22.05.1972

ZYPERNZug verpaßt

Präsident und Erzbischof Makarios will seine Insel gegen den Druck Griechenlands unabhängig halten. Er konnte sogar, mit amerikanischer Hilfe, einen von Athen angezettelten Putsch verhindern.
Der DDR-Frachter "Elster" löschte im zypriotischen Hafen Famagusta eine Ladung Kisten. Als die Sendung beim Empfänger. einem politisch linksstehenden Importeur. geöffnet wurde. lagen bei den DDR-Waren auch Flugblätter in griechischer Sprache, die gegen die "faschistische" Regierung in Athen und für Präsident Erzbischof Makarios warben: Jemand wollte beweisen, daß Makarios gemeinsame Sache mit Kommunisten macht.
Makarios-Freunde in Nikosia sind fest überzeugt, daß dieser Jemand nur der griechische Geheimdienst sein könne, daß mithin griechische Agenten die Flugblätter zwischen Hafen und Importeur-Lager in die Kisten praktiziert haben.
Denn seit Monaten versucht Athen, den Erzbischof als kommunistenhörig zu disqualifizieren. Die in Nikosia erscheinende Zeitschrift "O Kosmos Simera" etwa -- schon immer in Verdacht, vom griechischen Geheimdienst finanziert zu werden -- warnte dieser Tage mit Luftaufnahmen der 17 Meilen vor Zyperns Küste kreuzenden sowjetischen Mittelmeerflotte vor der "Gefahr einer Kubanisierung Zyperns". Und der -- griechische -- Befehlshaber der zypriotischen Nationalgarde. General Charalampopoulos, der Befehlen der Athener Obristen stets aufgeschlossener gegenüberstand als denen seines nominellen Dienstherrn Makarios. mahnte in einem als "Verschlußsache" deklarierten Brief unter dem Aktenzeichen 100/81/52545 das Innenministerium zu Nikosia, griechische Exilkommunisten bildeten auf Zypern Guerillas aus. Details des Schreibens gelangten in die Presse. Die Junta-freundliche Tageszeitung "Estia" in Athen sah Zypern bereits als eine "Höhle der Kommunisten".
Denn die Junta möchte den Präsidenten Makarios loswerden: Der Erzbischof will von der "Enosis", der Wiedervereinigung Zyperns mit Griechenland, nichts mehr wissen, für die Griechen und griechische Zyprioten einst gegen die britischen Besatzer gekämpft hatten. Und Makarios steht auch dem neuen Athener Ziel im Wege: die Insel im Einvernehmen mit der Türkei in einen griechischen und einen türkischen Teil zu zertrennen und den jeweiligen Teil dem entsprechenden Mutterland zuzuschlagen. Makarios dagegen verkörpert die Einheit der Insel. Als die Athener versuchten, ihm seinen Posten durch ein Renten-Angebot abzukaufen, lehnte er ab.
Zu Jahresbeginn stellten die Obristen ihm daher eine Falle. General Charalampopoulos forderte für seine Nationalgarde Waffen, Makarios orderte sie im Einverständnis mit Athen in der Tschechoslowakei. Als am 21. Januar der dänische Frachter "Stassia" lieferte, wollte Charalampopoulos plötzlich nichts mehr von der Sendung wissen. Makarios nahm die bereits bezahlten Waffen für die Polizei auf Lager.
Athen tat daraufhin überrascht und behauptete, Makarios wolle heimlich aufrüsten. Doch der Erzbischof übergab die Waffen den auf Zypern stationierten Uno-Truppen und überlebte.
Wie der SPIEGEL jetzt in Nikosia erfuhr, entschloß sich die Athener Junta daraufhin zum Putsch: Charalampopoulos sollte in der Nacht vom 14. zum 15. Februar gemeinsam mit griechischen Offizieren der zypriotischen Nationalgarde die Macht auf der Insel übernehmen.
Der General erließ bereits Sonderbefehle an zuverlässige Untergebene und bereitete die Übernahme des Rundfunks vor. Selbst ein Tonband mit Marschmusik, das am Putschabend die Nachrichten ersetzen sollte, lag schon bereit. Athens damaliger Botschafter Panagiotakos, inzwischen ins Auswärtige Amt nach Athen befördert, sprach ungeniert von der bevorstehenden Teilung Zyperns.
Doch zwei Tage vor dem Tag X erfuhr Makarios von den Plänen. Und am 14, Februar fing sein Geheimdienst noch einen Funkspruch putschwilliger Offiziere auf: "Wenn wir heute abend nicht aktiv werden, verpassen wir den Zug."
Als dann Nationalgardisten des Generals Charalampopoulos in der Nähe des Präsidenten-Palais, der Rundfunkstation, des Fernmeldeamts und des Flughafens von Nikosia Stellung beziehen wollten, hatte der Erzbischof seine Polizei alarmiert und 500 fanatische Anhänger zum Schutz seines Amtssitzes aufgeboten.
Zudem sicherte sich der gewiefte Geistliche einen starken Verbündeten: Am 14. Februar um 15 Uhr rief er den amerikanischen Botschafter David Popper zu sich, informierte ihn über den Putschplan und sprach von der drohenden "Gefahr eines großen Blutvergießens".
Popper gab die Warnung weiter, und bereits um 18 Uhr marschierte der energische Athener US-Botschafter Henry Tasca zu Junta-Chef Papadopoulos. Der Amerikaner. Vermittler von Waffen- und Entwicklungshilfe, erreichte, daß Ex-Putschist Papadopoulos den Putsch auf Zypern absagte. Um 20.30 Uhr konnte Popper bei Makarios in Nikosia Entwarnung geben.
Sechs Wochen nach dem gescheiterten Putsch traf sich Makarios gar mit dem Untergrund-General Grivas, 74, der nach wie vor -- im Gegensatz zu Athen -- für die "Enosis" der ungeteilten Insel kämpfen will. In der Wohnung einer Makarios-Nichte debattierten die beiden nach brüderlichem Begrüßungskuß über einen Waffenstillstand. Nur seinen Athen-feindlichen Außenminister Kyrpianou opferte Makarios, ließ den Entlassenen jedoch öffentlich erklären, er weiche lediglich dem heftigen Druck Athens.
Im übrigen wartet der Erzbischof, unterstützt von den USA, die nächsten Attacken der Athener Obristen ab: "Ein Putsch würde mir sogar nützen. Man würde mich zum Helden machen."

DER SPIEGEL 22/1972
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