einer Ausgabe
fehlen merkwürdige Meldungen.
Umfänglicher als andere Blätter feierte die "Welt" (113 Zeilen) die Verleihung der Adenauer-Preise der rechten Deutschland-Stiftung (unter anderem an den Springer-Mitarbeiter Matthias Walden). Die "SZ" kam mit acht Zeilen aus und hatte -- im Gegensatz zur "Welt" -- auch noch Platz für die aufschlußreiche Zusatz- Meldung (25 Zeilen). daß die Walden-Würdiger nach einer Entscheidung des Amtsgerichts Neustadt an der Weinstraße ungestraft "neofaschistisch beziehungsweise faschistisch" genannt werden dürfen.
Der Gründung einer Anti-SPD-Wählervereinigung des Münchner SPD-Bundestagsabgeordneten Günther Müller widmete die "Welt" einen vierspaltigen Aufmacher auf Seite 1, dazu einen dreispaltigen Bericht auf Seite 2 und einen dreispaltigen Leitartikel auf Seite 4. Während die ortskundige "SZ" unter den Müller-Anhängern "vor allem Narrhallesen~ ausmachte, die "FAZ" in einer Kurzglosse mit "Kopfschütteln" reagierte und die "FR" die Wählervereinigung eine "Ansammlung von politischer Unprominenz" nannte, nahm die "Welt" den Verein ernst: Sie wertete den Vorstoß Müllers und seiner "prominenten Münchner als "Quittung für Brandt."Daß der Münchner Juso-Fresser Hans-Joachim Vogel an diesem Wochenende mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden der bayrischen SPD gewählt worden war, meldeten "FAZ" "SZ" und "FR" auf Seite 1. Die "Welt" schob diese Neuigkeit ins Innere des Blattes ab -- womöglich, weil Vogels Sieg nicht in das Klischee vom Juso-Vormarsch und von Spaltungstendenzen in der SPD paßte. Auch einen Innenteil- Bericht über eine Niederlage der SPD-Linken in Hannover mochte das Blatt nicht auf der Titelseite vermerken.
Gleichwohl gelang es der Zeitung. nach diesem Wochenende auf die Seite 1 die Überschrift "Erfolg der Jusos" einzurücken: Der SPD-Unterbezirk Frankfurt hatte eine Kommunalwahl-Liste aufgestellt, auf deren ersten 52 Plätzen sich, so die "Welt", "22 Jungsozialisten" befinden. Die "Welt" verschwieg dabei, was beispielsweise die "FR" ihren Lesern erläuterte: daß es sich bei diesen 22 um SPD-Mitglieder bis zu 35 Jahren handelte, die selbst dann "Jungsozialisten" im Sinne der SPD-Statuten sind, wenn sie nicht in den linken Juso-Arbeitsgemeinschaften mitwirken. und daß in Wahrheit gerade bei dieser Versammlung ein "Aufstand der Jungsozialisten -- . -- ausblieb" ("FR"-Überschrift: "SPD-Vorstand setzt sich durch").
Als einzige der vier Zeitungen rückte die "Welt" eine kritische Stellungnahme des deutschen Katholiken-Zentralkomitees zu den Linksaktivitäten an den Hochschulen auf die erste Seite über eine andere kirchliche Erklärung von noch höherer Stelle freilich informierte die "Welt" nicht: über eine Papst-Botschaft zum "Tag der Massenmedien", die sich in der "SZ" in 25 Zeilen niederschlug.
Der Papst warne, hieß es in dieser Meldung, vor der "Versklavung" der Meinungen "durch einzelne Macht- und Interessengruppen": "Nur das gemeinsame und ehrliche Bemühen des Nachrichtenübermittlers und des Empfängers kann eine Garantie dafür bieten, daß das einzelne Ergebnis in seiner unverkürzten Wahrheit erfaßt wird."
Es stand, wie anders, nicht in der "Welt".
Dieses eine Wochenende steht, was die Nachrichtenverwertung angeht, für "Welt"-Dauerpraxis. Zwar verkündete Springer noch 1971 zum 25jährigen Bestehen der Zeitung, sie sei "ein objektives Informationsblatt unter der Devise "Die Nachricht ist heilig"", doch diesem Postulat spricht die tägliche Übung Hohn.
