22.05.1972

NORDIRLANDSchuß durchs Knie

In Londonderry haben IRA-Guerillas ein „Free Derry“ errichtet -- einen Staat im Staat. Die Briten sind machtlos -- was immer sie tun oder nicht tun, kann zum offenen Bürgerkrieg führen.
Große schwarze Buchstaben an einer Häuserwand verkünden: "You are now entering Free Derry." Mit anderen Worten: Hier endet Großbritannien, hier, mitten in einer britischen Stadt, endet die Macht der britischen Regierung.
In der Nähe dieses Hauses haben vor vier Monaten britische Soldaten 13 katholische Demonstranten erschossen. Unschuldige, wie eine -- britische -- Untersuchungskommission ermittelte.
Seit diesem Blut-Sonntag Ende Januar ist Londonderry oder Derry, wie die Katholiken Nordirlands zweitgrößte Stadt nennen, eine "no go area" geworden, ein Guerilla-Reservat der Irischen Republikanischen Armee, in das sich Polizisten und Soldaten nicht hineinwagen.
Die eigentliche Staatsgewalt ist beurlaubt. 300 Stadt-Guerillas der IRA, durchschnittlich 21 Jahre alt, fast alle unverheiratet und ungedient, vertreten hinter Betonbarrikaden und Autowracks das Gesetz.
30 000 Katholiken und einige hundert Protestanten leben in dem Terroristen-Territorium. Ein Fünftel aller Männer dort hat keine Arbeit. Britanniens Steuerzahler füttern sie. Im sogenannten "Freien Derry", den Arbeitervierteln Bogside und Creggan, gibt es keine Kegelbahnen und Kinos, aber Kneipen und Kirchen. Das Fußballteam von Derry City muß selbst seine Heimspiele im 50 Kilometer entfernten Coleraine bestreiten, weil die Gastmannschaften fürchten, ihnen würden die Reisebusse angezündet.
Im "Freien Derry" wohnt kein Arzt, steht kein Krankenhaus bereit. Die Briten unterhalten hier zwar hinter Stacheldraht einen Stützpunkt, aber sie können ihn nur in Panzerwagen erreichen.
"Natürlich", so räumte Derrys IRA-Befehlshaber Martin McGuinness, 21, gegenüber
SPIEGEL-Korrespondent Helmut Sorge ein, "wissen wir, daß die Briten unser Gebiet jederzeit besetzen können." Aber die Partisanen im Bankräuber-Look (Pudelmütze mit Sehschlitzen) wollen bis zum Letzten kämpfen. Ihr Waffenarsenal umfaßt wenigstens zwei amerikanische Browning-Maschinengewehre (Reichweite: 1200 Meter, Feuergeschwindigkeit: 600 Schuß pro Minute). japanische, britische und amerikanische Handfeuerwaffen, dazu Dynamit und Dutzende von Tretminen. Ungewiß ist, wie viele Gelegenheits-Guerillas bei einem ernstgemeinten Einmarsch der Briten die IRA unterstützen würden. "Sicher aber ist", so McGuinness, "daß es sehr, sehr blutig werden würde."
Gleichwohl fordern die Protestanten im 90 Autominuten entfernten Belfast nach dem jüngsten nordirischen Wochenende der Gewalt (neun Tote, 83 Verwundete), die Guerilla-Bastionen zu stürmen. Weigerten sich die Briten, würden sie ihrerseits "no go areas" abgrenzen. Schon surrten, so an der Springfield Road, einigen Katholiken die Kugeln aus Protestanten-Flinten um die Ohren, kontrollierten die Protestanten in ihren Vierteln verdächtige Autos.
Acht Wochen nach Übernahme der Macht steht Londons Stadthalter in Ulster, William Whitelaw, vor einer unlösbaren Aufgabe. Hält er die Truppen zurück, greifen die enttäuschten Protestanten womöglich zur Selbsthilfe -- das bedeutete einen noch blutigeren Bürgerkrieg.
Greifen die Briten "no go areas" der Katholiken an, kommt es zu Straßenkämpfen mit vielen Opfern. Die britische Politik -- Konzessionen statt Kanonen, Geduld gegen Guerillas -- wäre gescheitert. Sie kann ohnedies scheitern, denn noch sitzen 600 Katholiken hinter Stacheldraht. "Solange diese Ungerechtigkeit bestehen bleibt", drohte Priester Edward Daly von der St.-Eugene-Kathedrale im "Freien Derry", "kann die IRA auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen."
Explodieren aber weiterhin IRA-Bomben, wird London die Internierten nicht freilassen, wie es die Katholiken fordern. Die IRA wiederum will "die Waffen erst eingraben" (So McGuinness), wenn alle Gefangenen frei und alle Gesuchten amnestiert sind, die Briten ihre Truppen in die Kasernen befehlen und die Wiedervereinigung der gesamten grünen Insel zusichern.
