22.05.1972

AFFÄRENAus falschem Stolz

Gegen den westdeutschen Spirituosenfabrikanten Ludwig Eckes erhoben zwei Argentinien Klage. Sie werfen dem Deutschen vor, er habe sie um den Besitz einer argentinischen Getränkefabrik gebracht.
Als Entwicklungshelfer war er ins Land gekommen, als "Betrüger" und "Ausbeuter" wird er nun von früheren Geschäftspartnern in Argentinien angeklagt: Ludwig Eckes. auf gutbürgerliche Reputation bedachter westdeutscher Getränkefabrikant ("Eckes-Edelkirsch", "Zinn 40" "hohes C") aus Nieder-Olm bei Mainz.
Mit Eckes-Hilfe hatten die argentinischen Unternehmer Hasso Waldemar Cherr und José Maria Vicario vor wenigen Jahren einen Abfüllbetrieb in San Miguel (Provinz Buenos Aires) aufgebaut. Durch Eckes haben die beiden südamerikanischen Firmenherren ihre Betriebsanlagen inzwischen wieder eingebüßt. Neuer Eigner ist nun der alte Geschäftsfreund aus Nieder-Olm: Eckes.
Begonnen hatte die mittlerweile geplatzte deutsch-argentinische Partnerschaft mit dem Angebot von Ludwig Eckes an den Ex-Bajuwaren Cherr und dessen Kompagnon Vicario, gemeinsam eine Aktiengesellschaft zum Abfüllen und Vertrieb eines kohlensäurehaltigen Apfelsaftes zu betreiben.
Denn dem rheinhessischen Schnaps- und Saft-Fabrikanten, der sich zuvor bereits an mehreren argentinischen Unternehmen beteiligt und im Februar 1968 die Gesellschaft Zumos Argentinos zur Herstellung eines Apfelsaft-Konzentrats gegründet hatte, fehlten in seinem Firmen-Sortiment noch eine Abfüllfabrik und eine Vertriebsgesellschaft für den argentinischen Getränkemarkt -- wie sie Cherr und Vicario mit ihren Firmen Bieza und Biemar schon seit Jahren besaßen.
So kamen denn Eckes und die beiden Argentinier überein, eine neue Cherr- und Vicario-Firma" die im Mai 1968 gegründete Embotelladora San Miguel, für das Abfüllen und Verteilen des von Eckes entwickelten Apfelgetränkes "Apla" auszubauen. Die Kredite, mit denen Eckes beim Kauf von Maschinen, Flaschen und Kisten half, sollten dann später in eine Beteiligung umgewandelt werden.
Dies jedenfalls habe Eckes zu Beginn der Zusammenarbeit versprochen, beteuert Cherr heute. Eckes dagegen versichert. Cherr habe damals die Gründung einer gemeinsamen Firma abgelehnt. "Mehr aus Gutmütigkeit als aus geschäftlichen Überlegungen" und "wegen einer gewissen Sympathie" für den Wassersportsfreund Cherr (Eckes schwimmt, Cherr betreibt in seiner Freizeit Fallschirmsegeln) habe er sich dennoch auf eine Kooperation mit den Argentiniern eingelassen.
In den drei Darlehensverträgen über insgesamt 3,2 Millionen Mark, die Eckes mit Cherr und Vicario im März und Juli 1969 sowie im März 1970 schloß, setzte der Nieder-Olmer Ehrenbürger Aus- und Rückzahlungsraten für die Investitionskredite derart fest, daß die durchschnittliche Laufzeit unter drei Jahren lag (Eckes: "Längerfristige Kredite wollte der Cherr ja nicht"). Die vereinbarten Zinssätze betrugen fünf bis zwölf Prozent.
Nach Aussage Cherrs sicherte Ludwig Eckes den Argentiniern jedoch mündlich zu, daß er keine so kurzfristige Tilgung der Darlehen, wie sie in den Verträgen schriftlich fixiert worden sei, verlangen werde. Die vertraglichen Vereinbarungen seien vielmehr nur provisorisch, da ja später eine gemeinsame Gesellschaft betrieben werde.
