22.05.1972

„Die Kommunisten haben keine Mehrheit“

SPIEGEL: Madame, die Truppen der Provisorischen Revolutionären Regierung Südvietnams und der nordvietnamesischen Volksarmee sind in Südvietnam auf dem Vormarsch. Die Soldaten des Präsidenten Thieu fliehen und desertieren. Amerika zieht seine Truppen ab. Wann werden Sie in Südvietnam die Herrschaft übernehmen?
NGUYEN THI BINH: Ziel unseres Kampfes ist es in der Tat, Südvietnam von der amerikanischen Aggression zu befreien, ein unabhängiges, neutrales Vietnam zu schaffen und dann zur friedlichen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes zu gelangen. Sie fragen. wann wir dieses Ziel erreichen können. Wir wünschen natürlich, daß das so schnell wie möglich geschieht. Aber das hängt nicht nur von uns ab, sondern auch von der Politik Nixons, das heißt davon, ob er die Realität anerkennt und sich der Vernunft beugt oder nicht.
SPIEGEL: Haben Sie sich keine Frist gesetzt, innerhalb der Sie Ihr Ziel erreichen wollen?
NGUYEN THI BINH: Ich habe Ihnen bereits gesagt: Wir wünschen, daß das so schnell wie möglich geschieht, denn je länger der Krieg dauert, um so stärker hat die vietnamesische Bevölkerung unter ihm zu leiden. Aber das hängt nicht nur von uns ab, sondern auch von der Politik der amerikanischen Regierung. Und gegenwärtig muß man feststellen, daß die Handlungen der Nixon-Regierung keineswegs den Wunsch widerspiegeln, dem Krieg ein Ende zu setzen.
SPIEGEL: Trotz des verschärften Bombardements sind die Amerikaner aber dabei, ihre Truppen vollends aus Südvietnam abzuziehen, fast eine halbe Million GIs haben sie schon abgezogen. Warum haben Sie mit Ihrer Oster-Offensive nicht gewartet, bis alle Amerikaner das Land verlassen hatten"? Warum haben Sie die Offensive gerade in diesem Augenblick gestartet?
NGUYEN THI BINH: Gegenwärtig findet nicht nur eine militärische Offensive statt, sondern auch, und das ist sehr wichtig, die Volkserhebung. Dieses sind die beiden natürlichen Aspekte der kraftvollen Entwicklung unseres Kampfes gegen die sogenannte Vietnamisierung, die nichts anderes bedeutet, als daß die Amerikaner Vietnamesen von Vietnamesen mit amerikanischen Waffen töten lassen wollen.
SPIEGEL: Madame, diese Offensive kommt doch nicht von ungefähr, sie beruht doch auf einer Strategie. Sicher, es gibt eine Volksbewegung in Südvietnam, aber letzten Endes ist doch klar, daß diese Offensive vorbereitet wurde.
* Mit Wolfgang Gust, Heinz Lohfeldt, Gustave Stern.
und es ist wohl eindeutig, daß die Strategie gemeinsam mit General Giap ausgearbeitet wurde.
NGUYEN THI BINH: Die Truppen, die in Südvietnam kämpfen, unterstehen dem Befehl der Volks-Befreiungsstreitkräfte Südvietnams.
SPIEGEL: Aber es ist doch kaum vorstellbar, daß die gegenwärtige Offensive einzig und allein vom Oberkommando der Volks-Befreiungsstreitkräfte Südvietnams bestritten wird. Zumindest ist sie doch wohl gemeinsam mit General Giap vorbereitet worden. Und wenn man den Umfang dieser Offensive betrachtet, fällt es schwer zu glauben, daß sie von der südvietnamesischen Bevölkerung allein getragen wird ohne nordvietnamesische Truppen. ohne Absprache mit dem Oberkommando der nordvietnamesischen Armee.