So lange werden "die Kontakte zwischen Volk und IRA bestehen" (Fischgroßhändler Michael Canavan). Die Mutter des IRA-Chefs McGuinness etwa, weinte zwar "acht Monate lang", nachdem sie von der IRA-Aktivität ihres Sohnes gehört hatte. Nunmehr aber schneidet sie stolz die Photos ihres Sohnes aus den Zeitungen.
Die Mutter eines anderen IRA-Partisanen stopft ihrem Sohn vor dem Mordanschlag das Hemd in die Hose und sagt: "Sonst erkältest du dich" Ein Arbeiter ölt seinem Sohn das japanische Schnellfeuergewehr" ein Taxifahrer leiht seinen Wagen der IRA als Fluchtauto für Banküberfälle aus, ein Mädchen stellt haßerfüllt in einem Kaufhaus eine Handtasche mit fünf Kilo Dynamit ab.
"Viele dieser Leute sind davon überzeugt, daß sie ihr Land verteidigen", sagt Priester Daly. Für diesen Geistlichen, der bei dem Massaker im Januar mithalf, Tote und Verwundete aus der Schußlinie zu tragen und auf dem SPIEGEL-Titel 7/1972 abgebildet war, sind die Widerständler "keine Gangster", obgleich er ihren Gewaltmethoden nicht zustimmt "und deshalb nicht von allen geliebt" wird.
Vor ihren Banküberfällen beten die Terroristen in seiner Kathedrale, nach Mordanschlägen gehen sie bei ihm zur Beichte. Das sei "ein Ausdruck für ihr Schuldbekenntnis", meint Daly, "sonst würden sie nicht kommen". Auch McGuinness, der IRA-Chef, sieht sich nicht als Killer, sondern als Christ: "Die Bibel predigt Gerechtigkeit, und dafür kämpfen wir."
Die Folgen sind freilich verheerend: Mehr als achtzig Millionen Mark Schaden haben die IRA-Aktivisten seit Ausbruch der Unruhen in Derry verursacht. Von rund achtzig Geschäften in Derrys William Street, einst die wichtigste Einkaufsstraße der 56 000-Einwohner-Stadt, blieb nur ein Dutzend übrig.
Die IRA verschont dabei freilich ihr eigenes Herrschaftsgebiet in Derry. Post wird ausgetragen, elektrischer Strom und Gas werden geliefert. Jüngst wurde das "kooperative Lebensmittelgeschäft" der IRA eröffnet. Am 15. Juni will die IRA im "Freien Derry" gar Kommunalwahlen abhalten.
Fast alle Bürger des "Freien Derry" verweigern die Mietzahlungen für ihre Sozialwohnungen. Dennoch überweisen die Briten monatlich etwa 1,6 Millionen Mark Sozialfürsorgegelder für die von der IRA kontrollierten Gebiete.
Auf Kanal eins und zwei sendet das britische Fernsehen, auf Kanal drei hören die Derry-Bürger die Funkgespräche der britischen Armee mit. Den Strom für ihren Sender "Free Derry", der zur Zeit schweigt, aber mit verstärkter Sendeleistung wieder in Betrieb genommen werden soll. zapfen die Terroristen einfach irgendwo ab.
Law and Order hält die IRA auf ihre Weise aufrecht. In gestohlenen Autos spähen Partisanen-Polizisten nach verdächtigen Fremden und stoppen Unbekannte notfalls mit gezogenen Revolvern. Journalisten erhalten -- nach Abgabe von zwei Paßphotos -- die IRA"Genehmigung zum Zutritt des Freien Derry".
Diebe und Verräter landen vor dem IRA-Gericht. Niemand verteidigt sie, die IRA klagt an und urteilt. Wiederholungstätern droht Durchschuß der Kniescheibe.
Zuweilen dürfen die mit einem Knie-Durchschuß Bestraften auf Milde hoffen. Um unnötig hohen Blutverlust zu vermeiden, melden die Rebellen-Richter dem städtischen Unfalldienst einen Verletzten bereits vor dem Strafvollzug -- unmittelbar vor Eintreffen des Krankenwagens drücken sie ab. Auch gegen das gefürchtete Teeren und Federn hat IRA-Chef und Richter Mc-Guinness nichts einzuwenden: "Das ist immerhin besser als erschießen."
Britisch sein heißt für sie böse sein. Im Hauptquartier der IRA am Stanley Walk bejubelten die Rebellen Deutschlands Fußballsieg gegen England.
Der älteste IRA-Streiter dort ist 73 Jahre alt. Er hat, wie die meisten, keine militärische Ausbildung. Die Verluste der Guerillas sind dennoch gering. Nur acht Derry-Kämpfer starben in den letzten drei Jahren an der unsichtbaren Front. Sie wurden meist oberhalb des Foyle-Flusses, auf dem Friedhof im "Freien Derry" beerdigt. "In stolzer und liebender Erinnerung an Eamonn Lafferty", heißt es dort auf einem Grabstein, "gefallen im Kampf am 18. August 1971, Alter 19 Jahre."
IRA-Chef McGuinness, ein ehemaliger Schlachtergeselle, ist sicher, daß noch in diesem Jahr die Entscheidung fallen wird: "Die Toten sind nicht umsonst gefallen." Was danach kommen soll. weiß er nicht zu sagen: "Auf den Schlachthof will ich jedenfalls nicht zurück."