Das Blatt -- das in Werbeinseraten gelobt: "Die "Welt" ist unbequem, aber sie fälscht nicht" versteckt, verkürzt oder verschweigt Unbequemes und macht Unbedeutendes als Sensation auf. wenn es nur ins "Welt"-Bild paßt.
In kaum einer Ausgabe fehlen merkwürdige Meldungen wie die vom 29. Februar über das bevorstehende Ausschei-
* Auf der Redaktionskonferenz der "Bild-Zeitung.
den des Verfassungsschutz-Chefs Schrübbers. der -- wie der SPIEGEL kurz zuvor mitgeteilt hatte -- während der NS-Zeit an Todesurteilen gegen Kommunisten mitgewirkt hatte: Die "Welt" wertete auf ihrer Nachrichtenseite die gegen Schrübbers erhobenen Beschuldigungen als "Vorwürfe von östlicher Seite" ab, ohne sie im einzelnen zu erwähnen, und suggerierte ihren Lesern, es gehe in Wahrheit gar nicht um die NS-Urteile:
Präsident Schrubbers, der seit 1955 für den Verfassungsschutz im freien Teil Deutschlands verantwortlich ist, war von Seiten der politischen Linken unter starken Beschuß geraten, nachdem er aufgrund der Erkenntnisse seiner Behörde im Jahresbericht für die Bundesregierung festgestellt hatte, daß die DKP mit Hilfe der SED die Arbeit der verbotenen KPD fortsetzt --
In einer späteren Meldung über Schrübbers' vorzeitiges Ausscheiden (auf Seite 1 der "Welt" vom 7. März) ging die Zeitung auf die Ursache -- die NS-Taten -- überhaupt nicht ein, sondern beschränkte sich auf die Mitteilung: "Der Präsident ... war in jüngster Zeit unter schweren Beschuß von Kommunisten und anderen Linken geraten". sowie den Hinweis, Schrübbers habe sich zum Rückzug "entschlossen, weil ihm Minister Hans-Dietrich Genscher die notwendige Rückendeckung in der Auseinandersetzung mit den Linken versagt habe" -- eine Darstellung, die so falsch war, daß Schrübbers selber sie noch am selben Tage dementierte.
Umfrage-Ziffern werden gesiebt.
Wie retuschiert das Bild von den außenpolitischen Beziehungen der Bundesrepublik ist, das die "Welt" ihren Lesern vorführt, offenbarte sich monatelang in den Berichten über amerikanische Reaktionen auf die Bonner Ostpolitik: Während Meldungen über die -- vorherrschenden -- positiven Stellungnahmen von US-Politikern möglichst versteckt oder gar nicht gedruckt wurden, hob das Blatt regelmäßig negative Äußerungen einzelner Hinterbänkler in die Schlagzeilen Beispiele:
* "Senator Thurmond hegt Zweifel an der deutschen Ostpolitik" (zweizeilige, zweispaltige Überschrift am 27. Januar letzten Jahres);
* "Scharfe Kritik führender Mitglieder des amerikanischen Kongresses an der Bonner Ostpolitik" (vierspaltige. dreizeilige Aufmachung am 22. Februar dieses Jahres):
* "Widerspruch im US-Kongreß gegen die Ostpolitik Bonns" (dreispaltiger, dreizeiliger Titel am 3. März): > "US-Abgeordnete warnen vor Annahme der Ostverträge" (zweizeilige, zweispaltige Überschrift am 2. Mai).
Wenn die Nachrichtenagentur AP mitteilt, die deutschen Heimatvertriebenen stünden nach Repräsentativbefragungen für die ZDF-Reihe "Kennzeichen D" den Osiverträgen "zu einem überraschend großen Teil positiv gegenüber", und das mit Zahlen detailliert belegt, kürzt die "Welt" -- so geschehen am 14. April -- die Meldung auf 17 Zeilen zusammen, in denen der Grad der Vertriebenen-Zustimmung zur Unverletzlichkeit beziehungsweise Unantastbarkeit der Oder-Neiße-Grenze verschwiegen wird (laut Infas 56 Prozent, laut Allensbach 36 Prozent).