NGUYEN THI BINH: Sie wissen doch, daß wir nicht erst jetzt offensiv geworden sind, sondern bereits vorher Offensiven unternommen haben. Natürlich erhalten wir Hilfe, werden wir von unseren Landsleuten in Nordvietnam unterstützt. ich meine sogar, daß die Bevölkerung Nordvietnams eine heilige Pflicht gegenüber der Südvietnams hat, aber ich betone noch einmal, daß die Truppen, die in Südvietnam kämpfen, dem Befehl der Volks-Befreiungsstreitkräfte unterstehen.
SPIEGEL: Wer ist der Oberbefehlshaber der Volks-Befreiungsstreitkräfte in Südvietnam?
NGUYEN THI BINH: Das wissen Sie noch nicht? Herr Tran Nam Trung und seine Steilvertreterin, Madame Nguyen Dhi Dinh -- das ist übrigens eine prächtige Person.
SPIEGEL: Es ist also eine Legende, daß General Giap diese Offensive leitet?
NGUYEN THI BINH: Unser erster Widerstand gegen die französischen Kolonialisten, den unser ganzes Volk sowohl im Norden als auch im Süden von 1945 bis 1954 führte, ist an den glorreichen Namen Dien Bien Phu gebunden. Damals wurde die Volksarmee von General Giap kommandiert. Die jetzige Offensive in Südvietnam wird von der Bevölkerung Südvietnams und ihren bewaffneten Streitkräften mit dem Ziel geführt, die amerikanische Politik der Vietnamisierung zu bekämpfen, um ein unabhängiges, friedliches und neutrales Südvietnam zu schaffen.
SPIEGEL: Haben Sie jetzt die Absicht, eine provisorische Hauptstadt zu schaffen, Hué oder An Loc zum Beispiel?
NGUYEN THI BINH: Sie wissen, daß unsere Regierung bereits vor drei Jahren gebildet wurde und die Nationale Befreiungsfront, die den Widerstand leitet, bereits vor zwölf Jahren. Wir verfügten stets über eine freie Zone. in der wir unsere Regierung installieren konnten. Nach der Befreiung des Landes wird die Regierung der Nationalen Eintracht, die die Bevölkerung repräsentiert, natürlich in Saigon installiert werden.
SPIEGEL: Gehen wir einmal davon aus, daß Ihre Offensive erfolgreich sein wird. Wollen Sie dann in Saigon eine Koalitionsregierung bilden, etwa mit den Anhängern des Generals Minh oder buddhistischen Gruppen? Wie stellen Sie sich überhaupt eine neue Regierung in Saigon vor?
"Nur Thieu muß gehen."
NGUYEN THI BINH: Zunächst möchte ich sagen, daß unsere Offensive und die sie begleitende Volkserhebung bereits zu wichtigen Erfolgen geführt haben. Sie haben gezeigt, daß die Politik der Vietnamisierung zum Scheitern verurteilt ist und daß nichts diese Politik mehr retten kann.
SPIEGEL: Gut, aber wie sieht Ihr politisches Ziel aus?
NGUYEN THI BINH: Das steht in unserem Friedensplan. Einer der beiden Hauptpunkte besagt: Die Vereinigten Staaten müssen das Recht der südvietnamesischen Bevölkerung auf Selbstbestimmung respektieren, damit sich in Saigon die Regierung der Nationalen Eintracht etablieren kann. Sie besteht aus drei Gruppen: aus den Vertretern der Provisorischen Revolutionären Regierung, aus der gegenwärtigen Verwaltung in Saigon ...
SPIEGEL: Unter Ausschluß von Thieu?
NGUYEN THI BINH: Natürlich. Thieu muß zurückgetreten sein, Saigon muß seine Politik der Kriegsgier und der Repression aufgegeben haben.
SPIEGEL: Und die dritte Gruppe?
NGUYEN THI BINH: Bei der dritten Gruppe handelt es sich um Persönlichkeiten, die weder der Provisorischen Revolutionären Regierung noch der Verwaltung von Saigon angehören, die sich aber für eine Politik des Friedens, der Unabhängigkeit und der nationalen Eintracht einsetzen. Ich lege großen Wert auf diesen letzten Punkt: Alle Mitglieder dieser Regierung der Nationalen Eintracht, woher sie auch kommen, müssen ein gemeinsames politisches Ziel haben, da es sonst ja keine nationale Eintracht gäbe. Sie müssen sich für den Frieden und gegen den Krieg und die Vietnamisierung des Krieges sowie für die Unabhängigkeit des Landes und die Demokratie einsetzen.