DER SPIEGEL 22/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 22/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NORDIRLAND:
Schuß durchs Knie

Video 03:09

Web-Phänomen Murmel-Olympiade Unterwasserrennen und Verletzungspech

  • Video "Nächster Sieg für City: Sané und Gündogan glänzen gegen Tottenham" Video 03:03
    Nächster Sieg für City: Sané und Gündogan glänzen gegen Tottenham
  • Video "Webvideos der Woche: Ihr Gepäck finden Sie am Lost & Found-Schalter..." Video 02:55
    Webvideos der Woche: Ihr Gepäck finden Sie am Lost & Found-Schalter...
  • Video "Torkeln am Bahnsteig: Bahn warnt Festtagstrinker mit Unfall-Videos" Video 01:10
    Torkeln am Bahnsteig: Bahn warnt Festtagstrinker mit Unfall-Videos
  • Video "Videoanalyse zum Parteitag: Die CSU ist in einem desolaten Zustand" Video 03:39
    Videoanalyse zum Parteitag: "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"
  • Video "Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär" Video 02:37
    Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär
  • Video "E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker" Video 02:14
    E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker
  • Video "CSU-Parteitag: Zum Streiten machen wir die Haustüre zu" Video 02:25
    CSU-Parteitag: "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"
  • Video "Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den Großen roten Fleck" Video 01:17
    Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den "Großen roten Fleck"
  • Video "Officer down: Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen" Video 01:04
    "Officer down": Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen
  • Video "Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag" Video 02:00
    Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag
  • Video "Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: Der gleiche Mist wie bei Jamaika" Video 02:12
    Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"
  • Video "Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt" Video 01:26
    Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt
  • Video "Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen" Video 00:56
    Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen
  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Web-Phänomen Murmel-Olympiade: Unterwasserrennen und Verletzungspech" Video 03:09
    Web-Phänomen Murmel-Olympiade: Unterwasserrennen und Verletzungspech