22.05.1972

TEXASNa und?

Der stärkste und entscheidendste Mann in Nixons Kabinett tritt zurück: Finanzminister und Nixon-Intimus John Connally hofft auf eine neue Karriere.
Er kam mit großen Ansprüchen und schied mit noch größeren Aussichten: Finanzminister John Connally, 55. Millionär und Demokrat aus Texas, verließ die Regierung des Republikaners Nixon nach 18 Monaten. vorerst um zu privatisieren. aber mit der Verheißung für weiteren Aufstieg. Nixon: "Er hat bewiesen. daß er in den USA jedes Amt ausfüllen könnte, das er wünscht."
Connally. Marineminister bei John F. Kennedy. dreimaliger Gouverneur von Texas und Johnson-Intimus, wünscht sich, Präsident und, wenn es auf dem Wege ins Weiße Haus sein muß, auch Außenminister oder Vizepräsident der Vereinigten Staaten zu werden. "Er lebt eine Etage über Vizepräsident Agnew", antworten seine Assistenten vieldeutig auf die Frage nach der Connally-Adresse.
In Nixons Augen hatte sich Connally als Finanzminister qualifiziert. Auf Währungskonferenzen schockte er seine Verhandlungspartner, und begeisterte er seine Landsleute durch rüde Reden. "Mein Gott" wunderte sich ein Bankier aus New York, "jetzt haben wir einen Finanzminister mit Charisma."
Nixon erhob den Finanzminister zum "stärksten und entscheidendsten Mann" ("The Washington Post") im Kabinett, indem er seinen Rat in Fragen einholte, die mit der Finanzlage der Nation kaum zu tun hatten, sondern eher zur Zuständigkeit von Sicherheitsberater Kissinger oder Außenminister Rogers gehörten.
Bevor Nixon beispielsweise entschied, die nordvietnamesischen Häfen zu verminen, befragte er Connally. Denn der ist laut Nixon "am stärksten, wenn es ungemütlich wird". Während Geheimdiplomat Kissinger Bedenken gegen die Minen hatte, antwortete Connally auf die Frage nach russischen Reaktionen: "Na und"?"
Richard Nixon, der mühsam zur Spitze der Macht aufgestiegene Krämer-Sohn aus Kalifornien, bewundert offenkundig den leichtfüßig fast so hoch gekletterten Bauern-Sproß Connally aus Texas. Ein hoher Regierungsbeamter:" Nixon steht in Ehrfurcht vor ihm."
Speziell schätzt Nixon Connallys Härte "inmitten eines Trends zur Schwäche". Er baute auf Connallys "psychologisches Einfühlungsvermögen in nationalen und internationalen Krisen, lobte den 18-Stunden-Fleiß und die absolute Loyalität seines Finanzministers. Niemand im Kabinett hatte in den letzten Wochen so viel Zugang zum Weißen Haus und niemand so nachhaltigen Einfluß dort wie der Texaner. Als einziger unter den Mitarbeitern Nixons durfte Connally die Füße auf den Präsidenten-Schreibtisch legen.
Am 30. April landete Nixon mit einem Hubschrauber auf Connallys Picosa Ranch bei San Antonio. An diesem Abend gewann Nixon Einblick in den texanischen Begriff von Größe: In 22 privaten Jets sowie Dutzenden von Cadillacs und Lincoln Continentals kam das texanische Geld-Establishment, um unter den Eichen der Pieosa Ranch den Präsidenten und seinen Minister zu sehen. Nixon überwältigt: "Dieses große Land produziert große Männer." Bei Tisch gelobte er dann, Amerika werde sich in Vietnam nicht besiegen lassen.
Auf die Picosa Ranch kehrt Connally jetzt zurück. "Es gehört zum Connally-Stil", urteilt ein Freund, "eine Aufgabe zu erfüllen und sie dann auf dem Kamm der Welle zu verlassen."
Wenn Connally wieder nach Washington kommt, so vermuten viele seiner Freunde, wird er Republikaner sein. Er würde damit seinen politischen Anhang in Texas nicht verwirren. Denn Republikaner Nixon hat keinen politischen Erben, und die Demokraten -- im Süden konservativ wie Connally -- haben keine ideologischen Verbindlichkeiten. In Texas ist die Zugehörigkeit zur Demokratischen Partei selbstverständlich.
In Texas heißen die Millionäre, die Connallys demokratische Hausmacht bilden, "Connallycrats". Sie spenden für den Wahlkampf des Republikaners Richard Nixon, und sie hoffen auf den Augenblick, da in Texas wieder ein Präsident auf einer Ranch lebt -- wie einst Lyndon Johnson.

DER SPIEGEL 22/1972
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