SPIEGEL: Abgesehen vom General Thieu schließen Sie also keine Persönlichkeit aus, die mit diesen Prinzipien einverstanden wäre?
NGUYEN THI BINH: So ist es.
SPIEGEL: Erwägen Sie direkte Verhandlungen zwischen den Vertretern der Provisorischen Revolutionären Regierung und Vertretern der Regierung in Saigon"? Ist es vielleicht bereits zu solchen Verhandlungen gekommen?
NGUYEN THI BINH: Wir haben uns stets bemüht, unsere Front der nationalen Widerstandsbewegung zu erweitern. Es gibt bereits politische Kräfte, die sich uns angeschlossen haben, andere haben es aus verschiedenen Gründen noch nicht getan, aber wir führen mit ihnen bereits gemeinsame Aktionen im Interesse des Landes durch. Natürlich müssen zu allen diesen Kräften Kontakte bestehen.
SPIEGEL: Und die bestehen bereits?
NGUYEN THI BINH: Gewiß, in Saigon und manchmal auch hier.
SPIEGEL: Gehen wir einmal davon aus, daß die Amerikaner abgezogen sind und es Ihnen gelungen ist, Thieu durch eine Koalitionsregierung abzulösen. Was geschieht dann mit den nordvietnamesischen Truppen, die an der gegenwärtigen Offensive teilnehmen und die dann, wie zu vermuten ist, noch in Südvietnam stehen werden? Sollen sie in Südvietnam bleiben oder werden sie abziehen?
NGUYEN THI BINH: Zunächst müssen alle amerikanischen Truppen aus Südvietnam innerhalb einer bestimmten Frist abgezogen werden. Alle anderen Probleme zwischen den vietnamesischen Streitkräften in Südvietnam werden von allen vietnamesischen Parteien gemäß unserem Sieben- Punkte-Friedensplan auf der Grundlage der Gleichberechtigung, des gegenseitigen Respekts und der nationalen Eintracht geregelt.
SPIEGEL: Werden nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte freie Wahlen in Südvietnam stattfinden?
NGUYEN THI BINH: Wir haben uns immer dafür eingesetzt. Herr Nixon behauptet manchmal, wir seien gegen Wahlen. Das entspricht nicht den Tatsachen.
SPIEGEL: Wenn nun derartige Wahlen dazu führen, daß die von der Provisorischen Revolutionären Regierung vertretenen Kräfte in die Minderheit geraten, würden Sie dann das Ergebnis dieser Wahlen trotzdem akzeptieren?
"Wir wollen ein
demokratisches Regime."
NGUYEN THI BINH: Wenn man von freien und demokratischen Wahlen spricht, ist das Ergebnis ein Ausdruck des Volkswillens.
SPIEGEL: Was tun Sie, wenn die Provisorische Revolutionäre Regierung nicht die Mehrheit erlangt?
NGUYEN THI BINH: Was vom Volk beschlossen wird, muß von allen akzeptiert werden.
SPIEGEL: Sie akzeptieren also auch, nicht in die Regierung zu kommen, sofern die Wahlen korrekt waren?
NGUYEN THI BINH: Natürlich, das ist ganz klar. Unser Ziel besteht darin, dem Volk das Recht auf Selbstbestimmung zu garantieren, das heißt die freie Option aller Südvietnamesen zugunsten eines politischen Regimes, das ihnen angenehm ist. Ich habe Vertrauen in mein Volk, was die Wahl seiner Repräsentanten anbelangt.
SPIEGEL: Wie ist das Kräfteverhältnis zwischen Kommunisten und Nichtkommunisten innerhalb der Provisorischen Revolutionären Regierung?
NGUYEN THI BINH. Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, aber ich glaube, daß die Kommunisten keine Mehrheit in Südvietnam haben.
