22.05.1972

MANAGER-SCHULUNGIch bin tot

Mit Auspeitschen und Probeliegen im Luxus-Sarg erzieht ein US-Kosmetik-Konzern seine Top-Vertreter zu „dynamischen Verkäufern“ und „glücklichen Menschen.
Die Angestellten des fashionablen Londoner Flughafen-Hotels Excelsior trauten ihren Ohren nicht. Durch die Türen des Bankettsaals tönte das Klatschen von Peitschenhieben auf nackter Haut. Minutenlang wimmerte eine menschliche Stimme: "ich bin tot. Ich bin tot"
Als eine verschreckte Kellnerin vorsichtig in den Festsaal spähte, sah sie, wie sich ein Hotelgast zwischen zwei Särgen mit Liegestützen fit machte und dabei von einem anderen Gast mit einer meterlangen Lederpeitsche malträtiert wurde. Die Kopfenden der messingbeschlagenen Mahagoni -Särge schmückten silberne Abendmahls-Kelche.
Das Sarg-Ritual im Excelsior-Hotel war Teil eines Trainingsprogramms. das der US-Kosmetik-Konzern Holiday Magic vorvergangene Woche für rund hundert seiner britischen Vertreter veranstaltete. Teilnahmegebühr für den Viertageskurs: 3233 Mark je Kopf.
"Wir glauben, daß die meisten Menschen tot sind", begründet Holiday-Magier Sharoll Shumate die ungewöhnlichen Ausbildungsmethoden, "bis man sie lehrt, ein zweites Leben zu beginnen."
Dabei könne es dann auch mal passieren, so Shumate, daß jemand in einen Sarg steigen muß "und seine spirituelle Wiedergeburt erlebt". Shumate: "Unser oberstes Ziel ist es, den Menschen vom Übel zu erlösen und ihm den Haß auszutreiben."
Shumate, Amerikaner, 32 Jahre alt und offenbar lebendig, ist Präsident des Leadership Dynamics Institute (in deutscher Manager-Sprache etwa: Institut für dynamisches Management). einer Tochtergesellschaft von Holiday Magic. Wegen ihrer ungewöhnlichen Verkaufsmethoden nach dem Kettenbrief-Verfahren hatte die US-Kosmetikfirma jüngst den Argwohn verschiedener amerikanischer Staatsanwälte erregt.
Die Gesetzeshüter monierten vor allem, daß die Firma, obwohl als Kosmetik-Unternehmen eingetragen, ihr Geschäft in erster Linie mit dem Verkauf von Titeln und Lizenzen macht. Das System: Wer Holiday-Magic-Produkte verkaufen will, zahlt zunächst einen bestimmten Dollarbetrag (etwa 5000 Dollar) an die Firma. Dafür erhält er ein bescheidenes Lager an Kosmetik-Produkten und -- wichtiger noch -- das Recht, seinerseits Holiday-Magic-Konzessionen zu vergeben.
Findet er jemanden, der eine Unterkonzession für -- beispielsweise -- 2000 Dollar erwerben will, so sind ihm einige hundert Dollar Provision sicher. Dieselbe Summe wird fällig, wenn sich der Unterkonzessionär entschließt, Oberkonzessionär zu werden. Zum Oberkonzessionär darf der Unterkonzessionär aufrücken, wenn es ihm gelingt, selbst Unterkonzessionäre anzuwerben. Sämtliche Konzessionsinhaber, die andere Konzessionäre in die Gesellschaft bringen, erhalten eine Provision, wann immer einer ihrer Untervertreter ein Holiday-Magic-Produkt absetzt.
Freilich: Wie einst das Absatzsystem in Bernie Cornfelds Investment-Imperium IOS hält diese Vertriebsmethode die Vertreter dazu an, lieber nach neuen Konzessionären Ausschau zu halten, anstatt Produkte zu verkaufen. Wer genügend Unterkonzessionäre anwirbt, kann Millionär werden, bevor er auch nur eine Tube Gesichts-Creme verkauft hat.