Um letzte Zweifel an seiner Aufrichtigkeit auszuräumen, wies Eckes -- so behauptet Cherr heute -- seine südamerikanischen Schuldner darauf hin, daß er für die Kredite Steuervergünstigungen nach dem Bonner Entwicklungshilfe-Steuergesetz vom 15. März 1968 in Anspruch genommen habe. Weil nun solche Entwicklungshilfe-Darlehen "vor Ablauf von sechs Jahren seit der Hingabe weder ganz noch zum Teil zurückzuzahlen sind" (so das Gesetz). glaubten Cherr und Vicario, vor einer Eckes-Forderung nach rascher Zurückzahlung der langfristig gebundenen Investitionskredite sicher zu sein.
Eckes hingegen dementiert solche Absprachen energisch: "Davon war nie die Sprache, das ist doch dummes Gerede." Er habe keine Steuervergünstigungen beansprucht, und daran, daß Entwicklungs-Kredite eine sechsjährige Laufzeit haben müssen, "habe ich", so Eckes, "gar nicht gedacht".
Eckes ließ sich vielmehr "bei der Darlehenshingabe ausschließlich von Goodwill und absolutem Vertrauen auf die Herren Cherr und Vicario um der Sache willen leiten" (so eine Eckes-Aktennotiz). Die Kredite sicherte er durch persönliche und unbeschränkte Garantien Cherrs und Vicarios, durch Bürgschaften der Cherr- und Vicario-Firmen, Verpfändung von Embotelladora-Aktien (Nominalwert: 800 000 argentinische Pesos) sowie durch Verpfändung von Maschinen, Flaschen und Kisten der Firma Bieza und Embotelladora San Miguel, durch Wechsel und Hypotheken. Zudem verpflichtete er die Getränke-Industriellen aus dem Pampas-Staat, ihm anhand von Rechnungen nachzuweisen, wofür die gepumpten Gelder verwendet wurden.
So gesichert, gestand Eckes seinen Schuldnern am 24. November 1970 vertraglich zu, daß der bis zu diesem Zeitpunkt ausgezahlte Kreditbetrag in Höhe von über drei Millionen Mark samt Zinsen entgegen dem ursprünglichen Tilgungsplan erst ab Februar/März 1972 in acht Jahresraten zurückzuzahlen sei. Gleichzeitig verpflichtete er Cherr und Vicario, die Bilanzen ihrer Firmen San Miguel und Bieza ab 30. Juni 1970 auf eigene Kosten durch eine von Eckes zu bestimmende Treuhandgesellschaft abklopfen zu lassen.
Im Januar 1971 schickte der von Eckes bestellte Wirtschaftsprüfer Armin G. E. Finsterbusch, Korrespondent der Deutschen Treuhand-Gesellschaft für Argentinien, seinem Auftraggeber eine finstere Meldung ins Haus. Die Embotelladora San Miguel habe das vergangene Geschäftsjahr am 30. Juni 1970 mit einem Verlust in Höhe von 1 004 004,60 Pesos (nach damaligem Kurs: 911 406 Mark) abgeschlossen. Bei einem Stammkapital von einer Million Pesos und ohne Rücklagen sei die Gesellschaft "derart überschuldet", so der Bericht, "daß eine Realisierung der Vermögenswerte einschließlich des zur Kapitaleinbringung gewährten privaten Darlehens bei der wirtschaftlichen Lage der Gesellschaft und deren Stellung in der argentinischen Wirtschaft kaum möglich sein wird". Im Klartext: Die argentinische Getränkefirma sei so marode, daß Eckes seine Kredite an Cherr und Vicario beim Mainzer Finanzamt als Totalverlust absetzen könne.
Der von einem argentinischen Wirtschaftsprüfer gebilligte Jahresabschluß der Embotelladora hatte dagegen nur einen Verlust von 186 172,91 Pesos ausgewiesen -- für ein Geschäftsjahr, in dem die noch junge Firma drei neue Getränkemarken (neben dem Eckes-Saft "Apla" die Getränke "Seven Up" und "C") eingeführt hatte, wegen der hohen Anlaufkosten kein sonderlich besorgniserregendes Ergebnis. Finsterbusch prüfte das Geschäftsresultat jedoch vor allem dadurch herunter, daß er auf der Passivseite der Bilanz den durch Mark-Aufwertung und Peso-Abwertung bedingten Währungsverlust bei den Mark-Verbindlichkeiten berücksichtigte, auf der Aktivseite aber das Sachkapital zu den (Peso-)Anschaffungskosten bewertete und darauf Abschreibungen vornahm.