SPIEGEL: In Nordvietnam dagegen sind die Kommunisten zumindest die herrschende Partei. Wie stellen Sie sich eine Wiedervereinigung mit diesem Land vor?
NGUYEN THI BINH: Ich glaube. daß die Kommunisten in Nordvietnam und selbst in der Sowjet-Union, in China oder in den anderen sozialistischen Ländern nicht die Mehrheit stellen.
SPIEGEL: Jedenfalls stehen sie in diesen Ländern an der Spitze der Regierung.
NGUYEN THI BINH: Das stimmt, aber ich glaube nicht, daß man sagen kann, sie bilden die Mehrheit.
SPIEGEL: Madame. sind Sie Kommunistin?
NGUYEN THI BINH. Ich gehöre keiner Partei an.
SPIEGEL: Was unterscheidet Sie von den Kommunisten?
NGUYEN THI BINH: Ich meine, daß der Patriotismus für mich ausreicht
SPIEGEL: Was trennt Sie vom Kommunismus? Gibt es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Ihren Zielen und denen der Kommunisten?
NGUYEN THI BINH: Seitdem ich an diesem Kampf teilnehme, seit meiner Jugend also, habe ich immer für die Unabhängigkeit unseres Landes gearbeitet. Das ist mein Ziel. Die Zukunft werden unsere Kinder zu bestimmen haben.
SPIEGEL: Das bedeutet aber doch nicht, daß Ihnen der politische und soziale Inhalt der Politik eines künftigen Regimes in Südvietnam gleichgültig wäre? Sie haben sich doch einige Gedanken darüber gemacht.
NGUYEN THI BINH: Ja, natürlich. Das Regime, für das wir eintreten, muß demokratisch und neutral sein.
SPIEGEL: Demokratisch im westlichen Sinne des Wortes?
NGUYEN THI BINH: Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen, aber für mich bedeutet Demokratie die Garantie aller demokratischen Freiheiten, beispielsweise der Meinungsfreiheit ...
SPIEGEL: Für alle Auffassungen"?
NGUYEN THI BINH: Ja, ich bin für die Unabhängigkeit des Landes und für die Demokratie.
SPIEGEL: Demokratie bedeutet aber auch Mehrparteiensystem.
NGUYEN THI BINH: Allein die Nationale Befreiungsfront umfaßt schon mehrere Parteien.
SPIEGEL: Ihr oberstes Ziel war und ist weiterhin die Wiedervereinigung Vietnams?
NGUYEN THI BINH: Die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes ist ein grundsätzliches und heiliges Anliegen des Volkes im Norden wie im Süden. Vietnam besteht seit viertausend Jahren. es hat immer nur eine einzige vietnamesische Nation gegeben. Unser Hauptinteresse aber ist heute, die nationale Unabhängigkeit zu erobern und der mörderischen Aggression und dem Krieg Einhalt zu gebieten, der so viel Leiden verursacht.
SPIEGEL: Die Wiedervereinigung Vietnams ist also der letzte Schritt?
NGUYEN THI BINH: Wir treten in der ersten Etappe für die Schaffung eines unabhängigen und neutralen Südvietnam ein. Und dann, nach einer gewissen Zeit, wird die Wiedervereinigung des Landes stattfinden -- Schritt für Schritt, auf der Grundlage freier Diskussion zwischen der Bevölkerung der beiden Zonen.
SPIEGEL: Soll die Wiedervereinigung gleichfalls auf der Basis freier Wahlen erfolgen?
NGUYEN THI BINH: Ich meine, daß über diese Frage in friedlicher Weise zwischen den beiden Zonen diskutiert werden wird und daß es keinen Druck einer Zone auf die andere geben darf.
SPIEGEL: Das kann aber schwierige Probleme aufwerfen: In Nordvietnam herrscht eine einzige Partei. Man ist dort sehr weit von Meinungsfreiheit und Mehrparteiensystem entfernt, wie Sie sie vertreten.