Wenn hingegen das "Ostpreußenblatt" seine demoskopisch nicht repräsentative Vertriebenen-Leserschaft nach ihrer Meinung zu den Ostverträgen befragt, druckt die "Welt" -- so geschehen am 20. April -- darüber 18 Zeilen (Überschrift: "Vertriebene gegen Verträge"), nennt das exakte Ergebnis ("96"1 Prozent der befragten Leser"> und fügt hinzu: "Die Ergebnisse dieser Blitzumfrage stehen im Gegensatz zur Behauptung, die in der ZDF-Serie "Kennzeichen D" am 13. April gesendet wurde"
Diese Technik vermag der Durchschnittsleser" der eine vergleichende Nachrichten- Lektüre nicht betreibt. ebenso schwer zu durchschauen wie einen anderen "Welt"-Trick: die Pseudo-Aktualisierung alter Kamellen. "Reparationen in Höhe von mehr als 200 Milliarden Mark". so meldete die "Welt" am tO. Februar. habe Sowjet-Außenminister Gromyko angeblich von Bonn beansprucht. Daß die Bundesregierung selber "als Folge der Verträge mit Moskau und Warschau mit Wiedergutmachungsleistungen in Höhe von 20 bis 25 Milliarden DM rechnet"
diese Vermutung habe "jetzt Wahrscheinlichkeit gewonnen". Zum Beweis führte das Blatt einen Brief des Finanz-Abteilungsleiters Ernst Féaux de la Croix vom Juli 1970 an den damaligen Finanzminister Möller an.
Féaux" inzwischen pensioniert, hielt seine einstigen Reparations-Bedenken zum Zeitpunkt der "Welt"-Story jedoch längst für ausgeräumt und bezeichnete die "Nachricht" als "Unsinn" (SPIEGEL 9/1972). Unsinnig war die Behauptung freilich schon, als die "Welt" sie am 3. Oktober 1970 erstmals erhoben hatte unter Berufung auf ebendenselben Brief, der dann auch im Februar 1972 noch einmal herhalten mußte. Nichts war in der Zwischenzeit geschehen, das den Unsinn "jetzt" wahrscheinlicher hätte erscheinen lassen können.
Gleichwohl bemachtigten sich des al ten Hutes sogleich ein paar schlaue Köpfe. CDU-MdB und "Welt"-Leser Gewandt brachte eine Reparations-Anfrage im Bundestag ein. Hessens CDU-Chef Dregger stellte "abermals" ("Welt") die Reparationsfrage. Und zum dritten: "Hessische CDU rechnet mit Reparationsforderungen Moskaus" -- so eine "Welt"-Schlagzeile Mitte Februar.
Vor dem Hintergrund solcher Nachrichtengebung gewinnt der Meinungsteil der Zeitung zusätzlich desorientierende Wirkung -- wie ersichtlich am Beispiel der Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt. In Leitartikeln konnte Kremp den Eindruck erwecken, Sozialdemokrat Brandt verdanke den Preis lediglich einem internationalen sozialistischen Zusammenspiel -- mal einer "Anregung deutscher und dänischer Sozialdemokraten". mal einem "Vorschlag der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion des dänischen Folketings"" mal einer "Kampagne". Die Nachricht. daß im norwegischen Verleihungsausschuß keineswegs eine sozialistische, sondern eine bürgerliche Mehrheit den Ausschlag für Willy Brandt gegeben hatte, stand nicht in der "Welt".
Die Nobel-Sache lieferte zudem noch ein Paradebeispiel für die eigenartigen Placierungsmethoden der "Welt". Das Blatt mochte am 21, Oktober 1971 die Preismeldung partout nicht zum Hauptaufmacher auf Seite 1 geraten lassen; es druckte sie mit zweispaltiger Überschrift neben einer Dreispalten-Schlagzeile für Strauß-Kritik an der Bundesregierung; vorrangig erschien dem Blatt an diesem Tage der Bericht über eine "Kontroverse bei der Haushaltsdebatte im Bundestag".
"Einen Freiheitspreis hat Nobel nicht gestiftet."
So nebensächlich erschien dem (Chefredakteur der "Welt" der Nobelpreis für den deutschen Kanzler allerdings auch wieder nicht, als daß er es verabsäumt hätte, ihn gegen den Preisträger zu verwenden. Kremp rückte Brandt in historisches Zwielicht:
Friedenspolitik in unserer Zeit überschreibt Brandt seine Rede >in Oslo) "peace in our time, sagte Chamberlain 1938, als er von der Abschlachtung der Tschechoslowakei in München strahlend zurück kehrte.
