22.05.1972

USAEs geht weiter

Nach den Kennedys jetzt George Wallace -- Amerikas Wahlkämpfe werden zunehmend mit der Waffe entschieden.
Er hatte schon immer Angst gehabt -- vor dem Fliegen und vor den Kugeln eines Attentäters.
Vor Unglück im Flugzeug schützte er sich, indem er bei Wind und dunklen Wolken einfach nicht mehr flog. George Wallace, der Wahlkämpfer aus Passion, ließ dann sogar -- wie am 22. April in Pennsylvania Wahlkampf Wahlkampf sein.
Vor Unglück aus Revolverläufen sollten ihn ein Dutzend Beamte des Geheimdienstes und außerdem noch eine Handvoll Leibwächter aus Alabama bewahren. George Wallace, der flammende Redner, ließ sich sogar, vor Jahren schon, ein spezielles Rednerpult anfertigen -- transportabel und rundherum kugelsicher.
Doch als Wallace, 52, am vorigen Montag um 15.58 Uhr in Laurel (US-Bundesstaat Maryland) hinter dem Pult hervortrat, um sich im Jubel von etwa 1000 Anhängern zu sonnen, um in guter amerikanischer Wahlkampfmanier ein paar ausgestreckte Hände zu schütteln, da halfen weder Panzerplatten noch Leibwächter.
Mit fünf Revolverkugeln streckte der 21 jährige Wirrkopf Arthur Bremer, als Wallace-Gefolgsmann kostümiert, den Gouverneur aus Alabama nieder.
"Amerika ist kränker, als die meisten von uns denken und glauben", klagte Ralph Abernathy, der (farbige) Führer der Bürgerrechtsbewegung und Nachfolger des ermordeten Martin Luther King. "Wir erleben eine Orgie der Gewalt", predigte der (weiße) Geistliche für alle Gelegenheiten, Billy Graham. "Die Schüsse ... kennzeichnen von neuem die Tragik und die Krankheit dieses Landes."
Der Schock ging tief bei Freunden und Gegnern des umstrittenen Gouverneurs -- doch wundern konnte sich kaum noch jemand. Attentate auf prominente Politiker, live ins Wohnzimmer übertragen, sind zur Gewohnheit geworden: 1963 die Schüsse von Dallas, die John F. Kennedy fällten; 1968 die Bilder aus Memphis, wo Martin Luther King, und aus Los Angeles, wo Robert Kennedy ermordet wurde.
"Wer in die Politik geht", resignierten kürzlich bei einer Meinungsumfrage 51 Prozent der Amerikaner, "muß eben damit rechnen, daß er eines Tages getötet wird." In den USA gibt es zu viele bewaffnete Psychopathen.
George Wallace überlebte den Anschlag. Doch die Schüsse von Laurel, die den Gouverneur vermutlich für den Rest seines Lebens gelähmt in den Rollstuhl verbannt haben, verzerrten das Bild des Wahlkampfes vielleicht noch stärker als 1968 die Ermordung Robert Kennedys nach seinem Vorwahlsieg in Kalifornien.
Denn George Wallace war auf dem besten Wege, als einflußreichster Politiker zum Parteitag der Demokraten nach Miami Beach zu fahren, wo im Juli der Kandidat der Partei für den Kampf gegen Richard Nixon ernannt werden soll.
Zwar hatte Wallace als Rechtsaußen der Demokratischen Partei kaum Aussichten, selbst nominiert zu werden. Doch er hätte den gewählten Nixon-Herausforderer weitgehend auf sein Programm festlegen können.
Wallace hatte schon vor dem Attentat gewichtige Argumente: Seit den ersten Vorwahlen in New Hampshire waren auf ihn mehr Wählerstimmen entfallen als auf jeden seiner demokratischen Rivalen; und in der Zahl der Parteitagsdelegierten lag er nur knapp hinter Spitzenreiter George McGovern und dem einstigen Johnson-Vize Hubert Humphrey.
Die Macht von Wallace wuchs noch im Krankenbett: Am Tag nach dem Anschlag gewann er überlegen die Vorwahlen in Maryland und Michigan.
Zwar verdankte der Gouverneur. dessen Name jahrelang für Rassentrennung und Rassenhetze stand, solche Erfolge nach wie vor auch seinem Standpunkt in der Rassenfrage: 1968 hatte er bei den Präsidentschaftswahlen als unabhängiger Kandidat 9,9 Millionen Stimmen verbucht, mehr als je ein Kandidat einer dritten Partei.
Doch anders als damals, trat Wallace 1972 nicht nur mit diesem einen Thema an. Er machte sich vielmehr zum Sprecher jener Durchschnittsamerikaner, die unzufrieden sind mit hohen Steuern und Korruption, mit Kriminalität, mit Schulbussen zur verordneten Rassenintegration und dem Leben in Amerika schlechthin.
Nach dem Attentat von Laurel verkündete Wallace-Arzt Hamilton Hutchinson noch optimistisch: "Mit solchen Lähmungen sind schon viele Leute fertiggeworden. angefangen mit (Präsident Franklin D.) Roosevelt."
Und Wallaces zweite Ehefrau Cornelia, 33. einst Schauspielerin und als Nichte des früheren Alabama-Gouverneurs James ("Küssender Jim") Folsom im Wahlkampf erfahren, bereitete sich auf einige Wahlkampf-Auftritte für ihren gelähmten Mann vor. Wallace selbst ließ erklären: "Der Wahlkampf geht weiter" Notfalls werde er im Rollstuhl zum Parteikonvent in Miami Beach kommen.
Doch das ist nach Meinung der Ärzte unwahrscheinlich. Wallace wird vermutlich nur aus der Entfernung am Parteitag teilnehmen können -- vielleicht dennoch mächtig genug. mit seinen Delegiertenstimmen den beiden Favoriten McGovern und Humphrey, dem Kandidaten des Parteiapparates. den Weg zur Nominierung zu verhauen.
Die Demokratische Partei könnte darüber zerbrechen. Denn seit vorigen Montag scheint auch der letzte Ausweg aus einem Patt zwischen McGovern und Humphrey versperrt: Geringer denn je sind die Chancen, daß die große Demokraten-Hoffnung, Edward Kennedy. der bereits zwei Brüder durch Schüsse von Attentätern verlor, nun noch bereit ist, zu kandidieren.

DER SPIEGEL 22/1972
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