NGUYEN THI BINH: In Nordvietnam gibt es. wie ich die Dinge sehe. mehrere Parteien. Sie sagen, es gibt nur die eine beherrschende Partei. Aber wie auch immer -- ich habe Ihnen ja gesagt, daß die Probleme der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes zwischen den Bevölkerungen der beiden Zonen erörtert werden müssen.
SPIEGEL: Madame. der Sonderberater Präsident Nixons. Professor Kissinger, war mehr als ein dutzendmal zu Geheimgesprächen hier in Paris. Hat er bei diesen Verhandlungen auch zu Ihnen Kontakt aufgenommen? "Kissinger war noch nicht bei mir."
NGUYEN THI BINH: Ober alle Geheimverhandlungen zwischen der Demokratischen Republik Vietnam und den Vereinigten Staaten wurde unsere Delegation auf dem laufenden gehalten, wir haben in enger Koordination mit der Delegation der Regierung der Demokratischen Republik Vietnam gearbeitet. Persönlich bin ich Mr. Kissinger nicht begegnet.
SPIEGEL: Er war also nicht hier in dieser für Geheimgespräche ideal außerhalb der Stadt gelegenen Villa"?
NGUYEN THI BINH: Noch nicht. Wir haben die Vereinigten Staaten zwar aufgefordert, direkten Kontakt zu uns aufzunehmen, aber sie haben sich geweigert.
SPIEGEL: Sie haben also noch keinerlei Kontakte zu den USA gehabt"?
NGUYEN THI BINH: Einige Amerikaner sind hierher gekommen, so Senator McGovern und andere Senatoren.
SPIEGEL: Und die kamen nicht als Sonderbotschafter des US-Präsidenten? War das nicht schon ein erster Kontakt?
NGUYEN THI BINH: Wir empfangen viele Amerikaner, nicht nur Senatoren, sondern auch andere politische Persönlichkeiten.
SPIEGEL: Und niemand hat Ihnen eine Sonder- oder Geheimbotschaft der amerikanischen Regierung überbracht?
NGUYEN THI BINH: Wenn sie Geheimbotschaften gebracht hätten, wären die natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber sie haben keine Geheimbotschaften gebracht.
SPIEGEL: Wie erklären Sie, daß die Amerikaner nicht versucht haben, direkt mit Ihnen zu verhandeln? Während der offiziellen Pariser Friedensgespräche sprechen die Amerikaner doch auch mit Ihnen.
NGUYEN THI BINH: Das ist ganz klar. Die Vereinigten Staaten wollen das Regime in Saigon weiterhin am Leben erhalten. Logischerweise sind wir hier in Paris ihre Gesprächspartner, aber Mr. Nixons Politik ist nicht immer realistisch.
SPIEGEL: In seiner letzten Rede hat Nixon immerhin zum erstenmal eine präzise Frist für den Abzug der amerikanischen Truppen aus Indochina genannt: vier Monate. Das ist weniger, als die meisten amerikanischen "Tauben" vorgeschlagen haben.
NGUYEN THI BINH: Diese Rede war nicht für die Verhandlungen gedacht, sie war eine Kriegsrede. Und was den Rückzug der amerikanischen Truppen innerhalb von vier Monaten betrifft, von dem Mr. Nixon sprach: ab wann denn, von welchem präzisen Datum ab?
SPIEGEL: Von dem Augenblick, da alle amerikanischen Kriegsgefangenen freigelassen werden und ein international kontrollierter Waffenstillstand beginnt.
NGUYEN THI BINH: Und unter welchen Bedingungen sollen die Kämpfe eingestellt werden? Hier berühren Sie die Wurzel des Problems: Erforderlich ist eine politische Regelung, alles übrige wird dann folgen. Wir glauben, daß die Verhandlungen für das vietnamesische Volk und die Vereinigten Staaten den korrektesten und vorteilhaftesten Weg einer Regelung darstellen. Mr. Nixon aber zieht es vor, den Krieg zu intensivieren. Die amerikanische Regierung muß deshalb verantwortlich gemacht werden für die ernste gegenwärtige Lage und für die Sackgasse bei den Verhandlungen.