Er verdächtigte ihn der politischen Intoleranz:
Der unduldsame Ton (in Teilen der SPD) ist bedauerlich und möglicherweise nicht im Sinne von Bundeskanzler Brandt. Die moralische Auflage, die mit dem Friedensnobelpreis verbunden ist, bedeutet doch wohl auch, daß der innere Frieden zu besorgen ist.
Und er zieh Brandt, nachdem wieder einmal DDR-Flüchtlinge von einer detonierenden Grenzmine schwer verletzt worden waren, heimlicher Komplicen schaft:
Einer Freiheitspreis hat Nebel nicht gestiftet. Auch keinen für die Rettung vor Dynamit.
Dieses "Welt"-Niveau (Kremp: "Wir durchleben eine Kerenski-Periode") befremdete nicht nur Leser, die sonst auf Springer-Linie lagen. Es mußte zwangsläufig auch Journalisten in der einst mehrheitlich liberal gestimmten "Welt"-Redaktion aufbringen, die jahrelang vergeblich auf eine Wende zum Besseren gehofft hatten. Ein Mann aus der Verlagsspitze: "Wie die Sache mit dem Nobelpreis in der "Welt" behandelt wurde, das war schon jämmerlich kleinkariert." Ein leitender "Welt"-Mann über die "Kampagne ohne Beispiel": "Es ist kaum noch erträglich."
Zu ertragen war"s schon schwer, ehe Herbert Kremp Anfang 1969 die "Welt" übernahm. Paul Sethe beispielsweise. Gert von Paczensky, Sebastian Haffner. Herbert von Boreh, Kurt Becker -- mit jedem dieser Namen hatte das Blatt jeweils ein Stück Liberalität, Urteils schärfe, Format verloren. Mit Kremp aber kehrte ein derart rechter Rigorismus ein, daß redaktionsinterne Turbulenzen unausweichlich wurden.
Als im Oktober 1969 der damalige Bonner "Welt"-Korrespondent Dr. Paul Lersch eine positive Rezension über zwei Bücher mit Aufsätzen, Reden und Zitaten Gustav Heinemanns verfaßte. hielt Kremp den Beitrag "nicht für erträglich. Sieben Ressortleiter begehrten auf: Sie hielten ihrerseits "für unerträglich", daß Kremp "einem Redaktionsmitglied wegen dessen wohlwollender Besprechung zweier Dokumentarbücher über den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland Konsequenzen anheimgegeben hat".
Die sieben Ressortleiter waren: Dr. Bernd Nellessen (Kulturpolitik), Dr. Rudolf Herit (Wirtschaftskommentare und -reportagen), Dr. Helmuth de Haas (Kultur), Hans Schueler (Recht), Aloys Behler (Sport), Claus Lafrenz (Aus aller Welt) und Rainer Fabian (Bild und Gestaltung).
Von ihnen sind heute nur noch drei bei der "Welt". Herlt schreibt jetzt für die "Zeit", desgleichen Schueler, Lafrenz redigiert für die "FAZ", de Haas ist als Chefredakteur von "twen" -- gestorben.
"Es gibt", so die "Frankfurter Rundschau" schon 1970 anläßlich des Lersch-Falles, "zu wenig -.. Journalisten. die sich die einfachen Formeln des Axel Springer zu eigen machen und gleichzeitig ein Intelligenzblatt produzieren können. wie es die "Welt" doch sein soll. Deshalb muß selbst ein Springer immer wieder auf Zeitungsleute zurückgreifen, die liberaler sind, als ihm recht sein kann."
Und deshalb muß er, logischerweise. diese Journalisten auch immer wieder gängeln lassen. Die Beispiele sind bei der "Welt" Legende. So rüffelte Kremp seinen Wirtschaftsressortleiter Werner Lichey wegen der nicht durchweg polemischen "Welt"-Berichterstattung über die Abberufung von VW-Generaldirektor Kurt Lotz, die andere Springer-Blätter zu einer linken Verschwörung im VW-Aufsichtsrat umfunktionierten.
So suchte Kremp das Feuilleton "konsequent auf die Kampfblatt-Linie" ("Zeit") zu trimmen: Eigenhändig halbierte er eine "Pro-Kontra"-Doppelrezension über eine avantgardistische Kunstausstellung in Kiel. In der norddeutschen "Welt"-Ausgabe blieb nur Kritik am "faulen Avantgardismus-Zauber" stehen.
