22.05.1972

ÖSTERREICHGestoppte Kaiserjäger

Österreichs Sozialisten haben Frieden mit den Habsburgern gemacht. Kaiser-Sohn Otto Habsburg-Lothringen will in Innsbruck ein Haus bauen und mit seinen sieben Kindern in die Heimat zurückkehren.
Bisher hat die Republik Österreich ihre Staatsempfänge mit Habsburger-Schlössern, Habsburger-Silber und Habsburger-Lipizzanern aufgeputzt. Künftig kann sie einen echten Habsburger-Sproß vorzeigen.
Denn Otto Habsburg-Lothringen, ehemals Kronprätendent und Erzherzog von Österreich, rüstet sich nach 53jährigem Exil zur Heimkehr. "Möglichst schon 1973" möchte der Erstsohn des Wiener Letztkaisers Karl aus dem bayrischen Pöcking am Starnberger See in die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck übersiedeln.
Nach Jahren des Kampfes haben Österreichs regierende Sozialisten und Österreichs ehemals regierende Dynastie Frieden geschlossen: Beim 50-Jahre-Jubiläum der Paneuropa-Union im Wiener Kanzleramt reichte der sozialistische Regierungschef Bruno Kreisky" 61, am 4. Mai dem Kaisersproß, fast 60, demonstrativ die Hand, und beim Festbankett plauderte der Chef-Sozi Kreisky angeregt mit dem Hocharistokraten Otto. "Österreich", jubelte die Wiener "Wochenpresse", "entkrampft sein Geschichtsbewußtsein.
Zu k.u.k.-Zeiten waren Österreichs Sozialisten keineswegs Monarchenfresser gewesen. Doch als der 1919 vertriebene Kaiser Karl versuchte, sich über Ungarn wieder an die Macht zu intrigieren, entwickelten die Sozis ihren "Habsburger-Kannibalismus" (so der SPÖ-Abgeordnete Günther Nenning).
Vielleicht hätten sie eine bobbyhaft degenerierte apostolische Majestät nicht so sehr gefürchtet. Gegen den weltläufigen Dr. rer. Pol. Otto Habsburg aber, einen international angesehenen Vortragsreisenden und Publizisten, meinten sie sich bis zuletzt wehren zu müssen.
Es genügte ihnen nicht, daß Otto 1961 in einer Loyalitätserklärung auf seine "Mitgliedschaft zum Hause Habsburg-Lothringen und auf alle aus ihr gefolgerten Herrschaftsansprüche" ausdrücklich verzichtete. "Niemals" wollte der damalige SPÖ-Vizekanzler Bruno Pittermann einem "derartigen Wisch" Glauben schenken.
1963, als der Wiener Verwaltungsgerichtshof diesen "Wisch" sehr wohl als ausreichende Verzichterklärung anerkannte, sah Pittermann den österreichischen Staat am Abgrund -- und tat alles, um ihn wirklich dorthin zu bringen: Er mobilisierte die linke Hälfte der damaligen Koalitionsregierung gegen "Otto den Unerwünschten", heizte in der Arbeiterschaft Bürgerkriegs-Stimmung an und geriet hart an die Grenze der Legalität.
Vor der Bekanntgabe des Richterspruchs wies der damalige Außenminister Kreisky noch schnell die Konsulate an, Ottos österreichischen Reisepaß mit dem Vermerk "gültig für alle Staaten der Erde mit Ausnahme von Österreich" unter keinen Umständen zu ändern. Der SPÖ-Vorsitzende sprach von einem "Juristenputsch". Und die sozialistische "Arbeiter-Zeitung" entdeckte ein "Recht des Volkes" über dem geschriebenen Recht.
1964 wurde in Österreich, dem Musterland des sozialen Friedens" 283 000 Arbeitsstunden lang gegen Habsburg gestreikt, 1965 gar 3,3 Millionen Stunden, 1966 nochmals 570 000. Allein zum Protestmarsch gegen die erste Einreise des Habsburgers im Herbst 1966 -- die Visite dauerte nur wenige Stunden -- brachten die SPÖ-Betriebsräte 101 439 Arbeiter und Angestellte auf die Straße.
Nach und nach jedoch legte sich die Habsburg-Hysterie der roten Kaiserjäger, und Neu-Österreicher Otto bemühte sich erfolgreich, jegliche Provokation zu vermeiden. Seine Vorträge widmete er in erster Linie der Europa-Idee.
Unter Berufung auf den europäischen Geist kam es dann auch zum Happy-End. Als der Österreicher Graf Coudenhove-Kalergi den 50. Geburtstag der von ihm gegründeten Paneuropa-Union für 1972 in Brüssel ansetzte, befand Bundeskanzler Kreisky: Was in Österreich begründet wurde, müsse in Öster. reich gefeiert werden. Kreisky selbst übernahm das Ehrenpräsidium.
Der letzte österreichische Thronfolger sucht derzeit -- wie viele Innsbrucker -- in Innsbruck ein Grundstück, um sich ein Haus zu bauen. Dafür mußte er ein Appartement an der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße verkaufen, das ihm die kaisertreue Juwelierin Kitty Leitner vererbt hat.
Denn wohlhabend ist der Kaisersohn nicht. 1961 hatte er nicht nur auf das Habsburgische Staatsvermögen, sondern auch auf allen Privatbesitz seines Hauses verzichtet: fünf Häuser in Wien, einige Schlösser und 27 000 Hektar Land.

DER SPIEGEL 22/1972
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