Da aber alle den Wunsch haben, lieber Millionär zu werden, als mit Kosmetik-Koffern hausieren zu gehen, fühlen sich alle jene Vertreter an der Basis der in geometrischer Reihe wachsenden Konzessions-Pyramide betrogen, die eines Tages feststellen, daß niemand mehr als Käufer der Ware oder als Vertreter aufzutreiben ist.
New Yorks Generalstaatsanwalt Louis J. Lefkowitz sieht in einer derartigen Vertriebsmethode denn auch nichts als eine "Falle, um junge und
* Im Execlsior-Hotel in London-Heathrow.
arme Leute, die verzweifelt nach einer Einkommensquelle Ausschau halten, anzulocken". Ein Gericht in New Jersey nannte ein derartiges Pyramiden-Verkaufssystem sogar ein "Schema, dem Betrug und Täuschung eigen sind".
Von Täuschung und ähnlich unangenehmen Vokabeln war in dem Londoner Motivations-Kurs freilich keine Rede. Um so mehr warf der eigens aus Amerika angereiste Kursleiter Shumate mit Begriffen wie "Sinnes-Veredelung" und "Beglückung" um sich.
Ein 43jähriger Arzt aus Northumberland, im Nebenberuf Holiday-Magic-Oberkonzessionär, strahlte nach der Behandlung durch den Sinnes-Veredler: "Worauf es ankommt, ist doch, unsere Management-Fähigkeiten zu verbessern und dabei noch ein glücklicherer Mensch zu werden."
Die Arbeit in einem Kurs des Leadership Dynamics Institute beginnt pünktlich um acht Uhr morgens und endet oft erst um zwei Uhr in der Früh. Instruktoren sind in der Regel 20bis 30jährige Burschen, ihre Schüler 30bis 45jährige Männer und Frauen.
Morgens, mittags und abends gibt es "widerwärtig schmeckende Gerichte", so jedenfalls William Craven aus Beaconsfield. Craven muß es wissen: Er ist Direktor des Bellhouse Hotels, in dem kürzlich ebenfalls ein Sarg-Training stattfand, und hatte den Auftrag, für seine Gäste klumpige Eierspeisen und viel zu fettes Schweinefleisch zuzubereiten. Craven: "Den Kursteilnehmern sollte wohl beigebracht werden, gewisse Dinge im Leben ohne Murren hinzunehmen."
Darüber aber, was zwischen den Mahlzeiten in den Kursen genau vor sich geht, wissen nur Teilnehmer und Instruktoren genau Bescheid. Und die schweigen sich aus.
"Auf jeden Fall aber gehören Peitschen und Särge zu den erforderlichen Requisiten", behauptet Hotel-Manager Craven, der beobachtete, wie diese Gegenstände in die Konferenzräume seines Hotels getragen wurden.
Die Schreie, die regelmäßig nachts aus den Tagungsräumen dringen, erklärt Präsident Shumate vom Management-Institut so: "Derartiges kommt nur vor, wenn jemand seine Selbstbeherrschung verliert"
Energisch bestreitet der Holiday-Magic-Mann, daß das Auspeitschen von Kursanten zum offiziellen Tagungsprogramm gehöre. Mit Hilfe der Peitschen, erklärt er, sollen die Teilnehmer lediglich die Gelegenheit erhalten, aufgestaute Aggressionen abzubauen. Aus diesem Grund gehöre zum Mobiliar eines vorschriftsmäßig ausgestatteten Lehrgangszimmers auch ein Schemel als Schlagobjekt.
"Es ist schwer in Worte zu fassen, was in dem Kurs vor sich geht", erläutert John Guard, der in England die Hauspostille von Holiday Magic redigiert, "wer nicht selbst daran teilgenommen hat, mag alles für Scharlatanerie halten. Tatsache aber ist, daß nach einem solchen Kurs die Teilnehmer zufrieden und glücklich nach Hause gehen."

DER SPIEGEL 22/1972
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