Zum Ressortleiter des Kulturbereichs ernannte Kremp anstelle des umgänglichen Rheinländers Hufen den Scharfmacher Günther Zehm. Und als Verantwortlichen für Innen- und Gesellschaftspolitik bestallte er den einst wegen Rechtsabweichung degradierten Chefkommentator Wilfried Hertz-Eichenrode (über Kiesingers vormalige Ost-Berlin-Kontakte: "Wechselrede zweier Tauber").
Hertz-Töne sollen Kremp offenbar inner-redaktionelle Wechselreden ersparen, wie er sie wegen einer Anti-FDP-Tirade ("Die liberale Mitte der FDP blutet aus") noch im letzten Herbst erlebte. Kremp damals:
Die Freien Demokraten ... sind leider nicht mehr frei. Ihre Existenz als Dependance der SPD erinnert an die Beziehungen der Liberaldemokratischen Partei der Zone zur SED.
Vom Freiburger FDP-Parteitag hatten drei "Welt"-Beobachter fernschriftlich diese Gangart des "argumentativen" (Kremp-Jargon) Foulspiels moniert. Kremps schriftliche Antwort: Künftig seien "innerredaktionelle Probleme" brieflich ("mit der Aufschrift persönlich/vertraulich") oder telephonisch zu besprechen -- das Fernschreiben war im Konzern umgelaufen.
Das einst weltoffene Blatt in die Enge manövriert.
Die Art und Weise" mit der "in dieser Zeitung Sozial- und Gesellschaftspolitik betrieben werden", drängte jetzt auch den ehemaligen Pressechef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dr. Werner Mühlbradt, zum Rückzug aus dem Springer-Blatt. Den einstigen Unternehmer-Funktionär ("Ich habe immer getrennt zwischen der politischen und der gesellschaftspolitischen Rolle der Gewerkschaften") schreckte ein selbst für seine Erfahrungen ungewöhnliches Maß an Gewerkschaftsfeindlichkeit in der "Welt".
Als zuständiger Redakteur für Sozialpolitik im Wirtschaftsressort kollidierte Mühlbradt. wiewohl im Einklang mit der Springer-Doktrin eingeschworener Gegner des DG B-Mitbestimmungskonzepts. mit "Welt"-Positionen Kremps und seines innenpolitischen Ressortleiters Wilfried Hertz-Eichenrode. Beide hatten sich von der DGB-Parteinahme für die Bonner Ostpolitik dazu bewegen lassen, ihre DGB-Kritik immer weiter auf die "Positionen der Gewerkschaften im Rahmen der Tarifautonomie" (Mühlbradt) auszudehnen. Der einstige Arbeitgeber-Sprecher, der mit dieser "etwas zu eng angelegten" politischen Konfrontation häufig nicht einverstanden war, wechselt Anfang Juni in die "Bilanz"-Redaktion des ZDF.
Nur wenige Redakteure, die das Blatt verlassen, mögen freilich ihre Motive preisgeben. Vertragsübliche Schweigeklauseln. zum Teil mit Abfindungen für die vorzeitige Beendigung ihrer Arbeitsverträge juristisch verflochten, hindern sie am Reden etwa über "bestimmte politische Vorstellungen" (Nolte) des Chefredakteurs, über redaktionsinterne "Ansichtssachen" (Hufen) oder "die Stimmung hier" (Schulmeister).
Die Einsilbigkeit von Abgefundenen und Sich-Abfindenden macht die Enge deutlich, in die das einst weltoffene Blatt manövriert worden ist. Was "Welt"-Kremp anläßlich der Kür Barzels zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU den Unionsparteien verordnete, gilt erkennbar auch für die eigene Redaktion: "Nur Geschlossenheit imponiert, konzentrierter Wille. Diskussionen wirken zwar interessant, verbreiten aber leicht Verwirrung"
Es ist die vorläufig letzte Phase einer Entwicklung, die schon vor einem Jahrzehnt begonnen hat. Damals wandte sich der Leitartikler Gert von Paczensky ab von der "Welt". als er beobachtete, "wie sich ein bis dahin unpolitischer. seinen Zeitungen viel Spielraum gewährender Verleger in einen politischen Missionar verwandelte -- und wie man eine Zeitung gleichschaltet".
So hat Springers Kredo "Die Welt wird ja doch verändert durch [räume" zumindest eins verändert: "Die Welt".

DER SPIEGEL 22/1972
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