SPIEGEL: Ein Punkt der Nixon-Rede muß für Sie dennoch sehr interessant gewesen sein: Nixon hat seine Vorschläge nicht mehr vom Rückzug Ihrer Truppen abhängig gemacht -- und das ist doch angesichts der militärischen Situation ein wesentlicher Vorteil für Sie.
NGUYEN THI BINH: Ich sehe in dieser Rede sehr ernste Kriegsentscheidungen, die nicht nur den Krieg in Vietnam verhärten, sondern auch den Weltfrieden ernsthaft gefährden.
SPIEGEL: Madame, die Sowjet-Union hat auf die Verminung der nordvietnamesischen Häfen bisher nur verbal reagiert. Was halten Sie eigentlich von einem Alliierten, der sich nicht einmal entschließen kann, beispielsweise die Einladung an Nixon zum Moskauer Gipfel zu annullieren?
NGUYEN THI BINH: Die Sowjet-Union hat eine Erklärung abgegeben, in der diese Kriegshandlungen der USA scharf verurteilt werden, sie hat die Unterstützung für den Kampf des vietnamesischen Volkes bekräftigt, und sie hat ebenfalls ihren Willen bekräftigt, alles zu liefern, was für diesen Kampf unseres Volkes unerläßlich ist.
SPIEGEL: Gewiß, aber haben Sie nicht das Gefühl, daß Ihr wichtigster Alliierter in einem Augenblick der allgemeinen Entrüstung über die Minenpolitik der Vereinigten Staaten dieser Empörung durch Taten hätte Nachdruck verschaffen müssen?
NGUYEN THI BINH: Bei der Moskau-Reise von Präsident Nixon handelt es sich um ein Problem zwischen der Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten. Unsere Politik in der Widerstandsbewegung, die nicht erst heute besteht, ist es immer gewesen, zunächst auf die Kraft unseres eigenen Volkes zu vertrauen. Natürlich haben wir ebenfalls die Unterstützung aller Völker der Welt als wichtig betrachtet. "Wir haben Recht auf Sympathie."
SPIEGEL: Auch China, Präsident Nixons neuer Gesprächspartner in Asien, hat auf die amerikanischen Maßnahmen nur mit Verbal-Protesten reagiert. Befürchten Sie nicht, daß die Interessen Vietnams den Interessen der Großmächte untergeordnet werden könnten und daß diese sich schließlich auf dem Rücken Ihres Landes einigen?
NGUYEN THI BINH: Wir sind davon überzeugt, daß jedes Volk, ob groß oder klein, ein Anrecht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung hat und daß jedes Volk, das genügend Selbstachtung hat, alles ins Werk setzen muß, um diese Ziele zu verwirklichen.
SPIEGEL: Erwarten Sie für Ihr Land positive Ergebnisse vom Besuch Nixons in Moskau?
NGUYEN THI BINH: Damit es positive Ergebnisse für die Lösung des Vietnamproblems gibt, muß Nixon seine Politik ändern, muß er die unsinnige Politik der Vietnamisierung des Krieges beenden und wirklich das Recht des vietnamesischen Volkes respektieren, über sich selbst, ohne fremde Einmischung, zu entscheiden.
SPIEGEL: Ihr Schicksal wird sich also nicht in Moskau entscheiden?
NGUYEN THI BINH: Es muß auf der Basis der Respektierung der fundamentalen nationalen Rechte unseres Volkes auf der Pariser Vietnamkonferenz entschieden werden. Es ist das vietnamesische Volk, das den Kampf führt, es muß also selbst über den Ausgang seines Kampfes entscheiden. Sie wissen, daß es einem kleinen Volk wie dem unseren nicht leichtfällt, einer so starken Macht wie den USA zu widerstehen. Wir haben Recht auf Sympathie und Unterstützung aller gewissenhaften Frauen und Männer der ganzen Welt. Hier handelt es sich nicht nur um eine politische Frage, sondern auch um das Gewissen der Menschheit.
SPIEGEL: Madame Binh, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 22/1972
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