In Wirklichkeit war mit dem Kursverfall des Peso infolge der rasch trabenden argentinischen Inflation (Geldwertschwund 1971: 39 Prozent) der Peso-Wert der Anlagen gestiegen. Bei Bewertung zu den Anschaffungskosten steckten in diesen Aktiva daher erhebliche stille Reserven.
Als Cherr und Vicario gegen den ungünstigen Prüfungsbericht protestierten. räumte Eckes nach Aussage der beiden Argentinier ein, daß dieser aus steuerlichen Gründen so abgefaßt worden sei. Eckes wiederum wirft dem Embotelladora-Hauptaktionär Cherr vor, die Embotelladora-Bilanz dadurch manipuliert zu haben, daß er die beiden ersten Eckes-Kredite nicht als Darlehen bilanzierte, sondern als Grundkapital in die Gesellschaft einbrachte. Außerdem habe Cherr Umsatzsteuern hinterzogen und sich wie "ein Playboy und Multi-Multi-Millionär" (Eckes) aufgeführt.
Im Herbst vergangenen Jahres schlug Ludwig Eckes zu: Obwohl nach dem im November 1970 vertraglich geänderten Tilgungsplan Cherr und Vicario die erste Rückzahlungsrate für die Darlehen erst im Februar/März 1972 zu leisten hatten, präsentierte Eckes seinen verdutzten Schuldnern sofort fällige Wechsel.
Diese Wechsel waren aufgrund des dritten Kreditvertrages zur Sicherung des Darlehensgebers ausgestellt und von den Argentiniern bei Änderung der Laufzeiten nicht zurückverlangt worden. Als Eckes jetzt die sofortige Einlösung der Wechsel verlangte, saßen die Argentinier in der Falle.
Denn nach dem raschen Aufbau der Embotelladora waren Cherr und Vicario außerstande, so schnell genügend Geld aufzutreiben, um die -- nach alten, außer Kraft gesetzten Tilgungsvereinbarungen -- fälligen Wechselschulden in Höhe von über einer Million Mark zu bezahlen. Nach argentinischem Recht konnte Eckes somit ein Konkursverfahren gegen Cherr und Vicario beantragen.
Mit der Bankrott-Drohung zwang Eckes die Embotelladora-Eigner in einem Vertrag vom 16. November 1971, alle Grundstücke, Gebäude, Maschinen und Anlagen einschließlich Telephon und Telex des Saft-Ladens in San Miguel an die Eckes-Firma Zumos Argentinos zu übertragen. Darüber hinaus mußte die Embotelladora sofort auf die ihr von Eckes erteilte Apla-Lizenz verzichten.
* Bei seinem Hobby Fallschirmsegeln.
Als Gegenleistung erließ der Nieder-Olmer Spirituosenhersteller den argentinischen Saftproduzenten die Rückzahlung der Kredite samt fälliger Zinsen in Höhe von 3 236 916,88 Mark. Außerdem übernahm er Verpflichtungen der Embotelladora gegenüber der argentinischen Entwicklungsbank und Lieferanten in Höhe von 975 000 Pesos.
So setzte sich Eckes elegant in den Besitz eines Betriebes, der nicht mit seinen Krediten allein, sondern auch durch seine Geschäftspartner aufgebaut worden war. Cherr jedenfalls gibt vor, der Betrieb sei doppelt soviel wert, wie Eckes dafür aufgewendet habe.
Die Klage seines jetzigen Haupt-Kontrahenten Cherr hält Eckes allerdings für absurd ",Cherr mußte doch glücklich sein, den Betrieb loszuwerden", würdigt Eckes seine Werks-Übernahme als soziale Tat, "denn die Anlagen waren wesentlich weniger wert als die erlassenen Schulden."
Doch Eckes weiß auch, warum der Argentinier nicht glücklich ist: "Der wollte aus falschem Stolz den Betrieb weiterführen."

DER SPIEGEL 22/1972
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