22.05.1972

MANAGEROut is out

In der Großindustrie hat der gestürzte BMW-Verkaufschef Hahnemann keine Chance mehr. Jetzt plant er ein Comeback als Geschäftsführer und Berater bei kleineren Unternehmen.
Der gestürzte Quandt-Manager Paul G. Hahnemann, 59, stellte seine BMW-Limousine (Kennzeichen: M-PH 1210) demonstrativ vor der Bad Homburger Villa von Inge Quandt, 42, ab. Dann plauderte er mit der hessischen Industriellen-Witwe über deren mächtigen Schwager Herbert.
Mit seinem Homburger Besuch wollte Hahnemann -- vor einem halben Jahr noch Verkaufschef bei der Münchner Quandt-Firma BMW -- dem mächtigen Konzern-Chef zeigen, daß er auch nach seinem tiefen Sturz im Oktober 1971 weiterhin einflußreiche Freunde im Hause Quandt hat.
In der Tat könnte Herbert Quandt den Einfluß Hahnemanns auf seine Schwägerin fürchten. Denn seit einiger Zeit schwelt zwischen den beiden Familien-Gruppen ein Streit um die Zukunft des gemeinsamen Firmen-Reiches, in dem der fast blinde Industrielle allein herrschen will. Hahnemanns Besuch verärgerte den öffentlichkeitsscheuen Milliardär um so mehr, als er selbst demonstrativ alle Kontakte zu seinem früheren Vertrauten abbrach. Hahnemann: "Die nehmen nun die Bilder von den Wänden."
Deswegen versucht der gestauchte Automobil-Manager, der ungeachtet aller Schläge stets eingewachsenes Selbstbewußtsein zur Schau trägt, sein zerkratztes Erfolgs-Image kräftig wieder aufzuschminken. Es nahm unlängst erneut Schaden, als der ehemalige Chef-Verkäufer ein Angebot von Bundesverkehrsminister Georg Leber für den Posten des Bundesbahn-Präsidenten wegen seiner braunen Vergangenheit ausschlagen mußte.
Aber auch solche Enttäuschungen erschüttern den barocken Polterer nur für Stunden: "Ich habe mich schon lange nicht mehr so bombenwohl gefühlt", beschrieb er in der letzten Woche seinen Gemütszustand.
Einflußreiche Freunde aus der Industrie halfen dem Manager in den letzten Wochen aus dem drohenden Altenteil. So schanzte ihm etwa Karl-Heinz Sonne, Chef des Kölner Maschinenbau-Konzerns Klöckner-Humboldt-Deutz und früherer Generaldirektor bei BMW. den gutdotierten Posten eines Hauptgeschäftsführers bei der renommierten Büromöbelfabrik Pohlschröder in Dortmund zu. Hahnemann. "Ich brauche wieder einen Apparat."
Auch aus Österreich kam Hilfe. Die Lastwagenfabrik Steyr-Daimler-Puch engagierte den Fachmann für Marktlücken (Spitzname: "Nischen-Paul") über einen Beratervertrag: Hahnemann soll der Lkw-Fabrik bei den Problemen helfen, die durch die Assoziierung Österreichs an die EWG entstehen.
Der Autoverkäufer unterschrieb außerdem gleich reihenweise Beraterverträge: für Baby-Wäsche (Storchenmühle, Mannsflur bei Kulmbach) und Zigarren (Burger-Stumpen, Emmendingen), für Gußbadewannen (Ahlmann-Carlshütte, Rendsburg) und Kunststoffdächer (Thermodach GmbH, Marktredwitz).
Selbst bei der in der Öffentlichkeit umstrittenen Kölner Broker-Firma Dr. Amann will Hahnemann mit seinem Namen und einem Jahressalär von 10 000 Mark im Aufsichtsrat geradestehen. Vortragsreihen bei Management-Instituten sollen zudem die Legende vom "Nischen-Paul", der BMW groß machte, zementieren.
Ungeachtet dessen ist ihm, wie für andere gestürzte Top- Manager, der Rückweg in großindustrielle Höhenluft versperrt. Denn die Querverflechtungen der Großindustrie und der Banken sind so dicht, daß ein gestrauchelter Manager bei Einstellungsgesprächen immer wieder auf die selben Aufsichtsräte trifft, die ihm einst die Seidenschnur flochten.
Diesen Faden spürt derzeit auch Hahnemanns Leidensgenosse Kurt Lotz, den Hahnemann nicht leiden mag. Bislang vergeblich versuchte der gestürzte VW-General, erneut ins Geschäft mit der Macht zu kommen. Unlängst gab Lotz vor Freunden sogar den euphorischen Wunsch zum besten, über eine CDU-Regierung in Bonn wieder als Aufsichtsratschef in den Wolfsburger Käferkonzern einzurücken- Die Aussichten sind gleich null. Ulkte letzte Woche ein prominentes Aufsichtsratsmitglied: "Out is out."

DER SPIEGEL 22/1972
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